RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
SCHRIFTEN
RUDOLF STEINER
DIE GEHEIMWISSENSCHAFT
IM UMRISS
1989
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung,
Dornach/Schweiz
30. Auflage, 69.-73. Tausend
Gesamtausgabe Dornach 1989
Bibliographischer Nachweis friiherer Ausgaben
siehe Seite 453
Bibliographie-Nr. 13
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1962 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Kooperative Diirnau, Diirnau
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl
ISBN 3-7274-0130-3
INHALT
Vorbemerkungen zur ersten Auflage [1909] 7
Vorbemerkungen zur vierten Auflage [1913] 16
Vorrede zur siebenten bis funfzehnten Auflage [1920] 24
Vorrede zur sechzehnten bis zwanzigsten Auflage [1925] 25
Charakter der Geheimwissenschaft 33
Wesen der Menschheit 52
SchlafundTod 80
Die Weltentwickelung und der Mensch 137
Die Erkenntnis der hoheren Welten
(Von der Einweihung oder Initiation) 299
Gegenwart und Zukunft der Welt- und Menschheits-
Entwickelung 397
Einzelheiten aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft
Der Atherleib des Menschen .418
Die astralische Welt 421
Vom Leben des Menschen nach dem Tode. 422
Der Lebenslauf des Menschen 425
Die hoheren Gebiete der geistigen Welt 427
Die Wesensglieder des Menschen 428
Der Traumzustand 429
Zur Erlangung ubersinnlicher Erkenntnisse. . . . 430
Beobachtung besonderer Ereignisse und Wesen der
GeistesWelt 431
Besondere Bemerkungen 434
Hinweise des Herausgebers: Zu dieser A u s g a b e 443
Textkorrekturen 443 / Hinweise zum Text 445
Namenregister 45 1
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe. . . 455
VORBEMERKUNGEN ZUR ERSTEN AUFLAGE
Wer ein Buch wie das vorliegende der Offentlichkeit iiber-
gibt, der soli mit Gelassenheit jede Art von Beurteilung
seiner Ausfiihrungen sich vorstellen konnen, welche in der
Gegenwart moglich ist. Da konnte z. B. jemand die hier
gegebene Darstellung dieses oder jenes Dinges zu lesen
beginnen, welcher sich Gedanken iiber diese Dinge gemaB
den Forschungsergebnissen der Wissenschaft gemacht hat.
Und er konnte zu dem folgenden Urteile kommen: «Man
ist erstaunt, wie dergleichen Behauptimgen in unserer Zeit
nur iiberhaupt moglich sind. Mit den einfachsten natur-
wissenschaftlichen Begriffen wird in einer Weise umgesprun-
gen, die auf eine geradezu unbegreifliche Unbekannt-
schaft mit selbst elementaren Erkenntnissen schlieBen laBt.
Der Verfasser gebraucht Begriffe, wie z. B. < Warme >, in
einer Art, wie es nur jemand vermag, an dem die ganze
moderne Denkweise der Physik spurlos vorubergegangen
ist. Jeder, der auch nur die Anfangsgriinde dieser Wissen-
schaft kennt, konnte ihm zeigen, daB, was er da redet, nicht
einmal die Bezeichnung Dilettantismus verdient, sondern
nur mit dem Ausdruck: absolute Ignoranz belegt werden
kann...» Es konnten nun noch viele solche Satze einer der-
artigen, durchaus moglichen Beurteilung hingeschrieben wer-
den. Man konnte sich aber nach den obigen Ausspruchen
auch etwa folgenden SchluB denken: «Wer ein paar Seiten
dieses Buches gelesen hat, wird es, je nach seinem Tempera-
ment, lachelnd oder entrustet weglegen und sich sagen: < Es
ist doch sonderbar, was fur Auswuchse eine verkehrte Ge-
dankenrichtung in gegenwartiger Zeit treiben kann. Man
legt diese Ausfiihrungen am besten zu mancherlei anderem
Kuriosen, was einem jetzt begegnete» — Was sagt aber nun
der Verfasser dieses Buches, wenn er etwa wirklich eine
solche Beurteilung erfahren wiirde? MuB er nicht einfach,
von seinem Standpunkte aus, den Beurteiler fur einen urteils-
unfahigen Leser halten oder fur einen solchen, der nicht den
guten Willen hat, um zu einem verstandnisvollen Urteile zu
kommen? — Darauf soil geantwortet werden: Nein, dieser
Verfasser tut das durchaus nicht immer. Er vermag sich vor-
zustellen, daB sein Beurteiler eine sehr kluge Personlichkeit,
auch ein tlichtiger Wissenschafter und jemand sein kann, der
sich ein Urteil auf ganz gewissenhafte Art bildet. Denn die-
ser Verfasser ist in der Lage, sich hineinzudenken in die
Seele einer solchen Personlichkeit und in die Griinde, welche
diese zu einem solchen Urteil fiihren konnen. Um nun kennt-
lich zu machen, was der Verfasser wirklich sagt, ist etwas
notwendig, was ihm selbst im allgemeinen oft unpassend
scheint, wozu aber gerade bei diesem Buche eine dringende
Veranlassung ist: namlich iiber einiges Personliche zu reden.
Allerdings soli in dieser Richtung nichts vorgebracht wer-
den, was nicht mit dem Entschlusse zusammenhangt, dieses
Buch zu schreiben. Was in einem solchen Buche gesagt wird,
hatte gewiB kein Daseinsrecht, wenn es nur einen person-
lichen Charakter trtige. Es mufi Darstellungen enthalten,
zu denen jeder Mensch kommen kann, und es muB so ge-
sagt werden, daB keinerlei personliche Farbung zu bemer-
ken ist, soweit dies liberhaupt moglich ist. In dieser Bezie-
hung soil also das Personliche nicht gemeint sein. Es soil
sich nur darauf beziehen, verstandlich zu machen, wie der
Verfasser die oben gekennzeichnete Beurteilung seiner Aus-
fuhrungen begreiflich finden kann und dennoch dieses Buch
schreiben konnte. Es gabe ja allerdings etwas, was die Vor-
bringung eines solchen Personlichen iiberfliissig machen
konnte: wenn man, in ausfiihrlicher Art, alle Einzelheiten
geltend machte, welche zeigen, wie die Darstellung dieses
Buches in Wirklichkeit doch mit alien Fortschritten gegen-
wartiger Wissenschaft libereinstimmt. Dazu waren nun aber
allerdings viele Bande als Einleitung zu dem Buche not-
wendig. Da diese augenblicklich nicht geliefert werden kon-
nen, so scheint es dem Verfasser notwendig, zu sagen, durch
welche personlichen Verhaltnisse er sich berechtigt glaubt,
eine solche Uberemstimmung in befriedigender Art fiir mog-
lich zu halten. — Er hatte ganz gewiB alles dasjenige nie-
mals zu veroffentlichen unternommen, was in diesem
Buche z. B. mit Bezug auf Warmevorgange gesagt wird,
wenn er sich nicht das Folgende gestehen durfte: Er war
vor nunmehr dreiBig Jahren in der Lage, ein Studium der
Physik durchzumachen, welches sich in die verschiedenen
Gebiete dieser Wissenschaft verzweigte. Auf dem Felde der
Warmeerscheinungen standen damals die Erklarungen im
Mittelpunkte des Studiums, welche der sogenannten «me-
chanischen Warmetheorie» angehoren. Und diese «mecha-
nische Warmetheorie» interessierte ihn sogar ganz beson-
ders. Die geschichtliche Entwicklung der entsprechenden
Erklarungen, die sich an Namen wie Jul. Robert Mayer,
Helmholtz, Joule, Clausius usw. damals knupfte, gehorte
zu seinen fortwahrenden Studien. Dadurch hat er sich
in der Zeit seiner Studien die hinreichende Grundlage und
Moglichkeit geschaffen, bis heute alle die tatsachlichen
Fortschritte auf dem Gebiete der physikalischen Warmelehre
verfolgen zu konnen und keine Hindemisse zu finden, wenn
er versucht, einzudringen in alles das, was die Wissenschaft
auf diesem Felde leistet. MiiBte sich der Verfasser sagen: er
kann das nicht, so ware dies fur ihn ein Grund, die in dem
Buche vorgebrachten Dinge ungesagt und ungeschrieben zu
lassen. Er hat es sich wirklich zum Grundsatz gemacht, nur
iiber solches auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft zu
reden oder zu schreiben, bei dem er in einer ihm genligend
erscheinenden Art auch zu sagen wiiBte, was die gegenwar-
tige Wissenschaft daruber weiB. Damit will er durchaus nicht
etwas aussprechen, was eine allgemeine Anforderung an alle
Menschen sein soil. Es kann jedermann sich mit Recht ge-
drangt fiihlen, dasjenige mitzuteilen und zu veroffendichen,
wozu ihn seine Urteilskraft, sein gesunder Wahrheitssinn
und sein Gefiihl treiben, auch wenn er nicht weiB, was iiber
die betreffenden Dinge vom Gesichtspunkt zeitgenossischer
Wissenschaft aus zu sagen ist. Nur der Verfasser dieses
Buches mochte sich fur sich an das oben Ausgesprochene
halten. Er mochte z.B. nicht die paar Satze iiber das mensch-
liche Drusensystem oder das menschliche Nervensystem
machen, welche in diesem Buche sich finden, wenn er nicht
in der Lage ware, iiber diese Dinge auch den Versuch zu
machen, in den Formen zu sprechen, in denen ein gegenwar-
tiger Naturgelehrter vom Standpunkte der Wissenschaft aus
iiber das Driisen- oder Nervensystem spricht — Trotzdem
also das Urteil moglich ist, derjenige, welcher so, wie es hier
geschieht, iiber «Warme» spricht, wisse nichts von den An-
fangsgriinden der gegenwartigen Physik, ist doch richtig,
daB sich der Verfasser dieses Buches vollberechtigt glaubt
zu dem, was er getan hat, well er die gegenwartige For-
schung wirklich zu kennen bestrebt ist, und daB er es unter-
lassen wiirde, so zu sprechen, wenn sie ihm fremd ware. Er
weiB, wie das Motiv, aus dem heraus ein solcher Grundsatz
ausgesprochen wird, recht leicht mit Unbescheidenheit ver-
wechselt werden kann. Es ist aber doch notig, gegeniiber die-
sem Buche solches auszusprechen, damit des Verfassers wahre
Motive nicht mit noch ganz anderen verwechselt werden.
Und diese Verwechslung konnte eben noch weit schlimmer
sein als diejenige mit der Unbescheidenheit.
Nun ware aber auch eine Beurteilung von einem philoso-
phischen Standpunkte aus moglich. Sie konnte sich folgen-
dermaBen gestalten. Wer als Philosoph dieses Buch liest, der
fragt sich: «Hat der Verfasser die ganze erkenntnistheore-
tische Arbeit der Gegenwart verschlafen? Hat er nie etwas
davon erfahren, daB ein Kant gelebt hat und daB, nach die-
sem, es einfach philosophisch unstatthaft ist, derlei Dinge
vorzubringen?» — Wieder konnte in dieser Richtung fort-
geschritten werden. Aber auch so konnte die Beurteilung
schlieBen: «Fiir den Philosophen ist derlei unkritisches,
naives, laienhaftes Zeug unertraglich, und ein weiteres Ein-
gehen darauf ware Zeitverlust.» — Aus demselben Motiv,
das oben gekennzeichnet worden ist, mochte trotz aller
MiBverstandnisse, die sich daran schlieBen konnen, der Ver-
fasser auch hier wieder Personliches vorbringen. Sein Kant-
studium begann in seinem sechzehnten Lebensjahre; und
heute glaubt er wahrhaftig, ganz objektiv alles das, was in
dem vorliegenden Buch vorgebracht wird, vom Kantschen
Standpunkte aus beurteilen zu diirfen. Er wiirde auch von
dieser Seite her einen Grund gehabt haben, das Buch unge-
schrieben zu lassen, wuBte er nicht, was einen Philosophen
dazu bewegen kann, es naiv zu finden, wenn der kritische
MaBstab der Gegenwart angelegt wird. Man kann aber
wirklich wissen, wie im Sinne Kants hier die Grenzen einer
moglichen Erkenntnis liberschritten werden; man kann wis-
sen, wie Herbart «naiven Realismus» finden wiirde, der es
nicht zur «Bearbeitung der Begriffe» gebracht hat usw.
usw.; man kann sogar wissen, wie der moderne Pragma-
tismus James, Schillers usw. das MaB dessen iiberschritten
finden wiirde, was «wahre Vorstellungen» sind, welche
«wir uns aneignen, die wir geltend machen, in Kraft setzen
und verifizieren konnen»*. Man kann dies alles wissen und
trotzdem, ja eben deshalb sich berechtigt finden, diese hier
vorliegenden Ausfuhrungen zu schreiben. Der Verfasser
dieses Buches hat sich mit philosophischen Gedankenrich-
tungen auseinandergesetzt in seinen Schriften «Erkenntnis-
theorie der Goetheschen Weltanschauimg», «Wahrheit und
Wissenschaft», «Philosophie der Freiheit», «Goethes Welt-
anschauung^ «Welt- und Lebensanschauungen im neun-
zehnten Jahrhundert», «Die Ratsel der Philosophie»**
Viele Arten von moglichen Beurteilungen konnten noch
angefuhrt werden. Es konnte auch jemanden geben, welcher
eine der fruheren Schriften des Verfassers gelesen hat,
z. B. «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten
Jahrhundert» oder etwa dessen kleines Schriftchen: «Haek-
kel und seine Gegner». Ein solcher konnte sagen: «Es ist
geradezu unerfindlich, wie ein und derselbe Mensch diese
Schriften und auch, neben der bereits von ihm erschienenen
<fTheosophie >, dieses hier vorliegende Buch schreiben kann.
Wie kann man einmal so fur Haeckel eintreten und dann
wieder allem ins Gesicht schlagen, was als gesunder < Monis-
mus > aus Haeckels Forschungen folgt? Man konnte begrei-
fen, daB der Verfasser dieser < Geheimwissenschaft > mit
* Man kann sogar die Philosophic des «Als ob», den Bergsonismus
und die «Kritik der Sprache» in ernste Erwagung gezogen und studiert
haben. [Anmerkung Rudolf Steiners zur vierten Auflage, 1913.]
** [Dieses Werk wird von der siebenten Auflage, 1920, an erwahnt]
<Feuer und Schwert> gegen Haeckel zu Felde ziehe; daB er
ihn verteidigt hat, ja daB er ihm sogar <Welt- und Lebens-
anschauungen im neunzehnten Jahrhundert> gewidmet hat,
das ist wohl das Ungeheuerlichste, was sich denken laBt.
Haeckel hatte sich fiir diese Widmung wohl <mit nicht miB-
zuverstehender Ablehnung> bedankt, wenn er gewuBt hatte,
daB der Widmer einmal solches Zeug schreiben wiirde, wie
es diese <Geheimwissenschaft> mit ihrem mehr als plumpen
Dualismus enthalt.» — Der Verfasser dieses Buches ist nun
der Ansicht, daB man ganz gut Haeckel verstehen kann,
und doch nicht zu glauben braucht, man verstlinde ihn nur
dann, wenn man alles fur Unsinn halt, was nicht aus Haek-
kels eigenen Vorstellungen und Voraussetzungen flieBt. Er
ist aber ferner der Ansicht, daB man zum Verstandnis Haek-
kels nicht kommt, wenn man ihn mit «Feuer und Schwert»
bekampft, sondern wenn man auf dasjenige eingeht, was er
der Wissenschaft geleistet hat. Und am allerwenigsten glaubt
der Verfasser, daB die Gegner Haeckels im Rechte sind, gegen
welche er z. B. in seiner Schrift «Haeckel und seine Gegner»
den groBen Naturdenker verteidigt hat. Wahrhaftig, wenn
der Verfasser dieser Schrift iiber Haeckels Voraussetzungen
hinausgeht und die geistige Ansicht iiber die Welt neben die
bloB naturliche Haeckels setzt, so braucht er deshalb mit des
letzteren Gegnern nicht einer Meinung zu sein. Wer sich be-
miiht, die Sache richtig anzusehen, wird den Einklang von
des Verfassers gegenwartigen Schriften mit seinen fruheren
schon bemerken konnen.
Auch ein solcher Beurteiler ist dem Verfasser vollig ver-
standlich, der ganz im allgemeinen ohne weiteres die Aus-
fuhrungen dieses Buches als Ergusse einer wild gewordenen
Phantastik oder eines traumerischen Gedankenspiels ansieht.
Doch ist alles, was in dieser Beziehung zu sagen ist, in dem
Buche selbst enthalten. Es ist da gezeigt, wie in vollem MaBe
das vernunftgemaBe Denken zum Probierstein des Darge-
stellten werden kann und soil Wer auf dieses Dargestellte
die vernunftgemaBe Prufimg ebenso anwendet, wie sie sach-
gemaB z. B. auf die Tatsachen der Naturwissenschaft ange-
wendet wird, der erst wird entscheiden konnen, was die
Vernunft bei solcher Priifung sagt.
Nachdem so viel liber solche Personlichkeiten gesagt ist,
welche dieses Buch zunachst ablehnen konnen, darf auch
ein Wort an diejenigen fallen, welche sich zu demselben
zustimmend zu verhalten AnlaB haben. Fur sie ist jedoch
das Wesendichste in dem ersten Kapitel «Charakter der
Geheimwissenschaft» enthalten. Ein weniges aber soil noch
hier gesagt werden. Obwohl das Buch sich mit Forschungen
befaBt, welche dem an die SinnenWelt gebundenen Verstand
nicht erforschbar sind, so ist doch nichts vorgebracht, was
nicht verstandlich sein kann unbefangener Vernunft und
gesundem Wahrheitssinn einer jeden Personlichkeit, welche
diese Gaben des Menschen anwenden will. Der Verfasser
sagt es unumwunden: er mochte vor allem Leser, welche
nicht gewillt sind, auf blinden Glauben hin die vorgebrach-
ten Dinge anzunehmen, sondern welche sich bemuhen, das
Mitgeteilte an den Erkenntnissen der eigenen Seele und an
den Erfahrungen des eigenen Lebens zu prtifen*. Er mochte
vor allem vorsichtige Leser, welche nur das logisch zu Recht-
* Gemeint ist hier nicht etwa nur die geisteswissenschaftliche Prii-
fung durch die iibersinnlichen Forschungsmethoden, sondern vor allem
die durchaus mogliche vom gesunden, vorurteilslosen Denken und Men-
schenverstand aus. [Anmerkung Rudolf Steiners zur vierten Auflage,
1913.]
fertigende gelten lassen. Der Verfasser weiB, sein Buch ware
nichts wert, wenn es nur auf blinden Glauben angewiesen
ware; es ist nur in dem MaBe tauglich, als es sich vor der
unbefangenen Vernunft rechtfertigen kann. Der blinde
Glaube kann so leicht das Torichte und Aberglaubische mit
dem Wahren verwechseln. Mancher, der sich mit dem blo-
Ben Glauben an «Ubersinnliches» gerne begniigt, wird fin-
den, daB in diesem Buche dem Denken zu viel zugemutet
wird. Doch es handelt sich wahrlich bei den hier gegebenen
Mitteilungen nicht bloB darum, daB etwas mitgeteilt werde,
sondern darum, daB die Darstellung so ist, wie es einer ge-
wissenhaften Anschauung auf dem entsprechenden Gebiete
des Lebens angemessen ist. Es ist ja das Gebiet, wo sich die
hochsten Dinge mit gewissenloser Charlatanerie, wo sich
auch Erkenntnis und Aberglaube im wirklichen Leben so
leicht beruhren und wo sie, vor allem, auch so leicht ver-
wechselt werden konnen.
Wer mit ubersinnlicher Forschung bekannt ist, wird beim
Lesen des Buches wohl merken, daB versucht worden ist,
die Grenzen scharf einzuhalten zwischen dem, was aus dem
Gebiete der tibersinnlichen Erkenntnisse gegenwartig mit-
geteilt werden kann und soli, und dem, was zu einer spa-
teren Zeit oder wenigstens in anderer Form dargestellt
werden soil.
Geschrieben im Dezember 1909
Rudolf Steiner
VORBEMERKUNGEN ZUR VIERTEN AUFLAGE
Wer es unternimmt, geisteswissenschaftliche Ergebnisse sol-
dier Art darzustellen, wie sie in diesem Buche aufgezeichnet
sind, der muB vor alien Dingen damit rechnen, daB diese
Art gegenwartig in weitesten Kreisen als eine unmogliche
angesehen wird. Werden doch in den folgenden Ausfiihrun-
gen Dinge gesagt, von welchen ein in unserer Zeit als streng
geltendes Denken behauptet, daB sie «fiir menschliche In-
telligenz vermutlich iiberhaupt unentscheidbar bleiben». —
Wer die Griinde kennt und zu wlirdigen weiB, welche man-
che ernste Personlichkeit dazu fuhren, solche Unmoglich-
keit zu behaupten, der mochte immer wieder von neuem
den Versuch machen, zu zeigen, auf welchen MiBverstand-
nissen der Glaube beruht, daB dem menschlichen Erkennen
ein Eindringen in die libersinnlichen Welten versagt sei.
Denn zweierlei liegt vor. Erstens wird sich auf die Dauer
keine menschliche Seele bei tieferem Nachdenken vor der
Tatsache verschlieBen konnen, daB ihre wichtigsten Fragen
nach Sinn und Bedeutung des Lebens unbeantwortet bleiben
muBten, wenn es einen Zugang zu ubersinnlichen Welten
nicht gabe. Man kann sich theoretisch iiber diese Tatsache
hinwegtauschen; die Tiefen des Seelenlebens gehen aber mit
dieser Selbsttauschung nicht mit. — Wer auf diese Seelen-
tiefen nicht hinhoren will, der wird Ausfuhrungen iiber die
ubersinnlichen Welten naturgemaB ablehnen. Doch gibt es
eben Menschen, deren Zahl wahrhaft nicht gering ist, welche
unmoglich sich taub gegen die Forderungen dieser Tiefen
verhalten konnen. Sie miissen stets an die Pforten klopfen,
welche nach der Meinung der anderen das «UnfaBbare»
verschlieBen.
Zweitens, es sind die Darlegimgen des «strengen Den-
kens» keineswegs gering zu achten. Wer sich mit ihnen be-
schaftigt, der wird da, wo sie ernst zu nehmen sind, diesen
Ernst durchaus mitfiihlen. Der Schreiber dieses Buches
mochte nicht als ein solcher angesehen werden, der leichten
Herzens sich hinwegsetzt liber die gewaltige Gedankenarbeit,
die aufgewendet worden ist, urn die Grenzen des menschli-
chen Intellektes zu bestimmen. Diese Gedankenarbeit laBt
sich nicht abtun mit einigen Redensarten liber «Schulweis-
heit» und dergleichen. So wie sie in vielen Fallen auftritt, hat
sie ihren Quell in wahrem Ringen der Erkenntnis und in
echtem Scharfsinn. — Ja, es soil noch vielmehr zugegeben
werden: es sind Grlinde daflir vorgebracht worden, daB
diejenige Erkenntnis, welche gegenwartig als wissenschaft-
lich gilt, nicht in die ubersinnlichen Welten vordringen kann,
und diese Grlinde sind in gewissem Sinne unwiderleglich.
Weil dies von dem Schreiber dieses Buches ohne weiteres
selbst zugegeben wird, deshalb kann es manchem ganz son-
derbar erscheinen, daB er es nun doch unternimmt, Aus-
fuhrungen zu machen, die sich auf ubersinnliche Welten be-
ziehen. Es scheintja fast ausgeschlossen zu sein, daB jemand
die Grlinde fur die Unerkennbarkeit der ubersinnlichen
Welten in gewissem Sinne gelten laBt und dennoch von
diesen ubersinnlichen Welten spricht.
Und doch kann man sich so verhalten. Und man kann
zugleich begreifen, daB dieses Verhalten als widerspruchs-
voll empfunden wird. Es laBt sich eben nicht jedermann auf
die Erfahrungen ein, welche man macht, wenn man mit dem
menschlichen Verstande an das ubersinnliche Gebiet heran-
rlickt. Da stellt sich heraus, daB die Beweise dieses Verstan-
des wohl unwiderleglich sein konnen; und daB sie trotz ihrer
Unwiderleglichkeit fur die Wirklichkeit nicht entscheidend zu
sein brauchen. Statt aller theoretischen Auseinandersetzun-
gen sei hier versucht, durch einen Vergleich eine Verstan-
digung herbeizufiihren. DaB Vergleiche selbst nicht be-
weisend sind, wird dabei ohne weiteres zugegeben; doch
hindert dies nicht, daB sie oft verstandlich machen, was aus-
gedriickt werden soil.
Das menschliche Erkennen, so wie es im alltaglichen Leben
und in der gewohnlichen Wissenschaft arbeitet, ist wirklich
so beschaffen, daB es in die iibersinnlichen Welten nicht ein-
dringen kann. Dies ist unwiderleglich zu beweisen; allein
dieser Beweis kann fur eine gewisse Art des Seelenlebens
keinen anderen Wert haben als derjenige, welchen jemand
unternehmen wollte, urn zu zeigen, daB das naturliche Auge
des Menschen mit seinem Sehvermogen nicht bis zu den
kleinen Zellen eines Lebewesens oder bis zur Beschaffenheit
ferner Himmelskorper vordringen kann. So richtig und
beweisbar die Behauptung ist: das gewohnliche Sehvermogen
dringt nicht bis zu den Zellen, so richtig und beweisbar ist
die andere, daB das gewohnliche Erkennen nicht in die
Iibersinnlichen Welten eindringen konne. Und doch ent-
scheidet der Beweis, daB das gewohnliche Sehvermogen vor
den Zellen haltmachen muB, nichts gegen die Erforschung
der Zellen. Warum sollte der Beweis, daB das gewohnliche
Erkenntnisvermogen vor den Iibersinnlichen Welten halt-
machen muB, etwas gegen die Erforschbarkeit dieser Welten
entscheiden?
Man kann die Empfindung fiihlen, welche mancher bei
diesem Vergleiche haben muB. Man kann selbst mitempfin-
den, wenn gezweifelt wird, daB jemand den ganzen Ernst
der erwahnten Gedankenarbeit auch nur ahnt, der dieser
Arbeit mit einem solchen Vergleich entgegentritt. Und doch
ist derjenige, welcher dieses schreibt, von diesem Ernste nicht
nur durchdrungen, sondern er ist der Ansicht, daB diese
Gedankenarbeit zu den edelsten Leistungen der Menschheit
zahlt Zu beweisen, daB das menschliche Sehvermogen nicht
ohne Bewaffhung zu den Zellen gelangen konne, ware aller-
dings ein unnotiges Beginnen; in strengem Denken sich der
Natur dieses Denkens bewuBt werden, ist notwendige Gei-
stesarbeit DaB derjenige, welcher sich solcher Arbeit hin-
gibt, nicht bemerkt, daB die Wirklichkeit ihn widerlegen
kann, ist nur allzu verstandlich. So wenig in den Vorbemer-
kungen zu diesem Buche der Platz sein kann, auf manche
«Widerlegungen» der ersten Auflagen von seiten solcher
Personlichkeiten einzugehen, denen alles Verstandnis fur
das Erstrebte abgeht oder welche ihre unwahren Angriffe
auf die Person des Verfassers richten, so sehr muB betont
werden, daB in dem Buche eine Unterschatzung ernster
wissenschaftlicher Denkerarbeit nur der vermuten kann, der
sich vor der Gesinnung der Ausfuhrungen verschlieBen will.
Das Erkennen des Menschen kann verstarkt, erkraftet
werden, wie das Sehvermogen des Auges verstarkt werden
kann. Nur sind die Mittel zur Erkraftung des Erkennens
durchaus von geistiger Art; sie sind innere, rein seelische
Verrichtungen. Sie bestehen in dem, was in diesem Buche
als Meditation, Konzentration (Kontemplation) beschrieben
wird. Das gewohnliche Seelenleben ist an die Werkzeuge
des Leibes gebunden; das erkraftete Seelenleben macht sich
davon frei. Es gibt Gedankenrichtungen der Gegenwart,
fur welche eine solche Behauptung ganz unsinnig erscheinen
muB, fur welche sie nur auf Selbsttauschung beruhen muB.
Solche Gedankenrichtungen werden es von ihrem Gesichts-
punkte aus leicht finden, nachzuweisen, wie «alles Seelen-
leben» an das Nervensystem gebimden sei. Wer auf dem
Standpunkte steht, von dem aus dieses Buch geschrieben ist,
der versteht durchaus solche Beweise. Er versteht die Men-
schen, welche sagen, es konne nur Oberflachlichkeit behaup-
ten, daB man irgendein vom Leibe unabhangiges Seelen-
leben haben konne. Welche ganz davon iiberzeugt sind, daB
fiir solche Seelenerlebnisse ein Zusammenhang mit dem
Nervenleben vorliegt, den «geisteswissenschaftlicher Dilet-
tantismus» nur nicht durchschaut.
Hier stehen demjenigen, was in diesem Buche geschildert
wird, gewisse — durchaus begreifliche — Denkgewohnheiten
so schroff gegenliber, daB mit vielen eine Verstandigung
gegenwartig noch ganz aussichtslos ist. Man steht hier eben
vor dem Punkte, an welchem sich der Wunsch geltend machen
muB, daB es in der Gegenwart dem Geistesleben nicht mehr
entsprechen sollte, eine Forschungsrichtung sogleich als Phan-
tasterei, Traumerei usw. zu verketzern, die schroff von der
eigenen abweicht. — Auf der andern Seite steht aber doch
schon gegenwartig die Tatsache, daB fur die ubersinnliche
Forschungsart, wie sie auch in diesem Buche dargestellt wird,
eine Anzahl von Menschen Verstandnis haben. Menschen,
welche einsehen, daB der Sinn des Lebens sich nicht in allge-
meinen Redensarten iiber Seele, Selbst usw. enthullt, son-
dern nur durch das wirkliche Eingehen auf die Ergebnisse
der liber sinnlichen Forschung sich ergeben kann. Nicht aus
Unbescheidenheit, sondern in freudiger Befriedigung wird
von dem Verfasser dieses Buches tief empfunden die Not-
wendigkeit dieser vierten Auflage nach verhaltnismaBig
kurzer Zeit.
Um in Unbescheidenheit dies zu betonen, dazu fiihlt der
Verfasser nur allzudeutlich, wie wenig auch die neue Auf-
lage dem entspricht, was sie als «UmriB einer ubersinnlichen
Weltanschauung» eigendich sein sollte. Noch einmal wurde
zur Neuauflage das Ganze durchgearbeitet, viele Ergan-
zungen wurden an wichtigen Stellen eingefugt, Verdeut-
lichungen wurden angestrebt. Doch fiihlbar wurde dem
Verfasser an zahlreichen Stellen, wie sprode sich die Mittel
der ihm zuganglichen Darstellung erweisen gegenuber dem,
was die tibersinnliche Forschung zeigt. So konnte kaum
mehr als ein Weg gezeigt werden, um zu Vorstellungen zu
gelangen, welche in dem Buche fur Saturn-, Sonnen-, Mon-
denentwickelung gegeben werden. Ein wichtiger Gesichts-
punkt ist in dieser Auflage auch auf diesem Gebiete in
Kiirze neu behandelt worden. Doch weichen die Erlebnisse
in bezug auf solche Dinge so sehr von alien Erlebnissen auf
dem Sinnesgebiete ab, daB die Darstellung ein fortwahren-
des Ringen nach einem nur einigermaBen genugend scheinen-
den Ausdruck notwendig macht. Wer auf den hier gemach-
ten Versuch der Darstellung einzugehen willens ist, wird
vielleicht bemerken, daB manches, was dem trockenen Worte
zu sagen unmoglich ist, durch die Art der Schilderung er-
strebt wird. Diese ist anders zum Beispiel bei der Saturn-,
anders bei der Sonnen- usw. Entwickelung.
Viele dem Verfasser des Buches wichtig erscheinende Er-
ganzungen und Erweiterungen erfuhr in der neuen Auflage
der zweite Teil des Buches, welcher von der «Erkenntnis der
hoheren Welten» handelt. Es lag das Bestreben vor, die Art
der inneren Seelenvorgange anschaulich darzustellen, durch
welche die Erkenntnis von ihren in der SinnenWelt vorhan-
denen Grenzen sich befreit und sich fur das Erleben der
ubersinnlichen Welt geeignet macht. Versucht wurde zu zei-
gen, daB dieses Erleben, obwohl es durch ganz innerliche
Mittel und Wege erworben wird, doch nicht eine bloB sub-
jektive Bedeutung fiir den einzelnen Menschen hat, der es
erwirbt. Es sollte aus der Darstellung hervorgehen, daB
innerhalb der Seele deren Einzelheit und personliche Be-
sonderheit abgestreift und ein Erleben erreicht wird, das
jeder Mensch in der gleichen Art hat, der eben in rechter
Art die Entwickelung aus seinen subjektiven Erlebnissen
heraus bewirkt. Erst wenn die «Erkenntnis der ubersinn-
lichen Welten» mit diesem Charakter gedacht wird, ver-
mag man sie zu unterscheiden von alien Erlebnissen bloB
subjektiver Mystik usw. Von solcher Mystik kann man
wohl sagen, daB sie mehr oder weniger doch eine subjektive
Angelegenheit des Mystikers ist. Die geisteswissenschaftliche
Seelenschulung, wie sie hier gemeint ist, strebt aber nach
solchen objektiven Erlebnissen, deren Wahrheit zwar ganz
innerlich erkannt wird, die aber doch gerade deshalb in
ihrer Allgemeingultigkeit durchschaut werden. — Auch hier
ist ja wieder ein Punkt, an dem eine Verstandigung mit
manchen Denkgewohnheiten unserer Zeit recht schwierig ist.
Zum Schlusse mochte der Verfasser des Buches die Bemer-
kung machen, daB auch von Wohlmeinenden diese Ausfuh-
rungen als das hingenommen werden mogen, als was sie sich
durch ihren eigenen Inhalt geben. Es herrscht heute vielfach
das Bestreben, dieser oder jener Geistesrichtung diesen oder
jenen alten Namen zu geben. Dadurch scheint sie manchem
erst wertvoll Es darf aber gefragt werden: was sollen die
Ausfuhrungen dieses Buches dadurch gewinnen, daB man sie
als «rosenkreuzerisch» oder dergleichen bezeichnet? Wor-
auf es ankommt, ist, daB hier mit den Mitteln, welche in
der gegenwartigen Entwickelungsperiode der Seele moglich
und dieser angemessen sind, ein Einblick in die ubersinn-
lichen Welten versucht wird, und daB von diesem Gesichts-
punkte aus die Ratsel des menschlichen Schicksals und des
menschlichen Daseins tiber die Grenzen von Geburt und
Tod hinaus betrachtet werden. Es soil sich nicht handeln um
ein Streben, welches diesen oder jenen alten Namen tragt,
sondern um ein Streben nach Wahrheit.
Auf der andern Seite sind auch in gegnerischer Absicht
Bezeichnungen fur die in dem Buche dargestellte Welt-
anschauung gebraucht worden. Abgesehen davon, daB die-
jenigen, mit welchen man den Verfasser hat am schwersten
treffen und diskreditieren wollen, absurd und objektiv un-
wahr sind, charakterisieren sich solche Bezeichnungen in
ihrer Unwurdigkeit dadurch, daB sie ein vollig unabhan-
giges Wahrheits streben herabsetzen, indem sie es nicht aus
sich selbst beurteilen, sondern die von ihnen erfundene oder
grundlos ubernommene und weiter getragene Abhangigkeit
von dieser oder jener Richtung andern als Urteil beibringen
wollen. So notwendig diese Worte angesichts mancher An-
griffe gegen den Verfasser sind, so widerstrebt es diesem
doch, an diesem Orte auf die Sache weiter einzugehen.
Geschrieben im Juni 1913
Rudolf Steiner
VORREDE ZUR SIEBENTEN
BIS FUNFZEHNTEN AUFLAGE
Fur diese Neuauflage meiner «Geheimwissenschaft im Um-
riB» habe ich den ersten Abschnitt «Charakter der Geheim-
wissenschaft» fast ganz neu gestaltet. Ich glaube, daB da-
durch nun weniger zu den MiBverstandnissen AnlaB sein
wird, die ich aus der frtiheren Fassung dieses Abschnittes
heraus habe entstehen sehen. Von vielen Seiten konnte ich
horen: Andere Wissenschaften beweisen; was hier als Wissen-
schaft sich gibt, sagt einfach: die Geheimwissenschaft stellt
dies oder jenes fest. Ein solches Vorurteil stellt sich natur-
gemaB ein, da ja das Beweisende der ubersinnlichen Er-
kenntnis sich durch die Darstellung nicht so aufdrangen
kann wie bei der Darlegung von Zusammenhangen der sin-
nenfalligen Wirklichkeit. DaB man es aber nur mit einem
Vorurteil zu tun hat, wollte ich durch die Umarbeitung des
ersten Abschnittes dieses Buches deutlicher machen, als es
mir in fruheren Auflagen gelungen zu sein scheint. — In den
andern Teilen des Buches habe ich durch Erganzungen des
Inhaltes manches Dargestellte scharfer herauszuarbeiten ge-
sucht. Durch das Ganze hindurch habe ich mich bemiiht, an
zahlreichen Stellen Anderungen in der Einkleidung des In-
halts vorzunehmen, die mir das wiederholte Durchleben des
Dargestellten notwendig erscheinen lieB.
Berlin, Mai 1920
Rudolf Steiner
VORREDE ZUR SECHZEHNTEN BIS
ZWANZIGSTEN AUFLAGE
Jetzt, nachdem funfzehn Jahre seit dem ersten Erscheinen
dieses Buches verflossen sind, darf ich wohl vor der Offent-
lichkeit einiges sagen iiber die Seelenverfassung, aus der her-
aus es entstanden ist
Ursprtinglich war mein Plan, seinen wesentlichen Inhalt
als letztes Kapitel meinem lange vorher erschienenen Buche
«Theosophie» anzufiigen. Das ging nicht. Dieser Inhalt
rundete sich damals, als die «Theosophie» ausgefiihrt wurde,
nicht in der Art in mir ab wie derjenige der «Theosophie».
Ich hatte in meinen Imaginationen das geistige Wesen des
Einzelmenschen vor meiner Seele stehen und konnte es dar-
stellen, nicht aber standen damals schon die kosmischen Zu-
sammenhange, die in der «Geheimwissenschaft» darzulegen
waren, ebenso vor mir. Sie waren im einzelnen da; nicht
aber im Gesamtbild.
Deshalb entschloB ich mich, die «Theosophie» mit dem
Inhalte erscheinen zu lassen, den ich als das Wesen im
Leben eines einzelnen Menschen erschaut hatte, und die
«Geheimwissenschaft» in der nachsten Zeit in aller Ruhe
durchzufiihren.
Der Inhalt dieses Buches muBte nach meiner damaligen
Seelenstimmung in Gedanken gegeben werden, die fur die
Darstellung des Geistigen geeignete weitere Fortbildungen
der in der Naturwissenschaft angewendeten Gedanken sind.
Man wird es den hier wieder abgedruckten «Vorbemer-
kungen zur ersten Auflage» anmerken, wie stark ich mich
mit allem, was ich damals iiber Geisteserkenntnis schrieb,
vor der Naturwissenschaft verantwortlich fiihlte.
Aber man kann in solchen Gedanken allein nicht das zur
Darstellung bringen, was sich dem geistigen Schauen als
GeistWelt offenbart. Denn diese Offenbarung geht in einen
bloBen Gedankeninhalt nicht ein. Wer das Wesen solcher
Offenbarung erlebend kennengelernt hat, der weiB, daB die
Gedanken des gewohnlichen BewuBtseins nur geeignet sind,
das sinnlich Wahrgenommene, nicht aber das geistig Ge-
schaute, auszudrlicken.
Der Inhalt des geistig Geschauten laBt sich nur in Bildern
(Imaginationen) wiedergeben, durch welche Inspirationen
sprechen, die von intuitiv erlebter geistiger Wesenheit her-
riihren. (Uber das Wesen von Imagination, Inspiration und
Intuition findet man das Notwendige in dieser «Geheimwis-
senschaft» selbst und in meinem Buche: «Wie erlangt man
Erkenntnisse der hoheren Welten?».)
Aber der Darsteller der Imaginationen aus der GeistWelt
kann gegenwartig nicht bloB diese Imaginationen hinstellen.
Er stellte damit etwas dar, das als ein ganz anderer BewuBt-
seinsinhalt neben dem Erkenntnisinhalt unseres Zeitalters,
ohne alien Zusammenhang mit diesem, stunde. Er muB das
gegenwartige BewuBtsein mit dem erfullen, was ein an-
deres BewuBtsein, das in die GeistWelt schaut, erkennen
kann. Dann wird seine Darstellung diese GeistWelt zum
Inhalte haben; aber dieser Inhalt tritt in der Form von Ge-
danken auf, in die er hineinflieBt. Dadurch wird er dem
gewohnlichen BewuBtsein, das im Sinne der Gegenwart
denkt, aber noch nicht in die GeistWelt hineinschaut, voll
verstandlich.
Diese Verstandlichkeit bleibt nur dann aus, wenn man
sich selbst Hindernisse vor sie legt. Wenn man die Vor-
urteile, die die Zeit aus einer falsch aufgefaBten Natur-
anschauung von «Grenzen der Erkenntnis» sich gebildet
hat, zu den eigenen macht
Im Geisterkennen ist alles in intimes Seelenerleben ge-
taucht Nicht nur das geistige Anschauen selbst, sondern
auch das Verstehen, das das nicht schauende gewohnliche Be-
wuBtsein den Ergebnissen des Schauenden entgegenbringt.
Von dieser Intimitat hat keine Ahnung, wer in dilettan-
tischer Art davon spricht, daB der, der zu verstehen glaubt,
sich das Verstandnis selbst suggeriert
Aber es ist so, daB, was innerhalb des Begreifens der
physischen Welt bloB in Begriffen als Wahrheit oder Irrtum
sich auslebt, der geistigen Welt gegenuber Erlebnis wird.
Wer in sein Urteil nur leise empfindend die Behauptung
einflieBen laBt, das geistig Geschaute sei von dem gewohn-
lichen, noch nicht schauenden BewuBtsein — wegen dessen
Grenzen — nicht erfaBbar, dem legt sich dieses empfindende
Urteil wie eine verfinsternde Wolke vor das Erfassen; und
er kann wirklich nicht verstehen.
Aber dem unbefangenen nicht schauenden BewuBtsein ist
das Geschaute voll verstandlich, wenn es der Schauende bis
in die Gedankenform hineinbringt. Es ist verstandlich, wie
dem Nicht-Maler das fertige Bild des Malers verstandlich
ist. Und zwar ist das Verstandnis der GeistWelt nicht das
kunsderisch-gefuhlsmaBige wie bei einem Kunstwerke,
sondern ein durchaus gedankenmaBiges wie der Natur-
erkenntnis gegenuber.
Um aber ein solches Verstandnis wirklich moglich zu
machen, muB der Darsteller des geistig Geschauten seine
Schauungen bis zu einem richtigen HineingieBen in die
Gedankenform bringen, ohne daB sie innerhalb dieser
Form ihren imaginativen Charakter verlieren.
Das stand alles vor meiner Seele, als ich meine «Geheim-
wissenschaft» ausarbeitete.
1909 fiihlte ich dann, daB ich mit diesen Voraussetzimgen
ein Buch zustandebringen konne, das: erstens den Inhalt
meiner Geistesschau bis zu einem gewissen, aber zunachst
genligenden Grade, in die Gedankenform gegossen, brachte;
und das zweitens von jedem denkenden Menschen, der sich
keine Hindernisse vor das Verstandnis legt, verstanden wer-
den kann.
Ich sage das heute, indem ich zugleich ausspreche, daB
damals (1909) mir die Veroffendichung des Buches als ein
Wagnis erschien. Denn ich wuBte ja, daB die geforderte
Unbefangenheit gerade diejenigen nicht aufbringen konnen,
die Naturwissenschaft beruflich treiben, und ebensowenig
alle die zahlreichen Personlichkeiten, die in ihrem Urteile
von diesen abhangig sind.
Aber es stand gerade die Tatsache vor meiner Seele, daB
in der Zeit, in der sich das BewuBtsein der Menschheit von
der GeistWelt am weitesten entfernt hatte, die Mitteilun-
gen aus dieser GeistWelt einer allerdringendsten Notwen-
digkeit entsprachen.
Ich zahlte darauf, daB es auch Menschen gibt, die mehr
oder weniger die Entfernung von aller Geistigkeit so schwer
als Lebenshindernis empfinden, daB sie zu Mitteilungen aus
der GeistWelt mit innerer Sehnsucht greifen.
Und die folgenden Jahre haben das ja voll bestatigt. Die
«Theosophie» und «Geheimwissenschaft» haben als Bticher,
die im Leser guten Willen voraussetzen, auf eine schwierige
Stilisierung einzugehen, weite Verbreitung gefunden.
Ich habe ganz bewuBt angestrebt, nicht eine «populare»
Darstellung zu geben, sondern eine solche, die notwendig
macht, mit rechter Gedankenanstrengung in den Inhalt hin-
einzukommen. Ich habe damit meinen Buchern einen solchen
Charakter aufgepragt, daB deren Lesen selbst schon der
Anfang der Geistesschulung ist. Denn die ruhige, besonnene
Gedankenanstrengung, die dieses Lesen notwendig macht,
verstarkt die Seelenkrafte und macht sie dadurch fahig, der
geistigen Welt nahe zu kommen.
DaB ich dem Buche den Titel «Geheimwissenschaft» ge-
geben habe, hat sogleich MiBverstandnisse hervorgerufen.
Von mancher Seite wurde gesagt, was «Wissenschaft» sein
will, darf nicht «geheim» sein. Wie wenig bedacht war ein
solcher Einwand. Als ob jemand, der einen Inhalt veroffent-
licht, mit diesem «geheim» tun wolle. Das ganze Buch zeigt,
daB nichts als «geheim» bezeichnet, sondern eben in eine
solche Form gebracht werden sollte, daB es verstandlich sei
wie nur irgendeine «Wissenschaft». Oder will man, wenn
man das Wort «Naturwissenschaft» gebraucht, nicht an-
deuten, daB es sich um Wissen von der «Natur» handelt?
Geheimwissenschaft ist Wissenschaft von dem, was sich in-
sofern im «geheimen» abspielt, als es nicht drauBen in der
Natur wahrgenommen wird, sondern da, wohin die Seele
sich orientiert, wenn sie ihr Inneres nach dem Geiste richtet.
«Geheimwissenschaft» ist Gegensatz von «Naturwissen-
schaft».
Meinen Schauungen in der geistigen Welt hat man immer
wieder entgegengehalten, sie seien veranderte Wiedergaben
dessen, was im Laufe alterer Zeit an Vorstellungen der
Menschen iiber die GeistWelt hervorgetreten ist Man sagte,
ich hatte mancherlei gelesen, es ins UnterbewuBte aufge-
nommen und dann in dem Glauben, es entspringe aus dem
eigenen Schauen, zur Darstellung gebracht. Aus gnostischen
Lehren, aus orientalischen Weisheitsdichtungen usw. soil ich
meine Darstellungen gewonnen haben.
Man ist, indem man dieses behauptet hat, mit den Ge-
danken ganz an der Oberflache geblieben.
Meine Erkenntnisse des Geistigen, dessen bin ich mir voll
bewuBt, sind Ergebnisse eigenen Schauens. Ich hatte jeder-
zeit bei alien Einzelheiten und bei den groBen Ubersichten
mich streng gepriift, ob ich jeden Schritt im schauenden
Weiterschreiten so mache, daB voll besonnenes BewuBtsein
diese Schritte begleite. Wie der Mathematiker von Gedanke
zu Gedanke schreitet, ohne daB UnbewuBtes, Autosugge-
stion usw. eine Rolle spielen, so — sagte ich mir — muB
geistiges Schauen von objektiver Imagination zu objektiver
Imagination schreiten, ohne daB etwas anderes in der Seele
lebt als der geistige Inhalt klar besonnenen BewuBtseins.
DaB man von einer Imagination weiB, sie ist nicht bloB
subjektives Bild, sondern Bildwiedergabe objektiven Geist-
inhaltes, dazu bringt man es durch gesundes inneres Er-
leben. Man gelangt dazu auf geistig-seelische Art, wie man
im Bereich der Sinnesanschauung bei gesunder Organisa-
tion Einbildungen von objektiven Wahrnehmungen richtig
unterscheidet
So hatte ich die Ergebnisse meines Schauens vor mir. Sie
waren zunachst «Anschauungen», die ohne Namen lebten.
Sollte ich sie mitteilen, so bedurfte es der Wortbezeich-
nungen. Ich suchte dann spater nach solchen in alteren Dar-
stellungen des Geistigen, um das noch Wortlose in Worten
ausdrucken zu konnen. Ich gebrauchte diese Wortbezeich-
nungen frei, so daB wohl kaum eine derselben in meinem
Gebrauche zusammenfallt mit dem, was sie dort war, wo
ich sie fand.
Ich suchte aber nach solcher Moglichkeit, mich auszudriik-
ken, stets erst, nachdem mir der Inhalt im eigenen Schauen
aufgegangen war.
Vorher Gelesenes wuBte ich beim eigenen forschenden
Schauen durch die BewuBtseinsverfassung, die ich eben ge-
schildert habe, auszuschalten.
Nun fand man in meinen Ausdrilcken Anklange an altere
Vorstellungen. Ohne auf den Inhalt einzugehen, hielt man
sich an solche Ausdriicke. Sprach ich von «Lotosblumen» in
dem Astralleib des Menschen, so war das ein Beweis, daB ich
indische Lehren, in denen man den Ausdruck findet, wieder-
gabe. Ja, sprach ich von «Astralleib», so war dies das Ergebnis
des Lesens mittelalterlicher Schriften. Gebrauchte ich die
Ausdriicke: Angeloi, Archangeloi usw., so erneuerte ich ein-
fach die Vorstellungen chrisdicher Gnosis.
Solches ganz an der Oberflache sich bewegende Denken
fand ich immer wieder mir entgegengehalten.
Auch auf diese Tatsache wollte ich gegenwartig beim
Wiedererscheinen der «Geheimwissenschaft» in neuer Auf-
lage hinweisen. Das Buch enthalt ja die Umrisse der An-
throposophie als eines Ganzen. Es wird daher vorzuglich
betroffen von den MiBverstandnissen, denen diese ausge-
setzt ist.
Ich habe seit der Zeit, in der in meiner Seele die Imagi-
nationen, die das Buch wiedergibt, in ein Gesamtbild
zusammengeflossen sind, unausgesetzt das forschende
Schauen in den Menschen, in das geschichtliche Werden der
Menschheit, in den Kosmos usw. fortgebildet; ich bin im
einzelnen zu immer neuen Ergebnissen gekommen. Aber,
was ich in der «Geheimwissenschaft» vor funfzehn Jahren
als UmriB gegeben habe, ist fur mich in nichts erschuttert
worden. Alles, was ich seither sagen konnte, erscheint, wenn
es an der rechten Stelle diesem Buche eingefugt wird, als
eine weitere Ausfiihrung der damaligen Skizze.
Goetheanum, 10. Januar 1925
Rudolf Steiner
CHARAKTER DER GEHEIM WIS SENS CH AFT
Ein altes Wort: «Geheimwissenschaft» wird fur den Inhalt
dieses Buches angewendet. Das Wort kann Veranlassung
werden, daB sogleich bei den verschiedenen Menschen der
Gegenwart die entgegengesetztesten Empfindungen wach-
gerufen werden. Fiir viele hat es etwas AbstoBendes; es ruft
Spott, mideidiges Lacheln, vielleicht Verachtung hervor. Sie
stellen sich vor, daB eine Vorstellungsart, die sich so be-
zeichnet, nur auf einer miiBigen Traumerei, auf Phantasterei
beruhen konne, daB sich hinter solcher «vermeindichen»
Wissenschaft nur der Drang verbergen konne, allerlei Aber-
glauben zu erneuern, den mit Recht meidet, wer «wahre
Wissenschaftlichkeit» und «echtes Erkenntnisstreben» ken-
nengelernt hat. Auf andere wirkt das Wort so, als ob ihnen
das damit Gemeinte etwas bringen miisse, was auf keinem
andern Wege zu erlangen ist und zu dem sie, je nach ihrer
Veranlagung, tief innerliche Erkenntnissehnsucht oder see-
lisch verfeinerte Neugierde hinzieht. Zwischen diesen schroff
einander gegenliberstehenden Meinungen gibt es alle mog-
lichen Zwischenstufen der bedingten Ablehnung oder An-
nahme dessen, was sich der eine oder der andere vorstellt,
wenn er das Wort «Geheimwissenschaft» vernimmt. — Es ist
nicht in Abrede zu stellen, daB fiir manchen das Wort «Ge-
heimwissenschaft» deshalb einen zauberhaften Klang hat,
weil es seine verhangnisvolle Sucht zu befriedigen scheint
nach einem auf naturgemaBem Wege nicht zu erlangenden
Wissen von einem «Unbekannten», Geheimnisvollen, ja Un-
klaren. Denn viele Menschen wollen die tiefsten Sehnsuch-
ten ihrer Seele nicht durch das befriedigen, was klar erkannt
werden kann. Ihre Uberzeugung geht dahin, daB es auBer
demjenigen, was man in der Welt erkennen konne, noch
etwas geben mlisse, das sich der Erkenntnis entzieht. Mit
einem sonderbaren Widersinn, den sie nicht bemerken, leh-
nen sie fur die tiefsten Erkenntnissehnsuchten alles ab, was
«bekannt ist», und wollen daftir nur etwas gelten lassen,
wovon man nicht sagen konne, daB es durch naturgemaBes
Forschen bekannt werde. Wer von «Geheimwissenschaft»
redet, wird gut daran tun, sich vor Augen zu halten, daB
ihm MiBverstandnisse entgegenstehen, die von solchen Ver-
teidigern einer derartigen Wissenschaft verursacht werden;
von Verteidigern, die eigendich nicht ein Wissen, sondern
das Gegenteil davon anstreben.
Diese Ausfuhrungen richten sich an Leser, welche sich ihre
Unbefangenheit nicht dadurch nehmen lassen, daB ein Wort
durch verschiedene Umstande Vorurteile hervorruft. Von
einem Wissen, das in irgendeiner Beziehung als ein «gehei-
mes», nur durch besondere Schicksalsgunst fur manchen zu-
gangliches, gelten soil, wird hier nicht die Rede sein. Man
wird dem hier gemeinten Wortgebrauche gerecht werden,
wenn man an dasjenige denkt, was Goethe im Sinne hat,
wenn er von den «offenbaren Geheimnissen» in den Welt-
erscheinungen spricht. Was in diesen Erscheinungen «ge-
heim», unoffenbar bleibt, wenn man sie nur durch die Sinne
und den an die Sinne sich bindenden Verstand erfaBt, das
wird als der Inhalt einer ubersinnlichen Erkenntnisart an-
gesehen*. — Wer als «Wissenschaft» nur gelten laBt, was
* Es ist vorgekommen, daB man den Ausdruck «Geheimwissen-
schaft» — wie er von dem Verfasser dieses Buches schon in friiheren Auf-
lagen gebraucht worden ist — gerade aus dem Grunde abgelehnt hat,
weil eine Wissenschaft doch fur niemand etwas «Geheimes» sein konne.
Man hatte Recht, wenn die Sache so gemeint ware. Allein das ist nicht
der Fall. So wenig Naturwissenschaft eine «natiirliche» Wissenschaft in
durch die Sinne und den ihnen dienenden Verstand offenbar
wird, fur den kann selbstverstandlich das hier als «Geheim-
wissenschaft» Gemeinte keine Wissenschaft sein. Ein solcher
miiBte aber, wenn er sich selbst verstehen wollte, zugeben,
daB er nicht aus einer begrlindeten Einsicht heraus, sondern
durch einen seinem rein personlichen Empfinden entstam-
menden Machtspruch eine «Geheimwissenschaft» ablehnt
Um das einzusehen, hat man nur notig, Uberlegungen dar-
iiber anzustellen, wie Wissenschaft entsteht und welche Be-
deutung sie im menschlichen Leben hat. Das Entstehen der
Wissenschaft, dem Wesen nach, erkennt man nicht an dem
Gegenstande, den die Wissenschaft ergreift; man erkennt es
an der im wissenschaftlichen Streben auftretenden Betati-
gungsart der menschlichen Seele. Wie sich die Seele verhalt,
indem sie Wissenschaft sich erarbeitet, darauf hat man zu
sehen. Eignet man sich die Gewohnheit an, diese Betati-
gungsart nur dann ins Werk zu setzen, wenn die Offen-
barungen der Sinne in Betracht kommen, dann gerat man
leicht auf die Meinung, diese Sinnesoffenbarung sei das We-
sendiche. Und man lenkt dann den Blick nicht darauf, daB
ein gewisses Verhalten der menschlichen Seele eben nur auf
die Sinnesoffenbarung angewendet worden ist. Aber man
kann iiber diese willkurliche Selbstbeschrankung hinaus-
kommen und, abgesehen von dem besonderen Falle der An-
wendung, den Charakter der wissenschaftlichen Betatigung
dem Sinne genannt werden kann, daB sie jedem «von Natur eigen» ist,
so wenig denkt sich der Verfasser unter «Geheimwissenschaft» eine «ge-
heime» Wissenschaft, sondern eine solche, welche sich auf das in den
Welterscheinungen fur die gewohnliche Erkenntnisart Unoffenbare,
«Geheime» bezieht, eine Wissenschaft von dem «Geheimen», von dem
«offenbaren Geheimnis». Geheimnis aber soil diese Wissenschaft fur nie-
mand sein, der ihre Erkenntnisse auf den ihr entsprechenden Wegen sucht
ins Auge fassen. Dies liegt zugrunde, wenn hier fur die Er-
kenntnis nichtsinnlicher Weltinhalte als von einer «wissen-
schaftlichen» gesprochen wird. An diesen Weltinhalten will
sich die menschliche Vorstellungsart so betatigen, wie sie
sich im andern Falle an den naturwissenschaftlichen Welt-
inhalten betatigt. Geheimwissenschaft will die naturwissen-
schaftliche Forschungsart und Forschungsgesinnung, die auf
ihrem Gebiete sich an den Zusammenhang und Verlauf der
sinnlichen Tatsachen halt, von dieser besonderen Anwen-
dung loslosen, aber sie in ihrer denkerischen und sonstigen
Eigenart festhalten. Sie will iiber Nichtsinnliches in dersel-
ben Art sprechen, wie die Naturwissenschaft iiber Sinnliches
spricht. Wahrend die Naturwissenschaft im Sinnlichen mit
dieser Forschungsart und Denkweise stehenbleibt, will Ge-
heimwissenschaft die seelische Arbeit an der Natur als eine
Art Selbsterziehung der Seele betrachten und das Anerzo-
gene auf das nichtsinnliche Gebiet anwenden. Sie will so
verfahren, daB sie zwar nicht iiber die sinnlichen Erschei-
nungen als solche spricht, aber iiber die nichtsinnlichen Welt-
inhalte so, wie der Naturforscher iiber die sinnenfalligen.
Sie halt von dem naturwissenschaftlichen Verfahren die see-
lische Verfassung innerhalb dieses Verfahrens fest, also ge-
rade das, durch welches Naturerkenntnis Wissenschaft erst
wird. Sie darf sich deshalb als Wissenschaft bezeichnen.
Wer iiber die Bedeutung der Naturwissenschaft im mensch-
lichen Leben Uberlegungen anstellt, der wird finden, daB
diese Bedeutung nicht erschopft sein kann mit der Aneig-
nung von Naturerkenntnissen. Denn diese Erkenntnisse
konnen nie und nimmer zu etwas anderem fuhren als zu
einem Erleben desjenigen, was die Menschenseele selbst nicht
ist. Nicht in dem lebt das Seelische, was der Mensch an der
Natur erkennt, sondern in dem Vorgang des Erkennens. In
ihrer Betatigung an der Natur erlebt sich die Seele. Was sie
in dieser Betatigung lebensvoll sich erarbeitet, das ist noch
etwas anderes als das Wissen liber die Natur selbst. Das ist
an der Naturerkenntnis erfahrene Selbstentwickelung. Den
Gewinn dieser Selbstentwickelung will die Geheimwissen-
schaft betatigen auf Gebieten, die iiber die bloBe Natur hin-
aus liegen. Der Geheimwissenschafter will den Wert der
Naturwissenschaft nicht verkennen, sondern ihn noch besser
anerkennen als der Naturwissenschafter selbst Er weiB, daB
er ohne die Strenge der Vorstellungsart, die in der Natur-
wissenschaft waltet, keine Wissenschaft begrlinden kann.
Er weiB aber auch, daB, wenn diese Strenge durch ein echtes
Eindringen in den Geist des naturwissenschaftlichen Den-
kens erworben ist, sie festgehalten werden kann durch die
Kraft der Seele fur andere Gebiete.
Etwas, was bedenklich machen kann, tritt dabei aller-
dings auf. In der Betrachtung der Natur wird die Seele
durch den betrachteten Gegenstand in einem viel starkeren
MaBe geleitet als in derjenigen nichtsinnlicher Weltinhalte.
In dieser muB sie in einem hoheren MaBe aus rein inneren
Impulsen heraus die Fahigkeit haben, das Wesen der wis-
senschaftlichen Vorstellungsart festzuhalten. Weil sehr viele
Menschen — unbewuBt — glauben, daB nur an dem Leit-
faden der Naturerscheinungen dieses Wesen festgehalten
werden kann, sind sie geneigt, durch einen Machtspruch
sich dahin zu entscheiden: sobald dieser Leitfaden verlassen
wird, tappt die Seele mit ihrem wissenschaftlichen Verfah-
ren im Leeren. Solche Menschen haben sich die Eigenart die-
ses Verfahrens nicht zum BewuBtsein gebracht; sie bilden
sich ihr Urteil zumeist aus den Verirrungen, die entstehen
miissen, wenn die wissenschaftliche Gesinnung an den Natur-
erscheinungen nicht gefestigt genug ist und trotzdem die
Seele sich an die Betrachtung des nichtsinnlichen Weltgebie-
tes begeben will. Da entsteht selbstverstandlich viel un-
wissenschaftliches Reden tiber nichtsinnliche Weltinhalte.
Aber nicht deswegen, weil solches Reden seinem Wesen nach
nicht wissenschaftlich sein kann, sondern weil es, im beson-
deren Falle, an der wissenschaftlichen Selbsterziehung durch
die Naturbeobachtung hat fehlen lassen.
Wer von Geheimwissenschaft reden will, muB allerdings
mit Riicksicht auf das eben Gesagte einen wachsamen Sinn
haben fur alles Irrlichtelierende, das entsteht, wenn tiber
die offenbaren Geheimnisse der Welt etwas ausgemacht wird
ohne wissenschaftliche Gesinnung. Dennoch ftihrte es zu
etwas ErsprieBlichem nicht, wenn hier, gleich im Anfange
geheimwissenschaftlicher Ausftihrungen, tiber alle moglichen
Verirrungen gesprochen wtirde, die in der Seele vorurteils-
voller Personen jedes Forschen in dieser Richtung in MiB-
achtung bringen, weil solche Personen aus dem Vorhanden-
sein wahrlich recht zahlreicher Verirrungen auf das Unbe-
rechtigte des ganzen Strebens schlieBen. Da aber zumeist bei
Wissenschaftern oder wissenschaftlich gesinnten Beurteilern
die Ablehnung der Geheimwissenschaft doch nur auf dem
oben gekennzeichneten Machtspruch beruht und die Be-
rufung auf die Verirrungen nur — oft unbewuBter — Vor-
wand ist, so wird eine Auseinandersetzung mit solchen
Gegnern zunachst wenig fruchtbar sein. Nichts hindert sie
ja, den gewiB durchaus berechtigten Einwand zu machen,
daB von vornherein durch nichts festgestellt werden kann,
ob denn bei demjenigen, der andere in Verirrung befangen
glaubt, der oben gekennzeichnete feste Grund wirklich vor-
handen ist Daher kann der nach einer Geheimwissenschaft
Strebende nur einfach vorfiihren, was er glaubt sagen zu
diirfen. Das Urteil iiber seine Berechtigung konnen nur an-
dere, aber auch nur solche Personen sich bilden, welche unter
Vermeidung aller Machtspriiche sich einzulassen vermogen
auf die Art seiner Mitteilungen liber die offenbaren Ge-
heimnisse des Weltgeschehens. Obliegen wird ihm aller-
dings, zu zeigen, wie sich das von ihm Vorgebrachte zu
anderen Errungenschaften des Wissens und des Lebens ver-
halt, welche Gegnerschaften moglich sind und inwieferne die
unmittelbare auBere sinnenfallige Lebenswirklichkeit Be-
statigungen bringt fur seine Beobachtungen. Aber er sollte
niemals darnach streben, seine Darstellung so zu halten,
daB diese statt durch ihren Inhalt durch seine Uberredungs-
kunst wirke.
Man kann gegeniiber geheimwissenschaftlichen Ausfiih-
rungen oftmals den Einwand horen: diese beweisen nicht,
was sie vorbringen; sie stellen nur das eine oder das andere
hin und sagen: die Geheimwissenschaft stelle dieses fest
Die folgenden Ausfuhrungen verkennt man, wenn man
glaubt, irgend etwas in ihnen sei in diesem Sinne vorge-
bracht Was hier angestrebt wird, ist, das in der Seele am
Naturwissen Entfaltete sich so weiter entwickeln zu lassen,
wie es sich seiner eigenen Wesenheit nach entwickeln kann,
und dann darauf aufmerksam zu machen, daB bei solcher
Entwickelung die Seele auf ubersinnliche Tatsachen stoBt.
Es wird dabei vorausgesetzt, daB jeder Leser, der auf das
Ausgefiihrte einzugehen vermag, ganz notwendig auf diese
Tatsachen stoBt. Ein Unterschied gegeniiber der rein na-
turwissenschaftlichen Betrachtung liegt allerdings in dem
Augenblicke vor, in dem man das geisteswissenschaftliche
Gebiet betritt. In der Naturwissenschaft liegen die Tatsachen
im Felde der SinnesWelt vor; der wissenschaftliche Darsteller
betrachtet die Seelenbetatigung als etwas, das gegenuber
dem Zusammenhang und Verlauf der Sinnes-Tatsachen zu-
riicktritt. Der geisteswissenschaftliche Darsteller muB diese
Seelenbetatigung in den Vordergrund stellen; denn der Leser
gelangt nur zu den Tatsachen, wenn er diese Seelenbetati-
gung in rechtmaBiger Weise zu seiner eigenen macht. Diese
Tatsachen sind nicht wie in der Naturwissenschaft — aller-
dings unbegriffen — auch ohne die Seelenbetatigung vor der
menschlichen Wahrnehmung; sie treten vielmehr in diese
nur durch die Seelenbetatigung. Der geisteswissenschaftliche
Darsteller setzt also voraus, daB der Leser mit ihm gemein-
sam die Tatsachen sucht Seine Darstellung wird in der Art
gehalten sein, daB er von dem Auffinden dieser Tatsachen
erzahlt und daB in der Art, wie er erzahlt, nicht person-
liche Willkur, sondern der an der Naturwissenschaft heran-
erzogene wissenschaftliche Sinn herrscht Er wird daher auch
genotigt sein, von den Mitteln zu sprechen, durch die man
zu einer Betrachtung des Nichtsinnlichen — des Ubersinn-
lichen — gelangt. — Wer sich in eine geheimwissenschaftliche
Darstellung einlaBt, der wird bald einsehen, daB durch sie
Vorstellungen und Ideen erworben werden, die man vorher
nicht gehabt hat. So kommt man zu neuen Gedanken auch
iiber das, was man vorher iiber das Wesen des «Beweisens»
gemeint hat. Man lernt erkennen, daB fur die naturwissen-
schaftliche Darstellung das «Beweisen» etwas ist, was an
diese gewissermaBen von auBen herangebracht wird. Im
geisteswissenschaftlichen Denken liegt aber die Betatigung,
welche die Seele beim naturwissenschaftlichen Denken auf
den Beweis wendet, schon in dem Suchen nach den Tat-
Sachen. Man kann diese nicht finden, wenn nicht der Weg
zu ihnen schon ein beweisender ist. Wer diesen Weg wirk-
lich durchschreitet, hat auch schon das Beweisende erlebt;
es kann nichts durch einen von auBen hinzugefiigten Beweis
geleistet werden. DaB man dieses im Charakter der Geheim-
wissenschaft verkennt, raft viele MiBverstandnisse hervor.
Alle Geheimwissenschaft muB aus zwei Gedanken her-
vorkeimen, die in jedem Menschen Wurzel fassen konnen.
Fiir den Geheimwissenschafter, wie er hier gemeint ist,
driicken diese beiden Gedanken Tatsachen aus, die man er-
leben kann, wenn man sich der rechten Mittel dazu bedient.
Fiir viele Menschen bedeuten schon diese Gedanken hochst
anfechtbare Behauptungen, iiber die sich viel streiten laBt,
wenn nicht gar etwas, dessen Unmoglichkeit man «bewei-
sen» kann.
Diese beiden Gedanken sind, daB es hinter der sichtbaren
Welt eine imsichtbare, eine zunachst fur die Sinne und das
an diese Sinne gefesselte Denken verborgene Welt gibt, und
daB es dem Menschen durch Entwickelung von Fahigkeiten,
die in ihm schlummern, moglich ist, in diese verborgene
Welt einzudringen.
Solch eine verborgene Welt gibt es nicht, sagt der eine.
Die Welt, welche der Mensch durch seine Sinne wahrnimmt,
sei die einzige. Man konne ihre Ratsel aus ihr selbst losen.
Wenn auch der Mensch gegenwartig noch weit davon ent-
fernt sei, alle Fragen des Daseins beantworten zu konnen,
es werde schon die Zeit kommen, wo die Sinneserfahrung
und die auf sie gestiitzte Wissenschaft die Antworten wer-
den geben konnen.
Man konne nicht behaupten, daB es nicht eine verbor-
gene Welt hinter der sichtbaren gebe, sagen andere; aber die
menschlichen Erkenntniskrafte konnen nicht in diese Welt
eindringen. Sie haben Grenzen, die sie nicht liberschreiten
konnen. Mag das Bediirfnis des «Glaubens» zu einer sol-
chen Welt seine Zuflucht nehmen: eine wahre Wissenschaft,
die sich auf gesicherte Tatsachen stiitzt, konne sich mit einer
solchen Welt nicht beschaftigen.
Eine dritte Partei ist die, welche es fur eine Art Ver-
messenheit ansieht, wenn der Mensch durch seine Erkennt-
nisarbeit in ein Gebiet eindringen will, in bezug auf welches
man auf «Wissen» verzichten und sich mit dem «Glauben»
bescheiden soil. Wie ein Unrecht empfinden es die Bekenner
dieser Meinung, wenn der schwache Mensch vordringen will
in eine Welt, die einzig dem religiosen Leben angehoren
konne.
Auch das wird vorgebracht, daB alien Menschen eine ge-
meinsame Erkenntnis der Tatsachen der SinnesWelt mog-
lich sei, daB aber in bezug auf die ubersinnlichen Dinge ein-
zig die personliche Meinung des einzelnen in Frage kommen
konne und daB von einer allgemein geltenden GewiBheit
in diesen Dingen nicht gesprochen werden sollte.
Andere behaupten vieles andere.
Man kann sich klar daruber werden, daB die Betrachtung
der sichtbaren Welt dem Menschen Ratsel vorlegt, die nie-
mals aus den Tatsachen dieser Welt selbst gelost werden
konnen. Sie werden auch dann auf diese Art nicht gelost
werden, wenn die Wissenschaft dieser Tatsachen so weit wie
nur irgend moglich fortgeschritten sein wird. Denn die sicht-
baren Tatsachen weisen deutlich durch ihre eigene innere
Wesenheit auf eine verborgene Welt hin. Wer solches nicht
einsieht, der verschlieBt sich den Ratseln, die uberall deut-
lich aus den Tatsachen der SinnesWelt hervorspringen. Er
will gewisse Fragen und Ratsel gar nicht sehen; deshalb
glaubt er, daB alle Fragen durch die sinnenfalligen Tatsachen
beantwortet werden konnen. Diejenigen Fragen, welche er
stellen will, sind wirklich auch alle durch die Tatsachen zu
beantworten, von denen er sich verspricht, daB man sie im
Laufe der Zukimft entdecken werde. Das kann man ohne
weiteres zugeben. Aber warum sollte der auch auf Antwor-
ten in gewissen Dingen warten, der gar keine Fragen stellt?
Wer nach Geheimwissenschaft strebt, sagt nichts anderes,
als daB fur ihn solche Fragen selbstverstandlich seien und
daB man sie als einen vollberechtigten Ausdruck der mensch-
lichen Seele anerkennen mlisse. Die Wissenschaft kann doch
nicht dadurch in Grenzen eingezwangt werden, daB man
dem Menschen das unbefangene Fragen verbietet.
Zu der Meinung, der Mensch habe Grenzen seiner Er-
kenntnis, die er nicht uberschreiten konne und die ihn zwin-
gen, vor einer unsichtbaren Welt haltzumachen, muB doch
gesagt werden: es kann gar kein Zweifel obwalten, daB man
durch diejenige Erkenntnisart, welche da gemeint ist, nicht
in eine unsichtbare Welt eindringen konne. Wer diese Er-
kenntnisart fur die einzig mogliche halt, der kann gar nicht
zu einer andern Ansicht als zu der kommen, daB es dem
Menschen versagt sei, in eine etwa vorhandene hohere
Welt einzudringen. Aber man kann doch auch das Folgende
sagen: wenn es moglich ist, eine andere Erkenntnisart zu
entwickeln, so kann doch diese in die ubersinnliche Welt
fuhren. Halt man eine solche Erkenntnisart fur unmoglich,
dann kommt man zu einem Gesichtspunkte, von dem aus
gesehen alles Reden liber eine ubersinnliche Welt als der
reine Unsinn erscheint. Gegenuber einem unbefangenen
Urteil kann es aber fur eine solche Meinung keinen andern
Grund geben als den, daB dem Bekenner derselben jene an-
dere Erkenntnisart unbekannt ist Wie kann man aber tiber
dasjenige iiberhaupt urteilen, von dem man behauptet, daB
man es nicht kenne? Unbefangenes Denken muB sich zu
dem Satze bekennen, daB man nur von demjenigen spreche,
was man kennt, und daB man tiber dasjenige nichts fest-
stelle, was man nicht kennt. Solches Denken kann nur von
dem Rechte sprechen, daB jemand eine Sache mitteile, die er
erfahren hat, nicht aber von einem Rechte, daB jemand fur
unmoglich erklare, was er nicht weiB oder nicht wissen will.
Man kann niemand das Recht bestreiten, sich um das Uber-
sinnliche nicht zu ktimmern; aber niemals kann sich ein
echter Grund dafur ergeben, daB jemand nicht nur fur das
sich maBgebend erklarte, was er wissen kann, sondern auch
fur alles das, was «ein Mensch» nicht wissen kann.
Denen gegentiber, welche es als Vermessenheit erklaren,
in das tibersinnliche Gebiet einzudringen, muB eine geheim-
wissenschaftliche Betrachtung zu bedenken geben, daB man
dies konne und daB es eine Verstindigung sei gegen die dem
Menschen gegebenen Fahigkeiten, wenn er sie veroden laBt,
statt sie zu entwickeln und sich ihrer zu bedienen.
Wer aber glaubt, die Ansichten tiber die tibersinnliche
Welt mtissen ganz dem personlichen Meinen und Empfin-
den angehoren, der verleugnet das Gemeinsame in alien
menschlichen Wesen. Es ist gewiB richtig, daB die Einsicht
in diese Dinge ein jeder durch sich selbst finden mtisse, es ist
auch eine Tatsache, daB alle diejenigen Menschen, welche
nur weit genug gehen, tiber diese Dinge nicht zu verschie-
denen, sondern zu der gleichen Einsicht kommen. Die Ver-
schiedenheit ist nur solange vorhanden, als sich die Men-
schen nicht auf einem wissenschaftlich gesicherten Wege,
sondern auf dem der personlichen Willkiir den hochsten
Wahrheiten nahern wollen. Das allerdings muB ohne wei-
teres wieder zugestanden werden, daB nur derjenige die
Richtigkeit des geheimwissenschaftlichen Weges anerkennen
konne, der sich in dessen Eigenart einleben will.
Den Weg zur Geheimwissenschaft kann jeder Mensch in
dem fur ihn geeigneten Zeitpunkte finden, der das Vorhan-
densein eines Verborgenen aus dem Offenbaren heraus er-
kennt oder auch nur vermutet oder ahnt, und welcher aus
dem BewuBtsein heraus, daB die Erkenntniskrafte entwicke-
lungsfahig seien, zu dem Gefiihl getrieben wird, daB das
Verborgene sich ihm enthullen konne. Einem Menschen, der
durch diese Seelenerlebnisse zur Geheimwissenschaft gefuhrt
wird, dem eroffhet sich durch diese nicht nur die Aussicht,
daB er fur gewisse Fragen seines Erkenntnisdranges die
Antwort finden werde, sondern auch noch die ganz andere,
daB er zum Uberwinder alles dessen wird, was das Leben
hemmt und schwach macht Und es bedeutet in einem ge-
wissen hoheren Sinne eine Schwachung des Lebens, ja einen
seelischen Tod, wenn der Mensch sich gezwungen sieht, sich
von dem Ubersinnlichen abzuwenden oder es zu leugnen.
Ja, es fuhrt unter gewissen Voraussetzungen zur Verzweif-
lung, wenn ein Mensch die Hoffnung verliert, daB ihm
das Verborgene offenbar werde. Dieser Tod und diese Ver-
zweiflung in ihren mannigfaltigen Formen sind zugleich in-
nere, seelische Gegner geheimwissenschaftlicher Bestrebung.
Sie treten ein, wenn des Menschen innere Kraft dahinschwin-
det Dann muB ihm alle Kraft des Lebens von auBen zuge-
fiihrt werden, wenn liberhaupt eine solche in seinen Besitz
kommen soil. Er nimmt dann die Dinge, die Wesenheiten
und Vorgange wahr, welche an seine Sinne herantreten; er
zergliedert diese mit seinem Verstande. Sie bereiten ihm
Freude und Schmerz; sie treiben ihn zu den Handlimgen,
deren er fahig ist. Er mag es eine Weile so weiter treiben: er
muB aber doch einmal an einen Punkt gelangen, an dem er
innerlich abstirbt. Denn was so aus der Welt fur den Men-
schen herausgezogen werden kann, erschopft sich. Dies ist
nicht eine Behauptung, welche aus der personlichen Erfah-
rung eines einzelnen stammt, sondern etwas, was sich aus
einer unbefangenen Betrachtung alles Menschenlebens ergibt.
Was vor dieser Erschopfung bewahrt, ist das Verborgene,
das in der Tiefe der Dinge ruht Erstirbt in dem Menschen
die Kraft, in diese Tiefen hinunterzusteigen, um immer
neue Lebenskraft heraufzuholen, so erweist sich zuletzt
auch das AuBere der Dinge nicht mehr lebenfordernd.
Die Sache verhalt sich keineswegs so, daB sie nur den ein-
zelnen Menschen, nur dessen personliches Wohl und Wehe
anginge. Gerade durch wahre geheimwissenschaftliche Be-
trachtungen wird es dem Menschen zur GewiBheit, daB von
einem hoheren Gesichtspunkte aus das Wohl und Wehe des
einzelnen innig zusammenhangt mit dem Heile oder Un-
heile der ganzen Welt. Es gibt da einen Weg, auf dem der
Mensch zu der Einsicht gelangt, daB er der ganzen Welt
und alien Wesen in ihr einen Schaden zufiigt, wenn er seine
Krafte nicht in der rechten Art zur Entfaltung bringt. Ver-
odet der Mensch sein Leben dadurch, daB er den Zusam-
menhang mit dem Ubersinnlichen verliert, so zerstort er
nicht nur in seinem Innern etwas, dessen Absterben ihn zur
Verzweiflung zuletzt flihren kann, sondern er bildet durch
seine Schwache ein Hemmnis fur die Entwickelung der gan-
zen Welt, in der er lebt.
Nun kann sich der Mensch tauschen. Er kann sich dem
Glauben hingeben, daB es ein Verborgenes nicht gabe, daB
in demjenigen, was an seine Sinne und an seinen Verstand
herantritt, schon alles enthalten sei, was iiberhaupt vorhan-
den sein kann. Aber diese Tauschung ist nur fur die Ober-
flache des BewuBtseins moglich, nicht fur dessen Tiefe. Das
Gefiihl und der Wimsch ftigen sich diesem tauschenden Glau-
ben nicht. Sie werden immer wieder in irgendeiner Art nach
einem Verborgenen verlangen. Und wenn ihnen dieses ent-
zogen ist, drangen sie den Menschen in Zweifel, in Lebens-
unsicherheit, ja eben in die Verzweiflung hinein. Ein Erken-
nen, welches das Verborgene offenbar macht, ist geeignet,
alle Hoffnungslosigkeit, alle Lebensunsicherheit, alle Ver-
zweiflung, kurz alles dasjenige zu uberwinden, was das
Leben schwacht und es unfahig zu dem ihm notwendigen
Dienste im Weltganzen macht.
Das ist die schone Frucht geisteswissenschaftlicher Er-
kenntnisse, daB sie dem Leben Starke und Festigkeit und
nicht allein der WiBbegierde Befriedigung geben. Der Quell,
aus dem solche Erkenntnisse Kraft zur Arbeit, Zuversicht
fur das Leben schopfen, ist ein unversieglichen Keiner, der
einmal an diesen Quell wahrhaft herangekommen ist, wird
bei wiederholter Zuflucht, die er zu demselben nimmt, un-
gestarkt hinweggehen.
Es gibt Menschen, die aus dem Grunde von solchen Er-
kenntnissen nichts wissen wollen, weil sie in dem eben Ge-
sagten schon etwas Ungesundes sehen. Fur die Oberflache
und das AuBere des Lebens haben solche Menschen durchaus
recht Sie wollen das nicht verkummert wissen, was das
Leben in der sogenannten Wirklichkeit darbietet. Sie sehen
eine Schwache darin, wenn sich der Mensch von der Wirk-
lichkeit abwendet und sein Heil in einer verborgenen Welt
sucht, die fur sie ja einer phantastischen, ertraumten gleich-
kommt. Will man bei solchem geisteswissenschaftlichen Su-
chen nicht in krankhafte Traumerei und Schwache verfallen,
so muB man das teilweise Berechtigte solcher Einwande an-
erkennen. Denn sie beruhen auf einem gesunden Urteile,
welches nur dadurch nicht zu einer ganzen, sondern zu
einer halben Wahrheit fuhrt, daB es nicht in die Tiefen der
Dinge dringt, sondern an deren Oberflache stehenbleibt. —
Ware ein iibersinnliches Erkenntnisstreben dazu angetan,
das Leben zu schwachen und den Menschen zur Abkehr zu
bringen von der wahren Wirklichkeit, dann waren sicher
solche Einwande stark genug, dieser Geistesrichtung den
Boden unter den FiiBen wegzuziehen.
Aber auch diesen Meinungen gegenuber wiirden geheim-
wissenschaftliche Bestrebungen nicht den rechten Weg gehen,
wenn sie sich im gewohnlichen Sinne des Wortes «vertei-
digen» wollten. Auch da konnen sie nur durch ihren fur
jeden Unbefangenen erkennbaren Wert sprechen, wenn sie
fuhlbar machen, wie sie Lebenskraft und Lebensstarke dem
erhohen, der sich im rechten Sinne in sie einlebt. Diese Be-
strebungen konnen nicht zum Weltfremden Menschen, nicht
zum Traumer machen; sie erkraften den Menschen aus den-
jenigen Lebensquellen, aus denen er, seinem geistig-seelischen
Teil nach, stammt.
Andere Hindernisse des Verstandnisses noch legen sich
manchem Menschen in den Weg, wenn er an geheimwissen-
schaftliche Bestrebungen herantritt. Es ist namlich grund-
satzlich zwar richtig, daB der Leser in der geheimwissen-
schaftlichen Darstellung eine Schilderung findet von Seelen-
erlebnissen, durch deren Verfolgung er sich zu den tiber-
sinnlichen Weltinhalten hinbewegen kann. Allein in der
Praxis muB sich dieses doch als eine Art Ideal ausleben. Der
Leser muB zunachst eine groBere Summe von iibersinnlichen
Erfahrungen, die er noch nicht selbst erlebt, mitteilungsge-
maB aufnehmen. Das kann nicht anders sein und wird auch
mit diesem Buche so sein. Es wird geschildert werden, was
der Verfasser zu wissen vermeint liber das Wesen des Men-
schen, iiber dessen Verhalten in Geburt und Tod und im
leibfreien Zustande in der geistigen Welt; es wird ferner
dargestellt werden die Entwickelung der Erde und der
Menschheit. So konnte es scheinen, als ob doch die Voraus-
setzung gemacht wiirde, daB eine Anzahl vermeintlicher Er-
kenntnisse wie Dogmen vorgetragen wiirden, fiir die Glau-
ben auf Autoritat hin verlangt wiirde. Es ist dies aber doch
nicht der Fall. Was namlich von iibersinnlichen Weltinhal-
ten gewuBt werden kann, das lebt in dem Darsteller als
lebendiger Seeleninhalt; und lebt man sich in diesen Seelen-
inhalt ein, so entztindet dieses Einleben in der eigenen Seele
die Impulse, welche nach den entsprechenden iibersinnlichen
Tatsachen hinfuhren. Man lebt im Lesen von geisteswissen-
schaftlichen Erkenntnissen auf andere Art, als in demjenigen
der Mitteilungen sinnenfalliger Tatsachen. Liest man Mit-
teilungen aus der sinnenfalligen Welt, so liest man eben iiber
sie. Liest man aber Mitteilungen iiber ubersinnliche Tatsa-
chen im rechten Sinne, so lebt man sich ein in den Strom
geistigen Daseins. Im Aufnehmen der Ergebnisse nimmt man
zugleich den eigenen Innenweg dazu auf. Es ist richtig, daB
dies hier Gemeinte von dem Leser zunachst oft gar nicht be-
merkt wird. Man stellt sich den Eintritt in die geistige Welt
viel zu ahnlich einem sinnenfalligen Erlebnis vor, und so
findet man, daB, was man beim Lesen von dieser Welt er-
lebt, viel zu gedankenmaBig ist Aber in dem wahren ge-
dankenmaBigen Aufnehmen steht man in dieser Welt schon
drinnen und hat sich nur noch klar daruber zu werden, daB
man schon unvermerkt erlebt hat, was man vermeinte, bloB
als Gedankenmitteilung erhalten zu haben. — Man wird liber
die echte Natur dieses Erlebten dann voile Klarheit erhal-
ten, wenn man praktisch durchfuhrt, was im zweiten (letz-
ten) Teile dieses Buches als «Weg» zu den ubersinnlichen
Erkenntnissen geschildert wird. Man konnte leicht glauben,
das Umgekehrte sei richtig: dieser Weg miisse zuerst geschil-
dert werden. Das ist aber nicht der Fall. Wer, ohne auf be-
stimmte Tatsachen der ubersinnlichen Welt den Seelenblick
zu richten, nur «t)bungen» macht, um in die ubersinnliche
Welt einzutreten, fur den bleibt diese Welt ein unbestimm-
tes, sich verwirrendes Chaos. Man lernt sich einleben in diese
Welt gewissermaBen naiv, indem man sich iiber bestimmte
Tatsachen derselben unterrichtet, und dann gibt man sich
Rechenschaft, wie man — die Naivitat verlassend — vollbe-
wuBt selbst zu den Erlebnissen gelangt, von denen man
Mitteilung erlangt hat. Man wird sich, wenn man in ge-
heimwissenschaftliche Darstellungen eindringt, liberzeugen,
daB ein sicherer Weg zu ubersinnlicher Erkenntnis doch nur
dieser sein kann. Man wird auch erkennen, daB alle Mei-
nung, es konnten die ubersinnlichen Erkenntnisse zuerst als
Dogmen gewissermaBen durch suggestive Macht wirken,
unbegrlindet ist. Denn der Inhalt dieser Erkenntnisse wird
in einem solchen Seelenleben erworben, das ihm jede bloB
suggestive Gewalt benimmt und ihm nur die Moglichkeit
gibt, auf demselben Wege zum andern zu sprechen, auf dem
alle Wahrheiten zu ihm sprechen, die sich an sein besonne-
nes Urteil richten. DaB der andere zunachst nicht bemerkt,
wie er in der geistigen Welt lebt, dazu liegt nicht der Grund
in einem unbesonnenen suggestiven Aufnehmen, sondern
in der Feinheit und dem Ungewohnten des im Lesen Er-
lebten. — So wird man durch das erste Aufnehmen der Mit-
teilungen, wie sie im ersten Teile dieses Buches gegeben sind,
zimachst Mit-Erkenner der iibersinnlichen Welt; durch die
praktische Ausfuhrung der im zweiten Teile angegebenen
Seelenverrichtungen wird man selbstandiger Erkenner in
dieser Welt
Dem Geiste und dem wahren Sinne nach wird auch kein
echter Wissenschafter einen Widerspruch finden konnen zwi-
schen seiner auf den Tatsachen der SinnenWelt erbauten Wis-
senschaft und der Art, wie die ubersinnliche Welt erforscht
wird. Jener Wissenschafter bedient sich gewisser Werkzeuge
und Methoden. Die Werkzeuge stellt er sich durch Verarbei-
tung dessen her, was ihm die «Natur» gibt Die ubersinn-
liche Erkenntnisart bedient sich auch eines Werkzeugs. Nur
ist dieses Werkzeug der Mensch selbst Und auch dieses Werk-
zeug muB fur die hohere Forschung erst zugerichtet werden.
Es miissen in ihm die zunachst ohne des Menschen Zutun
ihm von der «Natur» gegebenen Fahigkeiten und Krafte
in hohere umgewandelt werden. Dadurch kann sich der
Mensch selbst zum Instrument machen fur die Erforschung
der Iibersinnlichen Welt
WESEN DER MENSCHHEIT
Bei der Betrachtung des Menschen vom Gesichtspunkte einer
ubersinnlichen Erkenntnisart tritt sogleich in Kraft, was von
dieser Erkenntnisart im allgemeinen gilt Diese Betrachtung
beruht auf der Anerkennung des «offenbaren Geheimnisses»
in der eigenen menschlichen Wesenheit Den Sinnen und dem
auf sie gestiitzten Verstande ist nur ein Teil von dem zu-
ganglich, was in ubersinnlicher Erkenntnis als menschliche
Wesenheit erfaBt wird, namlich der physische Leib. Um den
Begriff von diesem physischen Leib zu beleuchten, muB zu-
nachst die Aufmerksamkeit auf die Erscheinung gelenkt wer-
den, die wie das groBe Ratsel iiber alle Beobachtung des
Lebens ausgebreitet liegt: auf den Tod und, im Zusammen-
hang damit, auf die sogenannte leblose Natur, auf das Reich
des Mineralischen, das stets den Tod in sich tragt. Es ist da-
mit auf Tatsachen hingewiesen, deren voile Aufklarung nur
durch ubersinnliche Erkenntnis moglich ist und denen ein
wichtiger Teil dieser Schrift gewidmet werden muB. Hier
aber sollen vorerst nur einige Vorstellungen zur Orientie-
rung angeregt werden.
Innerhalb der offenbaren Welt ist der physische Menschen-
leib dasjenige, worinnen der Mensch der mineralischen Welt
gleich ist. Dagegen kann nicht als physischer Leib das gel-
ten, was den Menschen vom Mineral unterscheidet Fur eine
unbefangene Betrachtung ist vor allem die Tatsache wich-
tig, daB der Tod dasjenige von der menschlichen Wesenheit
bloBlegt, was, wenn der Tod eingetreten ist, mit der mine-
ralischen Welt gleicher Art ist. Man kann auf den Leichnam
als auf das vom Menschen hinweisen, was nach dem Tode
Vorgangen unterworfen ist, die sich im Reiche der minera-
lischen Welt finden. Man kann die Tatsache betonen, daB in
diesem Gliede der Menschenwesenheit, dem Leichnam, die-
selben Stoffe und Krafte wirksam sind wie im mineralischen
Gebiet; aber notig ist, nicht minder stark zu betonen, daB
mit dem Tode fur diesen physischen Leib der Zerfall ein-
tritt Berechtigt ist aber auch, zu sagen: gewiB, es sind im
physischen Menschenleibe dieselben Stoffe und Krafte wirk-
sam wie im Mineral; aber ihre Wirksamkeit ist wahrend
des Lebens in einen hoheren Dienst gestellt. Sie wirken erst
der mineralischen Welt gleich, wenn der Tod eingetreten ist.
Da treten sie auf, wie sie ihrer eigenen Wesenheit gemaB
auftreten miissen, namlich als Aufloser der physischen Lei-
besgestaltung.
So ist im Menschen scharf zu scheiden das Offenbare von
dem Verborgenen. Denn wahrend des Lebens muB ein Ver-
borgenes einen fortwahrenden Kampf fiihren gegen die
Stoffe und Krafte des Mineralischen im physischen Leibe.
Hort dieser Kampf auf, so tritt die mineralische Wirksam-
keit auf. — Damit ist auf den Punkt hingewiesen, an dem
die Wissenschaft vom Ubersinnlichen einsetzen muB. Sie hat
dasjenige zu suchen, was den angedeuteten Kampf fiihrt.
Und dies eben ist fur die Beobachtung der Sinne verborgen.
Es ist erst der ubersinnlichen Beobachtung zuganglich. Wie
der Mensch dazu gelangt, daB ihm dieses «Verborgene» so
offenbar werde, wie es den gewohnlichen Augen die sinnlichen
Erscheinungen sind, davon wird in einem spateren Teile
dieser Schrift gesprochen werden. Hier aber soil beschrieben
werden, was sich der ubersinnlichen Beobachtung ergibt
Es ist schon gesagt worden: nur dann konnen die Mittei-
lungen liber den Weg, auf dem man zum hoheren Schauen
gelangt, dem Menschen von Wert sein, wenn er sich zuerst
durch die bloBe Erzahlung bekanntgemacht hat mit dem,
was die iibersinnliche Forschung enthiillt. Denn begreifen
kann man eben auch das auf diesem Gebiete, was man noch
nicht beobachtet. Ja es ist der gute Weg zum Schauen der-
jenige, welcher vom Begreifen ausgeht
Wenn nun auch jenes Verborgene, das in dem physischen
Leibe den Kampf gegen den Zerfall fiihrt, nur fur das hohere
Schauen zu beobachten ist: in seinen Wirkungen liegt es fur
die auf das Offenbare sich beschrankende Urteilskraft klar
zutage. Und diese Wirkungen drlicken sich in der Form oder
Gestalt aus, in welcher wahrend des Lebens die minerali-
schen Stoffe und Krafte des physischen Leibes zusammen-
gefugt sind. Diese Form entschwindet nach und nach, und der
physische Leib wird ein Teil der ubrigen mineralischen Welt,
wenn der Tod eingetreten ist. Die iibersinnliche Anschau-
ung aber kann dasjenige als selbstandiges Glied der mensch-
lichen Wesenheit beobachten, was die physischen Stoffe und
Krafte wahrend des Lebens hindert, ihre eigenen Wege zu
gehen, welche zur Auflosung des physischen Leibes flihren.
Es sei dieses selbstandige Glied der «Atherleib» oder «Lebens-
leib» genannt — Wenn sich nicht sogleich, von Anfang an,
MiBverstandnisse einschleichen sollen, so muB gegenuber
diesen Bezeichnungen eines zweiten Gliedes der mensch-
lichen Wesenheit zweierlei berucksichtigt werden. Das Wort
«Athep> wird hier in einem andern Sinne gebraucht, als
dies von der gegenwartigen Physik geschieht. Diese bezeich-
net z.B. den Trager des Lichtes als Ather. Hier soil aber das
Wort in dem Sinne begrenzt werden, der oben angegeben
worden ist. Es soil angewendet werden fur dasjenige, was
dem hoheren Schauen zuganglich ist und was sich fur die
Sinnesbeobachtung nur in seinen Wirkungen zu erkennen
gibt, namlich dadurch, daB es den im physischen Leibe vor-
handenen mineralischen Stoffen und Kraften eine bestimmte
Form oder Gestalt zu geben vermag. Und auch das Wort
«Leib» soil nicht miBverstanden werden. Man muB zur
Bezeichnung der hoheren Dinge des Daseins eben doch die
Worte der gewohnlichen Sprache gebrauchen. Und diese
driicken ja fiir die Sinnesbeobachtung nur das Sinnliche aus.
Im sinnlichen Sinne ist natlirlich der «Atherleib» durchaus
nichts Leibliches, wie fein man sich ein solches auch vor-
stellen mag*
Indem man in der Darstellung des Ubersinnlichen bis zur
Erwahnung dieses «Atherleibes» oder «Lebensleibes» ge-
langt, ist schon der Punkt erreicht, an dem solcher Darstel-
lung der Widerspruch mancher gegenwartigen Ansicht be-
gegnen muB. Die Entwicklung des Menschengeistes hat
dahin gefuhrt, daB in unserer Zeit das Sprechen von einem
solchen Gliede der menschlichen Wesenheit als etwas Un-
wissenschaftliches angesehen werden muB. Die materiali-
stische Vorstellungsart ist dazu gelangt, in dem lebendigen
Leibe nichts anderes zu sehen als eine Zusammenfugung
von physischen Stoffen und Kraften, wie sie sich in dem
sogenannten leblosen Korper, in dem Mineral, auch findet
Nur sei die Zusammenfugung in dem Lebendigen kompli-
zierter als in dem Leblosen. Man hat auch in der gewohn-
lichen Wissenschaft vor nicht allzulanger Zeit noch andere
Ansichten gehabt. Wer die Schriften manches ernsten Wis-
senschafters aus der ersten Halfte des neunzehnten Jahr-
* DaB mit der Bezeichnung «Atherleib», «Lebensleib» nicht einfach
die Anschauung von der alten, naturwissenschaftlich iiberwundenen
«Lebenskraft» erneuert werden soil, dariiber hat sich der Verfasser
dieses Buches in seiner «Theosophie» ausgesprochen.
himderts verfolgt, dem wird klar, wie da auch «echte Na-
turforscher» sich bewuBt waren, daB in dem lebendigen
Leibe noch etwas anderes vorhanden ist als in dem leblosen
Mineral. Man sprach von einer «Lebenskraft». Zwar wird
diese «Lebenskraft» nicht als das vorgestellt, was oben als
«Lebensleib» gekennzeichnet ist; aber der betreffenden Vor-
stellung liegt doch eine Ahnung davon zugrunde, daB es
dergleichen gibt. Man stellte sich diese «Lebenskraft» etwa
so vor, wie wenn sie in dem lebendigen Leibe zu den physi-
schen Stoffen und Kraften hinzukame auf ahnliche Art, wie
die magnetische Kraft zu dem bloBen Eisen in dem Ma-
gneten. Dann kam die Zeit, in welcher diese «Lebenskraft»
aus dem Bestande der Wissenschaft entfernt wurde. Man
wollte fur alles mit den bloBen physischen und chemischen
Ursachen ausreichen. Gegenwartig ist in dieser Beziehung
bei manchem naturwissenschaftlichen Denker wieder ein
Ruckschlag eingetreten. Es wird von mancher Seite zugege-
ben, daB die Annahme von etwas der «Lebenskraft» Ahn-
lichem doch kein volliger Unsinn sei. Doch wird auch der-
jenige «Wissenschafter», der sich zu solchem herbeilaBt, mit
der hier dargestellten Anschauung in bezug auf den «Le-
bensleib» nicht gemeinsame Sache machen wollen. Es wird
in der Regel zu keinem Ziele fuhren, wenn man sich vom
Gesichtspunkte ubersinnlicher Erkenntnis mit solchen An-
sichten in eine Diskussion einlaBt. Es sollte vielmehr die
Sache dieser Erkenntnis sein, anzuerkennen, daB die mate-
rialistische Vorstellungsart eine notwendige Begleiterschei-
nung des groBen naturwissenschaftlichen Fortschrittes in un-
serer Zeit ist. Dieser Fortschritt beruht auf einer gewaltigen
Verfeinerung der Mittel zur Sinnesbeobachtung. Und es liegt
einmal im Wesen des Menschen, daB er innerhalb der Ent-
wickelung jeweilig einzelne Fahigkeiten auf Kosten anderer
zu einem gewissen Vollkommenheitsgrade bringt. Die ge-
naue Sinnesbeobachtung, die sich in einem so bedeutungs-
vollen MaBe durch die Naturwissenschaft entwickelt hat,
muBte die Pflege derjenigen menschlichen Fahigkeiten in
den Hintergrund treten lassen, welche in die «verborgenen
Welten» fuhren. Aber eine Zeit ist wieder da, in welcher
diese Pflege notwendig ist. Und das Verborgene wird nicht
dadurch anerkannt, daB man die Urteile bekampft, welche
aus dem Ableugnen dieses Verborgenen ja doch mit logi-
scher Folgerichtigkeit sich ergeben, sondern dadurch, daB
man dieses Verborgene selbst in das rechte Licht setzt An-
erkennen werden es dann diejenigen, fur welche die «Zeit
gekommen ist».
Es muBte dies hier nur gesagt werden, damit man nicht
Unbekanntschart mit den Gesichtspunkten der Naturwis-
senschaft voraussetzt, wenn von einem «Atherleib» gespro-
chen wird, der doch in manchen Kreisen fur etwas vollig
Phantastisches gelten muB.
Dieser Atherleib ist also ein zweites Glied der mensch-
lichen Wesenheit. Ihm kommt fur das ubersinnliche Erken-
nen ein hoherer Grad von Wirklichkeit zu als dem phy-
sischen Leibe. Eine Beschreibung, wie ihn das ubersinnliche
Erkennen sieht, kann erst in den folgenden Teilen dieser
Schrift gegeben werden, wenn hervortreten wird, in wel-
chem Sinne solche Beschreibungen zu nehmen sind. Vorlau-
fig mag es genligen, wenn gesagt wird, daB der Atherleib
den physischen Korper uberall durchsetzt und daB er wie
eine Art Architekt des letzteren anzusehen ist. Alle Organe
werden in ihrer Form und Gestalt durch die Stromungen
und Bewegungen des Atherleibes gehalten. Dem physischen
Herzen liegt ein «Atherherz» zugrunde, dem physischen
Gehirn ein «Athergehirn» usw. Es ist eben der Atherleib in
sich gegliedert wie der physische, nur komplizierter, und es
ist in ihm alles in lebendigem DurcheinanderflieBen, wo im
physischen Leibe abgesonderte Teile vorhanden sind.
Diesen Atherleib hat nun der Mensch so mit dem Pflanz-
lichen gemein, wie er den physischen Leib mit dem Minera-
lischen gemein hat. Alles Lebendige hat seinen Atherleib.
Von dem Atherleib steigt die iibersinnliche Betrachtung
auf zu einem weiteren Gliede der menschlichen Wesenheit.
Sie deutet zur Bildung einer Vorstellung von diesem Gliede
auf die Erscheinung des Schlafes hin, wie sie beim Ather-
leib auf den Tod hingewiesen hat. — Alles menschliche
Schaffen beruht auf der Tatigkeit im Wachen, so weit das
Offenbare in Betracht kommt. Diese Tatigkeit ist aber nur
moglich, wenn der Mensch die Erstarkung seiner erschopf-
ten Krafte sich immer wieder aus dem Schlafe holt. Han-
deln und Denken schwinden dahin im Schlafe, aller Schmerz,
alle Lust versinken fur das bewuBte Leben, Wie aus ver-
borgenen, geheimnisvollen Brunnen steigen beim Erwachen
des Menschen bewuBte Krafte aus der BewuBtlosigkeit des
Schlafes auf. Es ist dasselbe BewuBtsein, das beim Einschla-
fen hinuntersinkt in die dunklen Tiefen und das beim Auf-
wachen wieder herauf steigt. Dasjenige, was das Leben im-
mer wieder aus dem Zustand der BewuBtlosigkeit erweckt,
ist im Sinne ubersinnlicher Erkenntnis das dritte Glied der
menschlichen Wesenheit. Man kann es den Astralleib nen-
nen. Wie der physische Leib nicht durch die in ihm befind-
lichen mineralischen Stoffe und Krafte seine Form erhalten
kann, sondern wie er, um dieser Erhaltung willen, von dem
Atherleib durchsetzt sein muB, so konnen die Krafte des
Atherleibes sich nicht durch sich selbst mit dem Lichte des
BewuBtseins durchleuchten. Ein Atherleib, der bloB sich
selbst iiberlassen ware, muBte sich fortdauernd in dem
Zustande des Schlafes befinden. Man kann auch sagen:
er konnte in dem physischen Leibe nur ein Pflanzensein
unterhalten. Ein wachender Atherleib ist von einem Astral-
leib durchleuchtet Fiir die Sinnesbeobachtung verschwindet
die Wirkung dieses Astralleibes, wenn der Mensch in Schlaf
versinkt Fiir die iibersinnliche Beobachtung bleibt er noch
vorhanden; nur erscheint er von dem Atherleib getrennt
oder aus ihm herausgehoben. Die Sinnesbeobachtung hat es
eben nicht mit dem Astralleib selbst zu tun, sondern nur
mit seinen Wirkungen in dem Offenbaren. Und solche sind
wahrend des Schlafes nicht unmittelbar vorhanden. In dem-
selben Sinne, wie der Mensch seinen physischen Leib mit
den Mineralien, seinen Atherleib mit den Pflanzen gemein
hat, ist er in bezug auf seinen Astralleib gleicher Art mit
den Tieren. Die Pflanzen sind in einem fortdauernden
Schlafzustande. Wer in diesen Dingen nicht genau urteilt,
der kann leicht in den Irrtum verfallen, auch den Pflanzen
eine Art von BewuBtsein zuzuschreiben, wie es die Tiere
und Menschen im Wachzustande haben. Das kann aber
nur dann geschehen, wenn man sich von dem BewuBtsein
eine ungenaue Vorstellung macht Man sagt dann, wenn auf
die Pflanze ein auBerer Reiz ausgelibt wird, dann vollziehe
sie gewisse Bewegungen wie das Tier auch. Man spricht
von der Empfindlichkeit mancher Pflanzen, welche z.B.
ihre Blatter zusammenziehen, wenn gewisse auBere Dinge
auf sie einwirken. Doch ist es nicht das Bezeichnende des
BewuBtseins, daB ein Wesen auf eine Wirkung eine gewisse
Gegenwirkung zeigt, sondern daB das Wesen in seinem
Innern etwas erlebt, was zu der bloBen Gegenwirkung als
ein Neues hinzukommt. Sonst konnte man auch von Be-
wuBtsein sprechen, wenn sich ein Stuck Eisen unter dem
Einflusse von Warme ausdehnt. BewuBtsein ist erst vorhan-
den, wenn das Wesen durch die Wirkung der Warme z.B.
innerlich Schmerz erlebt.
Das vierte Glied seiner Wesenheit, welches die ubersinn-
liche Erkenntnis dem Menschen zuschreiben muB, hat er
nun nicht mehr gemein mit der ihn umgebenden Welt des
Offenbaren. Es ist sein Unterscheidendes gegenliber seinen
Mitwesen, dasjenige, wodurch er die Krone der zunachst
zu ihm gehorigen Schopfung ist. Die liber sinnliche Erkennt-
nis bildet eine Vorstellung von diesem weiteren Gliede der
menschlichen Wesenheit, indem sie darauf hinweist, daB
auch innerhalb der wachen Erlebnisse noch ein wesentlicher
Unterschied besteht. Dieser Unterschied tritt sofort hervor,
wenn der Mensch seine Aufmerksamkeit darauf lenkt, daB
er im wachen Zustande einerseits fortwahrend in der Mitte
von Erlebnissen steht, die kommen und gehen miissen, und
daB er andererseits auch Erlebnisse hat, bei denen dies nicht
der Fall ist. Es tritt das besonders scharf hervor, wenn man die
Erlebnisse des Menschen mit denen des Tieres vergleicht. Das
Tier erlebt mit groBer RegelmaBigkeit die Einflusse der auBe-
ren Welt und wird sich unter dem Einflusse der Warme und
Kalte des Schmerzes und der Lust, unter gewissen regelmaBig
ablaufenden Vorgangen seines Leibes des Hungers und Dur-
stes bewuBt. Des Menschen Leben ist mit solchen Erlebnissen
nicht erschopft. Er kann Begierden, Wunsche entwickeln, die
tiber das alles hinausgehen. Beim Tier wtirde man im-
mer nachweisen konnen, wenn man weit genug zu gehen ver-
mochte, wo auBer dem Leibe oder in dem Leibe die Ver-
anlassung zu einer Handlung, zu einer Empfindung ist Beim
Menschen ist das keineswegs der Fall. Er kann Wiinsche und
Begierden erzeugen, zu deren Entstehung die Veranlassung
weder innerhalb noch auBerhalb seines Leibes hinreichend
ist Allem, was in dieses Gebiet fallt, muB man eine beson-
dere Quelle geben. Und diese Quelle kann man im Sinne der
ubersinnlichen Wissenschaft im «Ich» des Menschen sehen.
Das «Ich» kann daher als das vierte Glied der menschlichen
Wesenheit angesprochen werden. — Ware der Astralleib
sich selbst uberlassen, es wtirden sich Lust und Schmerz,
Hunger- und Durstgefuhle in ihm abspielen; was aber dann
nicht zustandekame, ist die Empfindung: es sei ein Bleiben-
des in alle dem. Nicht das Bleibende als solches wird hier
als «Ich» bezeichnet, sondern dasjenige, welches dieses Blei-
bende erlebt Man muB auf diesem Gebiete die Begriffe
ganz scharf fassen, wenn nicht MiBverstandnisse entstehen
sollen. Mit dem Gewahrwerden eines Dauernden, Bleiben-
den im Wechsel der inneren Erlebnisse beginnt das Auf-
dammern des <<Ichgefuhles>>. Nicht daB ein Wesen z.B. Hun-
ger empfindet, kann ihm ein Ichgefuhl geben. Der Hun-
ger stellt sich ein, wenn die erneuerten Veranlassungen zu
ihm sich bei dem betreffenden Wesen geltend machen. Es
fallt dann iiber seine Nahrung her, weil eben diese erneu-
erten Veranlassungen da sind. Das Ichgefuhl tritt erst ein,
wenn nicht nur diese erneuerten Veranlassungen zu der Nah-
rung hintreiben, sondern wenn bei einer vorhergehenden
Sattigung eine Lust entstanden ist und das BewuBtsein die-
ser Lust geblieben ist, so daB nicht nur das gegenwartige
Erlebnis des Hungers, sondern das vergangene der Lust zu
dem Nahrung smittel treibt — Wie der physische Leib zer-
fallt, wenn ihn nicht der Atherleib zusammenhalt, wie der
Atherleib in die BewuBdosigkeit versinkt, wenn ihn nicht
der Astralleib durchleuchtet, so miiBte der Astralleib das
Vergangene immer wieder in die Vergessenheit sinken las-
sen, wenn dieses nicht vom «Ich» in die Gegenwart her-
libergerettet wlirde. Was fiir den physischen Leib der Tod,
fiir den Atherleib der Schlaf, das ist fiir den Astralleib das
Vergessen. Man kann auch sagen: dem Atherleib sei das
Leben eigen, dem Astralleib das Bewufitsein und dem Ich
die Erinnerung.
Noch leichter als in den Irrtum, der Pflanze BewuBtsein
zuzuschreiben, kann man in denjenigen verfallen, bei dem
Tiere von Erinnerung zu sprechen. Es liegt so nahe, an Er-
innerung zu denken, wenn der Hund seinen Herrn wieder-
erkennt, den er vielleicht ziemlich lange nicht gesehen hat.
Doch in Wahrheit beruht solches Wiedererkennen gar nicht
auf Erinnerung, sondern auf etwas vollig anderem. Der
Hund empfindet eine gewisse Anziehung zu seinem Herrn.
Diese geht aus von der Wesenheit des letzteren. Diese We-
senheit bereitet dem Hunde Lust, wenn der Herr fur ihn
gegenwartig ist. Und jedesmal, wenn diese Gegenwart des
Herrn eintritt, ist sie die Veranlassung zu einer Erneuerung
der Lust. Erinnerung ist aber nur dann vorhanden, wenn
ein Wesen nicht bloB mit seinen Erlebnissen in der Gegen-
wart empfindet, sondern wenn es diejenigen der Vergan-
genheit bewahrt. Man konnte sogar dieses zugeben und
dennoch in den Irrtum verfallen, der Hund habe Erinne-
rung. Man konnte namlich sagen: er trauert, wenn sein Herr
ihn verlaBt, also bleibt ihm die Erinnerung an denselben.
Auch das ist ein unrichtiges Urteil. Durch das Zusammen-
leben mit dem Herrn wird fur den Hund dessen Gegenwart
Bedlirfnis, und er empfindet dadurch die Abwesenheit in
ahnlicher Art, wie er den Hunger empfindet. Wer solche
Unterscheidungen nicht macht, wird nicht zur Klarheit iiber
die wahren Verhaltnisse des Lebens kommen.
Aus gewissen Vorurteilen heraus wird man gegen diese
Darstellung einwenden, daB man doch nicht wissen konne,
ob beim Tiere etwas der menschlichen Erinnerung Ahn-
liches vorhanden sei oder nicht. Solcher Einwand beruht
aber auf einer ungeschulten Beobachtung. Wer wirklich sinn-
gemaB beobachten kann, wie sich das Tier im Zusammen-
hange seiner Erlebnisse verhalt, der bemerkt den Unter-
schied dieses Verhaltens von dem des Menschen. Und er
wird sich War, daB das Tier sich so verhalt, wie es dem
Nichtvorhandensein der Erinnerung entspricht Fur die
ubersinnliche Beobachtung ist das ohne weiteres klar. Doch,
was dieser tibersinnlichen Beobachtung unmittelbar zum Be-
wuBtsein kommt, das kann an seinen Wirkungen auf die-
sem Gebiete auch von der sinnlichen Wahrnehmung und
deren denkender Durchdringung erkannt werden. Wenn
man sagt, der Mensch wisse von seiner Erinnerung durch
innere Seelenbeobachtung, die er doch beim Tiere nicht an-
stellen konne, so liegt einer solchen Behauptung ein ver-
hangnisvoller Irrtum zugrunde. Was sich der Mensch iiber
seine Erinnerungsfahigkeit zu sagen hat, das kann er nam-
lich gar nicht einer inneren Seelenbeobachtung entnehmen,
sondern allein dem, was er mit sich in dem Verhalten zu
den Dingen und Vorgangen der AuBenWelt erlebt. Diese
Erlebnisse macht er mit sich und mit einem andern Men-
schen und auch mit den Tieren auf die ganz gleiche Weise.
Es ist nur ein Schein, der den Menschen blendet, wenn er
glaubt, er beurteile das Vorhandensein der Erinnerung nur
an der inneren Beobachtung. Was der Erinnerung als Kraft
zugrunde liegt, mag innerlich genannt werden; das Urteil
iiber diese Kraft wird auch fur die eigene Person durch den
Blick auf den Zusammenhang des Lebens an der AuBenWelt
erworben. Und diesen Zusammenhang kann man wie bei
sich auch bei dem Tiere beurteilen. In bezug auf solche Dinge
leidet unsere gebrauchliche Psychologie an ihren ganz un-
geschulten, ungenauen, im hohen MaBe durch Beobachtungs-
fehler tauschenden Vorstellungen.
Fur das «Ich» bedeuten Erinnerung und Vergessen etwas
durchaus Ahnliches wie fur den Astralleib Wachen und
Schlaf. Wie der Schlaf die Sorgen und Bekummernisse des
Tages in ein Nichts verschwinden laBt, so breitet Vergessen
einen Schleier iiber die schlimmen Erfahrungen des Lebens
und loscht dadurch einen Teil der Vergangenheit aus. Und
wie der Schlaf notwendig ist, damit die erschopften Lebens-
krafte neu gestarkt werden, so muB der Mensch gewisse Teile
seiner Vergangenheit aus der Erinnerung vertilgen, wenn
er neuen Erlebnissen frei und unbefangen gegenuberstehen
soil. Aber gerade aus dem Vergessen erwachst ihm Starkung
fur die Wahrnehmung des Neuen. Man denke an Tatsachen
wie das Lernen des Schreibens. Alle Einzelheiten, welche das
Kind zu durchleben hat, um schreiben zu lernen, werden
vergessen. Was bleibt, ist die Fahigkeit des Schreibens. Wie
wiirde der Mensch schreiben, wenn beim jedesmaligen An-
setzen der Feder alle die Erlebnisse in der Seele als Erinne-
rung aufstiegen, welche beim Schreibenlernen durchgemacht
werden muBten.
Nun tritt die Erinnerung in verschiedenen Stufen auf.
Schon das ist die einfachste Form der Erinnerung, wenn der
Mensch einen Gegenstand wahrnimmt und er dann nach
dem Abwenden von dem Gegenstande die Vorstellung von
ihm wieder erwecken kann. Diese Vorstellung hat der Mensch
sich gebildet, wahrend er den Gegenstand wahrgenommen
hat Es hat sich da ein Vorgang abgespielt zwischen seinem
astralischen Leibe und seinem Ich. Der Astralleib hat den
auBeren Eindruck von dem Gegenstande bewuBt gemacht.
Doch wiirde das Wissen von dem Gegenstande nur so lange
dauern, als dieser gegenwartig ist, wenn das Ich nicht
das Wissen in sich aufnehmen und zu seinem Besitztume
machen wtirde. — Hier an diesem Punkte scheidet die iiber-
sinnliche Anschauung das Leibliche von dem Seelischen.
Man spricht vom Astralleibe, solange man die Entstehung
des Wissens von einem gegenwartigen Gegenstande im Auge
hat. Dasjenige aber, was dem Wissen Dauer gibt, bezeichnet
man als Seele. Man sieht aber zugleich aus dem Gesagten,
wie eng verbimden im Menschen der Astralleib mit dem
Teile der Seele ist, welcher dem Wissen Dauer verleiht.
Beide sind gewissermaBen zu einem Gliede der menschlichen
Wesenheit vereinigt. Deshalb kann man auch diese Verei-
nigung als Astralleib bezeichnen. Auch kann man, wenn
man eine genaue Bezeichnung will, von dem Astralleib des
Menschen als dem Seelenleib sprechen, und von der Seele,
insofern sie mit diesem vereinigt ist, als der Empfindungs-
seele.
Das Ich steigt zu einer hoheren Stufe seiner Wesenheit,
wenn es seine Tatigkeit auf das richtet, was es aus dem Wis-
sen der Gegenstande zu seinem Besitztum gemacht hat. Dies
ist die Tatigkeit, durch welche sich das Ich von den Gegen-
standen der Wahrnehmung immer mehr loslost, um in sei-
nem eigenen Besitze zu arbeiten. Den Teil der Seele, dem
dieses zukommt, kann man als Verstandes- oder Gemiits-
seele bezeichnen. — Sowohl der Empfindungsseele wie der
Verstandesseele ist es eigen, daB sie mit dem arbeiten, was
sie durch die Eindriicke der von den Sinnen wahrgenom-
menen Gegenstande erhalten und davon in der Erinnerung
bewahren. Die Seele ist da ganz hingegeben an das, was fur
sie ein AuBeres ist. Auch dies hat sie ja von auBen empfan-
gen, was sie durch die Erinnerung zu ihrem eigenen Besitz
macht. Sic kann aber liber all das hinausgehen. Sie ist nicht
allein Empfindungs- und Verstandesseele. Die ubersinnliche
Anschauung vermag am leichtesten eine Vorstellung von
diesem Hinausgehen zu bilden, wenn sie auf eine einfache
Tatsache hinweist, die nur in ihrer umfassenden Bedeutung
gewurdigt werden muB. Es ist diejenige, daB es im ganzen
Umfange der Sprache einen einzigen Namen gibt, der seiner
Wesenheit nach sich von alien andern Namen unterschei-
det. Dies ist eben der Name «Ich». Jeden andern Namen
kann dem Dinge oder Wesen, denen er zukommt, jeder
Mensch geben. Das «Ich» als Bezeichnung fur ein Wesen
hat nur dann einen Sinn, wenn dieses Wesen sich diese
Bezeichnung selbst beilegt. Niemals kann von auBen an
eines Menschen Ohr der Name «Ich» als seine Bezeichnung
dringen; nur das Wesen selbst kann ihn auf sich anwenden.
«Ich bin ein Ich nur fur mich; fur jeden andern bin ich ein
Du; und jeder andere ist fur mich ein Du.» Diese Tatsache
ist der auBere Ausdruck einer tief bedeutsamen Wahrheit.
Das eigendiche Wesen des «Ich» ist von allem AuBeren un-
abhangig; deshalb kann ihm sein Name auch von keinem
AuBeren zugerufen werden. Jene religiosen Bekenntnisse,
welche mit BewuBtsein ihren Zusammenhang mit der iiber-
sinnlichen Anschauung aufrechterhalten haben, nennen da-
her die Bezeichung «Ich» den «unaussprechlichen Namen
Gottes». Denn gerade auf das Angedeutete wird gewiesen,
wenn dieser Ausdruck gebraucht wird. Kein AuBeres hat
Zugang zu jenem Teile der menschlichen Seele, der hiermit
ins Auge gefaBt ist. Hier ist das «verborgene Heiligtum»
der Seele. Nur ein Wesen kann da EinlaB gewinnen, mit
dem die Seele gleicher Art ist. «Der Gott, der im Menschen
wohnt, spricht, wenn die Seele sich als Ich erkennt.» Wie
die Empfindungsseele und die Verstandesseele in der auBe-
ren Welt leben, so taucht ein drittes Glied der Seele in das
Gottliche ein, wenn diese zur Wahrnehmung ihrer eigenen
Wesenheit gelangt.
Leicht kann demgegemiber das MiBverstandnis entste-
hen, als ob solche Anschauimgen das Ich mit Gott fur Eins
erklarten. Aber sie sagen durchaus nicht, daB das Ich Gott
sei, sondern nur, daB es mit dem Gottlichen von einerlei
Art und Wesenheit ist. Behauptet denn jemand, der Trop-
fen Wasser, der dem Meere entnommen ist, sei das Meer,
wenn er sagt: der Tropfen sei derselben Wesenheit oder
Substanz wie das Meer? Will man durchaus einen Vergleich
gebrauchen, so kann man sagen: Wie der Tropfen sich zu
dem Meere verhalt, so verhalt sich das «Ich» zum Gott-
lichen. Der Mensch kann in sich ein Gottliches finden, weil
sein ureigenstes Wesen dem Gottlichen entnommen ist So
also erlangt der Mensch durch dieses sein drittes Seelenglied,
ein inneres Wis sen von sich selbst, wie er durch den Astral-
leib ein Wissen von der AuBenWelt erhalt. Deshalb kann die
Geheimwissenschaft dieses dritte Seelenglied auch die Be-
wufitseinsseele nennen. Und in ihrem Sinne besteht das
Seelische aus drei Gliedern: der Empfindungsseele, Ver-
standesseele und BewuBtseinsseele, wie das Leibliche aus
drei Gliedern besteht, dem physischen Leib, dem Atherleib
und dem Astralleib.
Psychologische Beobachtungsfehler, ahnlich denjenigen,
die schon fur die Beurteilung der Erinnerungsfahigkeit be-
sprochen worden sind, machen auch die rechte Einsicht in
die Wesenheit des «Ich» schwierig. Man kann manches, das
man glaubt einzusehen, fur eine Widerlegung des oben in
dieser Beziehung Ausgeftihrten halten, wahrend es in Wahr-
heit eine Bestatigung darstellt. Solches ist der Fall, zum
Beispiel, mit den Bemerkungen, die Eduard von Hartmann
auf S. 55 f. seines «Grundrisses der Psychologie» iiber das
«Ich» angibt: «Zunachst ist das SelbstbewuBtsein alter als
das Wort Ich. Die personlichen Furworter sind ein ziem-
lich spates Produkt der Sprachentwickelung und haben fiir
die Sprache nur den Wert von Abkiirzungen. Das Wort Ich
ist ein kurzer Ersatz fiir den Eigennamen des Redenden,
aber ein Ersatz, den jeder Redende als solcher von sich
braucht, gleichviel mit welchem Eigennamen die anderen
ihn benennen. Das SelbstbewuBtsein kann sich bei Tieren
und bei ununterrichteten taubstummen Menschen sehr hoch
entwickeln, selbst ohne an einen Eigennamen anzukniipfen.
Das BewuBtsein des Eigennamens kann vollstandig den feh-
lenden Gebrauch des Ich ersetzen. Mit dieser Einsicht ist der
magische Nimbus beseitigt, mit dem fur viele das Wortchen
Ich umkleidet ist; es kann dem Begriff des SelbstbewuBt-
seins nicht das mindeste hinzusetzen, sondern empfangt sei-
nen ganzen Inhalt lediglich von diesem.» Man kann mit
solchen Ansichten ganz einverstanden sein; auch damit, daB
dem Wortchen Ich kein magischer Nimbus verliehen werde,
der die besonnene Anschauung iiber die Sache nur triibt
Aber fur das Wesen einer Sache entscheidet nicht, wie all-
mahlich die Wortbezeichnung fiir diese Sache herbeigefuhrt
wird. Eben darauf kommt es an, daB die wirkliche Wesen-
heit des Ich im SelbstbewuBtsein «alter ist als das Wort
Ich». Und daB der Mensch genotigt ist, dieses mit seinen
nur ihm zukommenden Eigenheiten behaftete Wortchen fur
das zu gebrauchen, was er im Wechselverhaltnis zur AuBen-
Welt anders erlebt, als es das Tier erleben kann. So wenig
irgend etwas tiber die Wesenheit des Dreiecks erkannt wer-
den kann dadurch, daB man zeigt, wie das «Wort» Dreieck
sich gebildet hat, so wenig entscheidet tiber die Wesenheit
des Ich, was man wissen kann dartiber, wie aus anderem
Wortgebrauch der des Ich in der Sprachentwickelung sich
gestaltet hat
In der BewuBtseinsseele enthtillt sich erst die wirkliche
Natur des «Ich». Denn wahrend sich die Seele in Empfin-
dung und Verstand an anderes verliert, ergreift sie als Be-
wuBtseinsseele ihre eigene Wesenheit. Daher kann dieses
«Ich» durch die BewuBtseinsseele auch nicht anders als durch
eine gewisse innere Tatigkeit wahrgenommen werden. Die
Vorstellungen von auBeren Gegenstanden werden gebildet,
so wie diese Gegenstande kommen und gehen; und diese
Vorstellungen arbeiten im Verstande weiter durch ihre eigene
Kraft. Soli aber das «Ich» sich selbst wahrnehmen, so kann
es nicht bloB sich hingeben; es muB durch innere Tatigkeit
seine Wesenheit aus den eigenen Tiefen erst heraufholen,
um ein BewuBtsein davon zu haben. Mit der Wahrnehmung
des «Ich» — mit der Selbstbesinnung — beginnt eine innere
Tatigkeit des «Ich». Durch diese Tatigkeit hat die Wahr-
nehmung des Ich in der BewuBtseinsseele fur den Menschen
eine ganz andere Bedeutung als die Beobachtung alles des-
sen, was durch die drei Leibesglieder und durch die beiden
andern Glieder der Seele an ihn herandringt. Die Kraft,
welche in der BewuBtseinsseele das Ich offenbar macht, ist
ja dieselbe wie diejenige, welche sich in aller iibrigen Welt
kundgibt Nur tritt sie in dem Leibe und in den niederen
Seelengliedern nicht immittelbar hervor, sondern offenbart
sich stufenweise in ihren Wirkungen. Die unterste Offen-
barung ist diejenige durch den physischen Leib; dann geht
es stufenweise hinauf bis zu dem, was die Verstandesseele
erfiillt. Man konnte sagen, mit dem Hinansteigen iiber jede
Stufe fallt einer der Schleier, mit denen das Verborgene um-
hiillt ist In dem, was die BewuBtseinsseele erfiillt, tritt die-
ses Verborgene hullenlos in den innersten Seelentempel. Doch
zeigt es sich da eben nur wie ein Tropfen aus dem Meere der
alles durchdringenden Geistigkeit. Aber der Mensch muB
diese Geistigkeit hier zimachst ergreifen. Er muB sie in sich
selbst erkennen; dann kann er sie auch in ihren Offenba-
rungen finden.
Was da wie ein Tropfen hereindringt in die BewuBtseins-
seele, das nennt die Geheimwissenschaft den Geist. So ist
die BewuBtseinsseele mit dem Geiste verbunden, der das
Verborgene in allem Offenbaren ist Wenn der Mensch nun
den Geist in aller Offenbarung ergreifen will, so muB er
dies auf dieselbe Art tun, wie er das Ich in der BewuBt-
seinsseele ergreift. Er muB die Tatigkeit, welche ihn zum
Wahrnehmen dieses Ich gefuhrt hat, auf die offenbare Welt
hinwenden. Dadurch aber entwickelt er sich zu hoheren Stu-
fen seiner Wesenheit. Er setzt den Leibes- und Seelenglie-
dern Neues an. Das nachste ist, daB er dasjenige auch noch
selbst erobert, was in den niederen Gliedern seiner Seele
verborgen liegt. Und dies geschieht durch seine vom Ich
ausgehende Arbeit an seiner Seele. Wie der Mensch in die-
ser Arbeit begriffen ist, das wird anschaulich, wenn man
einen Menschen, der noch ganz niederem Begehren und so-
genannter sinnlicher Lust hingegeben ist, vergleicht mit
einem edlen Idealisten. Der letztere wird aus dem ersteren,
wenn jener sich von gewissen niederen Neigungen abzieht
und hoheren zuwendet Er hat dadurch vom Ich aus ver-
edelnd, vergeistigend auf seine Seele gewirkt Das Ich ist
Herr geworden innerhalb des Seelenlebens. Das kann so
weit gehen, daB in der Seele keine Begierde, keine Lust
Platz greift, ohne daB das Ich die Gewalt ist, welche den
EinlaB ermoglicht Auf diese Art wird dann die ganze Seele
eine Offenbarung des Ich, wie es vorher nur die BewuBt-
seinsseele war. Im Grunde besteht alles Kulturleben und
alles geistige Streben der Menschen aus einer Arbeit, welche
diese Herrschaft des Ich zum Ziele hat Jeder gegenwartig
lebende Mensch ist in dieser Arbeit begriffen: er mag wol-
len oder nicht, er mag von dieser Tatsache ein BewuBtsein
haben oder nicht
Durch diese Arbeit aber geht es zu hoheren Stufen der
Menschenwesenheit hinan. Der Mensch entwickelt durch sie
neue Glieder seiner Wesenheit Diese liegen als Verborgenes
hinter dem fur ihn Offenbaren. Es kann sich der Mensch
aber nicht nur durch die Arbeit an seiner Seele vom Ich aus
zum Herrscher iiber diese Seele machen, so daB diese aus
dem Offenbaren das Verborgene hervortreibt, sondern er
kann diese Arbeit auch erweitern. Er kann ubergreifen auf
den Astralleib. Dadurch bemachtigt sich das Ich dieses Astral-
leibes, indem es sich mit dessen verborgener Wesenheit ver-
einigt. Dieser durch das Ich eroberte, von ihm umgewandelte
Astralleib kann das Geistselbst genannt werden. (Es ist dies
dasselbe, was man in Anlehnung an die morgenlandische
Weisheit «Manas» nennt) In dem Geistselbst ist ein hohe-
res Glied der Menschenwesenheit gegeben, ein solches, das
in ihr gleichsam keimhaft vorhanden ist und das im Laufe
ihrer Arbeit an sich selbst immer mehr herauskommt
Wie der Mensch seinen Astralleib erobert dadurch, daB
er zu den verborgenen Kraften, die hinter ihm stehen, vor-
dringt, so geschieht das im Laufe der Entwickelung auch
mit dem Atherleibe. Die Arbeit an diesem Atherleibe ist
aber eine intensivere als die am Astralleibe; denn was sich
in dem ersteren verbirgt, das ist in zwei, das Verborgene des
Astralleibes jedoch nur in einen Schleier gehiillt. Man kann
sich einen Begriff von dem Unterschiede in der Arbeit an den
beiden Leibern bilden, indem man auf gewisse Veranderungen
hinweist, die mit dem Menschen im Verlaufe seiner Entwicke-
lung eintreten konnen. Man denke zunachst, wie gewisse
Seeleneigenschaften des Menschen sich entwickeln, wenn
das Ich an der Seele arbeitet. Wie Lust und Begierden, Freude
und Schmerz sich andern konnen. Der Mensch braucht da
nur zuruckzudenken an die Zeit seiner Kindheit. Woran hat
er da seine Freude gehabt; was hat ihm Leid verursacht?
Was hat er zu dem hinzugelernt, was er in der Kindheit
gekonnt hat? Alles das aber ist nur ein Ausdruck davon,
wie das Ich die Herrschaft erlangt hat iiber den Astralleib.
Denn dieser ist ja der Trager von Lust und Leid, von Freude
und Schmerz. Und man vergleiche damit, wie wenig sich
im Laufe der Zeit gewisse andere Eigenschaften des Men-
schen andern, z. B. sein Temperament, die tieferen Eigen-
tumlichkeiten seines Charakters usw. Ein Mensch, der als
Kind jahzornig ist, wird gewisse Seiten des Jahzorns auch
fur seine Entwickelung in das spatere Leben hinein oft beibe-
halten. Die Sache ist so auffallend, daB es Denker gibt, wel-
che die Moglichkeit ganz in Abrede stellen, daB der Grund-
charakter eines Menschen sich andern konne. Sie nehmen an,
daB dieser etwas durch das Leben hindurch Bleibendes sei,
welches sich nur nach dieser oder jener Seite offenbare. Ein
solches Urteil beruht aber nur auf einem Mangel in der Be-
obachtung. Wer den Sinn dafiir hat, solche Dinge zu sehen,
dem wird klar, daB sich auch Charakter und Temperament
des Menschen unter dem Einflusse seines Ich andern. Aller-
dings ist diese Anderung im Verhaltnis zur Anderung der
vorhin gekennzeichneten Eigenschaften eine langsame. Man
kann den Vergleich gebrauchen, daB das Verhaltnis der
beiderlei Anderungen ist wie das Vorrucken des Stunden-
zeigers der Uhr im Verhaltnis zum Minutenzeiger. Nun
gehoren die Krafte, welche diese Anderung von Charakter
oder Temperament bewirken, dem verborgenen Gebiet des
Atherleibes an. Sic sind gleicher Art mit den Kraften, welche
im Reiche des Lebens herrschen, also mit den Wachstums-,
Ernahrungskraften und denjenigen, welche der Fortpflan-
zung dienen. Auf diese Dinge wird durch die weiteren Aus-
fuhrungen dieser Schrift das rechte Licht fallen. — Also nicht,
wenn sich der Mensch bloB hingibt an Lust und Leid, an
Freude und Schmerz, arbeitet das Ich am Astralleib, son-
dern wenn sich die Eigentumlichkeiten dieser Seeleneigen-
schaften andern. Und ebenso erstreckt sich die Arbeit auf
den Atherleib, wenn das Ich seine Tatigkeit an eine Ande-
rung seiner Charaktereigenschaften, seiner Temperamente
usw. wendet. Auch an dieser letzteren Anderung arbeitet
jeder Mensch: er mag sich dessen bewuBt sein oder nicht.
Die starksten Impulse, welche im gewohnlichen Leben auf
diese Anderung hinarbeiten, sind die religiosen. Wenn das
Ich die Antriebe, die aus der Religion flieBen, immer wieder
und wieder auf sich wirken laBt, so bilden diese in ihm eine
Macht, welche bis in den Atherleib hineinwirkt und diesen
ebenso wandelt, wie geringere Antriebe des Lebens die Ver-
wandlung des Astralleibes bewirken. Diese geringeren An-
triebe des Lebens, welche durch Lernen, Nachdenken, Ver-
edelung der Gefiihle usw. an den Menschen herankommen,
unterliegen dem mannigfaltig wechselnden Dasein; die re-
ligiosen Empfindungen driicken aber allem Denken, Fiih-
len und Wollen etwas Einheitliches auf. Sie breiten gleich-
sam ein gemeinsames, einheitliches Licht tiber das ganze
Seelenleben aus. Der Mensch denkt und fiihlt heute dies,
morgen jenes. Dazu fiihren die verschiedensten Veranlas-
sungen. Wer aber durch sein wie immer geartetes religioses
Empfinden etwas ahnt, das sich durch alien Wechsel hin-
durchzieht, der wird, was er heute denkt und fiihlt, ebenso
auf diese Grundempfindung beziehen wie die morgigen Er-
lebnisse seiner Seele. Das religiose Bekenntnis hat dadurch
etwas Durchgreifendes im Seelenleben; seine Einfliisse ver-
starken sich im Laufe der Zeit immer mehr, weil sie in fort-
dauernder Wiederholung wirken. Deshalb erlangen sie die
Macht, auf den Atherleib zu wirken. — In ahnlicher Art
wirken die Einfliisse der wahren Kunst auf den Menschen.
Wenn er durch die auBere Form, durch Farbe und Ton
eines Kunstwerkes die geistigen Untergrlinde desselben mit
Vorstellen und Gefiihl durchdringt, dann wirken die Im-
pulse, welche dadurch das Ich empfangt, in der Tat auch
bis auf den Atherleib. Wenn man diesen Gedanken zu Ende
denkt, so kann man ermessen, welch ungeheure Bedeutung
die Kunst fur alle menschliche Entwickelung hat Nur auf
einiges ist hiermit hingewiesen, was dem Ich die Antriebe
liefert, auf den Atherleib zu wirken. Es gibt viele derglei-
chen Einfliisse im Menschenleben, die dem beobachtenden
Blick nicht so offen liegen wie die genannten. Aber schon
aus diesen ist ersichdich, daB im Menschen ein weiteres Glied
seiner Wesenheit verborgen ist, welches das Ich immer mehr
und mehr herausarbeitet Man kann dieses Glied als das
zweite des Geistes, und zwar als den Lebensgeist bezeichnen.
(Es ist dasselbe, was man mit Anlehnung an die morgenlan-
dische Weisheit «Buddhi» nennt.) Der Ausdruck lebens-
geist ist deshalb der entsprechende, weil in dem, was er
bezeichnet, dieselben Krafte wirksam sind wie in dem «Le-
bensleib»; nur ist in diesen Kraften, wenn sie als Lebensleib
sich offenbaren, das menschliche Ich nicht tatig. AuBern sie
sich aber als Lebensgeist, so sind sie von der Tatigkeit des
Ich durchsetzt.
Die intellektuelle Entwicklung des Menschen, seine Lau-
terung und Veredelung von Gefuhlen und WillensauBerun-
gen sind das MaB seiner Verwandlung des Astralleibes zum
Geistselbst; seine religiosen Erlebnisse und manche anderen
Erfahrungen pragen sich dem Atherleibe ein und machen
diesen zum Lebensgeist. Im gewohnlichen Verlaufe des Le-
bens geschieht dies mehr oder weniger unbewuBt, dagegen
besteht die sogenannte Einweihung des Menschen darin, daB
er durch die ubersinnliche Erkenntnis auf die Mittel hinge-
wiesen wird, wodurch er diese Arbeit im Geistselbst und
Lebensgeist ganz bewuBt in die Hand nehmen kann. Von
diesen Mitteln wird in spateren Teilen dieser Schrift die
Rede sein. Vorlaufig handelte es sich darum, zu zeigen, daB
im Menschen auBer der Seele und dem Leibe auch der Geist
wirksam ist. Auch das wird sich spater zeigen, wie dieser
Geist zum Ewigen des Menschen, im Gegensatz zu dem ver-
ganglichen Leibe, gehort.
Mit der Arbeit am Astralleib und am Atherleib ist aber
die Tatigkeit des Ich noch nicht erschopft. Diese erstreckt
sich auch auf den physischen Leib. Einen Anflug von dem
Einflusse des Ich auf den physischen Leib kann man sehen,
wenn durch gewisse Erlebnisse z. B. Erroten oder Erbleichen
eintreten. Hier ist das Ich in der Tat der Veranlasser ei-
nes Vorganges im physischen Leib. Wenn nun durch die
Tatigkeit des Ich im Menschen Veranderungen eintreten in
bezug auf seinen EinfluB im physischen Leibe, so ist das
Ich wirklich vereinigt mit den verborgenen Kraften dieses
physischen Leibes. Mit denselben Kraften, welche seine phy-
sischen Vorgange bewirken. Man kann dann sagen, das Ich
arbeitet durch eine solche Tatigkeit am physischen Leibe. Es
darf dieser Ausdruck nicht miBverstanden werden. Die Mei-
nung darf gar nicht aufkommen, als ob diese Arbeit etwas
Grob-Materielles sei. Was am physischen Leibe als das Grob-
Materielle erscheint, das ist ja nur das Offenbare an ihm.
Hinter diesem Offenbaren liegen die verborgenen Krafte sei-
nes Wesens. Und diese sind geistiger Art. Nicht von einer
Arbeit an dem Materiellen, als welches der physische Leib
erscheint, soil hier gesprochen werden, sondern von der gei-
stigen Arbeit an den unsichtbaren Kraften, welche ihn ent-
stehen lassen und wieder zum Zerfall bringen. Fur das ge-
wohnliche Leben kann dem Menschen diese Arbeit des Ich
am physischen Leibe nur mit einer sehr geringen Klarheit
zum BewuBtsein kommen. Diese Klarheit kommt im vollen
MaBe erst, wenn unter dem EinfluB der ubersinnlichen Er-
kenntnis der Mensch die Arbeit bewuBt in die Hand nimmt
Dann aber tritt zutage, daB es noch ein drittes geistiges Glied
im Menschen gibt. Es ist dasjenige, welches der Geistesmensch
im Gegensatze zum physischen Menschen genannt werden
kann. (In der morgenlandischen Weisheit heiBt dieser «Gei-
stesmensch» das «Atma».)
Man wird in bezug auf den Geistesmenschen auch dadurch
leicht irregeftihrt, daB man in dem physischen Leibe das
niedrigste Glied des Menschen sieht und sich deswegen mit
der Vorstellung nur schwer abfindet, daB die Arbeit an die-
sem physischen Leibe zu dem hochsten Glied in der Men-
schenwesenheit kommen soil. Aber gerade deswegen, weil
der physische Leib den in ihm tatigen Geist unter drei
Schleiern verbirgt, gehort die hochste Art von menschlicher
Arbeit dazu, urn das Ich mit dem zu einigen, was sein ver-
borgener Geist ist.
So stellt sich der Mensch fur die Geheimwissenschaft als
eine aus verschiedenen Gliedern zusammengesetzte Wesen-
heit dar. Leiblicher Art sind: der physische Leib, der Ather-
leib und der Astralleib. Seelisch sind: Empfindungsseele,
Verstandesseele und BewuBtseinsseele. In der Seele breitet
das Ich sein Licht aus. Und geistig sind: Geistselbst, Lebens-
geist und Geistesmensch. Aus den obigen Ausfuhrungen geht
hervor, daB die Empfindungsseele und der Astralleib eng
vereinigt sind und in einer gewissen Beziehung ein Ganzes
ausmachen. In ahnlicher Art sind BewuBtseinsseele und Geist-
selbst ein Ganzes. Denn in der BewuBtseinsseele leuchtet der
Geist auf und von ihr aus durchstrahlt er die andern Glie-
der der Menschennatur. Mit Rucksicht darauf kann man auch
von der folgenden Gliederung des Menschen sprechen. Man
kann Astralleib und Empfindungsseele als ein Glied zusam-
menfassen, ebenso BewuBtseinsseele und Geistselbst und kann
die Verstandesseele, weil sie an der Ich-Natur Teil hat, weil
sie in einer gewissen Beziehung schon das «Ich» ist, das sich
seiner Geistwesenheit nur noch nicht bewuBt ist, als «Ich»
schlechtweg bezeichnen und bekommt dann sieben Teile des
Menschen: 1. Physischer Leib; 2. Atherleib oder Lebensleib;
3. Astralleib; 4. Ich; 5. Geistselbst; 6. Lebensgeist; 7. Geist-
mensch.
Auch flir den an materialistische Vorstellimgen gewohn-
ten Menschen wtirde diese Gliederung des Menschen im
Sinne der Siebenzahl nicht das «unklar Zauberhafte» haben,
das er ihr oft zuschreibt, wenn er sich genau an den Sinn der
obigen Auseinandersetzungen halten wtirde und nicht von
vornherein dieses «Zauberhafte» selbst in die Sache hinein-
legen wiirde. In keiner andern Art, nur vom Gesichtspunkte
einer hoheren Form der Weltbeobachtung aus, sollte von
diesen «sieben» Gliedern des Menschen gesprochen werden,
so wie man von den sieben Farben des Lichtes spricht oder
von den sieben Tonen der Tonleiter (indem man die Ok-
tave als eine Wiederholung des Grundtones betrachtet). Wie
das Licht in sieben Farben, der Ton in sieben Stufen er-
scheint, so die einheitliche Menschennatur in den gekenn-
zeichneten sieben Gliedern. So wenig die Siebenzahl bei Ton
und Farbe etwas von «Aberglauben» mit sich fuhrt, so we-
nig ist das mit Bezug auf sie bei der Gliederung des Men-
schen der Fall. (Es ist bei einer Gelegenheit, als dies einmal
mundlich vorgebracht worden ist, gesagt worden, daB die
Sache bei den Farben mit der Siebenzahl doch nicht stimme,
da jenseits des «Roten» und des «Violetten» doch auch noch
Farben liegen, welche das Auge nur nicht wahrnimmt Aber
auch in Anbetracht dessen stimmt der Vergleich mit den Far-
ben, denn auch jenseits des physischen Leibes auf der einen
Seite und jenseits des Geistesmenschen anderseits setzt sich
die Wesenheit des Menschen fort; nur sind fur die Mittel
der geistigen Beobachtung diese Fortsetzungen «geistig un-
sichtbar», wie die Farben jenseits von Rot und Violett fur
das physische Auge unsichtbar sind. Diese Bemerkung muBte
gemacht werden, weil so leicht die Meinung aufkommt, die
ubersinnliche Anschauung nehme es mit dem naturwissen-
schaftlichen Denken nicht genau, sie sei in bezug auf das-
selbe dilettantisch. Wer aber richtig zusieht, was mit dem
Gesagten gemeint ist, der kann finden, daB dies in Wahr-
heit nirgends in einem Widerspruch steht mit der echten
Naturwissenschaft; weder wenn naturwissenschaftliche Tat-
sachen zur Veranschaulichung herangezogen werden, noch
auch wenn mit den hier gemachten AuBerungen auf ein un-
mittelbares Verhaltnis zu der Naturforschung gedeutet
wird.)
SCHLAF UND TOD
Man kann das Wesen des wachen BewuBtseins nicht durch-
dringen ohne die Beobachtung desjenigen Zustandes, wel-
chen der Mensch wahrend des Schlafens durchlebt; und man
kann dem Ratsel des Lebens nicht beikommen, ohne den
Tod zu betrachten. Fur einen Menschen, in dem kein Ge-
fiihl lebt von der Bedeutung der iibersinnlichen Erkenntnis,
konnen sich schon daraus Bedenken gegen diese ergeben,
wie sie ihre Betrachtungen des Schlafes und des Todes treibt
Diese Erkenntnis kann die Beweggrtinde wurdigen, aus
denen solche Bedenken entspringen. Denn es ist nichts Un-
begreifliches, wenn jemand sagt, der Mensch sei fur das tatige,
wirksame Leben da und sein Schaffen beruhe auf der Hin-
gabe an dieses. Und die Vertiefung in Zustande wie Schlaf
und Tod konne nur aus dem Sinn fur muBige Traumerei
entspringen und zu nichts anderem als zu leerer Phantastik
fiihren. Es konnen leicht Menschen in der Ablehnung einer
solchen «Phantastik» den Ausdruck einer gesunden Seele
sehen und in der Hingabe an derlei «muBige Traumereien»
etwas Krankhaftes, das nur Personen eignen mag, denen
es an Lebenskraft und Lebensfreude mangelt und die nicht
zum «wahren Schaffen» befahigt sind. Man tut Unrecht,
wenn man ein solches Urteil ohne weiteres als unrichtig
hinstellt. Denn es hat einen gewissen wahren Kern in sich;
es ist eine Viertelwahrheit, die durch die ubrigen drei Vier-
tel, welche zu ihr gehoren, erganzt werden muB. Und man
macht denjenigen, der das eine Viertel ganz gut einsieht,
von den andern drei Vierteln aber nichts ahnt, nur miB-
trauisch, wenn man das eine richtige Viertel bekampft. —
Es muB namlich unbedingt zugegeben werden, daB eine
Betrachtung dessen, was Schlaf und Tod verhiillen, krankhaft
ist, wenn sie zu einer Schwachung, zu einer Abkehr vom
wahren Leben fiiuhrt Und nicht weniger kann man damit
einverstanden sein, daB vieles, was sich von jeher in der
Welt Geheimwissenschaft genannt hat und was auch gegen-
wartig unter diesem Namen getrieben wird, ein ungesun-
des, lebensfeindliches Geprage tragt. Aber dieses Ungesunde
entspringt durchaus nicht aus wahrer iibersinnlicher Er-
kenntnis. Der wahre Tatbestand ist vielmehr der folgende.
Wie der Mensch nicht immer wachen kann, so kann er auch
fur die wirklichen Verhaltnisse des Lebens in seinem ganzen
Umfange nicht auskommen ohne das, was ihm das Uber-
sinnliche zu geben vermag. Das Leben dauert fort im Schlafe,
und die Krafte, welche im Wachen arbeiten und schaffen,
holen sich ihre Starke und ihre Erfrischung aus dem, was
ihnen der Schlaf gibt So ist es mit dem, was der Mensch in
der offenbaren Welt beobachten kann. Das Gebiet der Welt
ist weiter als das Feld dieser Beobachtung. Und was der
Mensch im Sichtbaren erkennt, das mufi erganzt und be-
fruchtet werden durch dasjenige, was er iiber die unsicht-
baren Welten zu wissen vermag. Ein Mensch, der sich nicht
immer wieder die Starkung der erschlafften Krafte aus dem
Schlafe holte, muBte sein Leben zur Vernichtung fuhren;
ebenso muB eine Weltbetrachtung zur Verodung fuhren, die
nicht durch die Erkenntnis des Verborgenen befruchtet wird.
Und ahnlich ist es mit dem «Tode». Die lebenden Wesen
verfallen dem Tode, damit neues Leben entstehen konne.
Es ist eben die Erkenntnis des Ubersinnlichen, welche
Wares Licht verbreitet iiber den schonen Satz Goethes:
«Die Natur hat den Tod erfunden, um viel Leben zu haben.»
Wie es kein Leben im gewohnlichen Sinne geben konnte
ohne den Tod, so kann es keine wirkliche Erkenntnis
der sichtbaren Welt geben ohne den Einblick in das Uber-
sinnliche. Alles Erkennen des Sichtbaren muB immer wie-
der und wieder in das Unsichtbare untertauchen, um sich
entwickeln zu konnen. So ist ersichtlich, daB die Wissen-
schaft vom Ubersinnlichen erst das Leben des offenbaren
Wissens moglich macht; sie schwacht niemals das Leben,
wenn sie in ihrer wahren Gestalt auftaucht; sie starkt es
und macht es immer wieder frisch und gesund, wenn es
sich, auf sich selbst angewiesen, schwach und krank ge-
macht hat
Wenn der Mensch in Schlaf versinkt, dann verandert
sich der Zusammenhang in seinen Gliedern. Das, was vom
schlafenden Menschen auf der Ruhestatte liegt, enthalt den
physischen Leib und den Atherleib, nicht aber den Astral-
leib und nicht das Ich. Weil der Atherleib mit dem physi-
schen Leibe im Schlafe verbunden bleibt, deshalb dauern
die Lebenswirkungen fort. Denn in dem Augenblicke, wo
der physische Leib sich selbst liberlassen ware, miiBte er zer-
fallen. Was aber im Schlafe ausgeloscht ist, das sind die
Vorstellungen, das ist Leid und Lust, Freude und Kummer,
das ist die Fahigkeit, einen bewuBten Willen zu auBern, und
ahnliche Tatsachen des Daseins. Von alledem ist aber der
Astralleib der Trager. Es kann fur ein unbefangenes Urtei-
len naturlich die Meinung gar nicht in Betracht kommen,
daB im Schlafe der Astralleib mit aller Lust und allem Leid,
mit der ganzen Vorstellungs- und WillensWelt vernichtet
sei. Er ist eben in einem andern Zustande vorhanden. DaB
das menschliche Ich und der Astralleib nicht nur mit Lust
und Leid und all dem andern Genannten erfullt sei, sondern
davon auch eine bewuBte Wahrnehmung habe, dazu ist not-
wendig, daB der Astralleib mit dem physischen Leib und
Atherleib verbimden sei. Im Wachen ist er dieses, im Schla-
fen ist er es nicht. Er hat sich aus ihm herausgezogen. Er hat
eine andere Art des Daseins angenommen als diejenige ist,
die ihm wahrend seiner Verbindung mit physischem Leibe
und Atherleibe zukommt Es ist nun die Aufgabe der Er-
kenntnis des Ubersinnlichen, diese andere Art des Daseins
im Astralleibe zu betrachten. Fur die Beobachtung in der
auBeren Welt entschwindet der Astralleib im Schlafe; die
ubersinnliche Anschauung hat ihn nun zu verfolgen in sei-
nem Leben, bis er wieder Besitz vom physischen Leibe und
Atherleibe beim Erwachen ergreift Wie in alien Fallen, in
denen es sich um die Erkenntnis der verborgenen Dinge und
Vorgange der Welt handelt, gehort zum Auffinden der wirk-
lichen Tatsachen des Schlafzustandes in ihrer eigenen Ge-
stalt die ubersinnliche Beobachtung; wenn aber einmal aus-
gesprochen ist, was durch diese gefunden werden kann, dann
ist dieses fur ein wahrhaft unbefangenes Denken ohne wei-
teres verstandlich. Denn die Vorgange der verborgenen Welt
zeigen sich in ihren Wirkungen in der offenbaren. Ersieht
man, wie das, was die ubersinnliche Betrachtung angibt, die
sinnenfalligen Vorgange verstandlich macht, so ist eine
solche Bestatigung durch das Leben der Beweis, den man fur
diese Dinge verlangen kann. Wer nicht die spater anzuge-
benden Mittel zur Erlangung der ubersinnlichen Beobach-
tung gebrauchen will, der kann die folgende Erfahrung
machen. Er kann zunachst die Angaben der ubersinnlichen
Erkenntnis hinnehmen und dann sie auf die offenbaren
Dinge seiner Erfahrung anwenden. Er kann auf diese Art
finden, daB das Leben dadurch klar und verstandlich wird.
Und er wird zu dieser Uberzeugung um so mehr kommen,
je genauer und eingehender er das gewohnliche Leben be-
trachtet.
Wenn auch der Astralleib wahrend des Schlafes keine
Vorstellungen erlebt, wenn er auch nicht Lust und Leid und
ahnliches erfahrt: er bleibt nicht untatig. Ihm obliegt viel-
mehr gerade im Schlafzustande eine rege Tatigkeit Es ist
eine Tatigkeit, in welche er in rhythmischer Folge immer
wieder eintreten muB, wenn er eine Zeitlang in Gemeinschaft
mit dem physischen und dem Atherleib tatig war. Wie ein
Uhrpendel, nachdem es nach links ausgeschlagen hat und
wieder in die Mittellage zuruckgekommen ist, durch die bei
diesem Ausschlag gesammelte Kraft nach rechts ausschlagen
muB: so miissen der Astralleib und das in seinem SchoBe
befindliche Ich, nachdem sie einige Zeit in dem physischen
und dem Atherleib tatig waren, durch die Ergebnisse dieser
Tatigkeit eine folgende Zeit leibfrei in einer seelisch-geisti-
gen UmWelt ihre Regsamkeit entfalten. Fur die gewohnliche
Lebensverfassung des Menschen tritt innerhalb dieses leib-
freien Zustandes des Astralleibes und des Ich BewuBtlosig-
keit ein, weil diese eben den Gegensatz gegenliber dem im
Wachzustande durch Zusammensein mit physischem und
Atherleib entwickelten BewuBtseinszustand darstellt: wie
der rechte Pendelausschlag den Gegensatz des linken bildet.
Die Notwendigkeit, in diese BewuBtlosigkeit einzutreten,
wird von dem Geistig-Seelischen des Menschen als Ermii-
dung empfunden. Aber diese Ermudung ist der Ausdruck
dafur, daB Astralleib und Ich wahrend des Schlafes sich be-
reft machen, im folgenden Wachzustande am physischen und
Atherleibe wieder zuruckzubilden, was in diesen, solange sie
frei vom Geistig-Seelischen waren, durch rein organische —
unbewuBte — Bildetatigkeit entstanden ist. Diese unbewuBte
Bildetatigkeit und dasjenige, was im Menschenwesen wah-
rend des BewuBtseins und durch dieses geschieht, sind Gegen-
satze. Solche Gegensatze, die in rhythmischer Folge sich ab-
wechseln miissen. — Es kann dem physischen Leib die ihm
fiir den Menschen zukommende Form und Gestalt nur durch
den menschlichen Atherleib erhalten werden. Aber diese
menschliche Form des physischen Leibes kann nur durch
einen solchen Atherleib erhalten werden, dem seinerseits
wieder von dem Astralleibe die entsprechenden Krafte zu-
gefuhrt werden. Der Atherleib ist der Bildner, der Archi-
tekt des physischen Leibes. Er kann aber nur im richtigen
Sinne bilden, wenn er die Anregung zu der Art, wie er zu
bilden hat, von dem Astralleibe erhalt. In diesem sind die
Vorbilder, nach denen der Atherleib dem physischen Leibe
seine Gestalt gibt Wahrend des Wachens ist nun der Astral-
leib nicht mit diesen Vorbildern fiir den physischen Leib
erfullt oder wenigstens nur bis zu einem bestimmten Grade.
Denn wahrend des Wachens setzt die Seele ihre eigenen
Bilder an die Stelle dieser Vorbilder. Wenn der Mensch die
Sinne auf seine Umgebung richtet, so bildet er sich eben
durch die Wahrnehmung in seinen Vorstellungen Bilder,
welche die Abbilder der ihn umgebenden Welt sind.
Diese Abbilder sind zunachst Storenfriede fur diejenigen
Bilder, welche den Atherleib anregen zur Erhaltung des
physischen Leibes. Nur dann, wenn der Mensch aus eigener
Tatigkeit seinem Astralleibe diejenigen Bilder zufuhren
konnte, welche dem Atherleibe die richtige Anregung ge-
ben konnen, dann ware eine solche Storung nicht vorhan-
den. Im Menschendasein spielt aber gerade diese Storung
eine wichtige Rolle. Und sie driickt sich dadurch aus, daB
wahrend des Wachens die Vorbilder fur den Atherleib nicht
in ihrer vollen Kraft wirken. Seine Wachleistung vollbringt
der Astralleib innerhalb des physischen Leibes; im Schlafe
arbeitet er an diesem von auBen*
Wie der physische Leib z. B. in der Zufuhr der Nah-
rungsmittel die AuBenWelt braucht, mit der er gleicher
Art ist, so ist etwas Ahnliches auch fur den Astralleib der
Fall. Man denke sich einen physischen Menschenleib aus der
ihn umgebenden Welt entfernt. Er miiBte zugrunde gehen.
Das zeigt, daB er ohne die ganze physische Umgebung nicht
moglich ist. In der Tat muB die ganze Erde eben so sein,
wie sie ist, wenn auf ihr physische Menschenleiber vorhan-
den sein sollen. In Wahrheit ist namlich dieser ganze
Menschenleib nur ein Teil der Erde, ja in weiterem Sinne
des ganzen physischen Weltalls. Er verhalt sich in dieser
Beziehung wie z. B. der Finger einer Hand zu dem
ganzen menschlichen Korper. Man trenne den Finger von
der Hand, und er kann kein Finger bleiben. Er verdorrt.
So auch miiBte es dem menschlichen Leibe ergehen, wenn er
von demjenigen Leibe entfernt wlirde, von dem er ein Glied
ist; von den Lebensbedingungen, welche ihm die Erde liefert
Man erhebe ihn eine geniigende Anzahl von Meilen tiber die
Oberflache der Erde, und er wird verderben, wie der Finger
verdirbt, den man von der Hand abschneidet. Wenn der
Mensch gegeniiber seinem physischen Leibe diese Tatsache
weniger beachtet als gegeniiber Finger und Korper, so beruht
das lediglich darauf, daB der Finger nicht am Leibe herum-
spazieren kann wie der Mensch auf der Erde und daB fur
jenen daher die Abhangigkeit leichter in die Augen springt.
* liber das Wesen der Ermiidung vgl. man die am Schlusse
dieses Buches angefiigten «Einzelheiten aus dem Gebiete der Geistes-
wissenschaft».
Wie nun der physische Leib in die physische Welt einge-
bettet ist, zu der er gehort, so ist der Astralleib zu der sei-
nigen gehorig. Nur wird er durch das Wachleben aus dieser
seiner Welt herausgerissen. Man kann das, was da vorgeht,
mit einem Vergleiche sich veranschaulichen. Man denke sich
ein GefaB mit Wasser. Ein Tropfen ist innerhalb dieser gan-
zen Wassermasse nichts fur sich Abgesondertes. Man nehme
aber ein kleines Schwammchen und sauge damit einen Trop-
fen aus der ganzen Wassermasse heraus. So etwas geht mit
dem menschlichen Astralleibe beim Erwachen vor sich. Wah-
rend des Schlafes ist er in einer mit ihm gleichen Welt Er
bildet etwas in einer gewissen Weise zu dieser Gehoriges.
Beim Erwachen saugen ihn der physische Leib und der Ather-
leib auf. Sie erfullen sich mit ihm. Sie enthalten die Organe,
durch die er die auBere Welt wahrnimmt. Er aber muB, um
zu dieser Wahrnehmung zu kommen, aus seiner Welt sich
herausscheiden. Aus dieser seiner Welt aber kann er nur die
Vorbilder erhalten, welche er fur den Atherleib braucht —
Wie dem physischen Leibe z.B. die Nahrungsmittel aus
seiner Umgebung zukommen, so kommen dem Astral-
leib wahrend des Schlafzustandes die Bilder der ihn um-
gebenden Welt zu. Er lebt da in der Tat auBerhalb des
physischen und des Atherleibes im Weltall. In demselben
Weltall, aus dem heraus der ganze Mensch geboren ist In
diesem Weltall ist die Quelle der Bilder, durch die der Mensch
seine Gestalt erhalt Er ist harmonisch diesem Weltall ein-
gegliedert Und er hebt sich wahrend des Wachens heraus
aus dieser umfassenden Harmonie, um zu der auBeren
Wahrnehmung zu kommen. Im Schlaf kehrt sein Astralleib
in diese Harmonie dis Weltalls zuriick. Er fiihrt beim Er-
wachen aus dieser so viel Kraft in seine Leiber ein, daB er
das Verweilen in der Harmonie wieder flir einige Zeit ent-
behren kann. Der Astralleib kehrt wahrend des Schlafes in
seine Heimat zuriick und bringt sich beim Erwachen neu-
gestarkte Krafte in das Leben mit. Den auBeren Ausdruck
findet der Besitz, den der Astralleib beim Erwachen mit-
bringt, in der Erquickung, welche ein gesunder Schlaf ver-
leiht Die weiteren Darlegimgen der Geheimwissenschaft
werden ergeben, daB diese Heimat des Astralleibes um-
fassender ist als dasjenige, was zum physischen Korper im
engeren Sinne von der physischen Umgebung gehort. Wah-
rend namlich der Mensch als physisches Wesen ein Glied der
Erde ist, gehort sein Astralleib Welten an, in welche noch
andere Weltkorper eingebettet sind als unsere Erde. Er tritt
dadurch — was, wie gesagt, erst in den weiteren Ausfiihrun-
gen klar werden kann — wahrend des Schlafes in eine Welt
ein, zu der andere Welten als die Erde gehoren.
Es sollte uberflussig sein, auf ein leicht sich einstellendes
MiBverstandnis in bezug auf diese Tatsachen hinzuweisen.
Es ist aber nicht unnotig in unserer Zeit, in der gewisse ma-
terialistische Vorstellungsarten vorhanden sind. Von Seiten,
auf denen solche herrschen, kann naturlich gesagt werden,
es sei einzig wissenschaftlich, so etwas wie den Schlaf nach
seinen physischen Bedingungen zu erforschen. Wenn auch
die Gelehrten iiber die physische Ursache des Schlafes noch
nicht einig seien: das eine stehe doch fest, daB man be-
stimmte physische Vorgange annehmen miisse, welche die-
ser Erscheinung zugrunde liegen. Wenn man aber doch an-
erkennen wollte, daB die ubersinnliche Erkenntnis durchaus
nicht mit dieser Behauptung im Wider spruch steht! Sie gibt
alles zu, was von dieser Seite gesagt wird, wie man zugibt,
daB fur die physische Entstehung eines Hauses ein Ziegel
auf den andern gelegt werden muB und daB, wenn das
Haus fertig ist, aus rein mechanischen Gesetzen seine Form
und sein Zusammenhalt erklart werden konne. Aber daB
das Haus entsteht, dazu ist der Gedanke des Baumeisters
notwendig. Ihn findet man nicht, wenn man lediglich die
physischen Gesetze untersucht. — So wie hinter den phy-
sischen Gesetzen, welche das Haus erklarlich machen, die
Gedanken seines Schopfers stehen, so hinter dem, was die
physische Wissenschaft in durchaus richtiger Weise vor-
bringt, dasjenige, wo von durch die ubersinnliche Erkenntnis
gesprochen wird. GewiB, dieser Vergleich wird oft vorge-
bracht, wenn von der Rechtfertigung eines geistigen Hinter-
grundes der Welt die Rede ist. Und man kann ihn trivial
finden. Aber in solchen Dingen handelt es sich nicht darum,
daB man mit gewissen Begriffen bekannt ist, sondern darum,
daB man ihnen zur Begrlindung einer Sache das richtige
Gewicht beilegt. Daran kann man einfach dadurch ver-
hindert sein, daB entgegengesetzte Vorstellungen eine zu
groBe Macht iiber die Urteilskraft haben, um dieses Gewicht
in der richtigen Weise zu empfinden.
Ein Zwischenzustand zwischen Wachen und Schlafen ist
das Traumen. Was die Traumerlebnisse einer sinnigen Be-
trachtung darbieten, ist das bunte Durcheinanderwogen einer
BilderWelt, das aber doch auch etwas von Regel und Gesetz
in sich birgt. Aufsteigen und Abfluten, oft in wirrer Folge,
scheint zunachst diese Welt zu zeigen. Losgebunden ist der
Mensch in seinem Traumleben von dem Gesetz des wachen
BewuBtseins, das ihn kettet an die Wahrnehmung der Sinne
und an die Regeln seiner Urteilskraft. Und doch hat der
Traum etwas von geheimnisvollen Gesetzen, welche der
menschlichen Ahnung reizvoll und anziehend sind und
welche die tiefere Ursache davon sind, daB man das schone
Spiel der Phantasie, wie es kimstlerischem Empfinden zu-
grunde liegt, immer gern mit dem «Traumen» vergleicht
Man braucht sich nur an einige kennzeichnende Traume zu
erinnern, und man wird das bestatigt finden. Ein Mensch
traumt z. B., daB er einen auf ihn losstiirzenden Hund
verjage. Er wacht auf und findet sich eben noch dabei, wie
er unbewuBt einen Teil der Bettdecke von sich abschiebt,
die sich an eine ungewohnte Stelle seines Korpers gelegt
hat und die ihm deshalb lastig geworden ist Was macht
da das Traumleben aus dem sinnlich wahrnehmbaren Vor-
gang? Was die Sinne im wachen Zustande wahrnehmen
wiirden, laBt das Schlafleben zunachst vollig im UnbewuB-
ten liegen. Es halt aber etwas Wesentliches fest, namlich die
Tatsache, daB der Mensch etwas von sich abwehren will.
Und um dieses herum spinnt es einen bildhaften Vorgang.
Die Bilder als solche sind Nachklange aus dem wachen Tages-
leben. Die Art, wie sie diesem entnommen sind, hat etwas
Willkurliches. Ein jeder hat die Empfindung, daB ihm der
Traum bei derselben auBeren Veranlassung auch andere
Bilder vorgaukeln konnte. Aber die Empfindung, daB der
Mensch etwas abzuwehren hat, drucken sie sinnbildlich aus.
Der Traum schafft Sinnbilder; er ist ein Symboliker. Auch
innere Vorgange konnen sich in solche Traumsymbole wan-
deln. Ein Mensch traumt, daB ein Feuer neben ihm prasselt;
er sieht im Traume die Flammen. Er wacht auf und fiihlt,
daB er sich zu stark zugedeckt hat und ihm zu warm ge-
worden ist Das Gefiihl zu groBer Warme driickt sich sinn-
bildlich in dem Bilde aus. Ganz dramatische Erlebnisse
konnen sich im Traume abspielen. Jemand traumt z. B., er
stehe an einem Abgrunde. Er sieht, wie ein Kind heran-
lauft Der Traum laBt ihn alle Qualen des Gedankens er-
leben: wenn das Kind nur nicht unaufmerksam sein moge
und in die Tiefe stiirze. Er sieht es fallen und hort den
dumpfen Aufschlag des Korpers unten. Er wacht auf und
vernimmt, daB ein Gegenstand, der an der Wand des Zim-
mers hing, sich losgelost hat und bei seinem Auff alien einen
dumpfen Ton gegeben hat Diesen einfachen Vorgang driickt
das Traumleben in einem Vorgange aus, der sich in spannen-
den Bildern abspielt — Man braucht sich vorlaufig gar nicht
in Nachdenken daruber einzulassen, wie es komme, daB in
dem letzten Beispiele sich der Augenblick des dumpfen Auf-
schlagens eines Gegenstandes in eine Reihe von Vorgangen
auseinanderlegt, die sich durch eine gewisse Zeit auszudeh-
nen scheinen; man braucht nur ins Auge zu fassen, wie der
Traum das, was die wache Sinneswahrnehmung darbieten
wiirde, in ein Bild verwandelt
Man sieht: sofort, wenn die Sinne ihre Tatigkeit ein-
stellen, so macht sich fur den Menschen ein Schopferisches
geltend. Es ist dies dasselbe Schopferische, welches im vollen
traumlosen Schlafe auch vorhanden ist und welches da
jenen Seelenzustand darstellt, der als Gegensatz der wachen
Seelenverfassung erscheint Soil dieser traumlose Schlaf ein-
treten, so muB der Astralleib vom Atherleib und vom phy-
sischen Leibe herausgezogen sein. Er ist wahrend des Trau-
mens vom physischen Leibe insofern getrennt, als er keinen
Zusammenhang mehr hat mit dessen Sinnesorganen; er halt
aber mit dem Atherleibe noch einen gewissen Zusammen-
hang aufrecht. DaB die Vorgange des Astralleibes in Bildern
wahrgenommen werden konnen, das kommt von diesem
seinem Zusammenhang mit dem Atherleibe. In dem Augen-
blicke, in dem auch dieser Zusammenhang aufhort, versin-
ken die Bilder in das Dunkel der BewuBtlosigkeit, und der
traumlose Schlaf ist da. Das Willkiirliche und oft Wider-
sinnige der Traumbilder riihrt aber davon her, daB der
Astralleib wegen seiner Trennung von den Sinnesorganen
des physischen Leibes seine Bilder nicht auf die richtigen
Gegenstande und Vorgange der auBeren Umgebung bezie-
hen kann. Besonders klarend ist fur diesen Tatbestand die
Betrachtung eines solchen Traumes, in dem sich das Ich
gewissermaBen spaltet. Wenn jemandem z. B. traumt, er
konne als Schuler eine ihm vom Lehrer vorgelegte Frage
nicht beantworten, wahrend sie gleich darauf der Lehrer
selbst beantwortet. Weil der Traumende sich der Wahrneh-
mungsorgane seines physischen Leibes nicht bedienen kann,
ist er nicht imstande, die beiden Vorgange auf sich, als den-
selben Menschen, zu beziehen. Also auch um sich selbst als
ein bleibendes Ich zu erkennen, gehort fur den Menschen
zunachst die Ausrustung mit auBeren Wahrnehmungsorga-
nen. Nur dann, wenn sich der Mensch die Fahigkeit erwor-
ben hatte, auf andere Art als durch solche Wahrnehmungs-
organe sich seines Ich bewuBt zu werden, ware auch auBer
seinem physischen Leibe das bleibende Ich fur ihn wahr-
nehmbar. Solche Fahigkeiten hat das ubersinnliche BewuBt-
sein zu erwerben, und es wird in dieser Schrift von den Mit-
teln dazu im weiteren die Rede sein.
Auch der Tod tritt durch nichts anderes ein als durch eine
Anderung im Zusammenhange der Glieder des Menschen-
wesens. Auch dasjenige, was in bezug darauf die ubersinn-
liche Beobachtung ergibt, kann in seinen Wirkungen in der
offenbaren Welt gesehen werden; und die unbefangene Ur-
teilskraft wird durch die Betrachtung des auBeren Lebens
auch hier die Mitteilungen der tibersinnlichen Erkenntnis
bestatigt rinden. Doch ist fur diese Tatsachen der Ausdruck
des Unsichtbaren im Sichtbaren weniger offenliegend, und
man hat groBere Schwierigkeiten, urn das Gewicht dessen
voll zu empfinden, was in den Vorgangen des auBeren Le-
bens bestatigend fiir die Mitteilungen der tibersinnlichen
Erkenntnis auf diesem Gebiete spricht. Noch naher als fiir
manches in dieser Schrift bereits Besprochene liegt es hier,
diese Mitteilungen einfach fur Phantasiegebilde zu erklaren,
wenn man sich der Erkenntnis verschlieBen will, wie im
Sinnenfalligen der deudiche Hinweis auf das Ubersinnliche
enthalten ist
Wahrend sich beim Ubergang in den Schlaf der Astralleib
nur aus seiner Verbindung mit dem Atherleib und dem phy-
sischen Leibe lost, die letzteren jedoch verbunden bleiben,
tritt mit dem Tode die Abtrennung des physischen Leibes
vom Atherleib ein. Der physische Leib bleibt seinen eigenen
Kraften uberlassen und muB deshalb als Leichnam zerfallen.
Fiir den Atherleib ist aber nunmehr mit dem Tode ein Zu-
stand eingetreten, in dem er wahrend der Zeit zwischen Ge-
burt und Tod niemals war — , bestimmte Ausnahmezustande
abgerechnet, von denen noch gesprochen werden soil. Er ist
namlich jetzt mit seinem Astralleib vereinigt, ohne daB der
physische Leib dabei ist. Denn nicht unmittelbar nach dem
Eintritt des Todes trennen sich Atherleib und Astralleib. Sie
halten eine Zeitlang durch eine Kraft zusammen, von der
leicht verstandlich ist, daB sie vorhanden sein muB. Ware
sie namlich nicht vorhanden, so konnte sich der Atherleib
gar nicht aus dem physischen Leibe herauslosen. Denn er
wird mit diesem zusammengehalten: das zeigt der Schlaf,
wo der Astralleib nicht imstande ist, diese beiden Glieder
des Menschen auseinanderzureiBen. Diese Kraft tritt beim
Tode in Wirksamkeit Sie lost den Atherleib aus dem phy-
sischen heraus, so daB der erstere jetzt mit dem Astralleib
verbimden ist. Die iibersinnliche Beobachtung zeigt, daB
diese Verbindung fiir verschiedene Menschen nach dem Tode
verschieden ist Die Dauer bemiBt sich nach Tagen. Von die-
ser Zeitdauer soil hier vorlaufig nur mitteilungsweise die
Rede sein. — Spater lost sich dann der Astralleib auch von
seinem Atherleib heraus und geht ohne diesen seine Wege
weiter. Wahrend der Verbindung der beiden Leiber ist der
Mensch in einem Zustande, durch den er die Erlebnisse seines
Astralleibes wahrnehmen kann. Solange der physische Leib
da ist, muB mit der Loslosung des Astralleibes von ihm
sogleich die Arbeit von auBen beginnen, um die abgenutz-
ten Organe zu erfrischen. Ist der physische Leib abgetrennt,
so fallt diese Arbeit weg. Doch die Kraft, welche auf sie
verwendet wird, wenn der Mensch schlaft, bleibt nach dem
Tode, und sie kann jetzt zu anderem verwendet werden.
Sie wird nun dazu gebraucht, um die eigenen Vorgange des
Astralleibes wahrnehmbar zu machen.
Eine am AuBeren des Lebens haftende Beobachtung mag
immerhin sagen: Das sind alles Behauptungen, die dem mit
ubersinnlicher Anschauung Begabten einleuchten; fur einen
andern Menschen sei aber keine Moglichkeit vorhanden, an
ihre Wahrheit heranzudringen. Die Sache ist doch nicht so.
Was die iibersinnliche Erkenntnis auch auf diesem dem ge-
wohnlichen Anschauen endegenen Gebiete beobachtet: es
kann von der gewohnlichen Urteilskraft, nachdem es gefun-
den ist, erfaBt werden. Es muB diese Urteilskraft nur die
Lebenszusammenhange, die im Offenbaren vorliegen, in der
rechten Art vor sich hinstellen. Vorstellen, Fiihlen und Wol-
len stehen unter sich und mit den an der AuBenWelt von dem
Menschen gemachten Erlebnissen in einem solchen Verhalt-
nis, daB sie unverstandlich bleiben, wenn die Art ihrer ojfen-
baren Wirksamkeit nicht als Ausdruck einer unoffenbaren
genommen wird. Diese offenbare Wirksamkeit hellt sich fur
das Urteil erst auf wenn sie in ihrem Verlauf im physischen
Menschenleben als Ergebnis dessen angesehen werden kann,
was die iibersinnliche Erkenntnis fur das nicht-physische
feststellt Man befindet sich dieser Wirksamkeit gegenuber
ohne die iibersinnliche Erkenntnis wie in einem finstern
Zimmer ohne Licht Wie man die physischen Gegenstande
der Umgebung erst im Lichte sieht, so wird, was durch das
Seelenleben des Menschen sich abspielt, erst erklarbar durch
die iibersinnliche Erkenntnis.
Wahrend der Verbindung des Menschen mit seinem phy-
sischen Leibe tritt die auBere Welt in Abbildern ins BewuBt-
sein; nach der Ablegung dieses Leibes wird wahrnehmbar,
was der Astralleib erlebt, wenn er durch keine physischen
Sinnesorgane mit dieser AuBenWelt verbunden ist Neue Er-
lebnisse hat er zunachst nicht Die Verbindung mit dem
Atherleibe hindert ihn daran, etwas Neues zu erleben. Was
er aber besitzt, das ist die Erinnerung an das vergangene
Leben. Diese laBt der noch vorhandene Atherleib als ein
umfassendes, lebensvolles Gemalde erscheinen. Das ist das
erste Erlebnis des Menschen nach dem Tode. Er nimmt das
Leben zwischen Geburt und Tod als eine vor ihm ausge-
breitete Reihe von Bildern wahr. Wahrend dieses Lebens ist
die Erinnerung nur im Wachzustand vorhanden, wenn der
Mensch mit seinem physischen Leib verbunden ist Sie ist
nur insoweit vorhanden, als dieser Leib dies zulaBt Der
Seele geht nichts verloren von dem, was im Leben auf sie
Eindruck macht. Ware der physische Leib dazu ein voll-
kommenes Werkzeug: es miiBte in jedem Augenblicke des
Lebens moglich sein, dessen ganze Vergangenheit vor die
Seele zu zaubern. Mit dem Tode hort dieses Hindernis auf.
Solange der Atherleib dem Menschen erhalten bleibt, besteht
eine gewisse Vollkommenheit der Erinnerung. Sie schwindet
aber in dem MaBe dahin, in dem der Atherleib die Form
verliert, welche er wahrend seines Aufenthaltes im physi-
schen Leibe gehabt hat und welche dem physischen Leib ahn-
lich ist. Das ist ja auch der Grund, warum sich der Astral-
leib vom Atherleib nach einiger Zeit trennt. Er kann nur so
lange mit diesem vereint bleiben, als dessen dem physischen
Leib entsprechende Form andauert. — Wahrend des Lebens
zwischen Geburt und Tod tritt eine Trennung des Ather-
leibes nur in Ausnahmefallen und nur fur kurze Zeit ein.
Wenn der Mensch z. B. eines seiner Glieder belastet, so
kann ein Teil des Atherleibes aus dem physischen sich ab-
trennen. Von einem Gliede, bei dem dies der Fall ist, sagt
man, es sei «eingeschlafen». Und das eigentumliche Gefiihl,
das man dann empfindet, riihrt von dem Abtrennen des
Atherleibes her. (Natlirlich kann eine materialistische Vor-
stellungsart auch hier wieder das Unsichtbare in dem Sicht-
baren leugnen und sagen: das alles rlihre nur von der durch
den Druck bewirkten physischen Storung her.) Die iiber-
sinnliche Beobachtung kann in einem solchen Falle sehen,
wie der entsprechende Teil des Atherleibes aus dem physi-
schen herausruckt. Wenn nun der Mensch einen ganz un-
gewohnten Schreck oder dergleichen erlebt, so kann fur einen
groBen Teil des Leibes fur eine ganz kurze Zeit eine solche
Abtrennung des Atherleibes erfolgen. Es ist das dann der
Fall, wenn der Mensch sich durch irgend etwas plotzlich
dem Tode nahe sieht, wenn er z. B. am Ertrinken ist
oder bei einer Bergpartie ihm ein Absturz droht. Was Leute,
die solches erlebt haben, erzahlen, das kommt in der Tat der
Wahrheit nahe und kann durch iibersinnliche Beobachtung
bestatigt werden. Sie geben an, daB ihnen in solchen Augen-
blicken ihr ganzes Leben wie in einem groBen Erinnerungs-
bilde vor die Seele getreten ist Es mag von vielen Beispielen,
die hier angefuhrt werden konnten, nur auf eines hin-
gewiesen werden, weil es von einem Manne herrlihrt, fur
dessen Vorstellungsart alles, was hier iiber solche Dinge
gesagt wird, als eitel Phantasterei erscheinen muB. Es ist
namlich fiir den, welcher einige Schritte in die iibersinnliche
Beobachtung tut, immer sehr nutzlich, wenn er sich mit den
Angaben derjenigen bekannt macht, welche diese Wissen-
schaft fiir Phantasterei halten. Solchen Angaben kann nicht
so leicht Befangenheit des Beobachters nachgesagt werden.
(Die Geheimwissenschafter mogen nur recht viel von denen
lernen, welche ihre Bestrebungen fur Unsinn halten. Es
braucht sie nicht irre zu machen, wenn ihnen von den letzte-
ren in solcher Beziehung keine Gegenliebe entgegengebracht
wird. Fiir die iibersinnliche Beobachtung selbst bedarf es
allerdings solcher Dinge nicht zur Bewahrheitung ihrer Er-
gebnisse. Sie will mit diesen Hinweisen auch nicht beweisen,
sondern erlautern.) Der ausgezeichnete Kriminalanthropo-
loge und auf vielen anderen Gebieten der Naturforschung
bedeutsame Forscher Moritz Benedikt erzahlt in seinen
Lebenserinnerungen den von ihm selbst erlebten Fall, daB
er einmal, als er dem Ertrinken in einem Bade nahe war,
wie in einem einzigen Bilde sein ganzes Leben in der
Erinnerung vor sich gesehen habe. — Wenn andere die bei
ahnlicher Gelegenheit erlebten Bilder anders beschreiben, ja
sogar so, daB sie mit den Vorgangen ihrer Vergangenheit
scheinbar wenig zu tun haben, so widerspricht das dem
Gesagten nicht, denn die Bilder, welche in dem ganz un-
gewohnten Zustande der Abtrennung von dem physischen
Leibe entstehen, sind manchmal in ihrer Beziehung zum Le-
ben nicht ohne weiteres erklarlich. Eine richtige Betrachtung
wird diese Beziehung aber immer erkennen. Auch ist es
kein Einwand, wenn jemand z.B. dem Ertrinken einmal
nahe war und das geschilderte Erlebnis nicht gehabt hat.
Man muB eben bedenken, daB dieses nur dann eintreten
kann, wenn wirklich der Atherleib von dem physischen
getrennt ist und dabei der erstere mit dem Astralleib ver-
bunden bleibt. Wenn durch den Schreck auch eine Lockerung
des Atherleibes und Astralleibes eintritt, dann bleibt das
Erlebnis aus, weil dann wie im traumlosen Schlaf vollige
BewuBtlosigkeit vorhanden ist.
In einem Erinnerungsgemalde zusammengefaBt erscheint
in der ersten Zeit nach dem Tode die erlebte Vergangenheit.
Nach der Trennung von dem Atherleib ist nun der Astral-
leib fur sich allein auf seiner weiteren Wanderung. Es ist
unschwer einzusehen, daB in dem Astralleib alles das vor-
handen bleibt, was dieser durch seine eigene Tatigkeit wah-
rend seines Aufenthaltes im physischen Leibe zu seinem Besitz
gemacht hat. Das Ich hat bis zu einem gewissen Grade das
Geistselbst, den Lebensgeist und den Geistesmenschen her-
ausgearbeitet Soweit diese entwickelt sind, erhalten sie ihr
Dasein nicht von dem, was als Organe in den Leibern vor-
handen ist, sondern vom Ich. Und dieses Ich ist ja gerade
dasjenige Wesen, welches keiner auBeren Organe zu seiner
Wahrnehmung bedarf. Und es braucht auch keine solchen,
um im Besitze dessen zu bleiben, was es mit sich selbst ver-
eint hat. Man konnte einwenden: Ja warum ist im Schlafe
keine Wahrnehmung von diesem entwickelten Geistselbst,
Lebensgeist und Geistesmenschen vorhanden? Sie ist deswe-
gen nicht vorhanden, weil das Ich zwischen Geburt und Tod
an den physischen Leib gekettet ist. Wenn es auch im Schlafe
mit dem Astralleibe sich auBerhalb dieses physischen Leibes
befindet, so bleibt es doch mit diesem eng verbunden. Denn
die Tatigkeit seines Astralleibes ist diesem physischen Leibe
zugewandt. Dadurch ist das Ich mit seiner Wahrnehmung
an die auBere SinnenWelt verwiesen, kann somit die Offen-
barungen des Geistigen in seiner unmittelbaren Gestalt nicht
empfangen. Erst durch den Tod tritt diese Offenbarung an
das Ich heran, weil dieses durch ihn frei wird von seiner
Verbindung mit physischem und Atherleib. In dem Augen-
blicke kann fiir die Seele eine andere Welt aufleuchten, in
dem sie herausgezogen ist aus der physischen Welt, die im
Leben ihre Tatigkeit an sich fesselt. — Nun gibt es Griinde,
warum auch in diesem Zeitpunkte fur den Menschen nicht
alle Verbindung mit der auBeren SinnenWelt aufhort. Es
bleiben namlich gewisse Begierden vorhanden, welche diese
Verbindung aufrechterhalten. Es sind Begierden, welche sich
der Mensch eben dadurch schafft, daB er sich seines Ich als
des vierten Gliedes seiner Wesenheit bewuBt ist. Diejenigen
Begierden und Wunsche, welche aus der Wesenheit der drei
niedrigen Leiber entspringen, konnen auch nur innerhalb
der auBeren Welt wirken; und wenn diese Leiber abgelegt
sind, dann horen sie auf. Hunger wird durch den auBeren
Leib bewirkt; er schweigt, sobald dieser auBere Leib nicht
mehr mit dem Ich verbunden ist. Hatte das Ich nun keine
weiteren Begierden als diejenigen, welche seiner eigenen gei-
stigen Wesenheit entstammen, so konnte es mit dem Eintritt
des Todes voile Befriedigung aus der geistigen Welt schop-
fen, in die es versetzt ist Aber das Leben hat ihm noch an-
dere Begierden gegeben. Es hat ein Verlangen in ihm ent-
ziindet nach Geniissen, die nur durch physische Organe be-
friedigt werden konnen, trotzdem sie selbst gar nicht aus
dem Wesen dieser Organe selbst herkommen. Nicht nur die
drei Leiber verlangen durch die physische Welt ihre Befrie-
digung, sondern das Ich selbst findet Genusse innerhalb die-
ser Welt, fur welche in der geistigen Welt liberhaupt kein
Gegenstand zur Befriedigung vorhanden ist Zweierlei Wun-
sche gibt es fur das Ich im Leben. Solche, die aus den Leibern
herstammen, die also innerhalb der Leiber befriedigt wer-
den miissen, die aber auch mit dem Zerfall der Leiber ihr
Ende finden. Dann solche, die aus der geistigen Natur des
Ich stammen. Solange das Ich in den Leibern ist, werden
auch diese durch die leiblichen Organe befriedigt. Denn in
den Offenbarungen der Organe des Leibes wirkt das ver-
borgene Geistige. Und in allem, was die Sinne wahrnehmen,
empfangen sie zugleich ein Geistiges. Dieses Geistige ist,
wenn auch in anderer Form, auch nach dem Tode vorhan-
den. Alles, was das Ich von Geistigem innerhalb der Sinnen-
Welt begehrt, das hat es auch, wenn die Sinne nicht mehr
da sind. Kame nun zu diesen zwei Arten von Wunschen nicht
noch eine dritte hinzu, es wiirde der Tod nur einen Uber-
gang bedeuten von Begierden, die durch Sinne befriedigt
werden konnen, zu solchen, welche in der Offenbarung der
geistigen Welt ihre Erfullung finden. Diese dritte Art von
Wunschen sind diejenigen, welche sich das Ich wahrend sei-
nes Lebens in der SinnenWelt erzeugt, weil es an ihr Ge-
fallen findet auch insofern, als sich in ihr nicht das Geistige
offenbart. — Die niedrigsten Genusse konnen Offenbarungen
des Geistes sein. Die Befriedigung, welche die Nahrungs-
aufnahme dem hungernden Wesen gewahrt, ist eine Offen-
barung des Geistes. Denn durch die Aufnahme von Nah-
rung wird das zustande gebracht, ohne welches das Geistige
in einer gewissen Beziehung nicht seine Entwickelung finden
konnte. Das Ich aber kann hinausgehen tiber den GenuB, der
durch diese Tatsache notwendig geboten ist. Es kann nach
der wohlschmeckenden Speise Verlangen tragen, auch ganz
abgesehen von dem Dienste, welcher durch die Nahrungs-
aufnahme dem Geiste geleistet wird. Dasselbe tritt fur an-
dere Dinge der SinnenWelt ein. Es werden dadurch die-
jenigen Wunsche erzeugt, die in der SinnenWelt niemals zum
Vorschein gekommen waren, wenn nicht das menschliche Ich
in diese eingegliedert worden ware. Aber auch aus dem gei-
stigen Wesen des Ich entspringen solche Wunsche nicht. Sinn-
liche Genusse mufi das Ich haben, solange es im Leibe lebt,
auch insofern es geistig ist. Denn im Sinnlichen offenbart
sich der Geist; und nichts anderes genieBt das Ich als den
Geist, wenn es sich in der SinnenWelt dem hingibt, durch
das des Geistes Licht hindurchleuchtet. Und es wird im Ge-
nusse dieses Lichtes bleiben, auch wenn die Sinnlichkeit nicht
mehr das Mittel ist, durch das die Strahlen des-Geistes hin-
durchgehen. Fur solche Wunsche aber gibt es keine Erfullung
in der geistigen Welt, fur die nicht schon im Sinnlichen der
Geist lebt. Tritt der Tod ein, dann ist fur diese Wunsche die
Moglichkeit des Genusses abgeschnitten. Der GenuB an einer
wohlschmeckenden Speise kann nur dadurch herbeigefuhrt
werden, daB die physischen Organe da sind, welche bei der
Zufuhrung der Speise gebraucht werden: Gaumen, Zunge
usw. Diese hat der Mensch nach Ablegung des physischen
Leibes nicht mehr. Wenn aber das Ich noch Bedurfhis nach
solchem GenuB hat, so muB solches Bedurfhis unbefriedigt
bleiben. Sofern dieser GenuB dem Geiste entspricht, ist er
nur so lange vorhanden, als die physischen Organe da sind.
Sofern ihn aber das Ich erzeugt hat, ohne damit dem Geiste
zu dienen, bleibt er nach dem Tode als Wunsch, der vergeb-
lich nach Befriedigung diirstet. Was jetzt im Menschen vor-
geht, davon laBt sich nur ein Begriff bilden, wenn man sich
vorstellt, jemand leide brennenden Durst in einer Gegend,
in der weit und breit kein Wasser zu finden ist. So geht es
dem Ich, insofern es nach dem Tode die nicht ausgeloschten
Begierden nach Gentissen der auBeren Welt hegt und keine
Organe hat, sie zu befriedigen. Naturlich muB man den
brennenden Durst, der als Vergleich mit dem Zustande des
Ich nach dem Tode dient, sich ins MaBlose gesteigert denken
und sich vorstellen, daB er ausgedehnt sei auf alle dann noch
vorhandenen Begierden, fur die jede Moglichkeit der Er-
fiillung fehlt Der nachste Zustand des Ich besteht darin,
sich frei zu machen von diesem Anziehungsband an die au-
Bere Welt Das Ich hat in sich eine Lauterung und Befreiung
in dieser Beziehung herbeizufuhren. Aus ihm muB alles her-
ausgetilgt werden, was an Wunschen von ihm innerhalb des
Leibes erzeugt worden ist und was in der geistigen Welt
kein Heimatrecht hat — Wie ein Gegenstand vom Feuer er-
faBt und verbrannt wird, so wird die geschilderte Begier-
denWelt nach dem Tode aufgelost und zerstort. Es eroffhet
sich damit der Ausblick in jene Welt, welche die ubersinn-
liche Erkenntnis als das «verzehrende Feuer des Geistes»
bezeichnen kann. Von diesem «Feuer» wird eine Begierde
erfaBt, welche sinnlicher Art ist, aber dieses so ist, daB das
Sinnliche nicht Ausdruck des Geistes ist Man konnte solche
Vorstellungen, wie sie in bezug auf diese Vorgange die iiber-
sinnliche Erkenntnis geben muB, trostlos und furchtbar fin-
den. Erschreckend konnte es erscheinen, daB eine Hoffnung,
zu deren Befriedigung sinnliche Organe notig sind, nach
dem Tode sich in Hoffnungslosigkeit, daB ein Wunsch, den
nur die physische Welt erftillen kann, dann in brennende
Entbehrung sich wandeln muB. Man kann eine solche Mei-
nung nur so lange haben, als man nicht bedenkt, daB alle
Wiinsche und Begierden, die nach dem Tode von dem «ver-
zehrenden Feuep> erfaBt werden, im hoheren Sinne nicht
wohltatige, sondern zerstorende Krafte im Leben darstel-
len. Durch solche Krafte kniipft das Ich mit der SinnenWelt
ein festeres Band, als notwendig ist, urn aus dieser selben
SinnenWelt alles dasjenige in sich aufzunehmen, was ihm
frommt. Diese SinnenWelt ist eine Offenbarung des hinter
ihr verborgenen Geistigen. Das Ich konnte den Geist niemals
in der Form genieBen, in der er sich nur durch leibliche
Sinne offenbaren kann, wenn es diese Sinne nicht benutzen
wollte zum Genlisse des Geistigen im Sinnlichen. Doch ent-
zieht sich das Ich auch so viel von dem wahren geistigen
Wirklichen in der Welt, als es von der SinnenWelt begehrt,
ohne daB der Geist dabei spricht. Wenn der sinnliche Ge-
nuB als Ausdruck des Geistes Erhdhung, Entwicklung des
Ich bedeutet, so derjenige, der ein solcher Ausdruck nicht ist,
Verarmung, Verodung desselben. Wird eine derartige Be-
gierde in der SinnenWelt befriedigt, so bleibt ihre verodende
Wirkung auf das Ich deshalb doch vorhanden. Nur wird
vor dem Tode diese zerstorende Wirkung fur das Ich nicht
sichtbar. Deshalb kann im Leben der GenuB nach solcher Be-
gierde neue gleichartige Wiinsche erzeugen. Und der Mensch
wird gar nicht gewahr, daB er durch sich selbst sich in ein
«verzehrendes Feuer» hiillt Nach dem Tode wird nur sicht-
bar, was ihn auch schon im Leben umgibt; und durch das
Sichtbarwerden erscheint dieses zugleich in seiner heilsamen,
wohltatigen Folge. Wer einen Menschen lieb hat, wird doch
nicht allein zu dem an ihm hingezogen, was durch die phy-
sischen Organe empfunden werden kann. Nur von diesem
aber darf gesagt werden, daB es mit dem Tode der Wahr-
nehmung entzogen wird. Gerade das aber wird dann sicht-
bar an dem geliebten Menschen, zu dessen Wahrnehmung
die physischen Organe nur das Mittel waren. Ja das einzige,
was diese voile Sichtbarkeit hindert, ist dann das Vorhan-
densein derjenigen Begierde, die nur durch physische Organe
befriedigt werden kann. Wiirde diese Begierde aber nicht
ausgetilgt, so konnte die bewuBte Wahrnehmung des ge-
liebten Menschen nach dem Tode gar nicht eintreten. So be-
trachtet, verwandelt sich die Vorstellung des Furchtbaren und
Trosdosen, das fur den Menschen die Ereignisse nach dem
Tode haben konnten, wie sie die ubersinnliche Erkenntnis
schildern muB, in diejenige des tief Befriedigenden und
Trostreichen.
Die nachsten Erlebnisse nach dem Tode sind nun in noch
einer Beziehung durchaus verschieden von denen wahrend
des Lebens. Wahrend der Lauterung lebt der Mensch ge-
wissermaBen nach ruckwarts. Er macht alles dasjenige noch
einmal durch, was er im Leben seit der Geburt erfahren hat.
Von den Vorgangen, die dem Tode unmittelbar vorausgin-
gen, beginnt er und erlebt alles nochmals bis zur Kindheit
in rlickwartiger Reihenfolge. Und dabei tritt ihm alles gei-
stig vor Augen, was nicht aus der geistigen Natur des Ich
wahrend des Lebens entsprungen ist. Nur erlebt er auch die-
ses alles jetzt in umgekehrter Art. Ein. Mensch, der z. B.
im sechzigsten Jahre gestorben ist und der aus einer
zornigen Aufwallung heraus in seinem vierzigsten Jahre
jemand korperlichen oder seelischen Schmerz zugefugt hat,
wird dieses Ereignis noch einmal erleben, wenn er bei seiner
riickgangigen Daseinswanderung nach dem Tod an der Stelle
seines vierzigsten Jahres angelangt ist. Nur erlebt er da nicht
die Befriedigung, die ihm im Leben geworden ist durch den
AngrifF auf den andern, sondern dafiir den Schmerz, der
durch ihn diesem andern zugefugt worden ist. Aus dem
Obigen kann man aber auch zugleich ersehen, daB nur das-
jenige von einem solchen Vorgange nach dem Tode als pein-
voll wahrgenommen werden kann, was aus einer Begierde
des Ich entsprungen ist, die nur der auBeren physischen Welt
entstammt. In Wahrheit schadigt das Ich namlich nicht nur
den andern durch die Befriedigung einer solchen Begierde,
sondern sich selbst; nur bleibt ihm diese eigene Schadigung
wahrend des Lebens unsichtbar. Nach dem Tode aber wird
diese ganze schadigende BegierdenWelt dem Ich sichtbar. Und
zu jedem Wesen und jedem Dinge fiihlt sich dann das Ich
hingezogen, an dem solch eine Begierde entzundet worden
ist, damit sie im «verzehrenden Feuer» ebenso wieder aus-
getilgt werden kann, wie sie entstanden ist. Erst wenn der
Mensch bei seiner Ruckwartswanderung in dem Zeitpunkte
seiner Geburt angelangt ist, sind alle derartigen Begierden
durch das Lauterungsfeuer hindurchgegangen, und nichts
hindert ihn von jetzt ab an der vollen Hingabe an die gei-
stige Welt Er betritt eine neue Daseinsstufe. Wie er im Tode
den physischen Leib, bald danach den Atherleib abgelegt
hat, so zerfallt jetzt derjenige Teil des astralischen Leibes,
der nur im BewuBtsein der auBeren physischen Welt leben
kann. Fur die ubersinnliche Erkenntnis gibt es somit drei
Leichname, den physischen, den atherischen und den astra-
lischen. Der Zeitpunkt, in dem der letztere von dem Menschen
abgeworfen wird, ist dadurch gekennzeichnet, daB die Zeit
der Lauterung etwa das Drittel von derjenigen betragt,
welche zwischen Geburt und Tod verflossen ist. Spater,
wenn auf Grund der Geheimwissenschaft der menschliche
Lebenslauf betrachtet werden wird, kann erst die Ursache
deudich werden, warum dies so ist. Fur die tibersinnliche
Beobachtung sind in der menschlichen UmWelt fortwahrend
Astralleichname vorhanden, die abgeworfen sind von Men-
schen, welche aus dem Lauterungszustande in ein hoheres
Dasein iibergehen. Es ist dies genau so, wie fur die physische
Wahrnehmung dort physische Leichname entstehen, wo
Menschen wohnen.
Nach der Lauterung tritt fur das Ich ein vollig neuer
BewuBtseinszustand ein. Wahrend ihm vor dem Tode die
auBeren Wahrnehmungen zuflieBen muBten, damit auf sie
das Licht des BewuBtseins fallen konne, stromt jetzt gleich-
sam von innen eine Welt, die zum BewuBtsein gelangt. Auch
zwischen Geburt und Tod lebt das Ich in dieser Welt. Nur
kleidet sich letztere da in die Offenbarungen der Sinne; und
nur da, wo das Ich mit AuBerachdassung aller Sinneswahr-
nehmung sich selbst in seinem «innersten Allerheiligsten»
wahrnimmt, kundigt sich das in unmittelbarer Gestalt an,
was sonst nur in dem Schleier des Sinnlichen erscheint. So
wie die Wahrnehmung des Ich im Innern vor dem Tode vor
sich geht, so von innen heraus offenbart sich die geistige
Welt in ihrer Fiille nach dem Tode und nach der Laute-
rung. Eigentlich ist diese Offenbarung schon sogleich nach
dem Ablegen des Atherleibes da; doch legt sich vor sie hin
wie eine verfinsternde Wolke die Welt der Begierden, welche
noch der auBeren Welt zugekehrt sind. Es ist da, wie wenn
sich in eine selige Welt geistigen Erlebens die schwarzen
damonischen Schatten mischten, welche aus den im «Feuer
sich verzehrenden» Begierden entstehen. Ja nicht bloB Schat-
ten, sondern wirkliche Wesenheiten sind jetzt diese Begier-
den; das zeigt sich sofort, wenn die physischen Organe vom
Ich entfernt sind und dieses dadurch wahrnehmen kann,
was geistiger Art ist. Als Zerrbilder und Karikaturen dessen
erscheinen diese Wesen, was dem Menschen vorher durch die
sinnliche Wahrnehmung bekannt geworden ist. Die iiber-
sinnliche Beobachtung hat von dieser Welt des Lauterungs-
feuers zu sagen, daB sie bewohnt ist von Wesen, deren Aus-
sehen dem geistigen Auge grauenhaft und schmerzerrgend
sein kann, deren Lust die Vernichtung zu sein scheint und
deren Leidenschaft auf ein Boses sich richtet, gegen welches
das Bose der SinnenWelt unbedeutend wirkt. Was der Mensch
an den gekennzeichneten Begierden in diese Welt mitbringt,
das erscheint fur diese Wesenheiten wie eine Nahrung, durch
welche ihre Gewalten stets aufs neue Kraftigung und Star-
kung erhalten. Das Bild, das so von einer fur die Sinne un-
wahrnehmbaren Welt entworfen wird, kann dem Menschen
weniger unglaublich erscheinen, wenn er einmal mit einem
unbefangenen Blicke einen Teil der TierWelt betrachtet. Was
ist fur den geistigen Blick ein grausam herumziehender
Wolf? Was offenbart sich in dem, was die Sinne an ihm wahr-
nehmen? Nichts anderes als eine Seele, die in Begierden lebt
und sich durch diese betatigt. Man kann die auBere Gestalt
des Wolfes eine Verkorperung dieser Begierden nennen. Und
hatte der Mensch keine Organe, um diese Gestalt wahr-
zunehmen, er muBte das Dasein des entsprechenden Wesens
doch anerkennen, wenn sich dessen Begierden unsichtbar in
ihren Wirkungen zeigten, wenn also eine fur das Auge un-
sichtbare Gewalt herumschliche, durch welche alles das ge-
schehen konnte, was durch den sichtbaren Wolf geschieht.
Nun, die Wesen des Lauterungsfeuers sind zwar nicht fur
das sinnliche, sondern nur fur das ubersinnliche BewuBtsein
vorhanden; ihre Wirkimgen liegen aber offenkundig da: sie
bestehen in der Zerstorung des Ich, wenn ihnen dieses Nah-
rung gibt Diese Wirkungen werden deudich sichtbar, wenn
sich der begriindete GenuB zu UnmaBigkeit und Ausschwei-
fung steigert Denn was den Sinnen wahrnehmbar ist, wlirde
auch das Ich nur insoweit reizen, als der GenuB in seiner
Wesenheit begrtindet ist Das Tier wird nur durch dasjenige
in der AuBenWelt zum Verlangen getrieben, wonach seine
drei Leiber begehren. Der Mensch hat hohere Genusse, weil
zu den drei Leibesgliedern noch das vierte, das Ich, hinzu-
kommt. Wenn aber nun das Ich nach einer solchen Befrie-
digung verlangt, die seinem Wesen nicht zur Erhaltung und
Forderung, sondern zur Zerstorung dient, so kann ein sol-
ches Verlangen weder die Wirkung seiner drei Leiber noch
diejenige seiner eigenen Natur sein, sondern nur diejenige
von Wesenheiten, welche den Sinnen verborgen bleiben
ihrer wahren Gestalt nach, die aber gerade an die hohere
Natur des Ich sich heranmachen konnen und es zu Begierden
zu reizen vermogen, die nicht mit der Sinnlichkeit zusam-
menhangen, doch aber nur durch diese befriedigt werden
konnen. Es sind eben Wesen vorhanden, welche Leiden-
schaften und Begierden zu ihrer Nahrung haben, die von
schlimmerer Art als alle tierischen sind, weil sie nicht im
Sinnlichen sich ausleben, sondern das Geistige ergreifen und
dieses in das sinnliche Feld herunterziehen. Die Gestalten
solcher Wesen sind deshalb fur den geistigen Blick haBlicher,
grauenhafter als die Gestalten der wildesten Tiere, in denen
sich doch nur Leidenschaften verkorpern, welche im Sinn-
lichen begrtindet sind; und die zerstorenden Krafte dieser
Wesen iiberragen maBlos alle Zerstorungswut, welche in der
sinnlich wahrnehmbaren TierWelt vorhanden ist. Die iiber-
sinnliche Erkenntnis muB auf diese Art den Blick des Men-
schen weiten als auf eine Welt von Wesen, die in gewisser
Beziehung niedriger steht als die sichtbare zerstorungbrin-
gende TierWelt.
Wenn der Mensch nach dem Tode durch diese Welt hin-
durchgegangen ist, dann findet er sich einer Welt gegeniiber,
welche Geistiges enthalt und die auch nur ein Verlangen in
ihm erzeugt, das im Geistigen seine Befriedigung findet
Aber auch jetzt unterscheidet der Mensch zwischen dem, was
zu seinem Ich gehort, und dem, was die Umgebung dieses
Ich — man kann auch sagen dessen geistige AuBenWelt —
bildet. Nur stromt ihm das, was er von dieser Umgebung
erlebt, so zu, wie wahrend seines Aufenthaltes im Leibe ihm
die Wahrnehmung seines eigenen Ich zustromt. Wahrend
also die Umgebung des Menschen im Leben zwischen Ge-
burt und Tod durch die Organe seiner Leiber zu ihm spricht,
dringt nach Ablegung aller Leiber die Sprache der neuen
Umgebung unmittelbar in das «innerste Heiligtum» des Ich.
Die ganze Umgebung des Menschen ist jetzt erfullt vonWe-
senheiten, welche gleicher Art sind mit seinem Ich, denn nur
ein Ich hat zu einem Ich den Zutritt. So wie Mineralien,
Pflanzen und Tiere den Menschen in der SinnenWelt um-
geben und diese zusammensetzen, so ist er nach dem Tode
von einer Welt umgeben, die aus Wesenheiten geistiger Art
zusammengesetzt ist. — Doch bringt der Mensch etwas, was
in ihr nicht seine Umgebung ist, in diese Welt mit; es ist das-
jenige, was das Ich innerhalb der SinnenWelt erlebt hat Zu-
nachst trat die Summe dieser Erlebnisse unmittelbar nach
dem Tode, solange der Atherleib noch mit dem Ich verbun-
den war, als ein umfassendes Erinnerungsgemalde auf. Der
Atherleib selbst wird dann zwar abgelegt, aber von dem
Erinnerungsgemalde bleibt etwas als unverganglicher Besitz
des Ich zuriick Wie wenn man aus alien Erlebnissen und
Erfahrungen, die zwischen Geburt und Tod an den Men-
schen herangetreten sind, einen Extrakt, einen Auszug
machen wiirde, so nimmt sich das aus, was da zuriickbleibt.
Es ist dies das geistige Ertragnis des Lebens, die Frucht des-
selben. Dieses Ertragnis ist geistiger Art. Es enthalt alles,
was sich Geistiges durch die Sinne offenbart. Aber ohne das
Leben in der SinnenWelt hatte es nicht zustande kommen
konnen. Diese geistige Frucht der SinnenWelt empfindet
nach dem Tode das Ich als das, was jetzt seine eigene, seine
InnenWelt ist und womit es die Welt betritt, die aus Wesen
besteht, die sich offenbaren, wie nur sein Ich sich selbst in
seinem tiefsten Innern offenbaren kann. Wie ein Pflanzen-
keim, der ein Extrakt der ganzen Pflanze ist, sich aber nur
entfaltet, wenn er in eine andere Welt, in die Erde, versenkt
wird, so entfaltet sich jetzt dasjenige, was das Ich aus der
SinnenWelt mitbringt, wie ein Keim, auf den die geistige
Umgebung wirkt, die ihn nunmehr aufgenommen hat. Die
Wissenschaft des Ubersinnlichen kann allerdings nur Bilder
geben, wenn sie schildern soil, was in diesem «Geisterland»
vorgeht; doch konnen diese Bilder solche sein, welche dem
ubersinnlichen BewuBtsein sich als wahre Wirklichkeit dar-
stellen, wenn es die entsprechenden, dem sinnlichen Auge
unsichtbaren Ereignisse verfolgt. Was da zu schildern ist,
kann durch Vergleiche mit der SinnenWelt anschaulich ge-
macht werden. Denn trotzdem es ganz geistiger Art ist, hat
es Ahnlichkeit in gewisser Beziehung mit der sinnlichen Welt.
Wie z. B. in dieser eine Farbe erscheint, wenn dieser oder
jener Gegenstand auf das Auge wirkt, so stellt sich vor
das Ich im «Geisterlande» ein Erlebnis wie das durch eine
Farbe hin, wenn auf dasselbe ein Wesen wirkt. Nur wird
dieses Erlebnis so hervorgebracht, wie innerhalb des Le-
bens zwischen Geburt und Tod nur die Wahrnehmung des
Ich im Innern bewirkt werden kann. Es ist nicht, wie wenn
das Licht von auBen herein in den Menschen fiele, sondern
so, wie wenn ein anderes Wesen unmittelbar auf das Ich
wirkte und dieses veranlaBte, sich diese Wirkung in einem
Farbenbilde vorzustellen. So finden alle Wesen der geistigen
Umgebung des Ich in einer farbenstrahlenden Welt ihren
Ausdruck. Da sie eine andere Art der Entstehung haben,
sind selbstverstandlich diese Farbenerlebnisse der geistigen
Welt auch von etwas anderem Charakter als die an den
sinnlichen Farben. Auch fur andere Eindrucke, welche der
Mensch von der SinnenWelt empfangt, muB Ahnliches ge-
sagt werden. Am ahnlichsten den Eindrucken dieser Sinnen-
Welt sind nun aber die Tone der geistigen Welt. Und je mehr
sich der Mensch einlebt in diese Welt, desto mehr wird sie
fur ihn ein in sich bewegtes Leben, das sich mit den Tonen
und ihrer Harmonie in der sinnlichen Wirklichkeit verglei-
chen laBt. Nur fiihlt er die Tone nicht als etwas, das von
auBen an ein Organ herankommt, sondern wie eine Macht,
die durch sein Ich in die Welt hinausstromt. Er fiihlt den
Ton, wie in der SinnenWelt sein eigenes Sprechen oder Sin-
gen; nur weiB er in der geistigen Welt, daB diese Tone, die
aus ihm stromen, zugleich die Kundgebungen anderer We-
senheiten sind, die durch ihn sich in die Welt ergieBen. Eine
noch hohere Kundgebung im «Geisterland» findet statt,
wenn der Ton zum «geistigen Wort» wird. Dann stromt
durch das Ich nicht nur das bewegte Leben eines andern gei-
stigen Wesens, sondern ein solches Wesen selbst teilt sein
Inneres diesem Ich mit. Und ohne das Trennende, das ein
jedes Beisammensein in der SinnenWelt haben muB, leben
dann, wenn das Ich von dem «geistigen Wort» durchstromt
wird, zwei Wesen ineinander. Und in dieser Art ist wirklich
das Beisammensein von dem Ich mit andern geistigen Wesen
nach dem Tode.
Vor das iibersinnliche BewuBtsein treten drei Gebiete des
Geisterlandes, welche sich vergleichen lassen mit drei Teilen
der physischen SinnenWelt Das erste Gebiet ist gewisser-
maBen das «feste Land» der geistigen Welt, das zweite
das «Meeres- und FluBgebiet» und das dritte der «Luft-
kreis». — Was auf der Erde physische Formen annimmt,
so daB es durch physische Organe wahrgenommen werden
kann, das wird seiner geistigen Wesenheit nach in dem
ersten Gebiet des «Geisterlandes» wahrgenommen. Von
einem Kristall z. B. kann da die Kraft wahrgenommen
werden, welche seine Form bildet. Nur verhalt sich das-
jenige, was sich da offenbart, wie ein Gegensatz dessen, was
in der SinnenWelt auftritt. Der Raum, welcher in der
letzteren Welt von der Gesteinsmasse ausgefullt ist, er-
scheint fur den geistigen Blick wie eine Art Hohlraum; aber
rings um diesen Hohlraum wird die Kraft gesehen, welche die
Form des Steines bildet. Eine Farbe, welche der Stein in der
SinnenWelt hat, erscheint in der geistigen wie das Erlebnis
der Gegenfarbe; also ein rot gefarbter Stein ist vom Geister-
land aus gesehen wie grunlich, ein griiner wie rotlich erlebt
usw. Auch die anderen Eigenschaften erscheinen in ihrem
Gegensatze. Wie Steine, Erdmassen und dergleichen das
feste Land — das Kontinentalgebiet — der sinnlichen Welt
bilden, so setzen die dargestellten Gebilde das «feste Land»
der geistigen zusammen. — Alles, was innerhalb der Sinnen-
Welt Leben ist, das ist Meeresgebiet im Geistigen. Dem sinn-
lichen Blick erscheint das Leben in seinen Wirkimgen bei
Pflanzen, Tieren und Menschen. Dem geistigen Auge ist das
Leben ein stromendes Wesen, das wie Meere und Hiisse das
Geisterland durchsetzt. Besser noch ist der Vergleich mit
dem Kreislauf des Blutes im Leibe. Denn wahrend sich die
Meere und Hiisse in der SinnenWelt als unregelmaBig ver-
teilt darstellen, herrscht in der Verteilung des stromenden
Lebens im Geisterland eine gewisse RegelmaBigkeit, wie im
Blutkreislauf Eben dieses «stromende Leben» wird gleich-
zeitig wie ein geistiges Tonen wahrgenommen. — Das dritte
Gebiet des Geisterlandes ist dessen «Lufikreis». Was in der
SinnenWelt als Empfindung auftritt, das ist im Geistgebiet
so alles durchdringend vorhanden, wie die Luft auf der
Erde vorhanden ist. Ein Meer von stromender Empfindung
hat man sich da vorzustellen. Leid und Schmerz, Freude
und Entzucken stromen in diesem Gebiete wie Wind und
Sturm im Luftkreis der sinnlichen Welt. Man denke an eine
Schlacht, die auf Erden geschlagen wird. Da stehen ein-
ander nicht bloB Gestalten der Menschen gegeniiber, die das
sinnliche Auge sehen kann, sondern Gefuhle stehen gegen Ge-
fiihle, Leidenschaften gegen Leidenschaften; Schmerzen er-
fullen das Schlachtfeld ebenso wie Menschengestalten. Alles,
was da lebt an Leidenschaft, an Schmerz, an Siegesfreude,
das ist nicht nur vorhanden, insofern es sich in sinnlich-
wahrnehmbaren Wirkungen offenbart; es kommt dem gei-
stigen Sinne zum BewuBtsein als Vorgang des Luftkreises
im Geisterland. Ein solches Ereignis ist im Geistigen wie ein
Gewitter in der physischen Welt Und die Wahrnehmung
dieser Ereignisse laBt sich vergleichen mit dem Horen der
Worte in der physischen Welt. Deshalb sagt man: Wie die
Luft die Erdenwesen einhiillt und durchdringt, so die «we-
henden geistigen Worte» die Wesen und Vorgange des Gei-
sterlandes.
Und weitere Wahrnehmimgen sind noch moglich in die-
ser geistigen Welt. Auch das ist hier vorhanden, was sich
mit der Warme und mit dem Lichte der physischen Welt
vergleichen laBt Was wie die Warme die irdischen Dinge
und Wesen alles im Geisterlande durchdringt, das ist die
GedankenWelt selbst. Nur sind die Gedanken da als
lebende, selbstandige Wesen vorzustellen. Was der Mensch
in der offenbaren Welt als Gedanken erfaBt, das ist wie ein
Schatten dessen, was als Gedankenwesen im Geisterlande
lebt. Man denke sich den Gedanken, wie er im Menschen
vorhanden ist, herausgehoben aus diesem Menschen und als
tatiges, handelndes Wesen mit einem eigenen Innenleben
begabt, so hat man eine schwache Verbildlichung dessen, was
das vierte Gebiet des Geisterlandes erfullt. Was der Mensch
als Gedanken in seiner physischen Welt zwischen Geburt
und Tod wahrnimmt, das ist nur die Offenbarung der Ge-
dankenWelt, so wie sie durch die Werkzeuge der Leiber sich
bilden kann. Aber alles, was der Mensch an solchen Gedan-
ken hegt, die eine Bereicherung in der physischen Welt be-
deuten, das hat aus diesem Gebiete heraus seinen Ursprung.
Man braucht bei solchen Gedanken nicht bloB an die Ideen
der groBen Erfinder, der genialen Personen zu denken,
sondern man kann bei jedem Menschen sehen, wie er
«Einfalle» hat, die er nicht bloB der AuBenWelt verdankt,
sondern durch die er diese AuBenWelt selbst umgestaltet.
Soweit Gefuhle, Leidenschaften in Betracht kommen, zu
denen die Veranlassung in der auBeren Welt liegt, so weit
sind diese Gefiihle usw. in das dritte Gebiet des Geister-
landes zu versetzen; alles das aber, was in der Menschenseele
so leben kann, daB der Mensch ein Schaffender wird, daB
er umgestaltend und befruchtend auf seine UmWelt wirkt:
das wird in seiner ureigenen, wesenhaften Gestalt offenbar
im vierten Felde der geistigen Welt — Was in der fiinften
Region vorhanden ist, darf mit dem physischen Licht ver-
glichen werden. Es ist in seiner ureigenen Gestalt sich offen-
barende Weisheit. Wesen, welche Weisheit in ihre Umgebung
ergieBen, wie die Sonne Licht auf physische Wesen, gehoren
diesem Gebiete an. Was beschienen wird von dieser Weisheit,
das zeigt sich in seinem wahren Sinn und seiner Bedeutung
fur die geistige Welt, wie ein physisches Wesen seine Farbe
zeigt, wenn es vom Lichte beschienen wird. — Es gibt noch
hohere Gebiete des Geisterlandes; sie werden ihre Darstel-
lung an einer spateren Stelle dieser Schrift finden.
In diese Welt wird nach dem Tode das Ich eingesenkt mit
dem Ertragnis, das es aus dem sinnlichen Leben mitbringt
Und dieses Ertragnis ist noch vereinigt mit jenem Teile des
Astralleibes, der am Ende der Lauterungszeit nicht abgewor-
fen wird. Es fallt ja nur jener Teil ab, welcher nach dem
Tode mit seinen Begierden und Wunschen dem physischen
Leben zugewandt war. Die Einsenkung des Ich mit dem,
was es aus der sinnlichen Welt sich zugeeignet hat, in die
geistige Welt laBt sich mit dem Einbetten eines Samenkorns
in die reifende Erde vergleichen. Wie dieses Samenkorn die
Stoffe und Krafte aus seiner Umgebung heranzieht, um sich
zu einer neuen Pflanze zu entfalten, so ist Entfaltung und
Wachstum das Wesen des in die geistige Welt eingesenkten
Ich. — In demjenigen, was ein Organ wahrnimmt, liegt auch
die Kraft verborgen, durch welche dieses Organ selbst ge-
bildet wird. Das Auge nimmt das Licht wahr. Aber ohne
das Licht gabe es kein Auge. Wesen, welche ihr Leben im
Finstern zubringen, bilden an sich keine Werkzeuge zum
Sehen aus. So aber ist der ganze leibliche Mensch heraus-
geschaffen aus den verborgenen Kraften dessen, was durch
die Glieder der Leiber wahrgenommen wird. Der physische
Leib ist durch die Krafte der physischen Welt, der Atherleib
durch diejenigen der LebensWelt auferbaut, und der Astral-
leib ist aus der astralen Welt herausgestaltet. Wenn nun das
Ich in das Geisterland versetzt ist, so treten ihm eben jene
Krafte entgegen, die fur die physische Wahrnehmung ver-
borgen bleiben. Was im ersten Gebiet des Geisterlandes
sichtbar wird, das sind die geistigen Wesenheiten, welche den
Menschen immer umgeben und die seinen physischen Leib
auch aufgebaut haben. In der physischen Welt nimmt der
Mensch also nichts anderes wahr als die Offenbarungen der-
jenigen geistigen Krafte, welche seinen eigenen physischen
Leib auch gestaltet haben. Nach dem Tode ist er eben mitten
unter diesen gestaltenden Kraften selbst, die sich ihm jetzt
in ihrer eigenen, vorher verborgenen Gestalt zeigen. Ebenso
ist er durch die zweite Region inmitten der Krafte, aus denen
sein Atherleib besteht; in der dritten Region stromen ihm
die Machte zu, aus denen sein Astralleib herausgegliedert
ist. Auch die hoheren Gebiete des Geisterlandes lassen ihm
jetzt das zuflieBen, aus dem er im Leben zwischen Geburt
und Tod aufgebaut ist.
Diese Wesenheiten der geistigen Welt wirken nunmehr
zusammen mit dem, was der Mensch als Frucht aus dem
vorigen Leben mitgebracht hat und was jetzt zum Keime
wird. Und durch dieses Zusammenwirken wird der Mensch
zunachst als geistiges Wesen aufs neue aufgebaut. Im Schlafe
bleiben der physische Leib und der Atherleib bestehen; der
Astralleib und das Ich sind zwar auBerhalb dieser beiden,
aber noch mit ihnen verbimden. Was diese in solchem Zu-
stande an Einfliissen aus der geistigen Welt empfangen, kann
nur dienen, die wahrend des Wachens erschopften Krafte
wiederherzustellen. Nachdem aber der physische Leib und
der Atherleib abgelegt sind und nach der Lauterungszeit
auch jene Teile des Astralleibes, die noch durch ihre Begier-
den mit der physischen Welt zusammenhangen, wird nun
alles, was aus der geistigen Welt dem Ich zustromt, nicht
nur zum Verbesserer, sondern zum Neugestalter. Und nach
einer gewissen Zeit, tiber welche in spateren Teilen dieser
Schrift zu sprechen ist, hat sich um das Ich herum ein Astral-
leib gegliedert, der wieder in einem solchen Atherleib und
physischen Leib wohnen kann, wie sie dem Menschen zwi-
schen Geburt und Tod eigen sind. Der Mensch kann wieder
durch eine Geburt gehen und in einem erneuten Erden-
dasein erscheinen, das nun in sich eingegliedert hat die Frucht
des fruheren Lebens. Bis zu der Neugestaltung eines Astral-
leibes ist der Mensch Zeuge seines Wiederaufbaues. Da sich
ihm die Machte des Geisterlandes nicht durch auBere Or-
gane, sondern von innen aus offenbaren, wie das eigene Ich
im SelbstbewuBtsein, so kann er diese Offenbarung wahr-
nehmen, solange sein Sinn noch nicht auf eine auBere Wahr-
nehmungsWelt gerichtet ist. Von dem Augenblicke an, wo
der Astralleib neugestaltet ist, kehrt sich dieser Sinn aber
nach auBen. Der Astralleib verlangt nunmehr wieder einen
auBeren Atherleib und physischen Korper. Er wendet sich
damit ab von den Offenbarungen des Innern. Deshalb gibt
es jetzt einen Zwischenzustand, in dem der Mensch in
BewuBtlosigkeit versinkt. Das BewuBtsein kann erst wieder
in der physischen Welt auftauchen, wenn die zur physischen
Wahrnehmung notwendigen Organe gebildet sind. In die-
ser Zeit, in welcher das durch innere Wahrnehmung erleuch-
tete BewuBtsein aufhort, beginnt sich nun der neue Ather-
leib an den Astralleib anzugliedern, und der Mensch kann
dann auch wieder in einen physischen Leib einziehen. An
diesen beiden Angliederungen konnte sich mit BewuBtsein
nur ein solches Ich beteiligen, welches von sich aus die
im Atherleib und physischen Leib verborgen schaffenden
Krafte, den Lebensgeist und den Geistesmenschen, erzeugt
hat Solange der Mensch nicht soweit ist, miissen Wesenheiten,
die weiter in ihrer Entwickelung sind als er selbst, diese An-
gliederung leiten. Der Astralleib wird von solchen Wesen-
heiten zu einem Elternpaare geleitet, so daB er mit dem ent-
sprechenden Atherleib und physischen Leibe begabt werden
kann. — Bevor die Angliederung des Atherleibes sich voll-
zieht, ereignet sich nun etwas auBerordentlich Bedeutsames
flir den wieder ins physische Dasein tretenden Menschen.
Dieser hat ja in seinem vorigen Leben storende Machte ge-
schaffen, die sich bei der Ruckwartswanderung nach dem
Tode gezeigt haben. Man nehme das friiher erwahnte Bei-
spiel wieder auf. Der Mensch habe aus einer Zornaufwal-
lung heraus in dem vierzigsten Jahre seines vorigen Lebens
jemand Schmerz zugefligt. Nach dem Tode trat ihm dieser
Schmerz des andern als eine storende Kraft fur die Ent-
wickelung des eigenen Ich entgegen. Und so ist es mit alien
solchen Vorfallen des vorigen Lebens. Beim Wiedereintritt in
das physische Leben stehen nun diese Hindernisse der Ent-
wickelung wieder vor dem Ich. Wie mit dem Eintritte des
Todes eine Art Erinnerungsgemalde vor dem menschlichen
Ich gestanden hat, so jetzt ein Vorblick auf das kommende
Leben. Wieder sieht der Mensch ein solches Gemalde, das
jetzt all die Hindernisse zeigt, welche der Mensch hinweg-
zuraumen hat, wenn seine Entwickelung weitergehen soil.
Und das, was er so sieht, wird der Ausgangspunkt von
Kraften, welche der Mensch ins neue Leben mitnehmen
muB. Das Bild des Schmerzes, den er dem andern zugefiigt
hat, wird zur Kraft, die das Ich, wenn es nun wieder ins Le-
ben eintritt, antreibt, diesen Schmerz wieder gutzumachen.
So wirkt also das vorgangige Leben bestimmend auf das
neue. Die Taten dieses neuen Lebens sind durch jene des
vorigen in einer gewissen Weise verursacht. Diesen gesetz-
maBigen Zusammenhang eines fruheren Daseins mit einem
spateren hat man als das Gesetz des Schicksals anzusehen;
man ist gewohnt geworden, es mit dem aus der morgenlandi-
schen Weisheit entlehnten Ausdruck «Karma» zu bezeichnen.
Der Aufbau eines neuen Leibeszusammenhanges ist jedoch
nicht die einzige Tatigkeit, welche dem Menschen zwi-
schen dem Tode und einer neuen Geburt obliegt Wahrend
dieser Aufbau geschieht, lebt der Mensch auBerhalb der
physischen Welt. Diese schreitet aber wahrend dieser Zeit
in ihrer Entwickelung weiter. In verhaltnismaBig kurzen
Zeitraumen andert die Erde ihr Anditz. Wie hat es vor
einigen Jahrtausenden in den Gebieten ausgesehen, welche
gegenwartig von Deutschland eingenommen werden? Wenn
der Mensch in einem neuen Dasein auf der Erde erscheint,
sieht diese in der Regel niemals wieder so aus, wie sie zur
Zeit seines letzten Lebens ausgesehen hat. Wahrend er von
der Erde abwesend war, hat alles mogliche sich geandert
In dieser Anderung des Anditzes der Erde wirken nun auch
verborgene Krafte. Sie wirken aus derselben Welt heraus,
in welcher sich der Mensch nach dem Tode befindet. Und er
selbst muB an dieser Umgestaltung der Erde mitwirken. Er
kann es nur unter der Anfiihrung von hoheren Wesenheiten,
solange er sich nicht durch die Erzeugung von Lebensgeist
und Geistesmenschen ein klares BewuBtsein iiber den Zu-
sammenhang zwischen dem Geistigen und dessen Ausdruck
im Physischen angeeignet hat. Aber er schafft mit an der
Umwandlung der irdischen Verhaltnisse. Man kann sagen,
die Menschen gestalten wahrend der Zeit vom Tode bis zu
einer neuen Geburt die Erde so um, daB deren Verhaltnisse
zu dem passen, was sich in ihnen selbst entwickelt hat. Wenn
wir einen Erdenfleck betrachten in einem bestimmten Zeit-
punkt und dann nach langer Zeit wieder in einem vollig
veranderten Zustande, so sind die Krafte, welche diese Ver-
anderung herbeigefuhrt haben, bei den toten Menschen. In
solcher Art stehen diese auch zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt mit der Erde in Verbindung. Das iibersinn-
liche BewuBtsein sieht in allem physischen Dasein die Offen-
barung eines verborgenen Geistigen. Fur die physische
Beobachtung wirkt auf die Umgestaltung der Erde das Licht
der Sonne, die Wandelungen des Klimas usw. Fur die iiber-
sinnliche Beobachtung waltet in dem Lichtstrahl, der von
der Sonne auf die Pflanze fallt, die Kraft der toten Men-
schen. Dieser Beobachtung kommt zum BewuBtsein, wie
Menschenseelen die Pflanzen umschweben, wie sie den Erd-
boden wandeln und ahnliches. Nicht bloB sich selbst, nicht
allein der Vorbereitung zu seinem eigenen neuen Erden-
dasein ist der Mensch nach dem Tode zugewandt. Nein, er
ist da berufen, an der auBeren Welt geistig zu schaffen, wie
er im Leben zwischen Geburt und Tod physisch zu schaffen
berufen ist.
Es wirkt aber nicht nur das Leben des Menschen vom
Geisterlande aus auf die Verhaltnisse der physischen Welt
ein, sondern umgekehrt auch die Tatigkeit im physischen
Dasein hat ihre Wirkimgen in der geistigen Welt. Ein Bei-
spiel kann veranschaulichen, was in dieser Beziehung ge-
schieht Es besteht ein Band der Liebe zwischen Mutter und
Kind. Von der Anziehung zwischen beiden, die in Kraften
der SinnenWelt wurzelt, geht diese Liebe aus. Aber sie wan-
delt sich im Laufe der Zeiten. Aus dem sinnlichen Bande
wird immer mehr ein geistiges. Und dieses geistige Band
wird nicht nur fur die physische Welt gewoben, sondern
auch fur das Geisterland. Auch mit andern Verhaltnissen
ist es so. Was in der physischen Welt durch Geistwesen ge-
sponnen wird, das bleibt in der geistigen Welt bestehen.
Freunde, die sich im Leben innig verbunden haben, gehoren
auch im Geisterlande zusammen; und nach Ablegung der
Leiber sind sie noch in einer viel innigeren Gemeinschaft als
im physischen Leben. Denn als Geister sind sie so fureinan-
der da, wie das oben bei den Offenbarungen geistiger Wesen
an andere durch das Innere beschrieben worden ist. Und ein
Band, das zwischen zwei Menschen gewoben worden ist,
fiihrt sie auch in einem neuen Leben wieder zusammen. Im
wahrsten Sinne des Wortes muB daher von einem Wieder-
finden der Menschen nach dem Tode gesprochen werden.
Was sich einmal mit dem Menschen vollzogen hat, von
der Geburt bis zum Tode und von da bis zu einer neuen Ge-
burt, das wiederholt sich. Der Mensch kehrt immer wieder
auf die Erde zuriick, wenn die Frucht, die er in einem phy-
sischen Leben erworben hat, im Geisterlande zur Reife ge-
kommen ist. Doch besteht nicht eine Wiederholung ohne
Anfang und Ende, sondern der Mensch ist einmal aus an-
deren Daseinsformen in solche iibergetreten, welche in der
gekennzeichneten Art verlaufen, und er wird in der Zukunft
zu andern tibergehen. Der Ausblick auf diese Ubergangs-
stufen wird sich ergeben, wenn im Sinne des ubersinnlichen
BewuBtseins im folgenden die Entwicklung des Weltalls
im Zusammenhange mit dem Menschen geschildert wird.
Die Vorgange zwischen dem Tode und einer neuen Ge-
burt sind fiir die auBere sinnliche Beobachtung natiirlich
noch verborgener als dasjenige, was dem offenbaren Dasein
zwischen Geburt und Tod als Geistiges zugrunde liegt Diese
sinnliche Beobachtung kann fiir diesen Teil der verborgenen
Welt die Wirkungen nur da sehen, wo sie ins physische Da-
sein eintreten. Es muB fiir sie die Frage sein, ob der Mensch,
der durch die Geburt ins Dasein tritt, etwas mitbringt von
dem, was die ubersinnliche Erkenntnis von Vorgangen zwi-
schen einem vorigen Tode und der Geburt beschreibt Wenn
jemand ein Schneckenhaus findet, in dem nichts von einem
Tiere zu merken ist, so wird er doch nur anerkennen, daB
dieses Schneckenhaus durch die Tatigkeit eines Tieres ent-
standen ist, und kann nicht glauben, daB es sich durch bloBe
physische Krafte in seiner Form zusammengefligt hat Ebenso
kann jemand, der den Menschen im Leben betrachtet und
etwas findet, was aus diesem Leben nicht stammen kann,
verniinftigerweise zugeben, daB es von dem stammt, was
die Wissenschaft des Ubersinnlichen beschreibt, wenn da-
durch ein erklarendes Licht auf das sonst Unerklarliche fallt
So konnte auch da die sinnlich-verstandige Beobachtung
aus den sichtbaren Wirkungen die unsichtbaren Ursachen
begreiflich finden. Und wer dies Leben vollig unbefangen
betrachtet, dem wird sich auch das mit jeder neuen Beobach-
tung immer mehr als das Richtige ergeben. Nur handelt es
sich darum, den richtigen Gesichtspunkt zu finden, urn die
Wirkungen im Leben zu beobachten. Wo liegen z. B.
die Wirkungen dessen, was die ubersinnliche Erkenntnis
als Vorgange der Lauterungszeit schildert? Wie tritt die
Wirkung dessen zutage, was der Mensch nach dieser Lau-
terungszeit im rein geistigen Gebiete, nach den Angaben der
geistigen Forschung, erleben soil?
Ratsel drangen sich jeder ernsten, tiefen Lebensbetrach-
tung auf diesem Felde genug auf. Man sieht den einen
Menschen in Not und Elend geboren, mit nur geringen
Begabungen ausgestattet, so daB er durch diese mit seiner
Geburt gegebenen Tatsachen zu einem erbarmlichen Dasein
vorherbestimmt erscheint. Der andere wird von dem ersten
Augenblicke seines Daseins an von sorgenden Handen und
Herzen gehegt und gepflegt; es entfalten sich bei ihm glan-
zende Fahigkeiten; er ist zu einem fruchtbaren, befriedigen-
den Dasein veranlagt Zwei entgegengesetzte Gesinnungen
konnen sich gegenliber solchen Fragen geltend machen. Die
eine wird an dem haften wollen, was die Sinne wahrnehmen
und der an diese Sinne sich haltende Verstand begreifen
kann. Darin, daB ein Mensch in das Gliick, der andere ins
Ungluck hineingeboren wird, wird diese Gesinnung keine
Frage sehen. Sie wird, wenn sie auch nicht das Wort «Zufall»
gebrauchen will, doch nicht daran denken, irgendeinen ge-
setzmaBigen Zusammenhang anzunehmen, der solches be-
wirkt. Und in bezug auf die Anlagen, die Begabungen wird
eine solche Vorstellungsart sich an das halten, was von
Eltern, Voreltern und sonstigen Ahnen «vererbt» ist Sie wird
es ablehnen, die Ursachen in geistigen Vorgangen zu suchen,
welche der Mensch selbst vor seiner Geburt — abseits von
der Vererbungslinie seiner Ahnen — durchgemacht hat und
durch die er sich seine Anlagen und Begabimgen gestaltet
hat. — Eine andere Gesinnung wird sich durch eine solche
Auffassung unbefriedigt flihlen. Sie wird sagen: Es geschieht
doch auch in der offenbaren Welt nichts an einem bestimm-
ten Orte oder in einer bestimmten Umgebung, ohne daB
man Ursachen voraussetzen muBte, warum dies der Fall ist
Mag auch in vielen Fallen der Mensch diese Ursachen noch
nicht erforscht haben, vorhanden sind sie. Eine Alpenblume
wachst nicht in der Tiefebene. Ihre Natur hat etwas, was
sie mit der Alpengegend zusammenbringt. Ebenso muB es
in einem Menschen etwas geben, was ihn in eine bestimmte
Umgebung hineingeboren werden laBt Mit Ursachen, die
bloB in der physischen Welt liegen, ist es dabei nicht getan.
Sie nehmen sich fur den tiefer Denkenden so aus, als wenn
die Tatsache, daB jemand einem andern einen Schlag ver-
setzt habe, nicht mit den Gefuhlen des ersteren, sondern mit
dem physischen Mechanismus seiner Hand erklart werden
sollte. — Ebenso unbefriedigt muB sich diese Gesinnung mit
aller Erklarung aus der bloBen «Vererbung» bei Anlagen
und Begabungen zeigen. Man mag von ihr immerhin sagen:
Sehet, wie sich bestimmte Anlagen in Familien forterben. In
zwei und einem halben Jahrhundert haben sich die musika-
lischen Anlagen in den Gliedern der Familie Bach vererbt.
Aus der Familie Bernoulli sind acht Mathematiker hervor-
gegangen, die zum Teil in ihrer Kindheit zu ganz anderen
Berufen bestimmt waren. Aber die «vererbten» Begabungen
haben sie immer zu dem Familienberuf hingetrieben. Man
mag ferner darauf verweisen, wie man durch eine genaue
Erforschung der Vorfahrenreihe einer Personlichkeit zeigen
konne, daB in der einen oder der anderen Weise sich die Be-
gabung dieser Personlichkeit bei den Ahnen gezeigt habe
und daB sie sich nur als eine Summierung vererbter Anlagen
darstellt — Wer die angedeutete zweite Art der Gesinnung
hat, wird solche Tatsachen gewiB nicht auBer acht lassen; sie
konnen ihm aber nicht sein, was sie dem sind, der sich nur
auf die Vorgange in der SinnenWelt bei seinen Erklarungen
stutzen will Der erstere wird darauf hinweisen, daB sich
ebensowenig die vererbten Anlagen von selbst zur Gesamt-
personlichkeit summieren konnen, wie sich die Metallteile
der Uhr zu dieser von selbst formieren. Und wenn man ihm
einwendet, daB ja doch das Zusammenwirken der Eltern
die Kombination der Anlagen bewirken konne, also dieses
gleichsam an die Stelle des Uhrmachers trete, so wird er er-
widern: Sehet mit Unbefangenheit auf das vollig Neue hin,
das mit jeder Kindes-Personlichkeit gegeben ist; dieses kann
nicht von den Eltern kommen, einfach deshalb nicht, weil
es in diesen nicht vorhanden ist.
Ein unklares Denken kann auf diesem Gebiet viel Ver-
wirrung stiften. Am schlimmsten ist es, wenn von den Tra-
gern der ersten Gesinnung diejenigen der letzteren als Geg-
ner dessen hingestellt werden, was doch auf «sichere Tat-
sachen» sich stiitzt. Aber es braucht diesen letzteren gar nicht
in den Sinn zu kommen, diesen Tatsachen ihre Wahrheit
oder ihren Wert abzusprechen. Sie sehen z. B. durchaus
auch, daB sich eine bestimmte Geistesanlage, ja Geistes-
richtung in einer Familie «forterbt» und daB gewisse An-
lagen, in einem Nachkommen summiert und kombiniert, eine
bedeutende Personlichkeit ergeben. Sie vermogen durchaus
zuzugeben, wenn man ihnen sagt, daB der bedeutendste
Name selten an der Spitze, sondern am Ende einer Bluts-
genossenschaft steht. Man sollte es ihnen aber nicht iibel
vermerken, wenn sie gezwungen sind, daraus ganz andere
Gedanken zu bilden als diejenigen, welche nur beim Sinnlich-
Tatsachlichen stehenbleiben wollen. Den letzteren kann eben
erwidert werden: GewiB zeigt ein Mensch die Merkmale sei-
ner Vorfahren, denn das Geistig-Seelische, welches durch die
Geburt in das physische Dasein tritt, entnimmt seine Leib-
lichkeit dem, was ihm die Vererbung gibt. Damit ist aber
noch nichts gesagt, als daB ein Wesen die Eigentiimlichkeiten
des Mittels tragt, in das es untergetaucht ist. Es ist gewiB
ein sonderbarer — trivialer — Vergleich, aber der Unbefan-
gene wird ihm seine Berechtigung nicht absprechen, wenn
gesagt wird: daB ein Menschenwesen sich in die Eigenschaf-
ten seiner Vorfahren eingehiillt zeigt, beweist fur die Her-
kunft der personlichen Eigenschaften dieses Wesens eben-
sowenig, wie es fur die innere Natur eines Menschen etwas
beweist, wenn er naB ist, weil er ins Wasser gefallen ist.
Und weiter kann gesagt werden: Wenn der bedeutendste
Name am Ende einer Blutsgenossenschaft steht, so zeigt
dies, daB der Trager dieses Namens jene Blutsgenossenschaft
brauchte, urn sich den Leib zu gestalten, den er fur die Ent-
faltung seiner Gesamtpersonlichkeit notwendig hatte. Es be-
weist aber gar nichts fur die «Vererbung» des Personlichen
selbst: ja es beweist fur eine gesunde Logik diese Tatsache
das gerade Gegenteil. Wenn sich namlich die personlichen
Gaben vererbten, so muBten sie am Anfange einer Bluts-
genossenschaft stehen und sich dann von hier ausgehend auf
die Nachkommen vererben. Da sie aber am Ende stehen, so
ist das gerade ein Zeugnis dafur, daB sie sich nicht vererben.
Nun soil nicht in Abrede gestellt werden, daB auf Seite
derjenigen, welche von einer geistigen Verursachung im Le-
ben sprechen, nicht minder zur Verwirrung beigetragen
wird. Von ihnen wird oft: viel zu sehr im allgemeinen, im
unbestimmten geredet. Es ist gewiB mit der Behauptung zu
vergleichen: die Metallteile einer Uhr haben sich selbst zu
dieser zusammengestellt, wenn gesagt wird: aus den ver-
erbten Merkmalen summiere sich die Personlichkeit eines
Menschen. Aber es muB auch zugegeben werden, daB es mit
vielen Behauptungen in bezug auf eine geistige Welt sich
nicht anders verhalt, als wenn jemand sagte: Die Metallteile
der Uhr konnen sich selbst nicht so zusammenfugen, daB
durch die Zusammenfugung die Zeiger vorwartsgeschoben
werden, also muB irgend etwas Geistiges da sein, welches
dieses Vorwartsschieben besorgt Gegenuber einer solchen
Behauptung baut allerdings der auf einen weit besseren
Grund, welcher sagt: Ach, ich kummere mich nicht weiter um
solche «mystische» Wesen, welche die Zeiger vorwartsschie-
ben; ich suche die mechanischen Zusammenhange kennen-
zulernen, durch welche das Vorwartsschieben der Zeiger
bewirkt wird. Es handelt sich eben gar nicht darum, nur
zu wissen, hinter einem Mechanischen, z.B. der Uhr,
stehe ein Geistiges (der Uhrmacher), sondern bedeutungs-
voll kann es allein sein, die Gedanken kennenzulernen, die
im Geiste des Uhrmachers der Verfertigung der Uhr voran-
gegangen sind. Man kann diese Gedanken im Mechanismus
wiederfinden.
Alles bloBe Traumen und Phantasieren von dem Uber-
sinnlichen bringt nur Verwirrung. Denn es ist ungeeignet,
die Gegner zu befriedigen. Diese sind ja im Recht, wenn sie
sagen, solches Hinweisen auf ubersinnliche Wesen im allge-
meinen fordert in nichts das Verstandnis der Tatsachen. Ge-
wiB, solche Gegner mogen auch gegenuber den bestimmten
Angaben der Geisteswissenschaft das gleiche sagen. Dann
aber kann hingewiesen werden darauf, wie sich im offen-
baren Leben die Wirkungen der verborgenen geistigen Ur-
sachen zeigen. Es kann gesagt werden: Man nehme einmal an,
es sei richtig, was die Geistesforschung durch Beobachtung
festgestellt haben will, daB der Mensch nach seinem Tode
eine Lauterungszeit durchgemacht habe und daB er wahrend
derselben seelisch erlebt habe, welches Hemmnis in der fort-
schreitenden Entwicklung eine bestimmte Tat sei, die er in
einem vorhergegangenen Leben vollfuhrt hat. Wahrend er
dieses erlebt hat, bildete sich in ihm der Trieb, die Folgen
dieser Tat zu verbessern. Diesen Trieb bringt er sich fur ein
neues Leben mit. Und das Vorhandensein dieses Triebes bil-
det jenen Zug in seinem Wesen, der ihn an einen Platz stellt,
von dem aus die Verbesserung moglich ist. Man beachte eine
Gesamtheit solcher Triebe, und man hat eine Ursache fur
die schicksalsgemaBe Umgebung, in welche ein Mensch hin-
eingeboren wird. — Ebenso kann es mit einer anderen An-
nahme gehen. Man setze wieder voraus, es sei richtig, was
von der Geisteswissenschaft gesagt wird, die Fruchte eines
verflossenen Lebens werden dem geistigen Keim des Men-
schen einverleibt, und das Geisterland, in dem sich dieser
zwischen Tod und neuem Leben befindet, sei das Gebiet, in
dem diese Fruchte reifen, um, zu Anlagen und Fahigkeiten
umgestaltet, in einem neuen Leben zu erscheinen und die
Personlichkeit so zu gestalten, daB sie als die Wirkung des-
sen erscheint, was in einem vorigen Leben gewonnen wor-
den ist. — Wer diese Voraussetzungen macht und mit ihnen
unbefangen das Leben betrachtet, dem wird sich zeigen, daB
durch sie alles Sinnlich-Tatsachliche in seiner vollen Bedeu-
tung und Wahrheit anerkannt werden kann, daB aber zu-
gleich alles das begreiflich wird, was bei einem bloBen Bauen
auf die sinnlichen Tatsachen fur denjenigen immer unbe-
greiflich bleiben muB, dessen Gesinnung nach der geistigen
Welt hin gerichtet ist* Und vor allem, es wird jede Unlogik
von der Art verschwinden, wie die frtiher angedeutete eine
ist: weil der bedeutendste Name am Ende einer Blutsgenos-
senschaft steht, miisse der Trager seine Begabung ererbt
haben. Das Leben wird logisch begreiflich durch die von der
Geisteswissenschaft ermittelten tibersinnlichen Tatsachen.
Der gewissenhafte Wahrheitsucher, der ohne eigene Er-
fahrung in der iibersinnlichen Welt sich zurechtfinden will
in den Tatsachen, wird aber auch noch einen gewichtigen
Einwand erheben konnen. Es kann namlich geltend gemacht
werden, daB es unzulassig sei, einfach aus dem Grunde das
Dasein irgendwelcher Tatsachen anzunehmen, weil man sich
dadurch etwas erklaren konne, was sonst unerklarlich ist.
Solch ein Einwand ist sicherlich fur denjenigen ganz bedeu-
tungslos, welcher die entsprechenden Tatsachen aus der iiber-
sinnlichen Erfahrung kennt. Und in den folgenden Teilen
dieser Schrift wird der Weg angegeben, der gegangen wer-
den kann, um nicht nur andere geistige Tatsachen, die hier
beschrieben werden, sondern auch das Gesetz der geistigen
Verursachung als eigenes Erlebnis kennenzulernen. Aber fur
jeden, welcher diesen Weg nicht antreten will, kann der
obige Einwand eine Bedeutung haben. Und dasjenige, was
wider ihn gesagt werden kann, ist auch fur einen solchen
wertvoll, der den angedeuteten Weg selbst zu gehen ent-
schlossen ist. Denn wenn es jemand in der richtigen Art auf-
nimmt, dann ist es selbst der beste erste Schritt, der auf die-
sem Wege gemacht werden kann. — Es ist namlich durchaus
wahr: bloB weil man sich etwas dadurch erklaren kann, was
sonst unerklarlich bleibt, soil man etwas nicht annehmen,
* [SieheHinweisS. 443]
von dessen Dasein man sonst kein Wissen hat. Aber in dem
Falle mit den angefiihrten geistigen Tatsachen liegt die Sache
doch noch anders. Wenn man sie annimmt, so hat das nicht
nur die intellektuelle Folge, daB man durch sie das Leben
begreiflich findet, sondern man erlebt durch die Aufnahme
dieser Voraussetzungen in seine Gedanken noch etwas ganz
anderes. Man denke sich den folgenden Fall: Es widerfahrt
jemand etwas, das in ihm recht peinliche Empfindungen her-
vorruft. Er kann sich nun in zweifacher Art dazu stellen. Er
kann den Vorfall als etwas erleben, was ihn peinlich be-
riihrt, und sich der peinlichen Empfindung hingeben, viel-
leicht sogar in Schmerz versinken. Er kann sich aber auch
anders dazu stellen. Er kann sagen: In Wahrheit habe ich
selbst in einem vergangenen Leben in mir die Kraft gebildet,
welche mich vor diesen Vorfall gestellt hat; ich habe in Wirk-
lichkeit mir selbst die Sache zugefugt. Und er kann nun alle
die Empfindungen in sich erregen, welche ein solcher Ge-
danke zur Folge haben kann. Selbstverstandlich muB der
Gedanke mit dem allervollkommensten Ernste und mit aller
moglichen Kraft erlebt werden, wenn er eine solche Folge
fur das Empfindungs- und Gefuhlsleben haben soil. Wer
solches zustande bringt, fur den wird sich eine Erfahrung
einstellen, welche sich am besten durch einen Vergleich ver-
anschaulichen laBt. Zwei Menschen — so wolle man anneh-
men — bekamen eine Siegellackstange in die Hand. Der eine
stelle intellektuelle Betrachtungen an iiber die «innere Na-
tur» der Stange. Diese Betrachtungen mogen sehr klug sein;
wenn sich diese «innere Natup> durch nichts zeigt, mag ihm
ruhig jemand erwidern: das sei Traumerei. Der andere aber
reibt den Siegellack mit einem Tuchlappen, und er zeigt
dann, daB die Stange kleine Korperchen anzieht. Es ist ein
gewichtiger Unterschied zwischen den Gedanken, die durch
des ersten Menschen Kopf gegangen sind und ihn zu den
Betrachtungen angeregt haben, und denen des zweiten. Des
ersten Gedanken haben keine tatsachliche Folge; diejenigen
des zweiten aber haben eine Kraft, also etwas Tatsachliches,
aus seiner Verborgenheit hervorgelockt. — So ist es nun auch
mit den Gedanken eines Menschen, der sich vorstellt, er habe
die Kraft, mit einem Ereignis zusammenzukommen, durch
ein fruheres Leben selbst in sich gepflanzt Diese bloBe Vor-
stellung regt in ihm eine wirkliche Kraft an, durch die er in
einer ganz andern Art dem Ereignis begegnen kann, als
wenn er diese Vorstellung nicht hegt. Es geht ihm dadurch
ein Licht auf iiber die notwendige Wesenheit dieses Ereig-
nisses, das er sonst nur als einen Zufall anerkennen konnte.
Und er wird unmittelbar einsehen: ich habe den rechten Ge-
danken gehabt, denn dieser Gedanke hatte die Kraft, die
Tatsache mir zu enthullen. Wiederholt jemand solche in-
nere Vorgange, so werden sie fortgesetzt zu einem Mittel
innerer Kraftzufuhr, und sie erweisen so ihre Richtigkeit
durch ihre Fruchtbarkeit Und diese Richtigkeit zeigt sich,
nach und nach, kraftig genug. In geistiger, seelischer und
auch physischer Beziehung wirken solche Vorgange gesun-
dend, ja in jeder Beziehung fordernd auf das Leben ein. Der
Mensch wird gewahr, daB er sich dadurch in einer richtigen
Art in den Lebenszusammenhang hineinstellt, wahrend er
bei Beachtung nur des einen Lebens zwischen Geburt und
Tod sich einem Irrwahn hingibt Der Mensch wird seelisch
starker durch das gekennzeichnete Wissen. — Einen solchen
rein inneren Beweis von der geistigen Verursachung kann
sich ein jeder allerdings nur selbst in seinem Innenleben ver-
schaffen. Aber es kann ihn auch ein jeder haben. Wer ihn
sich nicht verschafft hat, kann seine Beweiskraft allerdings
nicht beurteilen. Wer ihn sich verschafft hat, der kann ihn
aber auch kaum mehr anzweifeln. Man braucht sich auch
gar nicht zu verwimdern, daB dies so ist. Denn was so ganz
und gar mit demjenigen zusammenhangt, was des Menschen
innerste Wesenheit, seine Personlichkeit ausmacht, von dem
ist es nur natlirlich, daB es auch nur im innersten Erleben
genligend bewiesen werden kann. — Vorbringen kann man
dagegen allerdings nicht, daB eine solche Angelegenheit,
weil sie solchem inneren Erlebnis entspricht, ein jeder mit
sich selbst abmachen mtisse, und daB sie nicht Sache einer
Geisteswissenschaft sein konne. GewiB ist, daB ein jeder
selbst das Erlebnis haben muB, wie ein jeder selbst den
Beweis eines mathematischen Satzes einsehen muB. Aber
der Weg, auf dem das Erlebnis erreicht werden kann, ist
fur alle Menschen gultig, wie die Methode, einen mathema-
tischen Satz zu beweisen, fur alle gultig ist.
Nicht in Abrede soil gestellt werden, daB — von den tiber-
sinnlichen Beobachtungen naturlich abgesehen — der eben
angeflihrte Beweis durch die krafthervorbringende Gewalt
der entsprechenden Gedanken der einzige ist, der jeder un-
befangenen Logik standhalt. Alle anderen Erwagungen sind
gewiB sehr bedeutsam; aber sie werden doch alle etwas
haben, an dem ein Gegner Angriffspunkte finden kann. Wer
allerdings sich genug unbefangenen Blick angeeignet hat,
der wird schon in der Moglichkeit und Tatsachlichkeit der
Erziehung bei dem Menschen etwas finden, was logisch wir-
kende Beweiskraft dafiir hat, daB ein geistiges Wesen sich
in der leiblichen Hiille zum Dasein ringt. Er wird das Tier
mit dem Menschen vergleichen und sich sagen: Bei dem
ersteren treten die fur dasselbe maBgebenden Eigenschaften
und Befahigungen mit der Geburt als etwas in sich Bestimm-
tes auf, das deudich zeigt, wie es durch die Vererbung vor-
gezeichnet ist und sich an der AuBenWelt entfaltet. Man
sehe, wie das junge Kiichlein Lebensverrichtimgen von Ge-
burt an in bestimmter Art vollzieht An den Menschen aber
tritt durch die Erziehung mit seinem Innenleben etwas in
ein Verhaltnis, was ohne alle Beziehung zu einer Vererbung
stehen kann. Und er kann in der Lage sein, die Wirkungen
solcher auBeren Einfliisse sich anzueignen. Wer erzieht, der
weiB, daB solchen Einfliissen vom Innern des Menschen
Krafte entgegenkommen miissen; ist das nicht der Fall, dann
ist alle Schulung und Erziehung bedeutungslos. Fur den un-
befangenen Erzieher stellt sich sogar ganz scharf die Grenze
hin zwischen den vererbten Anlagen und jenen inneren
Kraften des Menschen, welche durch diese Anlagen hindurch-
leuchten und welche aus fruheren Lebenslaufen herruhren.
Sicherlich kann man fur solche Dinge nicht so «gewichtige»
Beweise anfuhren wie fur gewisse physikalische Tatsachen
durch die Waage. Aber daftir sind diese Dinge eben die In-
timitaten des Lebens. Und fur den, der Sinn dafiir hat, sind
auch solche nicht handgreifliche Belege beweisend; sogar be-
weisender als die handgreifliche Wirklichkeit. DaB man ja
auch Tiere dressieren kann, sie also gewissermaBen durch
Erziehung Eigenschaften und Fahigkeiten annehmen, ist fur
den, der auf das Wesentliche zu schauen vermag, kein Ein-
wand. Denn abgesehen davon, daB sich in der Welt aller-
orten Ubergange finden, verschmelzen die Ergebnisse der
Dressur bei einem Tiere keineswegs in gleicher Art mit
seinem personlichen Wesen wie beim Menschen. Man betont
ja sogar, wie die Fahigkeiten, welche den Haustieren im
Zusammenleben mit dem Menschen andressiert werden, sich
vererben, das heiBt sofort gattungsmaBig, nicht personlich
wirken. Darwin beschreibt, wie Hunde apportieren, ohne
dazu angelernt zu sein oder es gesehen zu haben. Wer wollte
ein gleiches von der menschlichen Erziehung behaupten?
Nun gibt es Denker, welche durch ihre Beobachtungen
liber die Meinung hinauskommen, daB der Mensch durch
die rein vererbten Krafte von auBen zusammengefiigt sei.
Sie erheben sich bis zu dem Gedanken, daB ein geistiges We-
sen, eine Individuality, dem leiblichen Dasein vorangehe
und dieses gestalte. Aber viele von ihnen rinden doch nicht
die Moglichkeit, zu begreifen, daB es wiederholte Erden-
leben gibt und daB in dem Zwischendasein zwischen den
Leben die Fruchte der vorigen mitgestaltende Krafte sind. Es
sei aus der Reihe solcher Denker einer angefuhrt. Immanuel
Hermann Fichte, der Sohn des groBen Fichte, fiihrt in seiner
«Anthropologie» seine Beobachtungen an, die ihn (S. 528)
zu folgendem zusammenfassenden Urteil bringen: «Die
Eltern sind nicht die Erzeuger in vollstandigem Sinne: den
organischen Stoff bieten sie dar, und nicht bloB diesen, son-
dern zugleich jenes Mittlere, Sinnlich-Gemudiche, welches
sich in Temperament, in eigentumlicher Gemutsfarbung, in
bestimmter Spezifikation der Triebe und dergleichen zeigt,
als deren gemeinschaftliche Quelle die <Phantasie> in jenem
weitern, von uns nachgewiesenen Sinn sich ergeben hat. In
alien diesen Elementen der Personlichkeit ist die Mischung
und eigentumliche Verbindung der Elternseelen unverkenn-
bar; diese daher fur ein bloBes Produkt der Zeugung zu er-
klaren, ist vollkommen begrundet, noch dazu, wenn, wofiir
wir uns entscheiden muBten, die Zeugung als wirklicher
Seelenvorgang aufgefaBt wird. Aber der eigendiche, schlie-
Bende Mittelpunkt der Personlichkeit fehlt hier gerade; denn
bei tiefer eindringender Beobachtung ergibt sich, daB auch
jene gemiidichen Eigentlimlichkeiten nur eine Hiille und
ein Werkzeugliches sind, urn die eigentlich geistigen idealen
Anlagen des Menschen in sich zu fassen, geeignet, sie zu for-
dern in ihrer Entwickelung oder zu hemmen, keineswegs
aber fahig, sie aus sich entstehen zu lassen.» Und weiter wird
da gesagt: «Jeder praexistiert nach seiner geistigen Grund-
gestalt, denn geistig betrachtet gleicht kein Individuum dem
andern, sowenig als die eine Tierspezies einer der ubrigen»
(S. 532). Diese Gedanken greifen nur so weit, daB sie in die
physische Leiblichkeit des Menschen eintreten lassen eine
geistige Wesenheit. Da deren gestaltende Krafte aber nicht
aus Ursachen fruherer Leben hergeleitet werden, so muBte
jedesmal, wenn eine Personlichkeit ersteht, eine solche gei-
stige Wesenheit aus einem gottlichen Urgrunde hervorgehen.
Unter dieser Voraussetzung bestande aber keine Moglich-
keit, die Verwandtschaft zu erklaren, die ja besteht zwischen
den sich aus dem menschlichen Innern herausringenden An-
lagen und dem, was von der auBeren irdischen Umgebung
im Laufe des Lebens an dieses Innere herandringt. Das
menschliche Innere, das fur jeden einzelnen Menschen aus
einem gottlichen Urgrunde stammte, muBte ganz fremd ge-
genliberstehen dem, was ihm im irdischen Leben gegenliber-
tritt. Nur dann wird das — wie es ja tatsachlich ist — nicht
der Fall sein, wenn dieses menschliche Innere mit dem
AuBern bereits verbunden war, wenn es nicht zum ersten
Male in diesem lebt Der unbefangene Erzieher kann klar die
Wahrnehmung machen: ich bringe aus den Ergebnissen des
Erdenlebens an meinen Zogling etwas heran, was zwar
seinen bloB vererbten Eigenschaften fremd ist, was ihn aber
doch so anmutet, als ob er bei der Arbeit, aus welcher diese
Ergebnisse stammen, schon dabei gewesen ware. Nur die
wiederholten Erdenleben im Zusammenhang mit den von
der Geistesforschung dargelegten Tatsachen im geistigen
Gebiet zwischen den Erdenleben: nur dies alles kann eine
befriedigende Erklarung des allseitig betrachteten Lebens
der gegenwartigen Menschheit geben. — Ausdriicklich wird
hier gesagt: der «gegenwartigen» Menschheit. Denn die gei-
stige Forschung ergibt, daB allerdings einmal der Kreislauf
der Erdenleben begonnen hat und daB damals andere Ver-
haltnisse als gegenwartig fur das in die leibliche Hiille ein-
tretende geistige Wesen des Menschen bestanden haben. In
den folgenden Kapiteln wird auf diesen urzeidichen Zu-
stand des Menschenwesens zuruckgegangen. Wenn dadurch
aus den Ergebnissen der Geisteswissenschaft heraus wird ge-
zeigt worden sein, wie dieses Menschenwesen seine gegen-
wartige Gestalt im Zusammenhang mit der Erdentwickelung
erhalten hat, wird auch noch genauer darauf hingedeutet
werden konnen, wie der geistige Wesenskern des Menschen
aus ubersinnlichen Welten in die leiblichen Hiillen eindringt
und wie das geistige Verursachungsgesetz, das «menschliche
Schicksal», sich heranbildet.
DIE WeltENTWICKELUNG UND DER MENSCH
Es hat sich durch die vorangegangenen Betrachtungen er-
geben, daB die Wesenheit des Menschen aus den vier Gliedern
sich aufbaut: Physischer Leib, Lebensleib, Astralleib und
Ich-Trager. Das «Ich» arbeitet innerhalb der drei andern
Glieder und wandelt diese um. Durch solche Umwandlung
entstehen auf einer niedrigeren Stufe: Empfindungsseele,
Verstandesseele und BewuBtseinsseele. Auf einer hoheren
Stufe des Menschendaseins bilden sich: Geistselbst, Lebens-
geist und Geistesmensch. Diese Glieder der Menschennatur
stehen nun in den mannigfaltigsten Verhaltnissen zu dem
ganzen Weltall. Und ihre Entwickelung hangt mit der Ent-
wicklung dieses Weltalls zusammen. Durch die Betrachtung
dieser Entwickelung gewinnt man einen Einblick in die tie-
feren Geheimnisse dieser menschlichen Wesenheit.
Es ist klar, daB des Menschen Leben nach den verschie-
densten Richtungen hin Beziehungen hat zur Umgebung, zu
dem Wohnplatz, auf dem er sich entwickelt. Nun ist schon
die auBerliche Wissenschaft durch die ihr gegebenen Tat-
sachen zu der Ansicht gedrangt worden, daB die Erde selbst,
dieser Wohnplatz des Menschen im umfassendsten Sinne,
eine Entwickelung durchgemacht hat. Diese Wissenschaft
weist auf Zustande im Erdendasein hin, innerhalb welcher
ein Mensch in seiner gegenwartigen Form auf unserem Pla-
neten noch nicht existiert hat. Sie zeigt, wie die Menschheit
von einfachen Kulturzustanden herauf sich langsam und all-
mahlich zu den gegenwartigen Verhaltnissen entwickelt hat.
Also auch diese Wissenschaft kommt zu der Meinung, daB ein
Zusammenhang bestehe zwischen der Entwickelung des
Menschen und derjenigen seines Himmelskorpers, der Erde.
Die Geisteswissenschaft* verfolgt diesen Zusammenhang
durch diejenige Erkenntnis, welche ihre Tatsachen aus der
durch die geistigen Organe gescharften Wahrnehmung
schopft Sie verfolgt den Menschen riickwarts in seinem Wer-
degange. Es zeigt sich ihr, daB das eigendiche innere geistige
Wesen des Menschen durch eine Reihe von Leben auf dieser
Erde geschritten ist. So aber kommt die Geistesforschung zu
einem weit in der Vergangenheit zuruckliegenden Zeitpunkte,
in dem zum ersten Male dieses innere Menschenwesen in ein
auBeres Leben in dem gegenwartigen Sinne eingetreten ist
In dieser ersten irdischen Verkorperung war es, daB das «Ich»
anfing, innerhalb der drei Leiber, Astralleib, Lebensleib, phy-
sischer Leib, sich zu betatigen. Und es nahm dann die Frlichte
dieser Arbeit mit in das folgende Leben hinuber.
Wenn man in der angedeuteten Art bis zu diesem Zeit-
punkte in der Betrachtung riickwarts schreitet, so wird man
gewahr, daB das «Ich» einen Erdenzustand vorfindet, in-
nerhalb dessen die drei Leiber, physischer Leib, Lebensleib
und Astralleib, schon entwickelt sind und schon einen gewis-
sen Zusammenhang haben. Das «Ich» verbindet sich zum
ersten Male mit der Wesenheit, welche aus diesen drei Lei-
bern besteht Es nimmt von jetzt ab dieses «Ich» an der
Weiterentwickelung der drei Leiber teil. Vorher haben sich
diese ohne ein solches Menschen-Ich bis zu der Stufe ent-
wickelt, auf welcher sie dieses Ich damals angetroffen hat.
Die Geisteswissenschaft muB mit ihrer Forschung nun noch
weiter zuruckgehen, wenn sie die Fragen beantworten will:
Wie sind die drei Leiber bis zu einer solchen Stufe der Ent-
* Geisteswissenschaft wird hier, wie aus dem Zusammenhang ersicht-
lich ist, gleichbedeutend mit «Geheimwissenschaft», mit iibersinnlicher
Erkenntnis gebraucht.
wickelung gelangt, auf der sie ein «Ich» in sich aufnehmen
konnten, und wie ist dieses Ich selbst geworden und zu der
Fahigkeit gelangt, innerhalb dieser Leiber wirken zu kon-
nen?
Die Beantwortung dieser Fragen ist nur moglich, wenn
man das Werden des Erdenplaneten selbst im geisteswissen-
schaftlichen Sinne verfolgt Durch solche Forschung gelangt
man an einen Anfang dieses Erdenplaneten. Diejenige Be-
trachtungsart, welche nur auf die Tatsachen der physischen
Sinne baut, kann nicht bis zu SchluBfolgerungen gelangen,
die mit diesem Erdenanfang etwas zu tun haben. Eine ge-
wisse Ansicht, die sich solcher SchluBfolgerungen bedient,
kommt zu dem Ergebnis, daB alles Stoffliche der Erde sich
aus einem Urnebel heraus gebildet habe. Es kann nicht die
Aufgabe dieser Schrift sein, auf solche Vorstellungen naher
einzugehen. Denn fur die Geistesforschung handelt es sich
darum, nicht bloB die materiellen Vorgange der Erdentwik-
kelung in Betracht zu Ziehen, sondern vor allem die hinter
dem Stofflichen liegenden geistigen Ursachen. Wenn man
einen Menschen vor sich hat, der eine Hand hebt, so kann
dieses Heben der Hand zu zweierlei Betrachtungsweisen an-
regen. Man kann den Mechanismus des Amies und des an-
dern Organismus untersuchen und den Vorgang so beschrei-
ben wollen, wie er sich rein physisch abspielt Man kann
aber auch den geistigen Blick auf dasjenige lenken, was in
der Seele des Menschen vorgeht und was die seelische Ver-
anlassung zum Heben der Hand bildet. In einer ahnlichen
Art sieht der durch das geistige Wahrnehmen geschulte For-
scher hinter alien Vorgangen der sinnlich-physischen Welt
geistige Vorgange. Fur ihn sind alle Umwandlungen in
dem Stofflichen des Erdenplaneten Offenbarungen geistiger
Krafte, die hinter dem Stofflichen liegen. Wenn aber solche
geistige Beobachtung in dem Leben der Erde immer weiter
zuriickgeht, so kommt sie an einen Entwickelungspimkt, an
dem alles Stoffliche erst anfangt zu sein. Es entwickelt sich
dieses Stoffliche aus dem Geistigen heraus. Vorher ist nur
Geistiges vorhanden. Man nimmt durch diese geistige Be-
obachtung das Geistige wahr und sieht, wie in weiterem
Verfolg sich dieses Geistige zu dem Stofflichen teilweise
gleichsam verdichtet. Man hat einen Vorgang vor sich, der
sich — auf einer hoheren Stufe — so abspielt, wie wenn man
ein GefaB mit Wasser betrachtet, in dem sich nach und nach
durch kunstvoll geleitete Abkuhlungen Eisklumpen heraus-
bildeten. Wie man hier aus dem, was vorher durchaus Wasser
war, das Eis sich heraus verdichten sieht, so kann man durch
geistige Beobachtung verfolgen, wie sich aus einem voran-
gehenden durchaus Geistigen die stofflichen Dinge, Vor-
gange und Wesenheiten gleichsam verdichten. — So hat sich
der physische Erdenplanet herausentwickelt aus einem gei-
stigen Weltwesen; und alles, was stofflich mit diesem Erden-
planeten verkniipft ist, hat sich aus solchem herausverdich-
tet, was mit ihm vorher geistig verbunden war. Man hat
sich aber nicht vorzustellen, daB jemals alles Geistige sich
in Stoffliches umwandelt; sondern man hat in dem letzteren
immer nur umgewandelte Teile des ursprunglichen Geisti-
gen vor sich. Dabei bleibt das Geistige auch wahrend der
stofflichen Entwickelungsperiode das eigentlich leitende und
fuhrende Prinzip.
Es ist einleuchtend, daB diejenige Vorstellungsart, welche
sich nur an die sinnlich-physischen Vorgange halten will —
und an dasjenige, was der Verstand aus diesen Vorgangen
erschlieBen kann — nichts auszusagen vermag iiber das in
Rede stehende Geistige. Man nehme an, es konne ein Wesen
geben, das nur solche Sinne hatte, die Eis wahrnehmen kon-
nen, nicht aber den feineren Zustand des Wassers, aus dem
sich das Eis durch Abkiihlung abhebt. Fur ein solches Wesen
ware das Wasser nicht vorhanden; und es ware fur dasselbe
von dem Wasser erst dann etwas wahrzimehmen, wenn sich
Teile desselben zu Eis umgebildet haben. So bleibt fur einen
Menschen das hinter den Erdenvorgangen liegende Geistige
verborgen, wenn er nur das fur die physischen Sinne Vorhan-
dene gelten lassen will. Und wenn er von den physischen
Tatsachen, die er gegenwartig wahrnimmt, richtige SchluB-
folgerungen sich bildet iiber fruhere Zustande des Erden-
planeten, so kommt ein solcher Mensch eben nur bis zu
jenem Entwickelungspunkte, in dem das vorangehende
Geistige sich teilweise zu dem Stofflichen verdichtete. Dieses
vorangehende Geistige sieht eine solche Betrachtungsweise
ebensowenig wie das Geistige, das unsichtbar auch gegen-
wartig hinter dem Stofflichen waltet
Es kann erst in den letzten Kapiteln dieser Schrift von
den Wegen gesprochen werden, auf denen der Mensch sich
die Fahigkeit aneignet, in geistiger Wahrnehmung auf die
fruheren Erdenzustande zuruckzublicken, von denen hier
die Rede ist Nur angedeutet soli hier vorlaufig werden,
daB fur die geistige Forschung die Tatsachen auch urferner
Vergangenheiten nicht verschwunden sind. Wenn ein Wesen
zu einem korperlichen Dasein gelangt, so vergeht mit sei-
nem korperlichen Tode das Stoffliche. Nicht in der gleichen
Art «verschwinden» die geistigen Krafte, welche dieses Kor-
perhafte aus sich herausgetrieben haben. Sie lassen ihre Spu-
ren, ihre genauen Abbilder in der geistigen Grundlage der
Welt zuriick Und wer durch die sichtbare Welt hindurch
die Wahrnehmung zu dem Unsichtbaren zu erheben ver-
mag, der gelangt endlich dazu, etwas vor sich zu haben, was
man mit einem gewaltigen geistigen Panorama vergleichen
konnte, in dem alle vergangenen Vorgange der Welt ver-
zeichnet sind. Man kann diese unverganglichen Spuren alles
Geistigen die «Akasha-Chronik» nennen, indem man als
Akasha-Wesenheit das Geistig-Bleibende des Weltgeschehens
im Gegensatz zu den verganglichen Formen des Geschehens
bezeichnet Nun muB auch hier wieder gesagt werden, daB
Forschungen auf den ubersinnlichen Gebieten des Daseins
nur mit Hilfe des geistigen Wahrnehmens, also auf dem hier
betrachteten Gebiete nur durch das Lesen der angedeuteten
«Akasha-Chronik» angestellt werden konnen. Dennoch gilt
auch hier dasjenige, was fur Ahnliches schon an fruherer
Stelle dieser Schrift gesagt worden ist. Erforscht konnen die
ubersinnlichen Tatsachen nur durch die ubersinnliche Wahr-
nehmung werden; sind sie aber erforscht und werden sie
von der Wissenschaft des Ubersinnlichen mitgeteilt, so kon-
nen sie eingesehen werden durch das gewohnliche Denken,
wenn dieses nur wirklich unbefangen sein will. Es werden
in dem folgenden im Sinne der ubersinnlichen Erkenntnis
die Entwickelungszustande der Erde mitgeteilt. Es werden
die Umwandlungen unseres Planeten verfolgt werden bis
zu dem Lebenszustande, in dem dieser gegenwartig ist. Wenn
nun jemand das betrachtet, was er gegenwartig in bloBer
sinnlicher Wahrnehmung vor sich hat, und dann dasjenige
in sich aufnimmt, was die ubersinnliche Erkenntnis daruber
sagt, wie seit urferner Vergangenheit dieses Gegenwartige
sich entwickelt habe, so vermag er bei wahrhaft unbefan-
genem Denken sich zu sagen: Erstens ist es durchaus logisch,
was diese Erkenntnis berichtet; zweitens kann ich einsehen,
daB die Dinge so geworden sind, wie sie mir eben entgegen-
treten, wenn ich annehme, daB dies richtig sei, was durch
die iibersinnliche Forschung mitgeteilt wird. Mit dem «Lo-
gischen» ist natiirlich in diesem Zusammenhange nicht ge-
meint, daB innerhalb irgendeiner Darstellung iibersinnlicher
Forschung nicht Irrtumer in logischer Beziehung enthalten
sein konnten. Auch hier soil von dem «Logischen» nur so
gesprochen werden, wie man im gewohnlichen Leben der
physischen Welt davon spricht. Wie da die logische Dar-
stellung als Forderung gilt, trotzdem der einzelne Dar-
steller eines Tatsachengebietes logischen Irrtumern verfallen
kann, so ist es auch in der ubersinnlichen Forschung. Es kann
sogar vorkommen, daB ein Forscher, der auf ubersinnlichen
Gebieten wahrzunehmen vermag, sich Irrtumern in der
logischen Darstellung hingibt und daB einen solchen dann
jemand verbessern kann, der gar nicht ubersinnlich wahr-
nimmt, wohl aber die Fahigkeit eines gesunden Denkens hat.
Aber im Wesen kann gegen die in der ubersinnlichen For-
schung angewandte Logik nichts eingewendet werden. Und
gar nicht notig sollte man haben zu betonen, daB gegen die
Tatsachen selbst nichts aus bloB logischen Grunden vorge-
bracht werden kann. So wie man auf dem Gebiete der phy-
sischen Welt niemals logisch beweisen kann, ob es einen Wal-
fisch gibt oder nicht, sondern nur durch den Augenschein,
so konnen auch die ubersinnlichen Tatsachen nur durch die
geistige Wahrnehmung erkannt werden. — Es kann aber nicht
genug betont werden, daB es fur den Betrachter der uber-
sinnlichen Gebiete eine Notwendigkeit ist, bevor er in eige-
nem Wahrnehmen sich den geistigen Welten nahern will,
zuerst sich durch die angedeutete Logik eine Ansicht zu ver-
schaffen, und nicht minder dadurch, daB er erkennt, wie die
sinnlich-offenbare Welt iiberall verstandlich erscheint, wenn
man voraussetzt, die Mitteilungen der Geheimwissenschaft
seien richtig. Es bleibt eben alles Erleben in der iibersinn-
lichen Welt ein unsicheres — ja gefahrliches — Herumtasten,
wenn der geschilderte Vorbereitungsweg verschmaht wird.
Deshalb wird in dieser Schrift auch zuerst das Ubersinnlich-
Tatsachliche der Erdentwickelung mitgeteilt, bevor iiber den
Weg der ubersinnlichen Erkenntnis selbst gesprochen wird. —
Es kommt ja durchaus auch in Betracht, daB derjenige,
welcher sich rein denkend in das hineinfindet, was die iiber-
sinnliche Erkenntnis zu sagen hat, keineswegs in derselben
Lage ist wie jemand, der sich eine Erzahlung anhort tiber
einen physischen Vorgang, den er nicht selbst sehen kann.
Denn das reine Denken ist selbst schon eine ubersinnliche Be-
tatigung. Es kann als Sinnliches nicht zu ubersinnlichen Vor-
gangen durch sich selbst fuhren. Wenn man aber dieses Den-
ken auf die ubersinnlichen, durch die ubersinnliche Anschau-
ung erzahlten Vorgange anwendet, dann wachst es durch sich
selbst in die ubersinnliche Welt hinein. Und es ist sogar einer
der allerbesten Wege, zu eigener Wahrnehmung auf tibersinn-
lichem Gebiete dadurch zu gelangen, daB man durch das Den-
ken liber das von der ubersinnlichen Erkenntnis Mitgeteilte
in die hohere Welt hineinwachst. Ein solches Hineinkommen
ist namlich mit der groBten Klarheit verbunden. Deshalb
betrachtet auch eine gewisse Richtung geisteswissenschaft-
licher Forschung dieses Denken als die gediegenste erste Stufe
aller geisteswissenschaftlichen Schulung. — Auch muB es
durchaus begreiflich erscheinen, daB in dieser Schrift nicht in
bezug auf alle Einzelheiten der im Geiste wahrgenommenen
Erdentwickelung darauf hingewiesen wird, wie das Uber-
sinnliche sich in dem Offenbaren bestatigt. Das war auch
nicht die Meinung, als gesagt wurde, daB das Verborgene liber-
al! in seinen offenbaren Wirkungen nachgewiesen werden
kann. Es ist vielmehr dies die Meinung, daB auf Schritt und
Tritt alles lichtvoll und begreiflich fiir den Menschen werden
kann, was ihm entgegentritt, wenn er die offenbaren Vorgange
sich in die Beleuchtung riickt, welche ihm durch die Geheim-
wissenschaft ermoglicht wird. Nur an einzelnen charakteri-
stischen Stellen mag in den folgenden Betrachtungen probe -
weise auf Bestatigungen des Verborgenen durch das Offenbare
verwiesen werden, um zu zeigen, wie man es uberall, wo man
nur will, im praktischen Verfolg des Lebens machen kann.
Man kommt im Sinne der obigen geisteswissenschaftlichen
Forschung durch die Verfolgung der Erdentwickelung nach
rlickwarts zu einem geistigen Zustand unseres Planeten. Setzt
man aber diesen Forschungsweg nach nickwarts weiter fort,
dann findet man, daB jenes Geistige vorher bereits in einer
Art physischer Verkorperung war. Man trifft also auf einen
vergangenen physischen planetarischen Zustand, der sich
spater vergeistigt und nachher durch abermalige Verstoff-
lichung sich zu unserer Erde umgewandelt hat. Unsere Erde
stellt sich somit als die Wiederverkorperung eines uralten
Planeten dar. Aber die Geisteswissenschaft kann noch weiter
zuruckgehen. Und sie findet dann den ganzen Vorgang noch
zweimal wiederholt. Unsere Erde hat also drei vorhergehen-
de planetarische Zustande durchgemacht, zwischen denen
immer Zwischenzustande der Vergeistigung liegen. Das Phy-
sische erweist sich allerdings immer feiner und feiner, je
weiter wir die Verkorperung nach rlickwarts verfolgen.
Naheliegend ist der folgenden Darstellung gegeniiber der
Einwand: Wie kann gesunde Urteilskraft sich einlassen auf
die Annahme so unermeBlich weit zuriickliegender Weltzu-
stande, wie diejenigen sind, von denen hier gesprochen wird?
Demgegenliber muB gesagt werden, daB fiir denjenigen, der
verstandnisvoll auf das gegenwdrtige verborgene Geistige
in dem offenbaren Sinnenfalligen hinzublicken vermag, auch
die Einsicht in die, wenn auch noch so entfernten frtiheren
Entwickelungszustande nichts Unmogliches darstellen kann.
Nur wer fiir die Gegenwart dieses verborgene Geistige nicht
anerkennt, fur den verliert das Reden liber eine solche Ent-
wicklung, wie sie hier gemeint ist, alien Sinn. Wer es aner-
kennt, fur den ist im Anblick des gegenwartigen Zustandes
der fruhere ebenso gegeben, wie im Anblick des funfzig-
jahrigen Menschen der des einjahrigen Kindes. Ja, kann man
sagen, aber man hat mit Bezug auf das letztere neben funf-
zigjahrigen Menschen einjahrige Kinder und alle moglichen
Zwischenstufen vor sich. Das ist richtig; aber richtig ist es
auch fur die hier gemeinte Entwicklung des Geistigen. Wer
auf diesem Felde zu einem sinngemaBen Urteil kommt, der
sieht auch ein, daB in der vollstandigen Beobachtung des
Gegenwartigen, die das Geistige mitumschlieBt, wirklich
neben den Stufen des Daseins, die bis zur Entwickelungsvoll-
kommenheit der Gegenwart fortgeschritten sind, auch die
Entwickelungszustande der Vergangenheit erhalten geblie-
ben sind, wie neben den funfzigjahrigen Menschen einjah-
rige Kinder vorhanden sind. Man kann innerhalb des Erden-
geschehens der Gegenwart das Urgeschehen schauen, wenn
man nur die sich unterscheidenden aufeinanderfolgenden
Entwickelungszustande auseinanderzuhalten vermag.
Nun tritt der Mensch in der Gestalt, in welcher er gegen-
wartig sich entwickelt, erst auf der vierten der charakteri-
sierten planetarischen Verkorperungen, auf der eigentlichen
Erde auf. Und das Wesentliche dieser Gestalt ist, daB der
Mensch aus den vier Gliedern zusammengesetzt ist: Physi-
scher Leib, Lebensleib, Astralleib und Ich. Doch hatte diese
Gestalt nicht auftreten konnen, wenn sie nicht durch die
vorhergehenden Entwickelungstatsachen vorbereitet worden
ware. Diese Vorbereitung geschah dadurch, daB innerhalb
der fruheren planetarischen Verkorperung Wesen sich ent-
wickelten, die von den gegenwartigen vier Menschengliedern
drei bereits hatten: den physischen Leib, den Lebensleib und
den Astralleib. Diese Wesen, die man in einer gewissen Be-
ziehung die Menschenvorfahren nennen kann, hatten noch
kein «Ich», aber sie entwickelten die drei anderen Glieder
und deren Zusammenhang so weit, daB sie reif wurden,
spater das «Ich» aufzunehmen. Somit gelangte der Men-
schenvorfahr auf der fruheren Planeten- Verkorperung bis
zu einem gewissen Reifezustand seiner drei Glieder. Dieser
Zustand ging in eine Vergeistigung ein. Und aus der Vergei-
stigung bildete sich dann ein neuer physischer planetarischer
Zustand, derjenige der Erde, heraus. In diesem waren, wie
als Keime, die gereiften Menschenvorfahren enthalten. Da-
durch, daB der ganze Planet durch eine Vergeistigung durch-
gegangen und in einer neuen Gestalt erschienen ist, bot er
den in ihm enthaltenen Keimen mit dem physischen Leib,
dem Lebensleib und dem Astralleib nicht nur die Gelegen-
heit, sich bis zu der Hohe wieder zu entwickeln, auf der
sie vorher schon gestanden hatten, sondern auch die andere
Moglichkeit: nachdem sie diese Hohe erreicht hatten, liber
sich hinauszugelangen durch die Aufnahme des «Ich». Die
Erdentwickelung zerfallt also in zwei Teile. In einer ersten
Periode erscheint die Erde selbst als Wiederverkorperung
des friiheren planetarischen Zustandes. Dieser Wieder-
holungszustand ist aber durch die inzwischen eingetretene
Vergeistigung ein hoherer als derjenige der vorhergehenden
Verkorperung. Und die Erde enthalt in sich die Keime der
Menschenvorfahren vom friiheren Planeten. Diese entwik-
keln sich zunachst bis zu der Hohe, auf der sie schon waren.
Wenn sie diese erreicht haben, ist die erste Periode abge-
schlossen. Die Erde aber kann jetzt wegen ihrer eigenen
hoheren Entwickelungsstufe die Keime noch hoher bringen,
namlich sie zur Aufnahme des «Ich» befahigen. Die zweite
Periode der Erdentwickelung ist diejenige der Ich-Entfal-
tung im physischen Leibe, Lebens- und Astralleibe.
Wie auf diese Art durch die Erdentwickelung der Mensch
um eine Stufe hoher gebracht wird, so ist dieses auch schon
bei den friiheren planetarischen Verkorperungen der Fall
gewesen. Denn bereits auf der ersten dieser Verkorperungen
war vom Menschen etwas vorhanden. Daher wird Klarheit
iiber die gegenwartige Menschenwesenheit verbreitet, wenn
deren Entwickelung bis in die urferne Vergangenheit der
ersten der angefuhrten Planetenverkorperungen zuriick ver-
folgt wird. — Man kann nun in der ubersinnlichen Forschung
diese erste Planetenverkorperung den Saturn nennen; die
zweite als Sonne bezeichnen; die dritte als Mond; die vierte
ist die Erde. Dabei hat man streng festzuhalten, daB diese
Bezeichnungen zunachst in keinen Zusammenhang gebracht
werden diirfen mit den gleichnamigen, die fur die Glieder
unseres gegenwartigen Sonnensystems gebraucht werden.
Saturn, Sonne und Mond sollen eben Namen fur vergangene
Entwickelungsformen sein, welche die Erde durchgemacht
hat. Welches Verhaltnis diese Welten der Vorzeit zu den
Himmelskorpern haben, die das gegenwartige Sonnensystem
bilden, wird sich noch im Laufe der folgenden Betrachtun-
gen zeigen. Es wird denn auch sich zeigen, warum diese
Namen gewahlt werden.
Wenn nunmehr die Verhaltnisse der vier genannten plane -
tarischen Verkorperungen geschildert werden, so kann das
nur ganz skizzenhaft geschehen. Denn die Vorgange, Wesen-
heiten und deren Schicksale sind auf Saturn, Sonne und
Mond wahrlich eben so mannigfaltig wie auf der Erde selbst.
Daher kann nur einzelnes Charakteristische liber diese Ver-
haltnisse in der Schilderung hervorgehoben werden, was
geeignet ist, zu veranschaulichen, wie sich die Zustande der
Erde aus den fruheren herausgebildet haben. Man muB da-
bei auch bedenken, daB diese Zustande den gegenwartigen
immer unahnlicher werden, je weiter man zuriickgeht. Und
doch kann man sie ja nur dadurch schildern, daB man zur
Charakteristik die Vorstellungen benlitzt, welche den gegen-
wartigen Erdenverhaltnissen entnommen sind. Wenn also
z. B. von Licht, von Warme oder ahnlichem fur diese fru-
heren Zustande gesprochen wird, so darf nicht auBer acht
gelassen werden, daB damit nicht genau das gemeint ist, was
jetzt als Licht und Warme bezeichnet wird. Und doch ist
eine solche Bezeichnungsweise richtig, denn fur den Beobach-
ter des Ubersinnlichen zeigt sich eben auf den fruheren Ent-
wickelungsstufen etwas, woraus in der Gegenwart Licht,
Warme usw. geworden ist. Und derjenige, welcher die also
gehaltenen Schilderungen verfolgt, wird aus dem Zusammen-
hange, in den diese Dinge gestellt sind, gar wohl entnehmen
konnen, welche Vorstellungen zu gewinnen sind, um charak-
teristische Bilder und Gleichnisse solcher Tatsachen zu haben,
welche in urferner Vergangenheit sich abgespielt haben.
Allerdings wird diese Schwierigkeit sehr bedeutsam fur
diejenigen planetarischen Zustande, welche der Monden- Ver-
korperung vorangehen. Wahrend dieser letzteren herrschten
namlich Verhaltnisse, die doch noch eine gewisse Ahnlichkeit
mit den irdischen aufweisen. Wer eine Schilderung dieser
Verhaltnisse versucht, der hat an den Ahnlichkeiten mit der
Gegenwart gewisse Anhaltspunkte, urn die tibersinnlich ge-
wonnenen Wahrnehmungen in deutlichen Vorstellungen aus-
zudriicken. Anders liegt die Sache, wenn die Saturn- und die
Sonnenentwickelung geschildert werden. Da ist dasjenige,
was der hellseherischen Beobachtung vorliegt, im hochsten
Grade verschieden von den Gegenstanden und Wesenheiten,
die gegenwartig zum Lebenskreise des Menschen gehoren.
Und diese Verschiedenheit bewirkt, daB es auBerst schwie-
rig iiberhaupt ist, diese entsprechenden vorzeitlichen Tat-
sachen in den Bereich des ubersinnlichen BewuBtseins zu brin-
gen. Da jedoch die gegenwartige Menschenwesenheit nicht
begriffen werden kann, wenn man nicht bis zu dem Saturn-
Zustand zuruckgeht, so muB die Schilderung dennoch gege-
ben werden. Und gewiB wird eine derartige Schilderung der-
jenige nicht miBverstehen konnen, welcher im Auge behalt,
daB eine solche Schwierigkeit besteht und daB daher man-
ches, was gesagt wird, mehr eine Andeutung und ein Hin-
weis auf die entsprechenden Tatsachen sein muB als eine ge-
naue Beschreibung derselben.
Ein Widerspruch des hier und im folgenden Angegebenen
gegenliber dem, was oben auf S. 146 gesagt ist tiber das
Fortbestehen des Fruheren im Gegenwartigen, konnte aller-
dings gefunden werden. Man konnte meinen: nirgends sei
neben dem gegenwartigen Erdenzustande ein fruherer
Saturn-, Sonnen-, Mondenzu stand vorhanden, oder gar eine
Menschengestaltung, wie sie in diesen Ausfuhrungen, als in-
nerhalb dieser vergangenen Zustande vorhanden, geschildert
wird. GewiB, es laufen nicht neben Erdenmenschen Saturn-,
Sonnen- und Mondenmenschen wie neben funfzigjahrigen
Personen dreijahrige Kinder herum. Aber innerhalb des Er-
denmenschen sind die friiheren Menschheitszustande iiber-
sinnlich wahrnehmbar. Um das zu erkennen, muB man sich
nur das auf den Umfang der Lebensverhaltnisse ausgedehnte
Unterscheidungsvermogen angeeignet haben. Wie neben dem
funfzigjahrigen Menschen das dreijahrige Kind, so sind
neben dem lebenden, wachenden Erdenmenschen der Leich-
nam, der schlafende Mensch, der traumende Mensch vor-
handen. Und wenn sich diese verschiedenen Erscheinungs-
formen der Menschenwesenheit auch nicht unmittelbar so,
wie sie sind, als die verschiedenen Entwickelungsstufen
ergeben, so schaut eine sinngemaBe Anschauung in jenen
Formen doch diese Stufen.
Von den gegenwartigen vier Gliedern der menschlichen
Wesenheit ist der physische Leib das alteste. Er ist auch das-
jenige, welches in seiner Art die groBte Vollkommenheit er-
reicht hat Und die ubersinnliche Forschung zeigt, daB die-
ses Menschenglied bereits wahrend der Saturnentwickelung
vorhanden war. Es wird sich zeigen in dieser Darstellung,
daB allerdings die Gestalt, welche dieser physische Leib auf
dem Saturn hatte, etwas durchaus Verschiedenes von dem
gegenwartigen physischen Menschenleibe war. Dieser irdische
physische Menschenleib kann in seiner Natur nur dadurch
bestehen, daB er in Zusammenhang steht mit Lebensleib,
Astralleib und Ich in der Art, wie dies in den vorangegan-
genen Teilen dieser Schrift geschildert worden ist. Ein
derartiger Zusammenhang war auf dem Saturn noch nicht
vorhanden. Damals machte der physische Leib seine erste
Entwickelungsstufe durch, ohne daB ihm ein menschlicher
Lebensleib, ein Astralleib oder ein Ich eingegliedert waren.
Er reifte wahrend der Saturnentwickelung erst dazu heran,
einen Lebensleib aufzunehmen. Dazu muBte sich der Saturn
erst vergeistigen und sich dann als Sonne wiederverkorpern.
Innerhalb der Sonnenverkorperung entfaltete sich wieder,
wie aus einem gebliebenen Keime, das, wozu der physische
Leib auf dem Saturn geworden war; und da erst konnte er
sich durchdringen mit einem Atherleib. Durch diese Einglie-
derung eines Atherleibes verwandelte der physische Leib
seine Art; er wurde auf eine zweite Stufe der Vollkommen-
heit gehoben. Ein Ahnliches ereignete sich wahrend der
Mondenentwickelung. Der Menschenvorfahr, wie er von der
Sonne zum Monde sich heruberentwickelt hat, gliederte sich
da den Astralleib ein. Dadurch wurde der physische Leib
ein drittes Mai verwandelt, also auf die dritte Stufe seiner
Vollkommenheit heraufgehoben. Der Lebensleib wurde da-
bei ebenfalls verwandelt; er stand nunmehr auf der zweiten
Stufe seiner Vollkommenheit Auf der Erde wurde dem aus
physischem Leib, Lebensleib und Astralleib bestehenden
Menschenvorfahr das Ich eingegliedert. Dadurch erreichte
der physische Leib seinen vierten Vollkommenheitsgrad, der
Lebensleib den dritten, der Astralleib den zweiten; das Ich
steht erst auf der ersten Stufe seines Daseins.
Es wird, wenn man sich einer unbefangenen Betrachtung
des Menschen hingibt, keine Schwierigkeiten machen, sich
diese verschiedenen Vollkommenheitsgrade der einzelnen
Glieder richtig vorzustellen. Man braucht nur den physi-
schen Leib mit dem astralischen in dieser Beziehung zu ver-
gleichen. GewiB steht der Astralleib als seelisches Glied auf
einer hoheren Stufe der Entwicklung als der physische.
Und wenn der erstere in der Zukunft sich vervollkommnet
haben wird, so wird er fur die Gesamtwesenheit des Men-
schen sehr viel mehr zu bedeuten haben, als der gegenwar-
tige physische Leib. Doch in seiner Art ist dieser auf einer
gewissen Hohenstufe angelangt. Man bedenke den im Sin-
ne groBter Weisheit eingerichteten Bau des Herzens, den
Wunderbau des Gehirns usw., ja selbst eines einzelnen Kno-
chenteiles, z.B. des oberen Endes eines Oberschenkels.
Man findet in diesem Knochenende ein gesetzmaBig ge-
gliedertes Netz- oder Gertistwerk, aus feinen Stabchen
angeordnet. Das Ganze ist so gefiigt, daB mit der Aufwen-
dung der geringsten Materialmenge die gunstigste Wir-
kung an den Gelenkflachen, z. B. die zweckmaBigste Ver-
teilung der Reibung und damit eine richtige Art von Beweg-
lichkeit erzielt wird. So findet man weisheitsvolle Einrich-
tungen in den Teilen des physischen Leibes. Und wer dazu
weiter beachtet die Harmonie im Zusammenwirken der Teile
zum Ganzen, der wird gewiB richtig finden, wenn von einer
Vollkommenheit dieses Gliedes der menschlichen Wesenheit
in seiner Art gesprochen wird. Es kommt daneben nicht in
Betracht, daB an gewissen Teilen unzweckmaBig Erschei-
nendes auftritt oder daB Storungen in dem Bau und den
Verrichtungen eintreten konnen. Man wird sogar finden
konnen, daB solche Storungen in gewisser Beziehung nur die
notwendigen Schattenseiten des weisheitsvollen Lichtes sind,
das tiber den ganzen physischen Organismus ausgegossen ist.
Und nun vergleiche man damit den Astralleib als den Tra-
ger von Lust und Leid, von Begierden und Leidenschaften.
Welche Unsicherheit herrscht in ihm in bezug auf Lust und
Leid, welche dem hoheren Menschenziele zuwiderlaufenden,
oft sinnlosen Begierden und Leidenschaften spielen sich da
ab. Der Astralleib ist eben erst auf dem Wege, die Harmo-
nie und innere Geschlossenheit zu erlangen, die man im phy-
sischen Leibe schon antrifft. Ebenso konnte gezeigt werden,
daB sich der Atherleib zwar vollkommener in seiner Art
zeigt als der Astralleib, aber unvollkommener als der phy-
sische. Und nicht weniger wird sich einer entsprechenden
Betrachtung ergeben, daB der eigendiche Kern der mensch-
lichen Wesenheit, das «Ich», gegenwartig erst im Anfange
der Entwickelimgen steht. Denn wieviel hat dieses Ich
bereits erreicht von seiner Aufgabe, die andern Glieder
der menschlichen Wesenheit so umzuwandeln, daB sie eine
Offenbarung seiner eigenen Natur seien? — Was sich auf diese
Art schon bei einer auBerlichen Beobachtung ergibt, das
wird fur den Kenner der Geisteswissenschaft noch durch
etwas anderes verscharft. Man konnte sich darauf berufen,
daB der physische Leib von Krankheiten befallen wird. Die
Geisteswissenschaft ist nun in der Lage zu zeigen, daB ein
groBer Teil aller Krankheiten davon herruhrt, daB die Ver-
kehrtheiten, die Verirrungen im astralischen Leibe sich auf
den Atherleib fortpflanzen und auf dem Umwege durch
den letztern die an sich vollkommene Harmonie des physi-
schen Leibes zerstoren. Der tiefere Zusammenhang, auf den
hier nur hingedeutet werden kann, und der wahrhaftige
Grund vieler Krankheitsvorgange entziehen sich namlich
derjenigen wissenschaftlichen Betrachtung, die sich nur auf
die physisch-sinnlichen Tatsachen beschranken will. Es er-
gibt sich dieser Zusammenhang in den meisten Fallen so,
daB eine Schadigung des Astralleibes krankhafte Erschei-
nungen des physischen Leibes nicht in demselben Lebenslauf
nach sich zieht, in dem die Schadigung geschehen ist, son-
dern erst in einem folgenden. Daher haben die Gesetze, die
hier in Betracht kommen, nur fur denjenigen eine Bedeutung,
welcher die Wiederholung des Menschenlebens anerkennen
kann. Aber selbst, wenn man von solchen tiefergehenden Er-
kenntnissen nichts wissen wollte, so ergibt doch auch die ge-
wohnliche Lebensbetrachtung, daB der Mensch sich nur allzu-
vielen Geniissen und Begierden hingibt, welche die Harmonie
des physischen Leibes untergraben. Und GenuB, Begierde,
Leidenschaft usw. haben nicht ihren Sitz im physischen, son-
dern im astralischen Leibe. Dieser letztere ist in vieler Be-
ziehung eben noch so unvollkommen, daB er die Vollkom-
menheit des physischen Leibes zerstoren kann. — Auch hier
sei daraufhingewiesen, daB mit solchen Auseinandersetzun-
gen nicht etwa die Aussagen der Geisteswissenschaft tiber die
Entwickelung der vier Glieder der menschlichen Wesenheit
bewiesen werden sollen. Die Beweise werden aus der geisti-
gen Forschung entnommen, die zeigt, daB der physische Leib
eine viermalige Umwandlung zu hoheren Vollkommenheits-
graden hinter sich hat, und die andern Glieder des Menschen
in der geschilderten Weise weniger. Es sollte hier eben nur
angedeutet werden, daB sich diese Mitteilungen der geistigen
Forschung auf Tatsachen beziehen, die sich in ihren Wirkun-
gen an den auch auBerlich zu beobachtenden Vollkommen-
heitsgraden von physischem Leib, Lebensleib usw. zeigen.
Will man sich eine bildhafte, an die Wirklichkeit sich an-
nahernde Vorstellung von den Verhaltnissen wahrend der
Saturnentwickelung machen, so muB man in Betracht Zie-
hen, daB wahrend derselben — im wesentlichen — von den
Dingen und Geschopfen, die gegenwartig zur Erde gehoren
und welche man dem Mineral-, Pflanzen- und Tierreich zu-
zahlt, noch nichts vorhanden war. Die Wesen dieser drei
Reiche haben sich erst in spateren Entwickelungsperioden
gebildet Von den heute physisch wahrnehmbaren Erden-
wesen war nur der Mensch damals vorhanden und von ihm
nur der physische Leib in der geschilderten Art. Nun aber
gehoren auch gegenwartig zur Erde nicht nur die Wesen des
Mineral-, Tier-, Pflanzen- und Menschenreiches, sondern
auch andere Wesen, die sich nicht in einer physischen Kor-
perlichkeit kundgeben. Solche Wesenheiten waren auch in
der Saturnentwickelung gegenwartig. Und ihre Tatigkeit
auf dem Schauplatze des Saturn hatte zur Folge die spatere
Entwickelung des Menschen.
Richtet man die geistigen Wahrnehmungsorgane zunachst
nicht auf Anfang und Ende, sondern auf die mittlere Ent-
wickelungsperiode dieser Saturn- Verkorperung, so zeigt sich
in derselben ein Zustand, welcher, der Hauptsache nach, nur
aus «Warme» besteht. Nichts von gasformigen, nichts von
flussigen oder gar von festen Bestandteilen ist zu finden. Alle
diese Zustande treten erst in spateren Verkorperungen auf.
Man nehme an, ein Menschenwesen mit den gegenwartigen
Sinnesorganen wiirde sich diesem Saturnzustande als Beob-
achter nahern. Nichts von all den Sinneseindrlicken, die es
haben kann, wiirde ihm da entgegentreten, auBer der Warme-
empfindung. Angenommen, ein solches Wesen wiirde sich
diesem Saturn nahern. Es wiirde nur wahrnehmen, wenn es in
den von ihm eingenommenen Raumteil gelangt, daB dieser
einen andern Warmezu stand hat als die iibrige raumliche
Umgebung. Aber es wiirde diesen Raumteil nicht etwa gleich-
maBig warm finden, sondern in der allermannigfaltigsten
Weise wiirden warmere und kaltere Partien abwechseln.
Nach gewissen Linien hin wlirde strahlende Warme wahrge-
nommen werden. Und nicht etwa, daB sich solche Linien nur
gerade hinzogen, sondern durch die Warmeunterschiede wer-
den unregelmaBige Formen gebildet Man hatte etwas vor
sich, wie ein in sich gegliedertes, in wechselnden Zustanden
erscheinendes Weltenwesen, das nur in Warme besteht.
Es muB fur den Menschen der Gegenwart Schwierigkeiten
machen, sich etwas vorzustellen, was nur in Warme besteht,
da er gewohnt ist, die Warme nicht als etwas fur sich
zu erkennen, sondern sie nur an warmen oder kalten gas-
formigen, flussigen oder festen Korpern wahrzunehmen.
Insbesondere dem, welcher die physikalischen Vorstellun-
gen unserer Zeit sich angeeignet hat, wird ein Sprechen von
«Warme» in obiger Art als unsinnig erscheinen. Ein solcher
wird vielleicht sagen: Es gibt feste, flussige und gasformige
Korper; Warme bezeichnet aber nur einen Zustand, in dem
eine dieser drei Korperformen ist. Wenn die kleinsten Teile
eines Gases in Bewegung sind, so wird diese Bewegung als
Warme wahrgenommen. Wo kein Gas ist, kann keine solche
Bewegung, also auch keine Warme sein. — Fur den geistes-
wissenschaftlichen Forscher stellt sich die Sache anders. Ihm
ist die Warme etwas, wovon er in gleichem Sinne spricht wie
von Gas, von Flussigkeit oder von festem Korper. Sie ist
ihm nur eine noch feinere Substanz als ein Gas. Und dieses
letztere ist ihm nichts anderes als verdichtete Warme in dem
Sinne, wie die Flussigkeit verdichteter Dampf ist oder der
feste Korper verdichtete Flussigkeit. So spricht der Geistes-
wissenschafter von Warmekorpern, wie er von gas- und
dampfformigen Korpern spricht. — Es ist nur notwendig
zuzugeben, daB es seelisches Wahrnehmen gibt, wenn man
auf diesem Gebiete dem Geistesforscher folgen will. In der
fur physische Sinne gegebenen Welt stellt sich die Warme
durchaus als Zustand des Festen, Fliissigen oder Gasformi-
gen dar; aber dieser Zustand ist eben nur die AuBenseite der
Warme oder auch ihre Wirkimg. Die Physiker sprechen nur
von dieser Wirkung der Warme, nicht von deren innerer
Natur. Man versuche es einmal, ganz abzusehen von aller
Warmewirkung, die man empfangt durch auBere Korper,
und sich lediglich das innere Erlebnis zu vergegenwartigen,
das man hat bei den Worten: «ich fiihle mich warm», «ich
futile mich kalt». Dieses innere Erlebnis vermag allein eine
Vorstellung von dem zu geben, was der Saturn war in der
oben geschilderten Periode seiner Entwickelung. Man hatte
den Raumteil, den er eingenommen hat, ganz durchlaufen
konnen: kein Gas ware dagewesen, das irgendeinen Druck aus-
gelibt hatte, kein fester oder flussiger Korper, von dem man
hatte irgendeinen Lichteindruck erhalten konnen. Aber an
jedem Punkte des Raumes hatte man, ohne Eindruck von
auBen, innerlich gefuhlt: hierist dieser oder jener Warmegrad.
In einem Weltenkorper von solcher Beschaffenheit sind
keine Bedingungen fur die tierischen, pflanzlichen und mi-
neralischen Wesen unserer Gegenwart. (Es ist deshalb wohl
kaum notig zu bemerken, daB das oben Gesagte tatsachlich
niemals stattfinden konnte. Ein gegenwartiger Mensch kann
sich als solcher dem alten Saturn nicht als Beobachter ge-
genuberstellen. Die Auseinandersetzung sollte nur der Ver-
deudichung dienen.) Die Wesenheiten, deren sich das iiber-
sinnliche Erkennen bei der Betrachtung des Saturn bewuBt
wird, waren auf einer ganz anderen Entwickelungsstufe als
die gegenwartigen, sinnlich wahrnehmbaren Erdenwesen.
Da stellen sich vor dieses Erkennen zunachst Wesen hin,
welche einen physischen Leib nicht hatten wie der gegen-
wartige Mensch. Man muB sich nun auch hiiten, an die ge-
genwartige physische Korperlichkeit des Menschen zu den-
ken, wenn hier von «physischem Leibe» die Rede ist. Man
muB vielmehr sorgfaltig unterscheiden zwischen physischem
Leib und mineralischem Leib. Ein physischer Leib ist der-
jenige, welcher von den physischen Gesetzen beherrscht wird,
die man gegenwartig in dem Mineralreiche beobachtet Der
gegenwartige physische Menschenleib ist nun nicht bloB
von solchen physischen Gesetzen beherrscht, sondern er ist
auBerdem noch durchsetzt von mineralischem Stoffe. Von
einem solchen physisch-mineralischen Leib kann auf dem
Saturn noch nicht die Rede sein. Da gibt es nur eine phy-
sische Korperlichkeit, die von physischen Gesetzen beherrscht
ist; aber diese physischen Gesetze auBern sich nur durch
Warmewirkungen. Also der physische Korper ist ein feiner,
diinner, atherischer Warmekorper. Und aus solchen Warme-
korpern besteht der ganze Saturn. Diese Warmekorper
sind die erste Anlage des gegenwartigen physisch-minera-
lischen Menschenleibes. Dieser hat sich aus jenem dadurch
gebildet, daB dem ersteren sich die spater erst gebildeten
gasformigen, flussigen und festen Stoffe eingegliedert haben.
Unter den Wesen, die sich vor das ubersinnliche BewuBt-
sein in dem Augenblicke hinstellen, in dem dieses BewuBt-
sein den Saturnzustand vor sich hat, und von denen man
als Saturnbewohner auBer dem Menschen reden kann, sind
z. B. solche, welche einen physischen Leib uberhaupt nicht
notig hatten. Das unterste Glied ihrer Wesenheit war ein
Atherleib. Sie hatten dafiir auch ein Glied iiber die mensch-
lichen Wesensglieder hinaus. Der Mensch hat als hoch-
stes Glied den Geistesmenschen. Diese Wesen haben noch ein
hoheres. Und zwischen Atherleib und Geistesmenschen
haben sie alle in dieser Schrift geschilderten Glieder, welche
sich auch beim Menschen finden: Astralleib, Ich, Geistselbst
und Lebensgeist. Wie unsere Erde von einem Luftkreis um-
geben ist, so war es auch der Saturn; nur war bei ihm dieser
«Lufikreis» geistiger Art.* Er bestand eigentlich aus den
eben genannten und noch andern Wesenheiten. Es gab nun
eine fortwahrende Wechselwirkung zwischen den Warme-
korpern des Saturn und den charakterisierten Wesen. Diese
senkten ihre Wesensglieder in die physischen Warmeleiber
des Saturn hinein. Und wahrend in diesen Warmeleibern
selbst kein Leben war, druckte sich das Leben ihrer Umwoh-
ner in ihnen aus. Man konnte sie mit Spiegeln vergleichen;
nur spiegelten sich aus ihnen nicht die Bilder der genannten
Lebewesen, sondern deren Lebenszustande. Im Saturn selbst
hatte man also nichts Lebendiges entdecken konnen; doch
wirkte er belebend auf seine Umgebung des Himmels-
raumes, da er in diese wie ein Echo das ihm zugesandte
Leben zuruckstrahlte. Der ganze Saturn erschien wie ein
Spiegel des Himmelslebens. Sehr hohe Wesenheiten, deren
Leben der Saturn zuruckstrahlt, mogen «Geister der Weis-
heit» genannt werden. (In der christlichen Geisteswissen-
* Eine ganz genaue Sprechweise miiBte, um das innere Erleben bei
der Geistesforschung exakt auszudriicken, statt «der Saturn war von
einem Luftkreis umgeben» sagen: «Indem das iibersinnliche Erkennen
sich des Saturn bewuBt wird, stellt sich vor dieses BewuBtsein auch ein
Luftkreis des Saturn» oder «stellen sich andere, so oder so geartete
Wesen». Die Umsetzung in die Redewendung: «dies oder das ist da»
mu6 gestattet sein, denn im Grunde findet dieselbe Umsetzung auch in
der Ausgestaltung des Sprachgebrauchs fur das wirkliche Seelenerlebnis
bei der sinnenfalligen Wahrnehmung statt, aber man wird gegeniiber
der folgenden Darstellung sich dieses gegenwartig halten miissen. Es ist
ja auch schon aus dem Zusammenhang der Darstellung gegeben.
schaft fuhren sie den Namen «Kyriotetes», das ist «Herr-
schaften».) Ihre Tatigkeit auf dem Saturn beginnt nicht erst
mit der geschilderten mittleren Epoche von dessen Entwik-
kelung.. Sie ist in einer gewissen Weise sogar da schon abge-
schlossen. Bevor sie dazu kommen konnten, aus den Warme-
korpern des Saturn sich der Spiegelung ihres eigenen Lebens
bewuBt zu werden, muBten sie diese Warmekorper erst dazu
bringen, diese Spiegelung bewirken zu konnen. Deshalb
setzte ihre Tatigkeit bald nach dem Beginn der Saturn-
entwickelung ein. Als dies geschah, war die Saturnkorper-
lichkeit noch ungeordnete Stofflichkeit, die nichts hatte
spiegeln konnen. — Und indem man diese ungeordnete Stoff-
lichkeit betrachtet, hat man sich durch die geistige Be-
obachtung an den Anfang der Saturnentwickelung versetzt.
Das, was da zu beobachten ist, das tragt nun noch gar nicht
den spateren Warmecharakter. Man kann, wenn man es
charakterisieren will, nur von einer Eigenschaft sprechen,
welche sich vergleichen laBt mit dem menschlichen Willen.
Es ist durch und durch nichts als Wille. Man hat es also da
mit einem ganz seelischen Zustande zu tun. Soil man ver-
folgen, woher dieser «Wille» kam, so sieht man ihn entste-
hen durch den AusfluB erhabener Wesen, die ihre Entwik-
kelung in nur zu erahnenden Stufen bis zu der Hohe
gebracht haben, daB sie, als die Saturnentwickelung begann,
aus ihrem eigenen Wesen den «Willen» ausstromen konn-
ten. Nachdem diese Ausstromung eine Zeidang gedauert
hatte, verbindet sich mit dem Willen die Tatigkeit der oben
charakterisierten «Geister der Weisheit». Dadurch erhalt
allmahlich der vorher ganz eigenschaftslose Wille die Eigen-
schaft, Leben in den Himmelsraum zuruckzustrahlen. — Man
kann die Wesen, welche ihre Seligkeit darin empfinden, im
Beginne der Saturnentwickelung Willen auszustromen, die
«Geister des Willens» nennen. (In der chrisdichen esoteri-
schen Wissenschaft werden sie «Throne» genannt.) — Nach-
dem durch das Zusammenwirken des Willens und des Le-
bens eine gewisse Stufe der Saturnentwickelung erreicht ist,
setzt die Wirkung anderer Wesen ein, welche sich ebenfalls im
Umkreise des Saturn befinden. Man kann sie die «Geister
der Bewegung» nennen. (Chrisdich: «Dynamis», «Machte».)
Sie haben keinen physischen und keinen Lebensleib. Ihr
niedrigstes Glied ist der Astralleib. Wenn die Saturnkorper
die Fahigkeit erlangt haben, das Leben zu spiegeln, so
vermag sich dieses zuruckgestrahlte Leben zu durchdrin-
gen mit den Eigenschaften, welche in den Astralleibern der
«Geister der Bewegung» ihren Sitz haben. Die Folge davon
ist, daB es so erscheint, als ob EmpfindungsauBerungen, Ge-
fuhle und ahnliche seelische Krafte von dem Saturn in den
Himmelsraum hinausgeschleudert wiirden. Der ganze Sa-
turn erscheint wie ein beseeltes Wesen, das Sympathien und
Antipathien kundgibt. Es sind aber diese seelischen AuBe-
rungen keineswegs seine eigenen, sondern nur die zuriick-
geschleuderten seelischen Wirkungen der «Geister der Be-
wegung». — Hat auch dieses eine gewisse Epoche hindurch
gedauert, so beginnt die Tatigkeit weiterer Wesen, welche
«Geister der Form» genannt seien. Auch deren unterstes
Glied ist ein Astralleib. Doch steht dieser auf einer andern
Stufe der Entwickelung als derjenige der «Geister der Be-
wegung». Wahrend diese dem zuruckgestrahlten Leben nur
allgemeine EmpfindungsauBerungen mitteilen, wirkt der
Astralleib der «Geister der Form» (chrisdich: «Exusiai»,
«Gewalten») so, daB die EmpfindungsauBerungen wie von
einzelnen Wesen in den Weltenraum hinausgeschleudert
werden. Man konnte sagen, die «Geister der Bewegung»
lassen den Saturn im ganzen wie ein beseeltes Wesen er-
scheinen. Die «Geister der Form» teilen dieses Leben in ein-
zelne Lebewesen ab, so daB er jetzt wie eine Zusammen-
fiigung solcher Seelenwesen erscheint. — Man stelle sich, urn
ein Bild zu haben, eine Maulbeere oder eine Brombeere vor,
wie diese aus einzelnen Beerchen zusammengefiigt ist. So
ist der Saturn fur den ubersinnlich Erkennenden in der ge-
schilderten Entwickelungsepoche zusammengefiigt aus ein-
zelnen Saturnwesen, die allerdings nicht Eigenleben und
nicht Eigenseele haben, sondern Leben und Seele ihrer Be-
wohner zuruckstrahlen. — In diesen Saturnzustand greifen
nun Wesen ein, die ebenfalls zu ihrem untersten Gliede den
Astralleib haben, die aber diesen auf eine solche Stufe der
Entwickelung gebracht haben, daB er wirkt wie ein gegen-
wartiges menschliches «Ich». Durch diese Wesen blickt das
«Ich» aus der Umgebung des Saturn auf diesen nieder. Und
es teilt seine Natur den Einzel-Lebewesen des Saturn mit
So wird etwas vom Saturn in den Weltenraum hinausge-
schickt, das so erscheint wie die Wirkung der menschlichen
Personlichkeit in dem gegenwartigen Lebenskreise. Die
Wesen, welche solches bewirken, seien «Geister der Person-
lichkeit genannt. (christlich: «Archai», «Urbeginne»). Sie
erteilen den Saturnkorperteilchen das Ansehen des Person-
lichkeitscharakters. Doch ist eben nicht auf dem Saturn
selbst die Personlichkeit vorhanden, sondern nur gleichsam
deren Spiegelbild, die Schale der Personlichkeit. Ihre wirk-
liche Personlichkeit haben die «Geister der Pers6nlichkeit»
im Umkreise des Saturn. Eben dadurch, daB diese «Geister
der Pers6nlichkeit» in der geschilderten Art ihr Wesen zu-
ruckstrahlen lassen von den Saturnkorpern, wird diesen
jene feine Stofflichkeit erteilt, welche vorhin als die «Warme»
geschildert worden ist. — Es ist im ganzen Saturn keine Inner-
lichkeit; aber die «Geister der Pers6nlichkeit» erkennen das
Bild ihrer eigenen Innerlichkeit, indem es ihnen als Warme
vom Saturn aus zustromt
Wenn alles das eintritt, stehen die «Geister der Person-
lichkeit» auf der Stufe, auf welcher der Mensch gegenwartig
steht. Sie machen da ihre Menschheitsepoche durch. Will
man auf diese Tatsache mit unbefangenem Auge blicken, so
muB man sich vorstellen, daB ein Wesen «Mensch» sein kann
nicht bloB in der Gestalt, welche der Mensch gegenwartig
hat. Die «Geister der Pers6nlichkeit» sind «Menschen» auf
dem Saturn. Sie haben als unterstes Glied nicht den physi-
schen Leib, sondern den Astralleib mit dem Ich. Daher kon-
nen sie die Erlebnisse dieses Astralleibes nicht in einem sol-
chen physischen Leibe und Atherleibe ausdrucken wie der
gegenwartige Mensch; aber sie haben nicht nur ein «Ich»,
sondern wissen auch davon, weil ihnen die Warme des
Saturn dieses «Ich» ruckstrahlend zum BewuBtsein bringt.
Sie sind eben «Menschen» unter anderen als den Erden-
verhaltnissen.
Im weiteren Verlauf folgen in der Saturnentwickelung
Tatsachen von anderer Art, als die bisherigen waren. Wah-
rend bisher alles Spiegelung auBeren Lebens und Empfin-
dens war, beginnt nunmehr eine Art Innenleben. In der
SaturnWelt beginnt ein da und dort aufflackerndes und sich
wieder abdunkelndes Lichdeben. Zitterndes Flimmern an
diesen oder jenen Stellen, etwas wie zuckende Blitze an an-
deren, tritt auf. Die Saturnwarmekorper beginnen zu flim-
mern, zu glanzen, ja zu strahlen. Dadurch, daB diese Stufe
der Entwickelung erreicht ist, ergibt sich wieder fur gewisse
Wesenheiten die Moglichkeit, eine Tatigkeit zu entfalten. Es
sind dies diejenigen, welche als «Feuergeistep> bezeichnet
werden konnen. (Chrisdich: «Archangeloi», «Erzengel»).
Diese Wesenheiten haben zwar einen Astralleib, aber sie
konnen auf der gekennzeichneten Stufe ihres Daseins dem
eigenen Astralleibe keine Anregungen geben; sie wiirden
kein Gefiihl, keine Empfindung erregen konnen, wenn sie
nicht auf die zur geschilderten Saturnstufe gelangten Warme-
korper wirken konnten. Diese Wirkung gibt ihnen die Mog-
lichkeit, ihr eigenes Dasein an der Wirkung zu erkennen,
die sie ausuben. Sie konnen nicht zu sich sagen: «Ich bin
da», sondern etwa: «Meine Umgebung laBt mich da sein.»
Sie nehmen wahr, und zwar bestehen ihre Wahrnehmungen
in den geschilderten Lichtwirkungen auf dem Saturn. Diese
sind in einer gewissen Art ihr «Ich». Das verleiht ihnen eine
besondere Art des BewuBtseins. Man kann dies als Bilder-
bewuBtsein bezeichnen. Es kann vorgestellt werden von der
Art des menschlichen TraumbewuBtseins; nur daB man sich
den Grad der Lebhaftigkeit sehr viel groBer zu denken hat
als beim menschlichen Traumen und daB man es nicht mit
wesenlos auf- und abwogenden Traumbildern zu tun hat,
sondern mit solchen, welche in einem wirklichen Verhaltnisse
zu dem Lichtspiel des Saturn stehen. — In diesem Wechsel-
spiel zwischen den Feuergeistern und den Saturnwarme-
korpern werden die Keime der menschlichen Sinnesorgane
der Entwickelung einverleibt. Die Organe, durch welche
der Mensch gegenwartig die physische Welt wahrnimmt,
leuchten auf in ihren ersten feinen atherischen Anlagen.
Menschen-Phantome, welche an sich noch nichts anderes
zeigen als die Licht-Urbilder der Sinnesorgane, werden
innerhalb des Saturn dem hellseherischen Wahrnehmungs-
vermogen erkennbar. — Diese Sinnesorgane sind also die
Frucht der Tatigkeit der Feuergeister; aber es sind an deren
Zustandekommen nicht nur diese Geister beteiligt. Zugleich
mit diesen Feuergeistern treten andere Wesen auf dem Schau-
platz des Saturn auf. Wesen, welche in ihrer Entwickelung
so weit sind, daB sie sich jener Sinneskeime bedienen konnen
zum Anschauen der Weltvorgange im Saturnleben. Es sind
Wesen, die als «Geister der Liebe» (christlich: «Seraphime»)
gelten konnen. Waren sie nicht da, so konnten die Feuer-
geister nicht das oben geschilderte BewuBtsein haben. Sie
schauen die Saturnvorgange mit einem BewuBtsein an, das
es ihnen ermoglicht, diese als Bilder auf die Feuergeister zu
ubertragen. Sie selbst verzichten auf alle Vorteile, welche sie
durch das Anschauen der Saturnvorgange haben konnten,
auf jeden GenuB, jede Freude; sie geben das alles hin, damit
die Feuergeister es haben konnen.
Diesen Geschehnissen folgt eine neue Periode des Saturn-
daseins. Zu dem Lichtspiel kommt ein anderes. Es kann fur
viele wie Wahnwitz erscheinen, wenn ausgesprochen wird,
was sich da dem ubersinnlichen Erkennen darbietet. Inner-
lich im Saturn ist es wie durcheinanderwogende Geschmacks-
empfindungen. SuB, bitter, sauer usw. wird an den ver-
schiedensten Stellen im Innern des Saturn beobachtet; und
nach auBen, in den Himmelsraum hinein, wird das alles als
Ton, als eine Art Musik wahrgenommen. — Innerhalb dieser
Vorgange finden wieder gewisse Wesenheiten die Moglich-
keit, eine Tatigkeit auf dem Saturn zu entfalten. Sie seien
die «S6hne des Zwielichtes oder des Lebens» (christlich:
«Angeloi», «Engel») genannt Sie treten in Wechselwirkung
mit den im Innern des Saturn vorhandenen, auf- und ab-
wogenden Geschmackskraften. Dadurch kommt ihr Ather-
oder Lebensleib in eine solche Tatigkeit, daB man diese als
eine Art Stoffwechsel bezeichnen kann. Sie bringen Leben
in das Innere des Saturn. Es geschehen dadurch Nahrungs-
und Ausscheidungsprozesse im Saturn. Nicht sie bewirken
unmittelbar diese Prozesse, sondern durch das, was sie be-
wirken, entstehen mittelbar solche Prozesse. Dieses Innen-
leben macht moglich, daB noch andere Wesen den Welt-
korper betreten, die als «Geister der Harmonien» (chrisdich:
«Cherubime») bezeichnet werden mogen. Sie vermitteln den
«S6hnen des Lebens» eine dumpfe Art des BewuBtseins.
Es ist noch dumpfer und dammerhafter als das Traum-
bewuBtsein des gegenwartigen Menschen. Es ist ein solches,
wie es dem Menschen im traumlosen Schlafe zukommt.
Dieses ist ja von so niedrigem Grade, daB es dem Menschen
gewissermaBen «gar nicht zum BewuBtsein kommt». Doch
ist es vorhanden. Es unterscheidet sich vom TagesbewuBt-
sein dem Grade und auch der Art nach. Dieses «traumlose
SchlafbewuBtsein» haben gegenwartig auch die Pflanzen.
Wenn es auch keine Wahrnehmungen einer AuBenWelt im
menschlichen Sinne vermittelt, so regelt es doch die Lebens-
vorgange und bringt diese in Harmonie mit den auBeren
Weltvorgangen. Auf der in Rede stehenden Saturnstufe
konnen diese Regelung die «S6hne des Lebens» nicht wahr-
nehmen; aber die «Geister der Harmonien» nehmen sie
wahr, und sie sind daher die eigendichen Regeler. — All
dieses Leben spielt sich in den gekennzeichneten Menschen-
phantomen ab. Diese erscheinen dem geistigen Blicke daher
belebt; aber ihr Leben ist doch nur ein Scheinleben. Es ist
das Leben der «S6hne des Lebens», die sich gewissermaBen
der Menschenphantome bedienen, um sich auszuleben.
Man richte nun die Aufmerksamkeit auf die Menschen-
phantome mit dem Scheinleben. Wahrend der geschilderten
Saturnperiode sind sie von ganz wechselnder Form. Bald
sehen sie dieser Gestalt, bald jener ahnlich. Im weiteren
Verlauf der Entwickelung werden die Gestalten bestimmter;
zeitweilig bleibend. Das rlihrt davon her, daB sie jetzt
durchdrungen werden von den Wirkimgen der Geister, die
schon im Beginne der Saturnentwickelung in Betracht kom-
men, namlich von den «Geistern des Willens» (den Thro-
nen). Die Folge davon ist, daB das Menschenphantom selbst
mit der einfachsten dumpfesten BewuBtseinsform erscheint
Man hat sich diese BewuBtseinsform noch dumpfer vorzu-
stellen als diejenige des traumlosen Schlafes. Unter den
gegenwartigen Verhaltnissen haben die Mineralien dieses
BewuBtsein. Es bringt das Innenwesen in Einklang mit der
physischen AuBenWelt. Auf dem Saturn sind die «Geister
des Willens» die Regeler dieses Einklanges. Und der Mensch
erscheint dadurch wie ein Abdruck des Saturnlebens selbst.
Was das Saturnleben im groBen ist, das ist auf dieser Stufe
der Mensch im kleinen. Und damit ist der erste Keim zu
dem gegeben, was auch im heutigen Menschen noch erst
keimhaft ist: zum «Geistesmenschen» (Atma). Nach innen
(im Saturn) gibt sich dieser dumpfe Menschenwille dem
tibersinnlichen Wahrnehmungsvermogen durch Wirkungen
kund, welche sich mit den «Geriichen» vergleichen lassen.
Nach auBen in den Himmelsraum ist eine Kundgebung vor-
handen wie die einer Personlichkeit, die aber nicht durch ein
inneres «Ich» gelenkt wird, sondern wie eine Maschine von
auBen geregelt ist. Die Regeler sind die «Geister des Willens».
Uberblickt man das Vorhergehende, so wird ersichdich,
daB, von dem zuerst geschilderten Mittelzustande der Saturn-
entwickelung angefangen, die Stufen dieser Entwickelung
charakterisiert werden konnten durch Vergleiche ihrer Wir-
kimgen mit Sinnesempfindungen der Gegenwart. Es konnte
gesagt werden: Die Saturnentwickelung offenbart sich als
Warme, dann tritt ein Lichtspiel hinzu, dann ein Geschmack-
und Tonspiel; endlich tritt etwas auf, was sich nach dem
Innern des Saturn mit Geruchsempfindungen, nach auBen
wie maschinenartig wirkendes Menschen-Ich kundgibt. Wie
verhalt es sich mit den Offenbarimgen der Saturnentwicke-
lung fur das, was vor dem Warmezustand liegt? Das ist nun
gar nicht mit etwas zu vergleichen, was einer auBeren Sinnes-
empfindung zuganglich ist. Dem Warmezustand geht ein
solcher voran, welchen der Mensch gegenwartig nur in sei-
nem Innenwesen erlebt. Wenn er sich Vorstellungen hingibt,
die er sich in der Seele selbst bildet, ohne daB ihm die Ver-
anlassung von einem auBeren Eindrucke aufgedrangt wird,
dann hat er etwas in sich, was keine physischen Sinne wahr-
nehmen konnen, was vielmehr nur als Wahrnehmung dem
hoheren Schauen zuganglich ist. Dem Warmezustand des
Saturn gehen eben Offenbarungen voran, die nur fur den
iibersinnlich Wahrnehmenden vorhanden sein konnen. Drei
solcher Zustande konnen genannt werden: rein seelische
Warme, die nicht auBerlich wahrnehmbar ist; rein geistiges
Licht, das auBerlich Finsternis ist; und endlich geistig Wesen-
haftes, das in sich selbst vollendet ist und keines auBeren
Wesens bedarf, um seiner bewuBt zu werden. Reine innere
Warme begleitet das Erscheinen der «Geister der Bewegung»;
reines geistiges Licht dasjenige der «Geister der Weisheit»,
reines Innenwesen ist verbunden mit der ersten Ausstromung
der «Geister des Willens».
Mit dem Erscheinen der Saturnwarme tritt also unsere
Entwicklung aus dem Innenleben, aus der reinen Geistig-
keit zuerst in ein auBerlich sich offenbarendes Dasein. Be-
sonders schwierig wird es dem GegenwartsbewuBtsein wohl,
sich damit abzufinden, wenn auch noch gesagt werden muB,
daB mit dem Saturnwarmezustand auch zuerst dasjenige
auftritt, was man die «Zeit» nennt Die vorhergehenden
Zustande sind namlich gar nicht zeidich. Sie gehoren der-
jenigen Region an, die man in der Geisteswissenschaft die
«Dauep> nennen kann. Deshalb muB auch alles, was in die-
ser Schrift iiber solche Zustande in der «Region der Dauep>
gesagt ist, so verstanden werden, daB Ausdrucke, die sich
auf zeidiche Verhaltnisse beziehen, nur zum Vergleiche und
zur Verstandigung gebraucht werden. Fur die menschliche
Sprache kann, was der «Zeit» gewissermaBen vorangeht,
auch nur mit Ausdrucken charakterisiert werden, welche die
Zeitvorstellung enthalten. MuB man sich doch auch bewuBt
sein, daB, obgleich der erste, zweite und dritte Saturnzustand
sich gar nicht «nacheinandep> im gegenwartigen Sinne ab-
spielten, man doch nicht umhin kann, sie nacheinander zu
schildern. Auch hangen sie ja trotz ihrer «Dauer» oder
Gleichzeitigkeit so voneinander ab, daB sich diese Abhangig-
keit mit einer zeitlichen Abfolge vergleichen laBt.
Mit diesem Hinweis auf die ersten Entwickelungszustande
des Saturn wird auch ein Licht geworfen auf alles weitere
Fragen nach einem «Woher» dieser Zustande. Rein verstan-
desmaBig ist es naturlich durchaus moglich, jedem Ursprunge
gegenliber wieder nach einem «Ursprung dieses Ursprunges»
zu fragen. Allein den Tatsachen gegenliber geht dieses nicht
an. Man braucht sich das nur an einem Vergleich zu ver-
gegenwartigen. Wenn man irgendwo auf einem Wege ein-
gegrabene Spuren findet, so kann man fragen: Woher riihren
sie? Man mag als Antwort erhalten: von einem Wagen. Da
kann weiter gefragt werden: Wo kam der Wagen her, wohin
fuhr er? Eine auf Tatsachen gegrtindete Antwort ist wieder
moglich. Man kann dann noch fragen: Wer saB im Wagen?
was hatte die Personlichkeit, die ihn benutzte, fur Absichten,
was tat sie? Endlich wird man aber an einen Punkt kommen,
an dem das Fragen durch die Tatsachen ein naturgemaBes
Ende findet Wer dann noch weiter fragt, kommt von der
Absicht der ursprlinglichen Fragestellung ab. Er setzt ge-
wissermaBen nur schablonenmaBig das Fragen fort Man
merkt bei solchen Dingen, wie hier eines zum Vergleich an-
gefuhrt ist, leicht, wo die Tatsachen das Ende des Fragens
bedingen. Den groBen Weltfragen gegenuber ist man sich
nicht so leicht klar dariiber. Bei wirklich genauem Zusehen
wird man aber doch merken, daB alles Fragen nach dem
«Woher» endigen muB bei den oben geschilderten Saturn-
zustanden. Denn man ist auf ein Gebiet gekommen, wo die
Wesen und Vorgange nicht mehr durch das sich rechtfertigen,
aus dem sie entstammen, sondern durch sich selbst.
Als Ergebnis der Saturnentwickelung erscheint, daB sich
der Menschenkeim bis zu einer gewissen Stufe herangebildet
hat Er hat das niedere, dumpfe BewuBtsein erlangt, von
dem oben die Rede war. Man soil sich nicht vorstellen, daB
dessen Entwicklung erst im letzten Saturnstadium einsetzt.
Die «Geister des Willens» wirken durch alle Zustande hin-
durch. In der letzten Periode ist aber fur das ubersinnliche
Wahrnehmen der Erfolg am hervorstechendsten. Uberhaupt
ist eine feste Grenze zwischen den Wirksamkeiten der ein-
zelnen Wesensgruppen nicht Wenn gesagt wird: Erst wirken
die «Geister des Willens», dann die «Geister der Weisheit»
usw., so ist nicht gemeint, daB sie nur da wirken. Sit wirken
die ganze Saturnentwickelung hindurch; in den angegebenen
Perioden ist ihr Wirken nur am besten zu beobachten. Die
einzelnen Wesen haben da gleichsam die Fiihrerschaft.
So erscheint die ganze Saturnentwickelung als eine Bear-
beitung dessen, was aus den «Geistern des Willens» ausge-
stromt ist, durch die «Geister der Weisheit, der Bewegung,
der Form» usw. Diese geistigen Wesenheiten machen dabei
selbst eine Entwicklung durch. Die «Geister der Weis-
heit z. B. stehen auf einer andern Stufe, nachdem sie ihr
Leben zuriickgestrahlt vom Saturn empfangen haben, als
vorher. Die Frucht dieser Tatigkeit erhoht die Fahigkeiten
ihres eigenen Wesens. Die Folge davon ist, daB fur sie nach
so vollbrachter Tatigkeit etwas Ahnliches eintritt wie fur
den Menschen mit dem Schlafe. Ihren Tatigkeitsperioden in
bezug auf den Saturn folgen solche, in denen sie gewisser-
maBen in anderen Welten leben. Dann ist ihre Tatigkeit
vom Saturn abgewandt Deshalb sieht das hellseherische
Wahrnehmen in der geschilderten Saturnentwickelung ein
Auf- und ein Absteigen. Das Aufsteigen dauert bis zur Her-
ausbildung des Warmezustandes. Dann beginnt mit dem
Lichtspiel bereits ein Abfluten. Und wenn dann die Men-
schenphantome durch die «Geister des Willens» Gestalt an-
genommen haben, dann haben sich die geistigen Wesen auch
nach und nach zuruckgezogen: die Saturnentwickelung er-
stirbt in sich; sie verschwindet als solche. Eine Art Ruhe-
pause tritt ein. Der Menschenkeim geht wie in einen Auf-
losungszustand dabei ein; aber nicht in einen solchen, durch
den er verschwinden wlirde, sondern in einen solchen, der
ahnlich ist dem eines Pflanzensamens, der in der Erde ruht,
um zur neuen Pflanze zu reifen. So ruht der Menschenkeim
zu neuem Erwachen im SchoB der Welt. Und wenn der
Zeitpunkt seines Erwachens da ist, da haben unter anderen
Verhaltnissen auch die oben geschilderten geistigen Wesen
sich die Fahigkeiten angeeignet, durch die sie den Menschen-
keim weiter bearbeiten konnen. Die «Geister der Weisheit»
haben in ihrem Atherleib die Fahigkeit erlangt, nicht nur
wie auf dem Saturn die Spiegelung des Lebens zu genieBen;
sie vermogen es jetzt, Leben auch aus sich ausstromen zu
lassen und andere Wesen damit zu begaben. Die «Geister
der Bewegung» sind nunmehr so weit, wie auf dem Saturn
die «Geister der Weisheit». Ihr unterstes Wesensglied war
dort der astralische Leib. Jetzt ist ihnen ein Ather- oder
Lebensleib eigen. Und ganz entsprechend sind die andern
geistigen Wesen zu einer weiteren Entwickelungsstufe ge-
kommen. Alle diese geistigen Wesen konnen daher bei der
Weiterentwickelung des Menschenkeimes anders wirken, als
sie auf dem Saturn gewirkt haben. — Nun war aber der
Menschenkeim am Ende der Saturnentwickelung aufgelost.
Damit die weiter entwickelten Geistwesen da fortsetzen
konnen, wo sie frliher aufgehort haben, muB dieser Men-
schenkeim die Stufen noch einmal kurz wiederholen, die er
auf dem Saturn durchlaufen hat. Das zeigt sich namlich
dem libersinnlichen Wahrnehmungsvermogen. Der Men-
schenkeim tritt aus seiner Verborgenheit hervor und beginnt
aus eigenem Vermogen heraus durch die Krafte, die ihm auf
dem Saturn eingeimpft worden sind, sich zu entwickeln. Er
geht als ein Willenswesen aus der Finsternis hervor, bringt
sich zum Scheme des Lebens, der Seelenhaftigkeit usw. bis
zu jener maschinenmaBigen Personlichkeitsoffenbarung, die
er am Ende der Saturnentwickelung hatte.
*
Die zweite der angedeuteten groBen Entwickelungsperio-
den, die «Sonnenstufe», bewirkt die Erhebung des Men-
schenwesens zu einem hoheren BewuBtseinszustand, als der-
jenige war, den es auf dem Saturn erreicht hatte. Mit dem
gegenwartigen BewuBtsein des Menschen verglichen, konnte
allerdings dieser Sonnenzustand als «UnbewuBtheit» be-
zeichnet werden. Denn er kommt annahernd gleich dem, in
welchem sich der Mensch jetzt wahrend des vollig traum-
losen Schlafes befindet. Oder man konnte ihn auch mit dem
niederen BewuBtseinsgrade vergleichen, in dem gegenwartig
unsere PflanzenWelt schlummert. Fiir die iibersinnliche An-
schauung gibt es keine «UnbewuBtheit», sondern nur ver-
schiedene Grade der BewuBtheit. Alles in der Welt ist be-
wuBt. - Das Menschenwesen erlangt im Laufe der Sonnen-
entwickelung den hoheren BewuBtseinsgrad dadurch, daB
ihm da der Ather- oder Lebensleib eingegliedert wird. Be-
vor dies geschehen kann, mlissen sich in der oben geschil-
derten Art die Saturnzustande wiederholen. Diese Wieder-
holung hat einen ganz bestimmten Sinn. Wenn namlich die
Ruhepause abgelaufen ist, von welcher in den vorhergehen-
den Ausfiihrungen gesprochen worden ist, dann tritt aus
dem «Weltschlafe» dasjenige, was vorher Saturn war, als
neues Weltwesen, als Sonne hervor. Es haben sich damit aber
die Verhaltnisse der Entwickelung verandert. Die Geist-
wesen, deren Wirken fiir den Saturn dargestellt worden ist,
sind zu anderen Zustanden vorgeriickt. Der Menschenkeim
erscheint aber zuerst auf der neugebildeten Sonne als das,
was er auf dem Saturn geworden ist. Er muB zunachst die
verschiedenen Entwickelungsstadien, die er auf dem Saturn
angenommen hat, so umwandeln, daB sie zu den Verhalt-
nissen auf der Sonne passen. Die Sonnenepoche beginnt des-
halb mit einer Wiederholung der Saturntatsachen, aber unter
Anpassung an die veranderten Verhaltnisse des Sonnen-
lebens. Wenn nun das Menschenwesen so weit ist, daB seine
auf dem Saturn erlangte Entwickelungshohe den Sonnen-
verhaltnissen angepaBt ist, dann beginnen die bereits ge-
nannten «Geister der Weisheit» damit, den Ather- oder
Lebensleib in den physischen Leib einstromen zu lassen. Die
hohere Stufe, welche der Mensch auf der Sonne erreicht,
kann somit dadurch charakterisiert werden, daB der bereits
auf dem Saturn in der Keimanlage gebildete physische Leib
auf eine zweite Stufe der Vollkommenheit gehoben wird, in-
dem er zum Trager eines Ather- oder Lebensleibes wird. Dieser
Ather- oder Lebensleib erlangt wahrend der Sonnenentwik-
kelung fur sich selbst den ersten Grad seiner Vollkommen-
heit. Damit aber dieser zweite Vollkommenheitsgrad fur den
physischen Leib und der erste fur den Lebensleib erzielt wer-
den, ist im weiteren Verlauf des Sonnenlebens das Eingreifen
noch anderer Geistwesen in ahnlicher Art notwendig, wie es
schon fur die Saturnstufe beschrieben worden ist.
Wenn die «Geister der Weisheit» mit ihrem Einstromen
des Lebensleibes beginnen, so fangt das vorher dunkle Son-
nenwesen zu leuchten an. Gleichzeitig treten in dem Men-
schenkeim die ersten Erscheinungen innerer Regsamkeit ein;
das Leben beginnt. Was fur den Saturn als ein Scheinleben
charakterisiert werden muBte, wird jetzt wirkliches Leben.
Das Einstromen dauert eine gewisse Zeit. Nachdem diese
verflossen ist, tritt fur den Menschenkeim eine wichtige
Veranderung ein. Er gliedert sich namlich in zwei Teile.
Wahrend vorher physischer Leib und Lebensleib in inniger
Verbindung ein Ganzes bildeten, beginnt sich jetzt der phy-
sische Leib als ein besonderer Teil abzusondern. Doch bleibt
auch dieser abgesonderte physische Leib vom Lebensleib
durchzogen. Man hat es also jetzt mit einem zweigliedrigen
Menschenwesen zu tun. Der eine Teil ist ein von einem Le-
bensleib durchgearbeiteter physischer Leib, der andere Teil
ist bloBer Lebensleib. Diese Absonderung verlauft aber wah-
rend einer Ruhepause des Sonnenlebens. Es erlischt wahrend
derselben wieder das schon aufgetretene Leuchten. Die Tren-
nung geschieht gewissermaBen wahrend einer «Welten-
nacht». Doch ist diese Ruhepause viel kiirzer als diejenige
zwischen der Saturn- und Sonnenentwickelung, von der oben
gesprochen worden ist. Nach Ablauf der Ruhepause arbei-
ten die «Geister der Weisheit» eine Zeitlang ebenso an dem
zweigliedrigen Menschenwesen weiter, wie sie das vorher
an dem eingliedrigen getan haben. Dann setzen die «Geister
der Bewegung» mit ihrer Tatigkeit ein. Sie durchstromen
mit ihrem eigenen Astralleib den Lebensleib des Menschen-
wesens. Dadurch erlangt dieser die Fahigkeit, gewisse innere
Bewegungen in dem physischen Leibe auszufuhren. Es sind
das Bewegungen, welche sich vergleichen lassen mit den
Bewegungen der Safte in einer gegenwartigen Pflanze.
Der Saturnkorper bestand aus bloBer Warmesubstanz.
Wahrend der Sonnenentwickelung verdichtet sich diese
Warmesubstanz bis zu dem Zustand, den man mit dem
gegenwartigen Gas- oder Dampfzustand vergleichen kann.
Es ist jener Zustand, den man als «Luft» bezeichnen kann.
Die ersten Anfange eines solchen Zustandes zeigen sich,
nachdem die «Geister der Bewegung» mit ihrer Tatigkeit
eingesetzt haben. Dem ubersinnlichen BewuBtsein bietet sich
der folgende Anblick dar. Innerhalb der Warmesubstanz
tritt etwas auf wie feine Gebilde, die durch die Krafte des
Lebensleibes in regelmaBige Bewegungen versetzt werden.
Diese Gebilde veranschaulichen den physischen Leib des
Menschenwesens auf der ihm jetzt entsprechenden Entwik-
kelungsstufe. Sie sind ganz von Warme durchdrungen und
auch wie von einer Warmehlille eingeschlossen. Warme -
gebilde mit eingegliederten Luftformen — letztere in regel-
maBiger Bewegung — kann man, in physischer Beziehung,
dieses Menschenwesen nennen. Will man daher den oben an-
geflihrten Vergleich mit der gegenwartigen Pflanze beibehal-
ten, so muB man sich bewuBt bleiben, daB man es nicht mit
einem kompakten Pflanzengebilde zu tun hat, sondern mit
einer Luft- oder Gasgestalt* deren Bewegungen mit den Safte-
bewegungen der gegenwartigen Pflanzen verglichen werden
konnen. — Die in dieser Art gekennzeichnete Entwickelung
schreitet weiter. Nach einer gewissen Zeit tritt wieder eine
Ruhepause ein; nach derselben wirken die Geister der Bewe-
gung weiter, bis zu ihrer Tatigkeit diejenige der Geister der
Form hinzutritt. Deren Wirkung besteht darin, daB die vor-
her stets wechselnden Gasgebilde bleibende Gestalten an-
nehmen. Auch dies geschieht dadurch, daB in den Lebensleib
der Menschenwesen die Geister der Form ihre Krafte aus-
und einstromen lassen. Die Gasgebilde waren frliher, als noch
bloB die Geister der Bewegung auf sie wirkten, in einer un-
aufhorlichen Bewegung, nur einen Augenblick behielten sie
ihre Gestalt. Jetzt aber nehmen sie vorubergehend unter-
scheidbare Formen an. — Wieder tritt nach einer gewissen
Zeit eine Ruhepause ein; wieder setzen nach dieser die Gei-
ster der Form ihre Tatigkeit fort. Dann aber treten ganz
neue Verhaltnisse innerhalb der Sonnenentwickelung ein.
* Das Gas erscheint dem iibersinnlichen BewuBtsein durch die Licht-
einwirkung, die es von sich ausgehen laBt. Man konnte also auch von
Lichtgestalten sprechen, die dem geistigen Schauen sich darstellen.
Es ist namlich damit der Pimkt erreicht, wo die Sonnen-
entwickelung in ihrer Mitte angelangt ist. Das ist die Zeit,
in welcher die Geister der Personlichkeit, die auf dem Saturn
ihre Menschheitsstufe erlangt haben, einen hoheren Grad
der Vollkommenheit ersteigen. Sie schreiten tiber diese Stufe
hinaus. Sie erlangen ein BewuBtsein, das der gegenwartige
Mensch auf unserer Erde im regelrechten Fortgang der
Entwickelung noch nicht hat. Er wird es erlangen, wenn die
Erde — also die vierte der planetarischen Entwicklungs-
stufen — an ihrem Ziele angelangt und in die folgende plane -
tarische Periode eingetreten sein wird. Dann wird der Mensch
nicht bloB das um sich herum wahrnehmen, was ihm die
gegenwartigen physischen Sinne vermitteln, sondern er wird
imstande sein, in Bildern die inneren, seelischen Zustande
der ihn umgebenden Wesen zu beobachten. Er wird ein
BilderbewuBtsein haben, jedoch mit Beibehaltung des vol-
len SelbstbewuBtseins. Es wird nichts Traumhaftes, Dump-
fes in seinem Bilderschauen sein, sondern er wird das See-
lische wahrnehmen, allerdings in Bildern, doch so, daB diese
Bilder der Ausdruck von Wirklichkeiten sein werden, wie
es jetzt physische Farben und Tone sind. Gegenwartig kann
sich der Mensch nur durch die geisteswissenschaftliche Schu-
lung zu solchem Schauen erheben. Von dieser Schulung wird
auf spateren Blattern dieses Buches die Rede sein. — Dieses
Schauen erlangen nun als ihre normale Entwickelungsgabe
die Geister der Personlichkeit inmitten der Sonnenstufe.
Und eben dadurch werden sie fahig, wahrend der Sonnen-
entwickelung auf den neugebildeten Lebensleib des Men-
schenwesens in ahnlicher Art zu wirken, wie sie auf dem
Saturn auf den physischen Leib gewirkt haben. Wie ihnen
dort die Warme ihre eigene Personlichkeit zuruckgestrahlt
hat, so strahlen ihnen jetzt die Gasgebilde im Lichtglanze
die Bilder ihres schauenden BewuBtseins zuriick Sie schauen
iibersinnlich an, was auf der Sonne vorgeht Und dieses
Anschauen ist keineswegs ein bloBes Beobachten. Es ist, als
ob in den Bildern, die von der Sonne ausstromen, etwas
von der Kraft sich geltend machte, die der Erdenmensch
als Liebe bezeichnet Und sieht man seelisch genauer zu,
so findet man den Grund dieser Erscheinung. Es haben sich
in das von der Sonne ausstrahlende Licht erhabene Wesen-
heiten mit ihrer Tatigkeit gemischt Es sind die oben bereits
genannten «Geister der Liebe» (christlich: «Seraphim»). Sie
wirken von jetzt ab am menschlichen Ather- oder Lebens-
leibe zusammen mit den Geistern der Personlichkeit Durch
diese Tatigkeit schreitet dieser Lebensleib selbst urn eine
Stufe auf seiner Entwickelungsbahn fort. Er erlangt die
Fahigkeit, die in ihm befindlichen Gasgebilde nicht nur um-
zuformen, sondern sie so zu bearbeiten, daB die ersten An-
deutungen einer Fortpflanzung der lebenden Menschenwesen
sich zeigen. Es werden gewissermaBen Absonderungen aus
den geformten Gasgebilden herausgetrieben (wie ausge-
schwitzt), welche sich zu solchen Gestalten formen, die ihren
Muttergebilden ahnlich sind.
Um die weitere Sonnenentwickelung zu charakterisieren,
muB auf eine Tatsache des Weltenwerdens hingewiesen wer-
den, welche von der allergroBten Bedeutung ist Sie besteht
darin, daB im Laufe einer Epoche keineswegs alle Wesen
das Ziel ihrer Entwickelung erreichen. Es gibt solche, die
hinter diesem Ziel zuruckbleiben. So haben wahrend der
Saturnentwickelung nicht alle Geister der Personlichkeit die
Menschheits stufe, die ihnen dort in der oben dargestellten
Art beschieden war, wirklich erreicht. Und ebensowenig
haben alle auf dem Saturn ausgebildeten physischen Men-
schenleiber den Grad von Reife erlangt, der sie befahigt,
auf der Sonne zum Trager eines selbstandigen Lebensleibes
zu werden. Die Folge davon ist, daB auf der Sonne Wesen
und Gebilde vorhanden sind, welche zu ihren Verhaltnissen
nicht passen. Diese mlissen nun wahrend der Sonnenent-
wickelung nachholen, was sie auf dem Saturn versaumt
haben. Man kann deshalb wahrend der Sonnenstufe das
Folgende geistig beobachten. Wenn die Geister der Weisheit
mit ihrem Einstromen des Lebensleibes beginnen, triibt sich
gewissermaBen der Sonnenkorper. Es durchsetzen ihn Ge-
bilde, welche eigentlich noch zum Saturn gehoren wiirden.
Es sind Warmegebilde, welche nicht imstande sind, in ent-
sprechender Art sich zu Luft zu verdichten. Das sind die
auf der Saturnstufe zuruckgebliebenen Menschenwesen. Sie
konnen nicht Trager eines in regelrechter Art ausgebildeten
Lebensleibes werden. — Was nun auf diese Art von Warme-
substanz des Saturn zuruckgeblieben ist, gliedert sich auf
der Sonne in zwei Teile. Der eine Teil wird von den Men-
schenleibern gleichsam aufgesogen; und er bildet fortan
innerhalb des Menschenwesens eine Art niederer Natur des-
selben. So nimmt das Menschenwesen auf der Sonne etwas
in seine Leiblichkeit auf, was eigendich der Saturnstufe
entspricht. Wie nun der Saturnleib des Menschen den Gei-
stern der Personlichkeit es moglich gemacht hat, sich zur
Menschheitsstufe zu erheben, so leistet jetzt dieser Saturn-
teil des Menschen auf der Sonne dasselbe fur die Feuer-
geister. Sie erheben sich zur Menschheitsstufe, indem sie ihre
Krafte ein- und ausstromen lassen in diesen Saturnteil des
Menschenwesens, wie es die Geister der Personlichkeit auf
dem Saturn getan haben. Auch dies geschieht in der Mitte
der Sonnenentwickelung. Da ist der Saturnteil des Men-
schenwesens so weit reif, daB mit seiner Hilfe die Feuer-
geister (Archangeloi) ihre Menschheitsstufe durchlaufen kon-
nen. — Ein anderer Teil der Warmesubstanz des Saturn
gliedert sich ab und erlangt ein selbstandiges Dasein neben
und zwischen den Menschenwesen der Sonne. Dieser bildet
nun ein zweites Reich neben dem Menschenreiche. Ein Reich,
das auf der Sonne einen vollig selbstandigen, aber nur phy-
sischen Leib, als Warmeleib, ausbildet. Die Folge davon ist,
daB die vollkommen entwickelten «Geister der Personlich-
keit» auf keinen selbstandigen Lebensleib ihre Tatigkeit in
der geschilderten Art richten konnen. Nun sind aber auch
gewisse «Geister der Pers6nlichkeit» auf der Saturnstufe
zuruckgeblieben. Diese haben da nicht die Stufe der Mensch-
heit erreicht. Zwischen ihnen und dem selbstandig gewor-
denen zweiten Sonnenreich besteht ein Anziehungsband. Sie
miissen sich jetzt auf der Sonne zu dem zuruckgebliebenen
Reich so verhalten, wie dies ihre vorgeschrittenen Genossen
schon auf dem Saturn gegenuber den Menschenwesen getan
haben. Diese haben dort ja auch erst den physischen Leib
ausgebildet gehabt Auf der Sonne selbst ist aber zu solcher
Arbeit der zuruckgebliebenen Personlichkeitsgeister keine
Moglichkeit. Sie sondern sich daher aus dem Sonnenkorper
heraus und bilden auBerhalb desselben einen selbstandigen
Weltenkorper. Es tritt dieser also aus der Sonne heraus.
Von ihm aus wirken die zuruckgebliebenen «Geister der
Pers6nlichkeit» auf die beschriebenen Wesen des zweiten
Sonnenreiches. Es sind dadurch zwei Weltengebilde aus dem
einen geworden, das frtiher Saturn war. Die Sonne hat in
ihrer Umgebung nunmehr einen zweiten Weltenkorper,
einen solchen, der eine Art Wiedergeburt des Saturn, einen
neuen Saturn, darstellt Von diesem Saturn aus wird dem
zweiten Sonnenreich der Personlichkeitscharakter erteilt.
Man hat es daher innerhalb dieses Reiches mit Wesen zu
tun, welche auf der Sonne selbst keine Personlichkeit haben.
Doch aber spiegeln sie den «Geistern der Pers6nlichkeit» auf
dem neuen Saturn deren eigene Personlichkeit zuriick. Das
ubersinnliche BewuBtsein kann zwischen den Menschenwe-
sen auf der Sonne Warmekrafte beobachten, die in die regel-
maBige Sonnenentwickelung hineinspielen und in welchen
man das Walten der gekennzeichneten Geister des neuen
Saturn zu sehen hat
Im Menschenwesen hat man wahrend der Mitte der Son-
nenentwickelung das Folgende zu beachten. Dasselbe ist ge-
gliedert in einen physischen Leib und einen Lebensleib. Dar-
innen spielt sich ab die Tatigkeit der vorgeschrittenen «Gei-
ster der Pers6nlichkeit» in Verbindung mit derjenigen der
«Geister der Liebe». Dem physischen Leibe ist nun beige-
mischt ein Teil der zuriickgebliebenen Saturnnatur. Darin
spielt sich ab die Tatigkeit der «Feuergeister». Man hat nun
zu sehen in allem, was die «Feuergeister» an der zuriick-
gebliebenen Saturnnatur bewirken, die Vorlaufer der gegen-
wartigen Sinnesorgane der Erdenmenschen. Es ist ja gezeigt
worden, wie schon auf dem Saturn in der Warmesubstanz
diese «Feuergeister» mit der Ausarbeitung der Sinneskeime
beschaftigt waren. In dem, was durch die «Geister der Per-
sonlichkeit im Verein mit den «Geistern der Liebe» (den
Seraphimen) vollbracht wird, ist zu erkennen die erste An-
lage der gegenwartigen menschlichen Drusenorgane. — Mit
dem oben Gesagten ist aber die Arbeit der auf dem neuen
Saturn wohnenden Personlichkeitsgeister nicht erschopft.
Diese erstrecken ihre Tatigkeit nicht bloB auf das genannte
zweite Sonnenreich, sondern sie stellen eine Art Verbindung
her zwischen diesem Reich und den menschlichen Sinnen.
Es stromen die Warmesubstanzen dieses Reiches durch die
menschlichen Sinneskeime aus und ein. Dadurch gelangt
das Menschenwesen auf der Sonne zu einer Art von Wahr-
nehmung des auBer ihm befindlichen niederen Reiches. Diese
Wahrnehmung ist naturgemaB nur eine dumpfe, ganz ent-
sprechend dem dumpfen SaturnbewuBtsein, von dem oben
die Rede war. Und sie besteht im wesentlichen aus ver-
schiedenen Warmewirkungen.
Alles, was hier fur die Mitte der Sonnenentwickelung
geschildert worden ist, dauert eine gewisse Zeit. Dann tritt
wieder eine Ruhepause ein. Nach derselben geht es eine
Zeitlang in derselben Art fort bis zu einem Punkte der Ent-
wickelung, in dem der menschliche Atherleib so weit reif ist,
daB nunmehr eine vereinte Arbeit der «S6hne des Lebens»
(Angeloi) und der «Geister der Harmonie» (Cherubime)
einsetzen kann. Es treten nun innerhalb des Menschenwesens
fur das ubersinnliche BewuBtsein Offenbarungen auf, die
sich mit Geschmackswahrnehmungen vergleichen lassen und
die sich nach auBen als Tone kundgeben. Ein Ahnliches
muBte ja schon fur die Saturnentwickelung gesagt werden.
Hier auf der Sonne ist nur all das im Menschenwesen in-
nerlicher, voll selbstandigeren Lebens. — Die «S6hne des Le-
bens» erlangen dadurch jenes dumpfe BilderbewuBtsein, das
die «Feuergeistep> auf dem Saturn erreicht hatten. Es sind
dabei die «Geister der Harmonie» (die Cherubime) ihre
Heifer. Sie eigentlich schauen geistig das an, was sich inner-
halb der Sonnenentwickelung jetzt abspielt Nur verzichten
sie auf alle Fruchte dieses Anschauens, auf die Empfindung
der weisheitsvollen Bilder, welche da entstehen, und lassen
diese wie prachtige Zaubererscheinungen in das traumhafte
BewuBtsein der «S6hne des Lebens» einstromen. Diese wie-
der arbeiten solche Gebilde ihres Schauens in den Atherleib
des Menschen hinein, so daB dieser immer hohere Stufen
der Entwicklung erreicht. — Wieder tritt eine Ruhepause
ein, wieder erhebt sich das Ganze aus dem «Weltenschlaf»,
und, nachdem es noch eine Zeitlang gedauert hat, ist das
Menschenwesen so weit reif, daB es nun eigene Krafte regen
kann. Es sind dies dieselben, welche wahrend der letzten
Zeit der Saturnperiode durch die «Throne» in dieses Men-
schenwesen eingestromt sind. In einem Innenleben ent-
wickelt sich jetzt dieses Menschenwesen, das in seiner Offen-
barung fur das BewuBtsein mit einer innerlichen Geruch-
wahrnehmung verglichen werden kann. Nach auBen aber,
gegen den Himmelsraum, gibt sich dieses Menschenwesen
als eine Personlichkeit kund, allerdings als eine solche, die
nicht von einem inneren «Ich» gelenkt wird. Es erscheint
vielmehr wie eine als Personlichkeit wirkende Pflanze. Fur
das Ende der Saturnentwickelung ist ja gezeigt worden, daB
die Personlichkeit wie eine Maschine sich kundgibt. Und
wie sich dort der erste Keim zu dem entwickelt hat, was
auch im gegenwartigen Menschen erst keimhaft ist, zum
«Geistesmenschen» (Atma), so wird hier ein ebensolcher
erster Keim zu dem «Lebensgeist» (Buddhi) gestaltet. —
Nachdem eine Zeit hindurch sich alles das abgespielt hat,
tritt wieder eine Ruhepause ein. Wie in den ahnlichen Fal-
len frtiher, wird nach dieser Pause die Tatigkeit des Men-
schenwesens eine Zeitlang fortgesetzt. Dann treten Ver-
haltnisse ein, die sich darstellen als ein neuer Eingriff der
«Geister der Weisheit». Durch denselben wird das Men-
schenwesen fahig, die ersten Spuren von Sympathie und
Antipathie mit seiner Umgebung zu empfinden. Es ist in
alledem noch keine wirkliche Empfindung, aber doch ein
Vorlaufer der Empfindung. Denn die innere Lebenstatig-
keit, die in ihrer Offenbarung wie Geruchswahrnehmimgen
charakterisiert werden konnte, gibt sich nach auBen wie in
einer Art primitiver Sprache kund. Wird innerlich ein sym-
pathischer Geruch — oder auch Geschmack, Flimmern etc. —
wahrgenommen, so gibt dies das Menschenwesen nach auBen
durch einen Ton kund. Und in entsprechender Art geschieht
solches bei einerinnerlich unsympathischen Wahrnehmung. -
Es ist namlich durch alle die geschilderten Vorgange der
eigentliche Sinn der Sonnenentwickelung fur das Menschen-
wesen erreicht. Dieses hat eine hohere BewuBtseinsstufe
gegenliber dem SaturnbewuBtsein erlangt. Es ist dies das
SchlafbewuBtsein.
Nach einiger Zeit ist nun auch der Entwickelungspunkt
eingetreten, da die mit der Sonnenstufe verbundenen hohe-
ren Wesen in andere Spharen ubergehen miissen, um das zu
verarbeiten, was sie durch ihr Wirken am Menschenwesen
selbst in sich veranlagt haben. Es tritt eine groBe Ruhepause
ein, wie eine solche zwischen der Saturn- und Sonnen-
entwickelung war. Alles, was sich auf der Sonne ausgebildet
hat, geht in einen Zustand liber, der sich mit dem der Pflanze
vergleichen laBt, wenn deren Wachstumskrafte im Samen
ruhen. Wie aber diese Wachstumskrafte in einer neuen
Pflanze wieder an das Tageslicht treten, so tritt auch nach
der Ruhepause alles, was auf der Sonne Leben war, wieder
aus dem WeltenschoBe hervor, und ein neues planetarisches
Dasein beginnt. Man wird den Sinn einer solchen Ruhepause,
eines «Weltenschlafes», wohl verstehen, wenn man nur ein-
mal den geistigen Blick auf eine der genannten Wesenarten,
z.B. auf die «Geister der Weisheit», lenkt. Sie waren auf dem
Saturn noch nicht so weit, daB sie dort hatten einen Ather-
leib aus sich konnen ausstromen lassen. Erst durch die von
ihnen auf dem Saturn gemachten Erlebnisse sind sie darauf
vorbereitet worden. Wahrend der Pause gestalten sie nun das-
jenige, was in ihnen erst vorbereitet worden ist, zur wirk-
lichen Fahigkeit um. So sind sie auf der Sonne soweit, das
Leben aus sich ausstromen zu lassen und das Menschen-
wesen mit einem eigenen Lebensleib zu begaben.
*
Nach der Ruhepause tritt dasjenige, was friiher Sonne
war, aus dem «Weltenschlafe» wieder hervor. Das heiBt, es
wird wieder wahrnehmbar fur die geistig schauenden Krafte,
fur die es friiher zu beobachten war und fur die es wahrend
der Ruhepause entschwunden war. Nun zeigt sich aber
an dem neu hervortretenden planetarischen Wesen, das als
«Mond» bezeichnet werden soil (und das nicht verwechselt
werden darf mit dem Stuck davon, das gegenwartig Erden-
mond ist), ein zweifaches. Erstens ist dasjenige, was sich
wahrend der Sonnenzeit als ein «neuer Saturn» abgesondert
hatte, wieder in dem neuen planetarischen Wesen darin.
Dieser Saturn hat sich somit wahrend der Ruhepause wieder
mit der Sonne vereinigt. Alles, was im ersten Saturn war,
tritt zunachst wieder als ein Weltgebilde auf. Zweitens sind
die auf der Sonne gebildeten Lebensleiber des Menschen-
wesens in der Ruhepause von dem aufgesogen worden, was
die geistige Hiille in einer Art des Planeten bildet Sie
erscheinen also in diesem Zeitpunkte nicht mit den entspre-
chenden physischen Menschenleibern vereinigt, sondern die-
se treten fur sich allein zunachst auf. Zwar tragen sie alles
das an sich, was in ihnen auf Saturn und Sonne erarbeitet
worden ist; aber sie ermangeln des Ather- oder Lebens-
leibes. Ja sie konnen diesen Atherleib auch nicht sogleich
in sich aufnehmen, denn dieser hat selbst eine Entwicke-
lung wahrend der Ruhepause durchgemacht, an die sie
noch nicht angepaBt sind. — Was nun im Beginne der Mon-
denentwickelung eintritt, damit diese Anpassung erzielt
werde, ist zunachst eine abermaiige Wiederholung der
Satumtatsachen. Das physische Menschenwesen durchlauft
dabei, wiederholend, die Stufen der Saturnentwickelung,
nur unter ganz veranderten Verhaltnissen. Auf dem Saturn
spielten in ihm ja nur die Krafte eines Warmeleibes, jetzt
sind in ihm auch diejenigen des erarbeiteten Gasleibes. Die
letzteren treten aber nicht gleich im Beginne der Monden-
entwickelung auf. Da ist alles so, wie wenn das Menschen-
wesen nur aus Warmesubstanz bestimde und innerhalb der-
selben die Gaskrafte schlummerten. Dann kommt eine Zeit,
in welcher diese in ersten Andeutungen auftreten. Und
zuletzt, im letzten Zeitraum der Saturn wiederholung, sieht
das Menschenwesen schon so aus wie wahrend seines leben-
digen Zustandes auf der Sonne. Doch erweist sich alles Leben
da noch als ein Scheinleben. Es tritt erst eine Ruhepause
ein, ahnlich den kurzen Ruhepausen wahrend der Sonnen-
entwickelung. Dann beginnt neuerdings das Einstromen des
Lebensleibes, fur den sich der physische Leib nun reif ge-
macht hat Dieses Einstromen geschieht wieder wie die Sa-
turnwiederholung in drei voneinander zu unterscheidenden
Epochen. Wahrend der zweiten dieser Epochen ist das Men-
schenwesen so weit den neuen Mondenverhaltnissen ange-
paBt, daB die «Geister der Bewegung» die von ihnen er-
langte Fahigkeit in die Tat umsetzen konnen. Sie besteht
darin, daB sie aus ihrer eigenen Wesenheit heraus den Astral-
leib in die Menschenwesen einstromen lassen. Sie haben sich
zu dieser Arbeit wahrend der Sonnenentwickelung vorbe-
reitet und in der Ruhepause zwischen Sonne und Mond das
Vorbereitete zu der angedeuteten Fahigkeit umgewandelt.
Es dauert dieses Einstromen nun wieder eine Zeidang, dann
tritt eine der kleineren Ruhepausen ein. Nach derselben setzt
sich das Einstromen fort, bis die «Geister der Form» mit
ihrer Tatigkeit einsetzen. Dadurch, daB die «Geister der Be-
wegung» den Astralleib in das Menschenwesen einstromen
lassen, erlangt dieses die ersten seelischen Eigenschaften. Es
beginnt, die Vorgange, welche sich durch den Besitz eines
Lebensleibes in ihm abspielen und welche wahrend der Son-
nenentwickelung noch pflanzenhaft waren, mit Empfindun-
gen zu verfolgen, Lust und Unlust durch sie zu fiihlen. Es
bleibt aber bei einem wechselvollen inneren Auf- und Ab-
fluten solcher Lust und Unlust, bis die «Geister der Form»
eingreifen. Da verwandeln sich diese wechselnden Gefuhle
so, daB in dem Menschenwesen das auftritt, was als erste
Spur des Wunsches, der Begierde, aufgefaBt werden kann.
Das Wesen strebt nach einer Wiederholung dessen, was ein-
mal Lust bereitet hat, und es versucht zu vermeiden, was
als antipathisch empfunden worden ist Da jedoch die «Gei-
ster der Form» ihre eigene Wesenheit nicht an das Men-
schenwesen abgeben, sondern ihre Krafte nur aus- und
einstromen lassen, so entbehrt die Begierde der Innerlichkeit
und Selbstandigkeit. Sie wird gelenkt von den «Geistern
der Form». Sie tritt mit einem instinktiven Charakter auf.
Auf dem Saturn war der physische Leib des Menschen-
wesens ein Warmeleib; auf der Sonne ist eine Verdichtung
zum Gaszustand oder zur «Luft» eingetreten. Nun, da wah-
rend der Mondenentwickelung das Astrale einstromt, er-
reicht in einem bestimmten Zeitpimkt das Physische einen
weiteren Grad von Verdichtung, es kommt in einen Zustand,
der sich mit dem einer gegenwartigen Flussigkeit vergleichen
laBt. Man kann diesen Zustand als «Wasser» bezeichnen.
Doch ist eben damit nicht unser gegenwartiges Wasser ge-
meint, sondern jegliche fliissige Daseinsform. Der physische
Menschenleib nimmt nun allmahlich eine Form an, die sich
aus dreierlei substantiellen Gebilden zusammensetzt Das
dichteste ist ein «Wasserk6rper»; dieser wird durchzogen
von Luftstromungen, und durch alles dies ziehen sich wie-
der Warmewirkungen hindurch.
Nun erlangen auch wahrend der Sonnenstufe nicht alle
Gebilde die voile entsprechende Reife. Es finden sich des-
halb auf dem Monde Gebilde ein, die erst auf der Saturn-
stufe stehen, und solche, die nur die Sonnenstufe erreicht
haben. Dadurch entstehen neben dem regelrecht entwickel-
ten Menschenreiche zwei andere Reiche. Ein solches, das aus
Wesen besteht, die auf der Saturnstufe stehengeblieben sind,
die daher nur einen physischen Leib haben, der auch auf
dem Monde noch nicht Trager eines selbstandigen Lebens-
leibes werden kann. Es ist dies das niedrigste Mondenreich.
Ein zweites besteht aus Wesen, die auf der Sonnenstufe
zuruckgeblieben sind, welche deshalb nicht reif werden, auf
dem Monde einen selbstandigen Astralleib sich einzuglie-
dern. Diese bilden ein Reich zwischen dem ebengenannten
und dem regelmaBig fortgeschrittenen Menschenreich. —
Aber auch noch etwas anderes findet statt: Die Substanzen
mit bloBen Warmekraften und jene mit bloBen Luftkraften
durchsetzen auch die Menschenwesen. So kommt es, daB
diese auf dem Monde in sich eine Saturn- und eine Sonnen-
natur tragen. Dadurch ist in die Menschennatur eine Art
von Zwiespalt gekommen. Und durch diesen Zwiespalt wird
nach dem Einsetzen der Tatigkeit der «Geister der Form»
innerhalb der Mondenentwickelung etwas sehr Bedeutungs-
volles hervorgerufen. Es beginnt sich da eine Spaltung im
MondenWeltkorper vorzubereiten. Ein Teil seiner Substan-
zen und Wesenheiten trennt sich ab von den andern. Aus
einem Weltenkorper werden zwei. Den einen machen ge-
wisse hohere Wesenheiten, die noch vorher inniger mit dem
einheidichen Weltenkorper verbunden waren, zu ihrem
Wohnplatz. Der andere dagegen wird von dem Menschen-
wesen, den beiden vorhin charakterisierten niederen Rei-
chen und gewissen hoheren Wesenheiten eingenommen, die
nicht zu dem ersten Weltenkorper libergegangen sind. Der
eine der beiden Weltenkorper mit den hoheren Wesen er-
scheint wie eine wiedergeborene, aber verfeinerte Sonne;
der andere ist nunmehr die eigentliche Neubildung, der «alte
Mond», als dritte planetarische Verkorperung unserer Erde,
nach der Saturn- und Sonnenverkorperung. Von den auf
dem Monde entstandenen Substanzen nimmt die wieder-
geborene Sonne bei ihrem Heraustreten nur die «Warme»
und die «Luft» mit; auf dem, was wie ein Rest als Mond
ubriggeblieben ist, findet sich auBer diesen beiden Substan-
zen noch der wasserige Zustand. Es wird durch diese Tren-
nung erreicht, daB die mit der wiedererstandenen Sonne
ausgezogenen Wesenheiten zunachst in ihrer weiteren Ent-
wickelung durch die dichteren Mondwesenheiten nicht ge-
hemmt werden. Sie konnen so ungehindert in ihrem eigenen
Werden fortschreiten. Dadurch erlangen sie aber eine um
so groBere Kraft, um nun von auBen, von ihrer Sonne aus,
auf die Mondwesen zu wirken. Und auch diese erlangen
dadurch neue Entwickelungsmoglichkeiten. Mit ihnen sind
vereint geblieben vor allem die «Geister der Form». Diese
verfestigten die Begierden- und die Wunschnatur; und die-
ses driickt sich allmahlich auch in einer weiteren Verdich-
tung des physischen Leibes der Menschenwesen aus. Das vor-
her bloB Wasserige dieses Leibes nimmt eine zahfliissige
Form an, und entsprechend verdichten sich die luftformigen
und warmeartigen Gebilde. Ahnliche Vorgange finden auch
statt bei den beiden niederen Reichen.
DaB der Mondkorper von dem Sonnenkorper ausgeson-
dert wird, dies hat zur Folge, daB sich der erstere zu dem
letzteren so verhalt, wie einstmals der Saturnkorper zu der
ganzen umliegenden Weltenentwickelung. Der Saturnkor-
per war aus dem Leibe der «Geister des Willens» (der
Throne) gebildet. Aus seiner Substanz strahlte in den Weltenraum zuriick a
lichen oben angefuhrten geistigen Wesenheiten erlebten. Und
die Ruckstrahlung erwachte durch die folgenden Vorgange
allmahlich zu selbstandigem Leben. Darauf beruht ja alle
Entwicklung, daB erst aus dem Leben der Umgebung selb-
standige Wesenheit sich absondert; dann in dem abgeson-
derten Wesen sich die Umgebung wie durch Spiegelung ein-
pragt und dann dies abgesonderte Wesen sich selbstandig
weiter entwickelt — So auch sonderte sich der Mondenkor-
per vom Sonnenkorper ab und strahlte zunachst das Leben
des Sonnenkorpers zuriick. Ware nun nichts anderes gesche-
hen, so hatte man es mit folgendem Weltenprozesse zu tun.
Es gabe einen Sonnenkorper, in welchem diesem Korper
angepaBte geistige Wesenheiten in dem Warme- und Luft-
elemente ihre Erlebnisse hatten. Diesem Sonnenkorper stiinde
ein Mondenkorper gegeniiber, in welchem andere Wesen mit
dem Warme-, Luft- und Wasserleben sich entfalteten. Der
Fortschritt von der Sonnenverkorperung zu der Monden-
verkorperung bestiinde darin, daB die Sonnenwesen ihr
eigenes Leben von den Mondenvorgangen aus wie im Spie-
gelbilde vor sich hatten und so dasselbe genieBen konnten,
was ihnen wahrend der Sonnenverkorperung noch unmog-
lich war. — Nun blieb es aber nicht bei diesem Entwicke-
lungsvorgange. Es geschah etwas, was fur alle folgende Ent-
wicklung von der allertiefsten Bedeutung war. Gewisse
Wesenheiten, welche dem Mondenkorper angepaBt waren,
bemachtigten sich des ihnen zur Verfugung stehenden Wil-
lenselementes (des Erbes der Throne) und entwickelten da-
durch ein Eigenleben, das sich unabhangig gestaltet von
dem Sonnenleben. Es entstehen neben den Erlebnissen des
Mondes, die nur unter dem Sonneneinflusse stehen, selbstan-
dige Mondenerlebnisse; gleichsam Emporungs- oderAufleh-
nungszustande gegen die Sonnenwesen. Und die verschie-
denen auf Sonne und Mond entstandenen Reiche, vor allem
das Reich der Menschenvorfahren, wurde in diese Zustande
hineingezogen. Der Mondenkorper schlieBt dadurch geistig
und stofflich zweierlei Leben in sich: Solches, das in inniger
Verbindung mit dem Sonnenleben steht, und solches, wel-
ches von diesem «abgefallen» ist und unabhangige Wege
geht. Diese Gliederung in zweifaches Leben driickt sich in
alien folgenden Vorgangen der Mondenverkorperung nun
aus.
Was sich fur diesen Entwickelungszeitraum dem iiber-
sinnlichen BewuBtsein darbietet, das laBt sich in folgenden
Bildern charakterisieren. Die ganze Grundmasse des Mon-
des ist gebildet aus einer halblebendigen Substanz, die in
einer bald tragen, bald lebhaften Bewegung ist. Eine mine-
ralische Masse im Sinne der Gesteine und der Erdbestand-
teile, auf denen der gegenwartige Mensch herumwandelt,
ist das noch nicht. Man konnte von einem Reiche von Pflan-
zenmineralien sprechen. Nur hat man sich vorzustellen, daB
der ganze Grundkorper des Monde s aus dieser Pflanzen-
Mineralsubstanz besteht, wie heute die Erde aus Gesteinen,
Ackererde usw. besteht Wie gegenwartig sich Felsenmassen
auftiirmen, so lagerten sich der Mondenmasse hartere Teile
ein, die sich mit harten Holzgebilden oder mit Formen aus
Horn vergleichen lassen. Und wie sich jetzt Pflanzen aus
dem Mineralboden erheben, so war der Mondengrund be-
deckt und durchdrungen von dem zweiten Reich, bestehend
aus einer Art von Pflanzentieren. Ihre Substanz war wei-
cher als die Grundmasse und in sich beweglicher. Wie ein
zahes Meer zog sich dieses Reich iiber das andere dahin.
Und der Mensch selbst kann als Tiermensch bezeichnet wer-
den. Er hatte in seiner Natur die Bestandteile der andern
beiden Reiche. Aber seine Wesenheit war ganz durchdrun-
gen von einem Lebensleib und astralischen Leib, auf weiche
die von der abgeschiedenen Sonne ausgehenden Krafte der
hoheren Wesenheiten wirkten. So wurde seine Gestalt ver-
edelt. Wahrend ihm die «Geister der Form» eine Gestalt
gaben, durch die er dem Mondenleben angepaBt war, mach-
ten ihn die Sonnengeister zu einer Wesenheit, die ihn iiber
dieses Leben hinaushob. Er hatte die Kraft, mit den ihm
von diesen Geistern geschenkten Fahigkeiten seine eigene
Natur zu veredeln, ja dasjenige, das mit den niederen Rei-
chen verwandt war, auf eine hohere Stufe emporzuheben.
Geistig gesehen konnen die hier in Betracht kommenden
Vorgange in der folgenden Art geschildert werden. Der
Menschenvorfahr war veredelt worden von Wesenheiten,
die vom Sonnenreiche abgef alien waren. Diese Veredelung
erstreckte sich vor allem auf alles, was im Wasserelemente
erlebt werden konnte. Auf dieses Element hatten die Son-
nenwesen, die Herrscher im Warme- und Luftelemente waren,
den geringeren EinfluB. Fur den Menschenvorfahren hatte
dies zur Folge, daB sich in seiner Organisation zweierlei
Wesenheiten geltend machten: der eine Teil dieser Orga-
nisation war ganz durchdrungen von den Wirkungen der
Sonnenwesen. In dem andern wirkten die abgefallenen
Mondenwesen. Dadurch war der letzte Teil selbstandiger
als der erste. Im ersten konnten nur BewuBtseinszustande
entstehen, in denen die Sonnenwesen lebten; in dem letz-
teren lebte eine Art WeltbewuBtsein, wie es dem Saturnzu-
stande eigen war, nur jetzt auf einer hoheren Stufe. Der
Menschenvorfahr kam sich dadurch als «Abbild der Welt»
vor, wahrend sich sein «Sonnenteil» nur als «Abbild der
Sonne» fiihlte. — Es traten nun in der Menschennatur diese
beiden Wesenheiten in eine Art Kampf. Und durch den Ein-
fluB der Sonnenwesenheiten wurde fur diesen Kampf ein
Ausgleich dadurch geschaffen, daB durch ihn die stoffliche
Organisation, welche das selbstandige WeltbewuBtsein er-
moglichte, gebrechlich, verganglich gemacht wurde. Es muBte
nun von Zeit zu Zeit dieser Teil der Organisation ausge-
schieden werden. Wahrend und einige Zeit nach der Aus-
scheidung war der Menschenvorfahr ein bloB vom Sonnen-
einfluB abhangiges Wesen. Sein BewuBtsein wurde unselb-
standiger; er lebte in demselben ganz dem Sonnenleben hin-
gegeben. Dann erneuerte sich der selbstandige Mondenteil
wieder. Nach einiger Zeit wiederholte sich stets dieser Vor-
gang. So lebte der Menschenvorfahr auf dem Monde in
Wechselzustanden helleren und dumpferen BewuBtseins;
und der Wechsel war begleitet von einer Wandelung seines
Wesens in stofflicher Beziehung. Er legte von Zeit zu Zeit
seinen Mondenkorper ab und nahm ihn spater wieder an.
Physisch gesehen zeigt sich in den angefiihrten Reichen
des Mondes eine groBe Mannigfaltigkeit Die Mineralpflan-
zen, Pflanzentiere und Tiermenschen sind nach Gruppen
verschieden. Man wird das verstehen, wenn man bedenkt,
daB durch das Zuruckbleiben der Gebilde auf jeder der fru-
heren Stufen der Entwickelung Formen in den mannigfal-
tigsten Qualitaten verkorpert worden sind. Es sind Gebilde
da, welche noch die Anfangseigenschaften des Saturn zeigen,
solche der mittleren Epoche dieses Weltkorpers, solche vom
Ende. Ein Gleiches gilt fur alle Entwickelungsstufen der
Sonne.
Und wie die mit dem sich fortentwickelnden Weltenkor-
per verbundenen Gebilde zuruckbleiben, so ist es auch mit
gewissen Wesenheiten der Fall, die mit dieser Entwickelung
zusammenhangen. Durch das Fortrucken des Werdens bis
zum Monde sind schon eine Anzahl von Stufen solcher
Wesenheiten entstanden. Da gibt es «Geister der Personlich-
keit», welche auf der Sonne noch immer nicht ihre Mensch-
heitsstufe erreicht haben; es sind aber auch solche vorhan-
den, welche da das Aufsteigen in die Menschheit nachgeholt
haben. Auch von den «Feuergeistern», die auf der Sonne
hatten Menschen werden sollen, sind eine Anzahl zuruckge-
blieben. Wie nun wahrend der Sonnenentwickelung gewisse
zuruckgebliebene «Geister der Pers6nlichkeit» sich aus dem
Sonnenkorper herauszogen und den Saturn als besonderen
Weltenkorper wieder erstehen lieBen, so geschieht es auch,
daB im Laufe der Mondenentwickelung sich die oben cha-
rakterisierten Wesenheiten auf besonderen Weltkorpern aus-
sondern. Es ist bis jetzt erst von der Teilung in Sonne und
Mond gesprochen worden, doch gliedern sich noch andere
Weltgebilde aus den angegebenen Griinden aus dem Mon-
denkorper ab, der nach der groBen Sonnen-Mondes-Pause
erschienen ist Man hat es nach einiger Zeit mit einem Sy-
stem von Weltkorpern zu tun, deren fortgeschrittenster, wie
leicht zu ersehen ist, die neue Sonne genannt werden muB.
Und ein ebensolches Anziehungsband, wie es oben fur die
Sonnenentwickelung zwischen dem zuruckgebliebenen Sa-
turnreiche und den Personlichkeitsgeistern auf dem neuen
Saturn beschrieben worden ist, bildet sich zwischen je einem
solchen Weltenkorper und den entsprechenden Mondenwe-
sen. Es wiirde hier viel zu weit fuhren, alle die entstehen-
den Weltenkorper im einzelnen zu verfolgen. Es muB ge-
niigen, auf den Grund hingewiesen zu haben, warum aus
dem einheidichen Weltgebilde, das im Beginne der Mensch-
heitsentwickelung als Saturn erscheint, sich nach und nach
eine Reihe von Weltenkorpern herauslost.
Nach dem Einsetzen der «Geister der Form» auf dem
Monde dauert die Entwickelung eine Zeitlang fort in der
Art, wie dies geschildert worden ist. Nach dieser Zeit tritt
wieder eine Pause ein. Wahrend derselben bleiben die gro-
beren Teile der drei Mondenreiche in einer Art Ruhezustand;
die feineren Teile aber, namentlich die astralischen Leiber
der Menschenwesen, losen sich los von diesen groberen Ge-
bilden. Sie kommen in einen Zustand, in dem die hoheren
Krafte der erhabenen Sonnenwesen besonders stark auf sie
wirken konnen. — Nach der Ruhepause durchdringen sie wie-
der diejenigen Teile des Menschenwesens, die aus den gro-
beren Substanzen bestehen. Dadurch, daB sie in der Pause —
im freien Zustande — die starken Krafte aufgenommen ha-
ben, konnen sie diese groberen Substanzen reif machen zu
der Wirkung, die nach einer gewissen Zeit nunmehr auf sie
ausgeiibt werden soil von den regelrecht vorgeschrittenen
«Geistern der Pers6nlichkeit» und den «Feuergeistern».
Diese «Geister der Pers6nlichkeit» haben sich inzwischen
zu einer Stufe erhoben, auf der sie das «BewuBtsein der In-
spiration» haben. Sie konnen da nicht nur — wie das beim
friiheren BilderbewuBtsein war — die inneren Zustande an-
derer Wesen in Bildern wahrnehmen, sondern wie in einer
geistigen Tonsprache das Innere solcher Wesen selbst Die
«Feuergeister» aber haben sich zu der BewuBtseinshohe er-
hoben, welche die «Geister der Pers6nlichkeit» auf der
Sonne inne hatten. Beide Arten von Geistern konnen da-
durch in das herangereifte Leben des Menschenwesens ein-
greifen. Die «Geister der Pers6nlichkeit» wirken auf den
Astralleib, die «Feuergeister» auf den Atherleib dieses Men-
schenwesens. Der Astralleib erhalt dadurch den Charakter
der Personlichkeit. Er erlebt nunmehr in sich nicht nur Lust
und Schmerz, sondern er bezieht sie auch auf sich. Er kommt
noch nicht zu einem vollstandigen Ich-BewuBtsein, das sich
sagt «Ich bin da»; aber er fiihlt sich getragen und geborgen
von anderen Wesenheiten seiner Umgebung. Indem er zu
diesen gleichsam aufblickt, kann er sich sagen: Diese meine
Umgebung halt mich am Dasein. — Die «Feuergeister» wir-
ken nunmehr auf den Atherleib. Unter ihrem Einflusse wird
die Bewegung der Krafte in diesem Leibe immer mehr und
mehr zu einer innerlichen Lebenstatigkeit. Was da entsteht,
findet einen physischen Ausdruck in einer Saftebewegung
und in Wachstumserscheinungen. Die gasigen Substanzen
haben sich zu wasserigen verdichtet; es kann von einer Art
Ernahrung in dem Sinne gesprochen werden, daB das von
auBen Aufgenommene im Innern umgewandelt und ver-
arbeitet wird. Wenn man sich etwa ein Mittelding denkt
zwischen der Ernahrung und der Atmung im gegenwartigen
Sinne, dann erhalt man eine Vorstellung von dem, was in
dieser Richtung damals geschah. Die Nahrungsstoffe wur-
den aus dem Reiche der Tierpflanzen von dem Menschen-
wesen entnommen. Man hat sich diese Tierpflanzen als
schwebend-schwimmend zu denken — oder auch leicht an-
gewachsen — in einem sie umgebenden Elemente, wie die
gegenwartigen niederen Tiere im Wasser oder die Landtiere
in der Luft leben. Doch ist dieses Element weder Wasser
noch Luft in dem gegenwartigen Sinne, sondern etwas
Mittleres aus beiden, eine Art dichter Dampf, in dem die
verschiedensten Substanzen wie aufgelost in den verschie-
densten Stromungen sich hin- und herbewegen. Die Tier-
pflanzen erscheinen nur wie verdichtete regelmaBige Formen
dieses Elementes, physisch oftmals nur wenig von ihrer
Umgebung verschieden. Der Atmung sprozeB ist neben dem
Ernahrung sprozeB vorhanden. Er ist nicht wie auf der
Erde, sondern wie ein Einsaugen und Ausstromen von
Warme. Fur die ubersinnliche Beobachtung ist es, wie wenn
bei diesen Vorgangen sich Organe offheten und wieder zu-
zogen, durch welche ein erwarmender Strom aus- und ein-
ginge und auch die luft- und wasserartigen Substanzen ein-
und ausgefuhrt wiirden. Und weil das Menschenwesen auf
dieser Stufe seiner Entwickelung bereits einen Astralleib be-
sitzt, werden diese Atmung und die Ernahrung von Gefiih-
len begleitet, so daB eine Art von Lust entsteht, wenn solche
Stoffe von auBen aufgenommen werden, die forderlich sind
fur den Aufbau des Menschenwesens. Unlust wird bewirkt,
wenn schadliche Stoffe einflieBen oder auch nur in die Nahe
kommen. — Wie auf die geschilderte Art wahrend der Mond-
entwickelung der AtmungsprozeB dem Ernahrungsvorgang
nahestand, so stand der VorstellungsprozeB der Fortpflan-
zung nahe. Von den Dingen und Wesen in der Umgebung
des Mondmenschen ging nicht eine immittelbare Wirkung
auf irgendwelche Sinne aus. Die Vorstellung war vielmehr
so geartet, daB durch die Anwesenheit solcher Dinge und
Wesen Bilder erregt wurden in dem dumpfen, dammerhaf-
ten BewuBtsein. Diese Bilder standen in einem viel innigeren
Zusammenhang mit der eigentlichen Natur der Umgebung
als die gegenwartigen Sinneswahrnehmungen, welche in Far-
ben, Tonen, Geruchen usw. ja nur gleichsam die AuBenseite
der Wesen zeigen. Man stelle sich, um einen deutlicheren
Begriff von dem BewuBtsein der Mondmenschen zu haben,
vor, daB diese wie eingebettet seien in die oben geschilderte
dampfartige Umgebung. In diesem Dunstelemente spielen
sich die mannigfaltigsten Vorgange ab. Es verbinden sich
Stoffe, es trennen sich Substanzen voneinander ab. Es ver-
dichten sich Partien, andere verdunnen sich. Alles das geht
so vor sich, daB es die Menschenwesen nicht etwa unmittel-
bar sehen oder horen; aber es ruft Bilder im Menschenbe-
wuBtsein hervor. Diese Bilder sind vergleichbar denen des
gegenwartigen TraumbewuBtseins. Wie etwa, wenn ein Ge-
genstand zur Erde fallt und ein schlafender Mensch nimmt
nicht den wirklichen Vorgang wahr, sondern irgendein
Bild, z. B. er vermeint, daB ein SchuB abgegeben werde.
Nur sind die Bilder des MondenbewuBtseins nicht willkiir-
lich wie solche Traumbilder; sie sind zwar Sinnbilder, nicht
Abbilder, aber sie entsprechen den auBeren Vorgangen. Es
tritt mit einem bestimmten auBeren Vorgang auch nur ein
ganz bestimmtes Bild auf. Der Mondenmensch ist dadurch
in der Lage, sein Verhalten nach diesen Bildern einzurich-
ten, wie es der gegenwartige Mensch nach seinen Wahrneh-
mimgen tut. Es ist nur zu beachten, daB das Verhalten auf
Grund der Wahrnehmimgen der Willkiir unterliegt, wah-
rend das Handeln unter dem Einflusse der gekennzeichneten
Bilder wie auf einen dunklen Antrieb hin erfolgt. — Dieses
BilderbewuBtsein ist nun keineswegs so, daB durch dasselbe
nur auBere physische Vorgange versinnlicht werden, son-
dern es werden durch die Bilder auch die hinter den phy-
sischen Tatsachen waltenden geistigen Wesen und deren
Tatigkeiten vorgestellt. So werden in den Dingen des Tier-
pflanzenreiches die «Geister der Pers6nlichkeit» gleichsam
sichtbar; hinter und in den mineralpflanzlichen Wesen er-
scheinen die «Feuergeister»; und als Wesen, die der Mensch
ohne Zusammenhang mit etwas Physischem vorzustellen ver-
mag, die er gleichsam als atherisch-seelische Gebilde erschaut,
erscheinen die «S6hne des Lebens». — Waren so diese Vor-
stellungen des MondenbewuBtseins keine Abbilder, sondern
nur Sinnbilder des AuBeren, so waren sie dafiir von einer
viel bedeutsameren Wirkung auf das Innere des Menschen-
wesens als die gegenwartigen durch Wahrnehmung vermit-
telten Vorstellungen des Menschen. Sic vermochten es, das
ganze Innere in Bewegung und Tatigkeit zu versetzen. Nach
ihnen gestalteten sich die inneren Vorgange. Sie waren echte
Bildungskrafte. Das Menschenwesen wurde so, wie diese
Bildungskrafte es gestalteten. Es wurde gewissermaBen ein
Abbild seiner BewuBtseinsvorgange.
Je weiter der Fortgang der Entwickelung in dieser Art
stattfindet, um so mehr hat er zur Folge, daB mit dem Men-
schenwesen eine tief einschneidende Veranderung vor sich
geht Die Macht, welche von den BewuBtseinsbildern aus-
geht, kann sich nach und nach nicht mehr iiber die ganze
menschliche Leiblichkeit erstrecken. Es teilt sich letztere in
zwei Teile, in zwei Naturen. Es bilden sich solche Glieder,
welche der gestaltenden Wirkung des BilderbewuBtseins
unterliegen und im hohen Grade ein Abbild des Vorstel-
lungslebens in dem eben dargestellten Sinne werden. An-
dere Organe aber entziehen sich solchem Einflusse. Der
Mensch ist in einem Teile seines Wesens gleichsam zu dicht,
zu sehr von anderen Gesetzen bestimmt, urn sich nach den
BewuBtseinsbildern zu richten. Diese entziehen sich dem
Einflusse des Menschenwesens; sie gelangen aber unter einen
andern, unter denjenigen der erhabenen Sonnenwesen selbst.
Doch sieht man dieser Stufe der Entwickelung erst eine
Ruhepause vorangehen. In dieser sammeln die Sonnengeister
die Kraft, um unter ganz neuen Umstanden auf die Wesen
des Mondes zu wirken. — Nach dieser Ruhepause ist das
Menschenwesen deutlich in zwei Naturen gespalten. Die
eine ist dem selbstandigen Wirken des BilderbewuBtseins
entzogen; sie nimmt eine bestimmtere Gestalt an und kommt
unter den EinfluB von Kraften, welche zwar von dem Mon-
denkorper ausgehen, aber in demselben erst durch den Ein-
fluB der Sonnenwesen entstehen. Dieser Teil des Menschen-
wesens lebt immer mehr das Leben mit, das durch die Sonne
angeregt ist. Der andere Teil erhebt sich wie eine Art Kopf aus
diesem ersteren. Er ist in sich beweglich, bildsam, und gestaltet
sich als Ausdruck und Trager des menschlichen dumpfen Be-
wuBtseinslebens. Doch sind die beiden Teile innig mitein-
ander verbunden; sie senden sich gegenseitig ihre Safte zu; es
erstrecken sich Glieder von dem einen hinein in den andern.
Eine bedeutungsvolle Harmonie wird nun dadurch er-
zielt, daB im Laufe der Zeit, in welcher dies alles geschehen
ist, sich auch ein solches Verhaltnis von Sonne und Mond
herausgebildet hat, das mit der Richtung dieser Entwicke-
lung zusammenstimmt — Es ist schon an einer friiheren
Stelle (vgl. S. 172) angedeutet worden, wie die fort-
schreitenden Wesen durch ihre Entwickelungsstufen sich
aus der allgemeinen Weltenmasse heraus ihre Himmelskor-
per absondern. Sie strahlen gleichsam die Krafte aus, nach
denen sich die Stoffe gliedern. Sonne und Mond haben sich
so voneinander abgegliedert, wie es notwendig war zur Her-
stellung der richtigen Wohnplatze entsprechender Wesen.
Diese Bestimmung des Stoffes und seiner Krafte durch den
Geist geht aber noch viel weiter. Die Wesen selbst bedingen
auch gewisse Bewegungen der Weltenkorper, bestimmte Um-
drehungen derselben umeinander. Dadurch kommen diese
Korper in veranderliche Stellungen zueinander. Und ver-
andert sich die Stellung, die Lage des einen Weltkorpers zu
dem andern, so verandern sich auch die Wirkungen ihrer
entsprechenden Wesen aufeinander. So ist es mit Sonne und
Mond geschehen. Durch die Bewegung des Monde s um die
Sonne, welche entstanden ist, geraten die Menschenwesen
abwechselnd einmal mehr in den Bereich der Sonnenwir-
kung; ein anderes Mai konnen sie sich von dieser abkehren
und sind dann mehr auf sich selbst angewiesen. Die Bewe-
gung ist eine Folge des oben geschilderten «Abfalles» ge-
wisser Mondenwesen und des Ausgleiches fur den Kampf,
welcher dadurch bewirkt worden ist. Sie ist nur der phy-
sische Ausdruck fur das durch den Abfall geschaffene gei-
stige Krafte verhaltnis. DaB der eine Korper sich um den
andern bewegt, hat zur Folge, daB in den die Weltenkorper be-
wohnenden Wesen solche wechselnde BewuBtseinszustande
eintreten, wie sie oben geschildert worden sind. Man kann
davon sprechen, daB der Mond abwechselnd sein Leben der
Sonne zukehrt und abkehrt Es gibt eine Sonnenzeit und
eine planetarische Zeit, in welch letzterer die Mondenwesen
sich auf einer Seite des Mondes entwickeln, welche von der
Sonne abgewendet ist. Allerdings kommt fur den Mond zu
der Bewegung der Himmelskorper noch etwas anderes hinzu.
Das zuriickblickende iibersinnliche BewuBtsein kann nam-
lich sehen, wie in ganz regelmaBigen Zeitraumen die Monden-
wesen selbst um ihren Weltkorper herumwandern. Sie suchen
so in gewissen Zeiten die Orte auf, an denen sie dem Sonnen-
einfluB sich hingeben konnen; in andern Epochen wandern
sie nach Orten, wo sie diesem EinfluB nicht unterliegen und
sich dann gleichsam auf sich selbst besinnen konnen.
Zur Vervollstandigung des Bildes, das von diesen Vor-
gangen zu zeichnen ist, hat man auch noch zu beachten, daB
in diesem Zeitraum die «S6hne des Lebens» ihre Menschen-
stufe erreichen. Der Mensch kann auch auf dem Monde seine
Sinne, deren Anlagen schon auf dem Saturn entstanden
sind, noch nicht zu einer eigenen Wahrnehmung auBerer
Gegenstande beniitzen. Aber diese Sinne werden auf der
Mondenstufe zu Instrumenten der «S6hne des Lebens».
Diese bedienen sich ihrer, um durch sie wahrzunehmen.
Diese Sinne, die zum physischen Menschenleib gehoren, tre-
ten dadurch in ein Wechselverhaltnis zu den «S6hnen des
Lebens». Diese bedienen sich nicht nur ihrer, sondern sie
vervollkommnen sie auch.
Nun tritt, wie bereits geschildert worden ist, durch die
wechselnden Beziehungen zur Sonne in dem Menschenwesen
selbst ein Wandel in den Lebensverhaltnissen ein. Die Dingc
gestalten sich so, daB jedesmal, wenn das Menschenwesen
dem SonneneinfluB unterliegt, es mehr dem Sonnenleben
und seinen Erscheinungen als sich selbst hingegeben ist Es
empfindet in solchen Zeiten die GroBe und Herrlichkeit
des Weltalls, wie diese im Sonnensein sich ausdriickt. Es
saugt diese gleichsam ein. Es wirken da eben die erhabenen
Wesen, die auf der Sonne ihren Wbhnplatz haben, auf den
Mond. Und dieser wirkt wieder auf das Menschenwesen.
Doch erstreckt sich diese Wirkung nicht auf den ganzen
Menschen, sondern vorzuglich auf jene Teile desselben, die
sich dem EinfluB der eigenen BewuBtseinsbilder entzogen
haben. Es gelangen da namendich der physische Leib und
der Lebensleib zu einer gewissen GroBe und Gestaltung. Es
treten dafiir aber die BewuBtseinserscheinungen zuriick.
Wenn nun das Menschenwesen in seinem Leben von der
Sonne abgewendet ist, dann ist es mit seiner eigenen Natur
beschaftigt. Es beginnt da eine innere Regsamkeit nament-
lich im Astralleibe. Dagegen wird die auBere Gestalt unan-
sehnlicher, weniger formvollendet — So gibt es wahrend der
Mondentwickelung die zwei charakterisierten, deudich zu
unterscheidenden, miteinander abwechselnden BewuBtseins-
zustande. Einen dumpferen wahrend der Sonnenzeit und
einen helleren wahrend der Epoche, in welcher das Leben
mehr auf sich selbst angewiesen ist. Der erste Zustand ist
zwar dumpfer, aber er ist dafiir auch selbsdoser; der Mensch
lebt da mehr in Hingabe an die AuBenWelt, an das in der
Sonne gespiegelte Weltall. Es ist ein Wechsel in den Be-
wuBtseinszustanden, der sich sowohl mit dem Wechsel von
Schlaf und Wachen beim gegenwartigen Menschen wie auch
mit dessen Leben zwischen Geburt und Tod einerseits und
dem mehr geistigen Dasein zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt anderseits vergleichen laBt. Das Aufwachen
auf dem Monde, wenn die Sonnenzeit allmahlich aufhort,
ware als ein Mittelding zwischen dem Aufwachen des ge-
genwartigen Menschen an jedem Morgen und seinem Ge-
borenwerden zu charakterisieren. Und ebenso gleicht das
allmahliche Dumpferwerden des BewuBtseins beim Heran-
nahen der Sonnenzeit einem Mittelzustand zwischen Ein-
schlafen und Sterben. Denn ein solches BewuBtsein von Ge-
burt und Tod, wie es dem gegenwartigen Menschen eigen
ist, gab es auf dem alten Monde noch nicht. In einer Art von
Sonnenleben gab sich der Mensch dem Genusse dieses Le-
bens hin. Er war fur diese Zeit dem Eigenleben entriickt.
Er lebte mehr geistig. Es kann nur eine annahernde und
vergleichsweise Schilderung dessen versucht werden, was der
Mensch in solchen Zeiten erlebte. Er fiihlte, wie wenn die
Wirkungskrafte des Weltalls in ihn einstromten, ihn durch-
pulsten. Wie trunken von den Harmonien des Universums,
die er mitlebte, fuhlte er sich da. Sein Astralleib war in sol-
chen Zeiten wie befreit von dem physischen Leibe. Und auch
ein Teil des Lebensleibes war mit herausgezogen aus dem
physischen Leib. Und dieses aus Astralleib und Lebensleib
bestehende Gebilde war wie ein femes, wunderbares Mu-
sikinstrument, auf dessen Saiten die Mysterien des Weltalls
erklangen. Und nach den Harmonien des Weltalls gestal-
teten sich die Glieder desjenigen Teiles des Menschenwesens,
auf den das BewuBtsein nur geringen EinfluB hatte. Denn
in diesen Harmonien wirkten die Wesen der Sonne. So
wurde dieser Menschenteil durch die geistigen Weltentone
in seine Form gebracht Und dabei war der Wechsel zwi-
schen dem helleren BewuBtseinszustand und diesem dump-
feren wahrend der Sonnenzeit kein so schroffer wie der-
jenige beim gegenwartigen Menschen zwischen dem Wachen
und dem ganz traumlosen Schlaf. Allerdings war ja das
BilderbewuBtsein nicht so hell wie das gegenwartige Wach-
bewuBtsein; dafiir war aber auch das andere BewuBtsein
nicht so dumpf wie der traumlose Schlaf der Gegenwart.
Und so hatte das Menschenwesen eine Art, wenn auch ge-
dampfter Vorstellung von dem Spielen der Weltenharmo-
nien in seinem physischen Leibe und demjenigen Teile des
Atherleibes, der mit dem physischen Leibe verbunden ge-
blieben war. In der Zeit, in welcher die Sonne flir das Men-
schenwesen gewissermaBen nicht schien, traten die Bilder-
vorstellungen an die Stelle der Harmonien im BewuBtsein.
Da lebten besonders diejenigen Glieder im physischen und
im Atherleibe auf, welche unter der unmittelbaren Macht
des BewuBtseins standen. Dagegen machten die anderen
Teile des Menschenwesens, auf die nunmehr ihre Bildungs-
krafte von der Sonne aus nicht wirkten, eine Art von Ver-
hartungs- und VertrocknungsprozeB durch. Und wenn dann
wieder die Sonnenzeit heranrlickte, dann verfielen die alten
Leiber; sie gliederten sich ab von dem Menschenwesen, und
es ging wie aus einem Grabe seiner alten Leiblichkeit der
im Innern neugestaltete, wenn auch in dieser Form noch
unansehnliche Mensch hervor. Es hatte eine Erneuerung des
Lebensprozesses stattgefunden. Durch die Wirkung der Son-
nenwesen und ihrer Harmonien gestaltete sich der neuge-
borene Leib dann wieder in seiner Vollkommenheit aus, und
der oben geschilderte Vorgang wiederholte sich. Und der
Mensch empfand diese Erneuerung wie das Anziehen eines
neuen Kleides. Sein Wesenskern war nicht durch eine eigent-
liche Geburt oder einen Tod durchgeschritten; er war nur
ubergegangen von einem geistigen TonbewuBtsein, in dem
er hingegeben war an die AuBenWelt, zu einem, in dem
er mehr dem Innern zugewendet war. Er hatte sich gehau-
tet. Der alte Leib war unbrauchbar geworden; er wurde ab-
geworfen und erneuert. Damit ist auch dasjenige genauer
gekennzeichnet, was oben als eine Art Fortpflanzung cha-
rakterisiert worden ist und von dem bemerkt wurde, daB
es dem Vorstellungsleben nahesteht. Das Menschenwesen hat
seinesgleichen in bezug auf gewisse Teile des physischen und
des Atherleibes hervorgebracht. Aber es entsteht kein vollig
von dem Elternwesen unterschiedenes Tochterwesen, son-
dern der Wesenskern des ersteren geht auf das letztere liber.
Der bringt nicht ein neues Wesen, sondern sich selbst in einer
neuen Gestalt hervor. So erlebt der Mondenmensch einen
BewuBtseinswechsel. Wenn die Sonnenzeit heranruckt, dann
werden seine Bildvorstellungen matter und matter, eine
selige Hingabe erfullt ihn; in seinem ruhigen Innern erklin-
gen die Weltenharmonien. Gegen das Ende dieser Zeit be-
leben sich die Bilder im astralischen Leibe; er beginnt mehr
sich zu fiihlen und zu empfinden. Der Mensch erlebt etwas
wie ein Aufwachen aus der Seligkeit und Ruhe, in welche
er wahrend der Sonnenzeit versunken war. Es tritt dabei
aber noch ein wichtiges Erlebnis auf. Mit dem neuen Erhel-
len der BewuBtseinsbilder sieht sich das Menschenwesen wie
eingehlillt in eine Wolke, die sich auf dasselbe wie eine We-
senheit aus dem Weltall herabgesenkt hat. Und es fiihlt diese
Wesenheit wie etwas zu ihm Gehoriges, wie eine Erganzung
seiner eigenen Natur. Es fiihlt sie wie dasjenige, was ihm
sein Dasein schenkt, wie sein «Ich». Es ist diese Wesenheit
einer der «S6hne des Lebens». Ihm gegenuber empfindet der
Mensch etwa so: «In diesem habe ich gelebt, auch wahrend
ich in der Sonnenzeit hingegeben war der Herrlichkeit des
Weltalls; damals war er mir nur nicht sichtbar; jetzt aber
wird er mir sichtbar. » Und es ist auch dieser «Sohn des Le-
bens», von dem die Kraft ausgeht zu jener Wirkung, die in
der sonnenlosen Zeit der Mensch auf seine eigene Leiblich-
keit ausiibt. Und dann, wenn wieder die Sonnenzeit heran-
naht, fiihlt der Mensch, wie wenn er selbst eins wiirde mit
dem «Sohne des Lebens». Sieht er ihn da auch nicht, so
fiihlt er sich doch innig mit ihm verbunden.
Die Beziehung zu den «S6hnen des Lebens» war nun eine
solche, daB nicht etwa jedes einzelne Menschenwesen fur
sich einen «Sohn des Lebens» hatte, sondern es empfand eine
ganze Gruppe von Menschen ein solches Wesen als zu ihr
gehorig. So lebten auf dem Monde die Menschen in solche
Gruppen gesondert, und eine jede Gruppe empfand in
einem «Sohne des Lebens» das gemeinsame «Gruppen-Ich».
Der Unterschied der Gruppen machte sich dadurch geltend,
daB namentlich die Atherleiber bei einer jeden Gruppe eine
besondere Gestalt hatten. Da aber die physischen Leiber sich
nach den Atherleibern gestalten, so pragten sich auch in den
ersteren die Unterschiede der letzteren aus und die einzelnen
Menschengruppen erschienen als ebenso viele Menschen-
arten. Blickten die «S6hne des Lebens» auf die zu ihnen ge-
horigen Menschengruppen herab, so sahen sie sich in den ein-
zelnen Menschenwesen gewissermaBen vervielfaltigt. Und
darin fuhlten sie ihre eigene Ichheit. Sie spiegelten sich gleich-
sam in den Menschen. Dies war auch die Aufgabe der mensch-
lichen Sinne in der damaligen Zeit. Es ist gezeigt worden,
daB diese noch keine Gegenstands-Wahrnehmungen ver-
mittelten. Aber sie spiegelten das Wesen der «S6hne des Le-
bens». Was durch diese Spiegelung diese «S6hne des Lebens»
wahrnahmen, das gab diesen ihr «Ich-BewuBtsein». Und
was durch die Spiegelung im menschlichen Astralleib erregt
wurde, das eben sind die Bilder des dumpfen, dammerhaften
MondenbewuBtseins. — Die Wirkung dieser im Wechselver-
haltnis mit den «S6hnen des Lebens» vollzogenen Betati-
gung des Menschen wirkte im physischen Leibe in der An-
lage des Nervensy stems. Die Nerven stellen sich gleichsam
dar wie Fortsetzungen der Sinne nach dem Innern des
menschlichen Leibes.
Es ist aus dem Dargestellten ersichtlich, wie die drei Arten
von Geistern, diejenigen der «Pers6nlichkeit», die «Feuer-
geister» und die «S6hne des Lebens», auf den Mondmenschen
wirken. Wenn man den Hauptzeitraum der Mondenent-
wickelung ins Auge faBt, die mittlere Entwickelungsepoche,
so kann gesagt werden: Die «Geister der Pers6nlichkeit»
pflanzen dem menschlichen Astralleibe die Selbstandigkeit,
den Personlichkeitscharakter ein. Dieser Tatsache ist es
zuzuschreiben, daB in den Zeiten, in denen dem Menschen
gleichsam die Sonne nicht scheint, er in sich gekehrt sein
kann, an sich selbst zu gestalten vermag. Die «Feuergeistep>
betatigen sich am Atherleibe, insofern dieser sich die selb-
standige Gestaltung des Menschenwesens einpragt. Durch
sie geschieht es, daB das Menschenwesen jedesmal nach
der Erneuerung des Leibes sich wieder als dasselbe fiihlt. Es
wird also durch die «Feuergeister» eine Art Erinnerung dem
Atherleibe gegeben. Die «S6hne des Lebens» wirken auf
den physischen Leib so, daB dieser der Ausdruck des selb-
standig gewordenen Astralleibes werden kann. Sie machen
es also moglich, daB dieser physische Leib ein physiognomi-
sches Abbild wird seines Astralleibes. Dagegen greifen in
den physischen Leib und den Atherleib, insofern diese in
den Sonnenzeiten sich unabhangig von dem selbstandigen
Astralleibe ausbilden, hohere geistige Wesenheiten ein,
namentlich die «Geister der Form» und diejenigen der Be-
wegung. Ihr Eingreifen geschieht in der oben geschilderten
Art von der Sonne aus.
Unter dem Einflusse solcher Tatsachen reift das Men-
schenwesen heran, urn allmahlich in sich den Keim zu dem
«Geistselbst» in ahnlicher Art auszubilden, wie es in der
zweiten Halfte der Saturnentwickelung den Geistesmen-
schenkeim und auf der Sonne den Keim des Lebensgeistes
ausgebildet hat. Dadurch verandern sich alle Verhaltnisse
auf dem Monde. Durch die aufeinanderfolgenden Verwand-
lungen und Erneuerungen sind die Menschenwesen immer
edler und feiner geworden; aber sie haben auch an Kraft
gewonnen. Das BilderbewuBtsein blieb dadurch auch immer
mehr in den Sonnenzeiten erhalten. Es erlangte dadurch auch
EinfluB auf die Gestaltung des physischen und des Ather-
leibes, die vorher ganz durch die Wirkung der Sonnenwesen
geschah. Das, was auf dem Monde durch die Menschen-
wesen und die mit ihnen verbundenen Geister geschah, wurde
immer ahnlicher dem, was friiher durch die Sonne mit ihren
hoheren Wesenheiten bewirkt worden ist Die Folge davon
war, daB diese Sonnenwesenheiten immer mehr zu ihrer
eigenen Entwicklung ihre Krafte anwenden konnten. Durch
dieses wurde der Mond reif, nach einiger Zeit wieder mit
der Sonne vereinigt zu werden. — Geistig angesehen stellen
sich diese Vorgange in der folgenden Art dar: Die «abge-
fallenen Monden wesen» sind allmahlich von den Sonnen-
wesen uberwunden worden und miissen sich nunmehr
diesen so fugen, daB ihre Verrichtungen sich den Verrich-
tungen der Sonnenwesen eingliedern, indem sie sich ihnen
unterordnen. — Dies geschah allerdings erst, nachdem lange
Epochen vorangegangen waren, in denen die Mondenzeiten
immer ktirzer und kiirzer, die Sonnenzeiten immer langer
und langer geworden waren. Es kommt nun wieder eine
Entwicklung, wahrend welcher Sonne und Mond ein Weltengebilde sind.
atherisch geworden. — Man soli sich aber nicht vorstellen,
wenn gesagt wird, der physische Leib sei atherisch gewor-
den, daB man fur solche Zustande nicht von einem physi-
schen Leib sprechen konne. Was als physischer Leib wahrend
Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit gebildet worden ist, bleibt
vorhanden. Es kommt dabei darauf an, das Physische nicht
nur da zu erkennen, wo es sich auBerlich physisch offenbart.
Das Physische kann auch so vorhanden sein, daB es nach
auBen die Form des Atherischen, ja auch diejenige des Astra-
lischen zeigt Man muB eben unterscheiden zwischen der
auBeren Erscheinung und der inneren GesetzmaBigkeit Ein
Physisches kann sich atherisieren und astralisieren, aber
dabei in sich die physische GesetzmaBigkeit behalten. So ist
es, wenn der physische Leib des Menschen auf dem Monde
einen gewissen Grad seiner Vollkommenheit erreicht hat. Er
wird atherfrmig. Wenn aber das tibersinnliche BewuBtsein,
das solches beobachten kann, sich auf einen solchen ather-
formigen Leib richtet, dann erscheint er ihm nicht mit den
Gesetzen des Atherischen, sondern mit denen des Physischen
durchdrungen. Es ist dann eben das Physische in das Athe-
rische aufgenommen, um darinnen wie in einem Mutter-
schoBe zu ruhen und darinnen gepflegt zu werden. Spater
tritt es dann wieder auch in physischer Form, aber auf einer
hoheren Stufe, hervor. Wenn die Menschenwesen des Mon-
des ihren physischen Leib in der grobphysischen Form be-
hielten, konnte sich der Mond niemals mit der Sonne ver-
einigen. Durch das Annehmen der atherischen Form wird
der physische Leib dem Atherleibe verwandter, und er kann
sich dadurch auch wieder inniger mit jenen Teilen des
atherischen und Astralleibes durchdringen, welche in den
Sonnenzeiten-Epochen der Mondentwickelung sich aus ihm
herausziehen muBten. Der Mensch, der wahrend der Tren-
nung von Sonne und Mond wie ein Doppelwesen erschien,
wird wieder ein einheitliches Geschopf. Das Physische wird
seelischer; dafiir auch das Seelische mehr mit dem Physi-
schen verbunden. — Auf dieses einheidiche Menschenwesen
konnen nunmehr die Sonnengeister, in deren unmittelbaren
Bereich es jetzt gekommen ist, ganz anders wirken als vor-
her von auBen nach dem Monde hin. Der Mensch ist jetzt
in einer mehr seelisch-geistigen Umgebung. Dadurch kon-
nen zu einer bedeutungsvollen Wirkung die «Geister der
Weisheit» kommen. Sie pragen ihm die Weisheit ein. Sie
beseelen ihn mit Weisheit. Er wird dadurch in gewissem
Sinne eine selbstandige Seele. Und zu dem Einflusse dieser
Wesenheiten tritt dann noch hinzu derjenige der «Geister
der Bewegung». Sie wirken vorzuglich auf den Astralleib,
so daB dieser eine seelenhafte Regsamkeit und einen weis-
heitserfullten Lebensleib unter dem Einflusse der genannten
Wesenheiten in sich herausarbeitet. Der weisheitserfullte
Atherleib ist die erste Anlage zu dem, was in einem fru-
heren Abschnitt beim gegenwartigen Menschen als Verstan-
desseele beschrieben worden ist, wahrend der von den «Gei-
stern der Bewegung» erregte Astralleib die Keimanlage der
Empfindungsseele ist Und weil dies alles in dem Menschen-
wesen bei seinem erhohten Selbstandigkeitszustande bewirkt
wird, so erscheinen diese Keimanlagen von Verstandes- und
Empfindungsseele als der Ausdruck des «Geistselbst». Man
soil sich demgegeniiber nicht dem Irrtume hingeben, daB in
dieser Periode der Entwicklung das «Geistselbst» noch etwas
besonderes sei neben der Verstandes- und Empfindungs-
seele. Die letzteren sind nur der Ausdruck des «Geistselbst»,
und dieses bedeutet deren hohere Einheit und Harmonie.
Von besonderer Bedeutung ist, daB die «Geister derWeis-
heit» in dieser Epoche in der geschilderten Art eingreifen.
Sie tun dies namlich nicht allein in bezug auf die Menschen-
wesen, sondern auch fur die andern Reiche, welche sich auf
dem Monde herausgebildet haben. Bei der Wiedervereini-
gung von Sonne und Mond werden diese niederen Reiche mit
in den Sonnenbereich hineingezogen. Alles, was an ihnen
physisch war, wird atherisiert Es finden sich also nun-
mehr Mineralpflanzen und Pflanzentiere in der Sonne, wie
sich das Menschenwesen darin befindet Doch bleiben diese
andern Wesen mit ihren GesetzmaBigkeiten ausgestattet Sie
fiihlen sich dadurch wie Fremdlinge in ihrer Umgebung. Sie
treten mit einer Natur auf, welche zu der ihrer Umgebung
nur wenig hinzustimmt. Da sie aber atherisiert sind, kann
auch auf sie sich die Wirkung der «Geister der Weisheit»
erstrecken. Es durchdringt sich eben jetzt alles, was vom
Monde her in die Sonne gekommen ist, mit den Kraften der
«Geister der Weisheit». Daher kann das, was innerhalb die-
ser Entwicklungszeit aus dem Sonnen-Mondgebilde wird,
«Kosmos der Weisheit» genannt werden. — Wenn dann nach
einer Ruhepause unser Erdensystem als Nachkomme dieses
«Kosmos der Weisheit» erscheint, so zeigen sich alle die auf
der Erde neu auflebenden, aus ihren Mondenkeimen ersprie-
Benden Wesen so, daB sie weisheitserfiillt sind. Da kommt
der Grund zum Vorschein, warum der Erdenmensch, wenn
er betrachtend die Dinge um sich herum anblickt, Weisheit
in der Natur ihres Wesens erforschen kann. Man kann be-
wundern die Weisheit in jedem Pflanzenblatte, in jedem
Tier- und Menschenknochen, in dem Wunderbau des Ge-
hirns und des Herzens. Wenn der Mensch Weisheit braucht,
urn die Dinge zu verstehen, also Weisheit aus ihnen heraus-
holt, so zeigt dies, daB Weisheit in den Dingen liegt Denn
ware der Mensch noch so sehr bemiiht, durch weisheitsvolle
Vorstellungen die Dinge zu verstehen: er konnte keine Weis-
heit aus ihnen holen, wenn sie nicht erst in sie hineingelegt
ware. Wer durch Weisheit Dinge ergreifen will, von denen
er glaubt, daB sie nicht erst die Weisheit empfangen haben,
der darf auch glauben, daB er Wasser aus einem Glase schop-
fen konne, in das nicht erst solches hineingegossen worden
ist. Die Erde ist, wie sich spater in dieser Schrift zeigen wird,
der wiedererstandene «alte Mond». Und sie erscheint als ein
weisheitsvolles Gebilde, weil in der geschilderten Epoche sie
von den «Geistern der Weisheit» mit deren Kraften durch-
setzt worden ist.
Es wird wohl begreiflich erscheinen, daB in dieser Schil-
derung der Mondenverhaltnisse nur gewisse vorubergehende
Formen der Entwickelung festgehalten werden konnten.
Man muBte gewissermaBen in dem Fortgange der Tatsachen
gewisse Dinge festhalten und fur die Darstellung heraus-
greifen. Diese Art der Schilderung gibt allerdings nur Ein-
zelbilder; und es kann daher wohl in dem Vorhergehenden
vermiBt werden, daB die Entwickelung nicht in ein Netz
festbestimmter Begriffe gebracht worden ist. Einem solchen
Einwurf gegenuber darf aber wohl vielleicht darauf auf-
merksam gemacht werden, daB ganz absichdich die Schilde-
rung in weniger scharfen Begriffen gegeben worden ist.
Denn es soil nicht so sehr darauf ankommen, hier speku-
lative Begriffe und Ideenkonstruktionen zu geben, sondern
vielmehr eine Vorstellung von dem, was sich dem auf diese
Tatsachen gerichteten iibersinnlichen Schauen wirklich vor
das geistige Auge stellen kann. Und das ist fur die Monden-
entwickelung gar nicht etwas in so scharfen und bestimm-
ten Umrissen, wie sie die Erdenwahrnehmimgen zeigen.
Man hat es bei der Mondenepoche gar sehr mit wandel-
baren, wechselnden Eindriicken, mit schwankenden, beweg-
lichen Bildern zu tun und mit deren Ubergangen. AuBerdem
ist ja zu berucksichtigen, daB eine Entwickelung durch lange,
lange Zeitraume in Betracht kommt und daB aus dieser her-
aus doch nur Augenblicksbilder in der Darstellung fest-
gehalten werden konnen.
In dem Zeitpunkte, wo der dem Menschenwesen einge-
pflanzte Astralleib dieses so weit in der Entwickelung vor-
warts gebracht hat, daB dessen physischer Leib den «S6hnen
des Lebens» die Moglichkeit gibt, ihre Menschheitsstufe zu
erreichen, ist der wesentliche Hohepunkt der Mondenepoche
erreicht Da ist auch das Menschenwesen zu all dem gekom-
men, was ihm fur sich selbst, fur seine Innerlichkeit diese
Epoche auf dem Wege nach vorwarts geben kann. Das Fol-
gende, also die zweite Halfte der Mondenentwickelung,
konnte man daher als ein Abfluten bezeichnen. Aber man
sieht, daB in bezug auf die Umgebung des Menschen und
auch fur diesen selbst dadurch ein Wichtigstes gerade in die-
ser Epoche geschieht. Es wird da dem Sonnen-Mondenkor-
per Weisheit eingepflanzt. Es hat sich gezeigt, daB wahrend
dieses Abflutens die Keime der Verstandes- und Empfin-
dungsseele gelegt werden. Doch wird erst in der Erdenzeit
die Entfaltung dieser und auch der BewuBtseinsseele und
damit die Geburt des «Ich», des freien SelbstbewuBtseins,
erfolgen. Es erscheinen auf der Mondenstufe Verstandes-
und Empfindungsseele noch gar nicht so, als ob sich das
Menschenwesen selbst schon durch sie auBerte, sondern als
ob sie Instrumente waren fur die zum Menschenwesen ge-
horigen «S6hne des Lebens». Wollte man das Gefiihl
charakterisieren, welches in dieser Richtung der Mensch auf
dem Monde hat, so muBte man sagen, er empfindet so: «In
mir und durch mich lebt der <Sohn des Lebens>; er schaut
durch mich die Mondenumgebung, er denkt in mir iiber die
Dinge und Wesen dieser Umgebung nach.» Uberschattet
fiihlt sich der Mondenmensch von dem «Sohne des Lebens»,
er kommt sich vor wie das Werkzeug dieses hoheren Wesens.
Und wahrend der Trennung von Sonne und Mond ftihlte er
beim Abwenden von der Sonne eine groBere Selbstandigkeit;
aber er empfand dabei auch so, wie wenn das zu ihm gehorige
«Ich», das in den Sonnenzeiten dem BilderbewuBtsein ent-
schwunden war, ihm dann sichtbar wiirde. Es war fur den
Mondenmenschen das, was man als Wechsel in den BewuBt-
seinszustanden charakterisieren kann, so, daB er dabei das
Gefiihl hatte: «Mein Ich entschwebt mit mir in der Sonnen-
zeit in hohere Regionen, zu erhabenen Wesen, und es steigt,
wenn die Sonne schwindet, mit mir in tiefere Welten herab.»
Der eigentlichen Mondenentwickelung ging eine Vor-
bereitung voran. Es fand eine Wiederholung der Saturn- und
Sonnenentwickelung in einer gewissen Art statt. Nun kann
man nach der Wiedervereinigung von Sonne und Mond
ebenso in der Zeit des Abflutens zwei Epochen voneinander
unterscheiden. Wahrend derselben treten sogar physische
Verdichtungen bis zu einem gewissen Grade ein. Es wechseln
also geistig-seelische Zustande des Sonnen-Mondengebildes
mit physischen ab. In solchen physischen Epochen erscheinen
die Menschenwesen und auch die Wesen der niederen Reiche
so, wie wenn sie in steifen, unselbstandigen Gestalten das vor-
bildeten, was sie spater, in der Erdenzeit, in selbstandigerer
Art werden sollen. Man kann also von zwei vorbereitenden
Epochen der Mondenentwickelung sprechen und von zwei
andern wahrend der Zeit des Abflutens. Es konnen solche
Epochen «Kreislaufe» genannt werden. In dem, was den
zwei vorbereitenden Epochen folgt und denen des Abflutens
vorangeht, also in der Zeit der Mondabspaltung, wird man
auch drei Epochen unterscheiden konnen. Die mittlere ist die
Zeit der Menschwerdung der «S6hne des Lebens». Ihr geht
eine solche voran, in der sich alle Verhaltnisse auf dieses
Hauptereignis hin zuspitzen; und es folgt eine andere, die
als ein Einleben und Ausgestalten in den neuen Schopfungen
zu bezeichnen ist. Damit trennt sich die mittlere Monden-
entwickelung wieder in drei Epochen, was mit den zwei
vorbereitenden und den zwei abflutenden sieben Monden-
Kreislaufe gibt. Es darf somit gesagt werden, daB die ganze
Mondenentwickelung in sieben Kreislaufen abflieBt. Zwi-
schen diesen Kreislaufen liegen Ruhepausen, die auch wie-
derholt in der obigen Darstellung besprochen worden sind.
Doch kommt man mit der Vorstellung der Wahrheit nur
dann nahe, wenn man sich keine schroffen Ubergange
denkt zwischen Tatigkeits- und Ruhepausen. Es ziehen
sich z. B. die Sonnenwesen nach und nach von ihrer
Wirksamkeit auf dem Monde zuriick. Fur sie beginnt eine
Zeit, die nach auBen als ihre Ruhepause erscheint, wahrend
auf dem Monde selbst noch rege selbstandige Tatigkeit
herrscht. So erstreckt sich die Tatigkeitsepoche der einen
Wesensart in die Ruhepause der andern vielfach hinein.
Wenn man solches in Rechnung zieht, dann kann man von
einem rhythmischen Steigen und Sinken der Krafte in Kreis-
laufen sprechen. Ja es sind ahnliche Abteilungen auch noch
innerhalb der sieben angedeuteten Mondenkreislaufe zu er-
kennen. Man kann dann die ganze Mondenentwickelung
einen groBen Kreislauf einen Planetenlauf nennen; dann die
sieben Abteilungen innerhalb eines solchen «kleine» Kreis-
laufe und die Glieder dieser wieder «kleinere» Kreislaufe.
Diese Gliederung in siebenmal sieben Abteilungen ist auch
schon bei der Sonnenentwickelung bemerkbar und auch
wahrend der Saturnepoche angedeutet. Doch muB man be-
rucksichtigen, daB die Grenzen zwischen den Abteilungen
schon bei der Sonne und noch mehr beim Saturn verwischt
sind. Diese Grenzen werden immer deutlicher, je weiter die
Entwickelung gegen die Erdenepoche zu fortschreitet.
Nach dem Abschlusse der im vorhergehenden skizzenhaft
geschilderten Mondenentwickelung treten alle dabei in Be-
tracht kommenden Wesenheiten und Krafte in eine geistigere
Daseinsform. Diese steht auf einer ganz anderen Stufe als
diejenige wahrend der Mondperiode und auch als diejenige
wahrend der folgenden Erdenentwickelung. Ein Wesen,
welches so hoch entwickelte Erkenntnisfahigkeiten hatte,
daB es alle Einzelheiten der Monden- und Erdenentwicke-
lung wahrnehmen konnte, brauchte deshalb noch nicht im-
stande zu sein, auch das zu schauen, was zwischen den bei-
den Entwicklungen geschieht. Fur ein solches Wesen wiirden
gewissermaBen am Ende der Mondenzeit die Wesen und
Krafte wie in ein Nichts entschwinden und nach Ablauf
einer Zwischenzeit wieder hervortreten aus dem Dammer-
dunkel des WeltenschoBes. Nur ein Wesen mit noch weit
hoheren Fahigkeiten konnte die geistigen Tatsachen ver-
folgen, welche sich in der Zwischenzeit ereignen.
Am Ende der Zwischenzeit treten die an den Entwicke-
lungsvorgangen auf Saturn, Sonne und Mond beteiligten
Wesenheiten mit neuen Fahigkeiten auf. Die tiber dem Men-
schen stehenden Wesen haben sich durch ihre vorhergehen-
den Taten die Fahigkeit errungen, den Menschen so weiter zu
entwickeln, daB er wahrend der auf die Mondenzeit folgen-
den Erdenzeit eine BewuBtseinsart in sich entfalten kann,
welche um eine Stufe hoher steht als das BilderbewuBtsein,
das ihm wahrend der Mondenzeit eigen war. Nun muB aber
der Mensch erst vorbereitet werden, zu empfangen, was ihm
gegeben werden soil. Er hat wahrend der Saturn-, Sonnen-
und Mondenentwickelung den physischen Leib, den Lebens-
leib, den Astralleib in sein Wesen eingegliedert. Aber diese
Glieder seines Wesens haben nur diejenigen Fahigkeiten und
Krafte erhalten, welche sie befahigen, fur ein BilderbewuBt-
sein zu leben; ihnen fehlen noch die Organe und die Gestalt,
durch welche sie eine Welt von sinnlich-auBeren Gegenstan-
den wahrnehmen konnen, wie das fur die Erdenstufe das
entsprechende ist. Wie die neue Pflanze nur das entfaltet,
was im Keime, der von der alten herruhrt, veranlagt ist, so
treten im Beginne der neuen Entwicklungs stufe die drei
Glieder der Menschennatur mit solchen Formen und Organen
auf, daB sie nur das BilderbewuBtsein entfalten konnen. Sic
miissen zum Entfalten einer hoheren BewuBtseinsstufe erst
vorbereitet werden. — Dies geschieht in drei Vorstufen. In-
nerhalb der ersten wird der physische Leib auf eine solche
Hohe gehoben, daB er in den Stand kommt, die notwendige
Umgestaltung anzunehmen, die einem GegenstandsbewuBt-
sein zugrunde liegen kann. Es ist dies eine Vorstufe der Er-
denentwickelung, die man als Wiederholung der Saturn-
periode auf einer hoheren Stufe bezeichnen kann. Denn es
wird von hoheren Wesenheiten wahrend dieser Periode wie
wahrend der Saturnzeit nur am physischen Leib gearbeitet.
1st der letztere mit seiner Entwickelung geniigend weit fort-
geschritten, so miissen alle Wesenheiten erst wieder in eine
hohere Daseinsform iibergehen, bevor auch der Lebensleib
fortschreiten kann. Der physische Leib muB gleichsam um-
gegossen werden, urn bei seiner Wiederentfaltung den hoher
gebildeten Lebensleib aufnehmen zu konnen. Nach dieser,
einer hoheren Daseinsform gewidmeten Zwischenzeit tritt
eine Art Wiederholung der Sonnenentwickelung auf hoher er
Stufe ein, zur Ausgestaltung des Lebensleibes. Und wieder
nach einer Zwischenzeit tritt ein Ahnliches fur den Astral-
leib in einer Wiederholung der Mondenentwickelung ein.
Das Augenmerk sei nun gerichtet auf die Entwickelungs-
tatsachen nach Beendigung der dritten der geschilderten
Wiederholungen. Alle Wesenheiten und Krafte haben sich
wieder vergeistigt. Sie sind wahrend dieser Vergeistigung in
hohe Welten aufgestiegen. Die niederste der Welten, in wel-
cher von ihnen wahrend dieser Vergeistigungsepoche noch
etwas wahrzunehmen ist, das ist dieselbe, in welcher der
gegenwartige Mensch zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt verweilt. Es sind die Regionen des Geisterlandes. Sie
steigen dann allmahlich wieder herab zu niederen Welten.
Sie sind, bevor die physische Erdenentwickelung beginnt, so
weit herabgestiegen, daB ihre niedersten Offenbarungen in
der astralen oder SeelenWelt zu schauen sind.
Alles, was vom Menschen in diesem Zeitraume vorhan-
den ist, hat noch seine astrale Form. Besondere Aufmerksam-
keit sollte man fur das Verstandnis dieses Menschheitszu-
standes darauf legen, daB der Mensch in sich hat physischen
Leib, Lebensleib und Astralleib, daB aber sowohl der phy-
sische wie auch der Lebensleib nicht in physischer und athe-
rischer, sondern eben in astralischer Form vorhanden sind.
Was da den physischen Leib zum physischen macht, ist nicht
die physische Form, sondern die Tatsache, daB er, obzwar
ihm die astralische Form eignet, doch die physischen Gesetze
in sich hat. Er ist ein Wesen mit physischer GesetzmaBigkeit
in seelischer Form. Ahnliches gilt fur den Lebensleib.
Vor dem geistigen Auge steht auf dieser Entwickelungs-
stufe die Erde zunachst als ein Weltenwesen, das ganz Seele
und Geist ist, in dem also auch die physischen und die
lebendigen Krafte noch seelisch erscheinen. In diesem Welt-
gebilde ist, der Anlage nach, alles enthalten, was sich spater
zu den Geschopfen der physischen Erde umwandeln soil. Es
ist leuchtend; sein Licht ist aber noch kein solches, das phy-
sische Augen wahrnehmen konnten, auch wenn sie da waren.
Es leuchtet nur in dem seelischen Lichte fur das geoffnete
Auge des Sehers.
Es geht nun in diesem Wesen etwas vor, was man als Ver-
dichtung bezeichnen kann. Das Ergebnis dieser Verdichtung
ist, daB nach einiger Zeit inmitten des Seelengebildes eine
Feuerform erscheint, wie eine solche der Saturn in seinem
dichtesten Zustande war. Diese Feuerform ist durchwoben
von den Wirkungen der verschiedenen Wesenheiten, welche
an der Entwickelung beteiligt sind. Es ist wie ein Auf- und
Untertauchen von der und in die Erden-Feuerkugel, was da
als Wechselwirkung zwischen diesen Wesenheiten und dem
Himmelskorper zu beobachten ist. Die Erden-Feuerkugel
ist daher nicht etwa eine gleichformige Substanz, sondern
etwas wie ein durchseelter und durchgeistigter Organismus.
Diejenigen Wesen, welche dazu bestimmt sind, auf der Erde
Menschen in gegenwartiger Gestalt zu werden, sind jetzt
noch in einer Lage, daB sie sich am wenigsten beteiligen an
dem Untertauchen in den Feuerkorper. Sie halten sich noch
fast ganz im unverdichteten Umkreise auf. Sie sind noch im
SchoBe der hoheren geistigen Wesen. Sie beruhren auf die-
ser Stufe nur mit einem Punkte ihrer Seelenform die Feuer-
erde; und das bewirkt, daB die Warme einen Teil ihrer
Astralform verdichtet. Dadurch wird in ihnen das Erden-
leben entziindet. Sie gehoren mit dem groBten Teile ihres
Wesens also noch den seelisch-geistigen Welten an; nur durch
die Beruhrung mit dem Erdenfeuer werden sie von Lebens-
warme umspielt. Wollte man sich ein sinnlich-ubersinnliches
Bild von diesen Menschen im Anbeginne der physischen Er-
denzeit machen, so muBte man sich eine seelische Eiform
denken, die im Erdenumkreis enthalten und an ihrer un-
teren Flache wie die Eichelfrucht von einem Becher umschlos-
sen wird. Nur besteht die Substanz des Bechers lediglich aus
Warme oder Feuer. Das Eingehulltwerden von Warme hat
nun nicht nur im Gefolge, daB im Menschen das Leben ent-
ziindet wird, sondern es tritt damit gleichzeitig eine Ver-
anderung im Astralleibe auf. Diesem gliedert sich die erste
Anlage zu dem ein, was spater zur Empfindungsseele wird.
Man kann deshalb sagen, daB der Mensch auf dieser Stufe
seines Daseins besteht aus der Empfindungsseele, dem
Astralleib, dem Lebensleib und dem aus Feuer gewobenen
physischen Leib. In dem Astralleibe wogen auf und ab die
geistigen Wesenheiten, welche am Dasein des Menschen
beteiligt sind; durch die Empfindungsseele fiihlt sich dieser
an den Erdkorper gebunden. Er hat also in dieser Zeit ein
vorwiegendes BilderbewuBtsein, in dem sich die geistigen
Wesen offenbaren, in deren SchoB er liegt; und nur wie ein
Punkt innerhalb dieses BewuBtseins tritt die Empfindung
des eigenen Leibes auf. Er sieht gleichsam aus der geistigen
Welt auf ein irdisches Besitztum hinunter, von dem er
fiihlt: «Das ist dir.» — Immer wieder schreitet nun die Ver-
dichtung der Erde vor; und damit wird die charakterisierte
Gliederung im Menschen immer deutlicher. Von einem be-
stimmten Zeitpunkte der Entwickelung an ist die Erde so
weit verdichtet, daB nur ein Teil noch feurig ist Ein an-
derer Teil hat eine substantielle Form angenommen, welche
man als «Gas» oder «Luft» ansprechen kann. Nun geht
auch mit dem Menschen eine Veranderung vor sich. Er
wird jetzt nicht nur von der Erdenwarme beruhrt, son-
dern es gliedert sich seinem Feuerleibe die Luftsubstanz ein.
Und wie die Warme in ihm das Leben entzlindet hat, so
erregt die ihn umspielende Luft in ihm eine Wirkung, die
man als (geistigen) Ton bezeichnen kann. Sein Lebensleib
erklingt. Gleichzeitig sondert sich aus dem Astralleibe ein
Teil aus, welcher die erste Anlage der spater auftretenden
Verstandesseele ist. — Um nun sich vor Augen zu riicken,
was in dieser Zeit in des Menschen Seele vorgeht, muB
man darauf achten, daB in dem Luft-Feuerkorper der Erde
die liber dem Menschen stehenden Wesen auf- und ab-
wogen. In der Feuererde sind es zunachst die «Geister der
Pers6nlichkeit», welche fur den Menschen bedeutsam sind.
Und indem der Mensch von der Erdenwarme zum Leben
erregt wird, sagt sich seine Empfindungsseele: Dies sind
die «Geister der Pers6nlichkeit». Ebenso kundigen sich in
dem Luftkorper diejenigen Wesen an, welche oben in die-
ser Schrift «Erzengel» (im Sinne der christlichen Esoterik)
genannt wurden. Ihre Wirkungen sind es, welche der Mensch
als Ton in sich verspurt, wenn die Luft ihn umspielt. Und
die Verstandesseele sagt sich dabei: «Dies sind die Erz-
engel.» So ist das, was der Mensch auf dieser Stufe durch
seine Verbindung mit der Erde wahrnimmt, noch nicht
eine Summe von physischen Gegenstanden, sondern er lebt
in Warmeempfindungen, welche zu ihm aufsteigen, und in
Tonen; aber er verspiirt in diesen Warmestromungen und
in diesem Tongewoge die «Geister der Pers6nlichkeit» und
die «Erzengel». Er kann diese Wesen allerdings nicht un-
mittelbar wahrnehmen, sondern nur wie durch den Schleier
der Warme und des Tones. Wahrend diese Wahrnehmungen
von der Erde her in seine Seele eindringen, steigen in dieser
noch immer die Bilder der hoheren Wesenheiten auf und
nieder, in deren SchoBe er sich fiihlt.
Nun schreitet die Entwicklung der Erde weiter. Das
Weiterschreiten driickt sich wieder in einer Verdichtung aus.
Es gliedert sich die wasserige Substanz dem Erdenkorper
ein, so daB dieser nun aus drei Gliedern, dem feurigen, dem
luftformigen und dem wasserigen besteht. Bevor dies ge-
schieht, spielt sich ein wichtiger Vorgang ab. Es spaltet sich
aus der Feuer-Luft-Erde ein selbstandiger Weltkorper ab, der
dann in seiner weiteren Entwicklung zur gegenwartigen
Sonne wird. Vorher waren Erde und Sonne ein Korper. Nach
der Abspaltung der Sonne hat zunachst die Erde noch alles
in sich, was in und auf dem gegenwartigen Monde ist. Die
Absonderung der Sonne geschieht, weil hohere Wesenheiten
zu ihrer eigenen Entwicklung und zu dem, was sie fur die
Erde zu tun haben, die bis zum Wasser verdichtete Materie
nicht mehr weiter ertragen konnen. Sie sondern sich aus der
gemeinsamen Erdenmasse die allein fur sie brauchbaren Sub-
stanzen heraus und ziehen sich aus derselben heraus, um sich
in der Sonne einen neuen Wohnplatz zu bilden. Sie wirkennun
von der Sonne aus von auBen auf die Erde. Der Mensch aber
bedarf zu seiner weiteren Entwickelung eines Schauplatzes,
auf dem sich die Substanz auch noch weiter verdichtet.
Mit der Eingliederung der wasserigen Substanz in den
Erdenkorper geht auch eine Verwandlung des Menschen ein-
her. Nunmehr stromt in ihn nicht nur das Feuer, und es um-
spielt ihn nicht nur die Luft, sondern es gliedert sich die
wasserige Substanz in seinen physischen Leib ein. Gleichzei-
tig verandert sich sein atherischer Teil; diesen nimmt nam-
lich der Mensch nunmehr wie einen feinen Lichtleib wahr.
Der Mensch hat vorher Warmestrome von der Erde zu sich
emporkommen gefuhlt, er hat Luft durch Tonen zu sich her-
andringend empfunden; jetzt durchdringt seinen Feuer-Luft-
Leib auch das wasserige Element, und er sieht dessen Ein-
und Ausstromen als Aufleuchten und Abdammern von Licht.
Aber auch in seiner Seele ist eine Veranderung eingetreten.
Es ist zu den Anlagen der Empfindungs- und Verstandes-
seele diejenige der BewuBtseinsseele getreten. In dem Ele-
mente des Wassers wirken die «Engel»; sie sind auch die
eigentlichen Lichterreger. Dem Menschen ist es, als ob sie
ihm im Lichte erschienen. — Gewisse hohere Wesenheiten, die
vorher in dem Erdenkorper selbst waren, wirken nunmehr
auf diesen von der Sonne aus. Dadurch andern sich alle Wir-
kungen auf der Erde. Der an die Erde gefesselte Mensch
konnte die Wirkungen der Sonnenwesen nicht mehr in sich
verspuren, wenn seine Seele fortwahrend der Erde zuge-
wandt ware, aus welcher sein physischer Leib genommen ist.
Es tritt nunmehr ein Wechsel in den menschlichen BewuBt-
seinszustanden auf. Die Sonnenwesen entreiBen die Seele
des Menschen zu gewissen Zeiten dem physischen Leibe, so
daB der Mensch jetzt abwechselnd im SchoBe der Sonnen-
wesen rein seelisch ist, und zu andern Zeiten in einem Zu-
Stande, wo er mit dem Leibe verbunden ist und die Einfliisse
der Erde empfangt. Ist er im physischen Leibe, dann stro-
men die Warmestromungen zu ihm auf. Es umtonen ihn die
Luftmassen; es dringen die Wasser aus ihm aus und in ihn
ein. Ist der Mensch auBerhalb seines Leibes, dann ist er in
seiner Seele durchwogt von den Bildern der hoheren Wesen,
in deren SchoBe er ist. — Die Erde durchlebt auf dieser Stufe
ihrer Entwickelung zwei Zeiten. In der einen darf sie mit
ihren Substanzen die Menschenseelen umspielen und sie mit
Leibern liberziehen; in der andern sind die Seelen von ihr
gewichen; nur die Leiber sind ihr geblieben. Sie ist mit den
Menschenwesen in einem schlafenden Zustande. Man kann
durchaus sachgemaB davon sprechen, daB in diesen Zeiten
urferner Vergangenheit die Erde eine Tages- und eine Nacht-
zeit durchmacht. (Physisch-raumlich driickt sich dieses da-
durch aus, daB durch die gegenseitige Wirkung der Sonnen-
und Erdenwesen die Erde in eine Bewegung im Verhaltnis
zur Sonne kommt; dadurch wird der Wechsel in der charak-
terisierten Nacht- und Tageszeit herbeigefiihrt. Die Tages-
zeit spielt sich ab, wenn die Erdenflache, auf welcher sich der
Mensch entwickelt, der Sonne zugekehrt ist; die Nachtzeit,
also die Zeit, in welcher der Mensch ein rein seelisches Da-
sein flihrt, dann, wenn diese Flache der Sonne abgekehrt ist
Man darf sich nun allerdings nicht denken, daB in jener Ur-
zeit die Bewegung der Erde um die Sonne schon der gegen-
wartigen ahnlich war. Es waren die Verhaltnisse noch ganz
anders. Es ist aber auch nutzlich, schon hier zu ahnen, daB
die Bewegungen der Himmelskorper als Folge der Bezie-
hungen entstehen, welche die sie bewohnenden geistigen We-
sen zueinander haben. Die Himmelskorper werden durch
geistig-seelische Ursachen in solche Lagen und Bewegungen
gebracht, daB im Physischen die geistigen Zustande sich aus-
leben konnen.)
Wendete man den Blick auf die Erde wahrend ihrer Nacht-
zeit, so wiirde man ihren Korper leichnamahnlich sehen.
Denn sie besteht ja zum groBen Teile aus den verfallenden
Leibern der Menschen, deren Seelen in einer andern Daseins-
form sich befinden. Es verfallen die gegliederten, wasserigen
und luftformigen Gebilde, aus denen die Menschenleiber ge-
bildet waren, und losen sich in der iibrigen Erdenmasse auf.
Nur derjenige Teil des Menschenleibes, welcher sich durch
das Zusammenwirken des Feuers und der Menschenseele
vom Beginne der Erdenentwickelung an gebildet hat und wel-
cher dann in der Folge immer dichter geworden ist, er bleibt
bestehen wie ein auBerlich unansehnlicher Keim. Man darf
also, was hier iiber Tag- und Nachtzeit gesagt ist, sich nicht
zu ahnlich denken dem, was fur die gegenwartige Erde mit
diesen Bezeichnungen gemeint ist. Wenn nun zur beginnen-
den Tageszeit die Erde wieder der unmittelbaren Sonnen-
einwirkung teilhaftig wird, dann dringen die Menschensee-
len in den Bereich des physischen Lebens. Sie beruhren sich
mit jenen Keimen und machen sie aufsprieBen, so daB diese
eine auBere Gestalt annehmen, welche wie ein Abbild des
menschlichen Seelenwesens erscheint Es ist etwas wie eine
zarte Befruchtung, was sich da abspielt zwischen Menschen-
seele und Leibeskeim. Nun beginnen diese also verkorper-
ten Seelen auch wieder die Luft- und Wassermassen heran-
zuziehen und sie ihrem Leibe einzugliedern. Von dem ge-
gliederten Leib wird die Luft ausgestoBen und eingesogen:
die erste Anlage zum spateren AtmungsprozeB. Auch wird
das Wasser aufgenommen und ausgestoBen: eine ursprung-
liche Art des Ernahrungsprozesses beginnt Diese Vorgange
werden aber noch nicht als auBerliche wahrgenommen. Eine
Art von auBerer Wahrnehmung findet durch die Seele nur
bei der charakterisierten Art von Befruchtung statt. Da
fiihlt die Seele dumpf ihr Erwachen zum physischen Dasein,
indem sie den Keim beriihrt, der ihr von der Erde entgegen-
gehalten wird. Sic vernimmt da etwas, was sich etwa in die
Worte bringen laBt: «Das ist meine Gestalt» Und ein sol-
ches Gefiihl, das man auch ein aufdammerndes Ich-Gefiihl
nennen diirfte, bleibt der Seele wahrend ihrer ganzen Ver-
bindung mit dem physischen Leibe. Den Vorgang der Luft-
aufnahme empfindet aber die Seele noch durchaus seelisch-
geistig, noch als einen bildhaften. Er erscheint in Form von
auf- und abwogenden Tonbildern, welche dem sich gliedern-
den Keim die Formen geben. Die Seele fiihlt sich iiberall von
Tonen umwogt, und sie empfindet, wie sie sich den Leib
nach diesen Tonkraften ausgestaltet. Es bildeten sich so Men-
schengestalten auf der damaligen Stufe aus, die fur ein ge-
genwartiges BewuBtsein in keiner AuBenWelt beobachtet
werden konnen. Wie feinsubstantielle pflanzen- und blu-
menartige Formen bilden sie sich aus, welche aber innerlich
beweglich sind und demnach wie flatternde Blumen erschei-
nen. Und das selige Gefiihl seines Gestaltens zu solchen For-
men durchlebt der Mensch wahrend seiner Erdenzeit. Die
Aufnahme der wasserigen Teile wird in der Seele als Kraft-
zufuhr, als innerliche Starkung empfunden. Nach auBen er-
scheint es als Wachsen des physischen Menschengebildes. Mit
dem Abnehmen der unmittelbaren Sonnenwirkung verliert
auch die Menschenseele die Kraft, diese Vorgange zu beherr-
schen. Sie werden nach und nach abgeworfen. Nur dieje-
nigen Teile bleiben, welche den oben charakterisierten Keim
reifen lassen. Der Mensch aber verlaBt seinen Leib und kehrt
in die geistige Daseinsform zuriick. (Da nicht alle Teile des
Erdenkorpers zum Aufbau von Menschenleibern verwendet
werden, so hat man sich auch nicht vorzustellen, daB in der
Nachtzeit der Erde diese einzig nur aus den verfallenden
Leichnamen und den auf Erweckung wartenden Keimen be-
steht Alles dieses ist eingelagert in andere Gebilde, die aus
den Substanzen der Erde sich formen. Wie es sich mit die-
sen verhalt, soil sich spater zeigen.)
Nun setzt sich aber der Vorgang der Verdichtung der Er-
densubstanz fort Zu dem wasserigen Elemente tritt das feste,
das man «erdig» nennen kann, hinzu. Und damit beginnt
auch der Mensch, wahrend seiner Erdenzeit seinem Leibe das
erdige Element einzugliedern. Sobald diese Eingliederung
beginnt, haben die Krafte, welche sich die Seele mitbringt
aus ihrer leibfreien Zeit, nicht mehr dieselbe Macht wie vor-
her. Friiher gestaltete sich die Seele den Leib aus dem feu-
rigen, dem luftigen und dem wasserigen Element nach MaB-
gabe der Tone, die sie umklangen, und der Lichtbilder, wel-
che sie umspielten. Gegenliber der verfestigten Gestalt kann
das die Seele nicht Es greifen nunmehr in die Gestaltung
andere Machte ein. In dem, was vom Menschen zuruckbleibt,
wenn die Seele aus dem Leibe weicht, stellt sich nunmehr
nicht nur ein Keim dar, welcher durch die wiederkehrende
Seele zum Leben entfacht wird, sondern ein Gebilde, wel-
ches auch die Kraft dieser Belebung selbst in sich enthalt. Die
Seele laBt bei ihrem Scheiden nicht bloB ihr Nachbild auf
der Erde zuriick, sondern sie versenkt auch einen Teil ihrer
belebenden Macht in dieses Abbild. Sie kann beim Wieder-
erscheinen auf der Erde nun nicht mehr allein das Abbild
zum Leben erwecken, sondern es muB im Abbild selbst die
Belebung geschehen. Die geistigen Wesen, welche von der
Sonne aus auf die Erde wirken, erhalten jetzt die belebende
Kraft in dem Menschenleibe, auch wenn der Mensch nicht
selbst auf der Erde ist. So fiihlt jetzt die Seele bei ihrer Ver-
korperung nicht nur die sie umwogenden Tone und Licht-
bilder, in denen sie die zunachst iiber ihr stehenden Wesen
empfindet, sondern sie erlebt durch das Empfangen des er-
digen Elementes den EinfluB jener noch hoheren Wesen, die
auf der Sonne ihren Schauplatz aufgeschlagen haben. Vor-
her empfand der Mensch sich den geistig-seelischen Wesen
angehorig, mit denen er vereint war, wenn er leibfrei war.
In ihrem SchoBe war noch sein «Ich». Nun trat ihm dieses
«Ich» ebenso wahrend der physischen Verkorperung entge-
gen, wie das andere, was um ihn war wahrend dieser Zeit.
Selbstandige Abbilder des seelisch-geistigen Menschenwesens
waren nunmehr auf der Erde. Es waren dies im Vergleiche
mit dem gegenwartigen Menschenleibe Gebilde von feiner
Stofflichkeit Denn die erdigen Teile mischten sich ihnen nur
in feinstem Zustande bei. Etwa so, wie der gegenwartige
Mensch die fein verteilten Substanzen eines Gegenstandes
mit seinem Geruchsorgan aufnimmt Wie Schatten waren
die Menschenleiber. Da sie aber auf die ganze Erde verteilt
waren, so gerieten sie unter die Einwirkungen der Erde, die
auf verschiedenen Teilen von deren Oberflache verschiede-
ner Art waren. Wahrend vorher die leiblichen Abbilder dem
sie belebenden Seelenmenschen entsprachen und deshalb we-
sentlich gleich waren tiber die ganze Erde hin, so trat jetzt
Verschiedenheit unter den Menschenformen auf. Damit be-
reitete sich das vor, was spater als Verschiedenheit der Ras-
sen auftrat. — Mit dem Selbstandigwerden des leiblichen Men-
schen war aber die vorherige enge Verbindung des Erden-
menschen und der geistig-seelischen Welt bis zu einem ge-
wissen Grade gelost Wenn nunmehr die Seele den Leib ver-
lieB, so lebte dieser etwas wie eine Fortsetzung des Lebens
weiter. — Ware nun die Entwickelung in dieser Art fortge-
schritten, so hatte die Erde unter dem EinfluB ihres festen
Elementes verharten miissen. Der auf diese Verhaltnisse zu-
riickblickenden ubersinnlichen Erkenntnis zeigt sich, wie sich
die Menschenleiber, da sie von ihren Seelen verlassen sind,
immer mehr verfestigen. Und nach einiger Zeit wiirden die
zur Erde zuriickkehrenden Menschenseelen kein brauchbares
Material gefimden haben, mit dem sie sich hatten vereinigen
konnen. Alle fur den Menschen brauchbaren Stoffe waren
verwendet worden, um die Erde anzufullen mit den ver-
holzten Uberresten von Verkorperungen.
Da trat ein Ereignis ein, welches der ganzen Entwicke-
lung eine andere Wendung gab. Alles, was im festen Erden-
stoffe zur bleibenden Verhartung beitragen konnte, wurde
ausgeschieden. Unser gegenwartiger Mond verlieB damals
die Erde. Und was vorher unmittelbar in der Erde zur blei-
benden Formbildung beigetragen hatte, das wirkte jetzt mit-
telbar in abgeschwachter Art vom Monde aus. Die hoheren
Wesen, von denen diese Formbildung abhangt, hatten be-
schlossen, ihre Wirkungen nicht mehr vom Innern der Erde,
sondern von auBen dieser zukommen zu lassen. Dadurch
trat in den leiblichen Menschengebilden eine Verschieden-
heit auf, welche man als den Anfang der Trennung in ein
mannliches und weibliches Geschlecht bezeichnen muB. Die
feinstofflichen Menschengestalten, die vorher die Erde be-
wohnten, lieBen durch das Zusammenwirken der beiden
Krafte in sich selber, des Keimes und der belebenden Kraft,
die neue Menschenform, ihren Nachkommling, hervorge-
hen. Jetzt bildeten sich diese Nachkommlinge um. In der
einen Gruppe solcher Nachkommlinge wirkte mehr die Keim-
kraft des Geistig-Seelischen, in der anderen Gruppe mehr
die belebende Keimkraft. Das wurde dadurch bewirkt, daB
mit dem Herausgang des Mondes von der Erde das Erden-
element seine Gewalt abgeschwacht hatte. Das Aufeinander-
wirken der beiden Krafte wurde nunmehr zarter, als es
war, da es in einem Leibe geschah. Demzufolge war auch der
Nachkommling zarter, feiner. Er betrat die Erde in einem
feinen Zustande und gliederte sich erst allmahlich die fe-
steren Teile ein. Damit war fur die auf die Erde zuriick-
kehrende Menschenseele wieder die Moglichkeit der Vereini-
gung mit dem Leibe gegeben. Sie belebte ihn jetzt zwar nicht
mehr von auBen, denn diese Belebung geschah auf der Erde
selbst. Aber sie vereinigte sich mit ihm und brachte ihn zum
Wachsen. Diesem Wachstum war allerdings eine gewisse
Grenze gesetzt. Durch die Mondenabtrennung war fur eine
Weile der Menschenleib biegsam geworden; aber je mehr er
auf der Erde weiter wuchs, desto mehr nahmen die ver-
festigenden Krafte uberhand. Zuletzt konnte sich die Seele
nur immer schwacher und schwacher an der Gliederung des
Leibes beteiligen. Dieser verfiel, indem die Seele zu geistig-
seelischen Daseinsweisen aufstieg.
Man kann verfolgen, wie die Krafte, welche sich der
Mensch nach und nach wahrend der Saturn-, Sonnen- und
Mondenentwickelung angeeignet hat, allmahlich wahrend
der beschriebenen Erdengestaltung sich an dem Menschen-
fortschreiten beteiligen. Erst ist es der Astralleib, der auch
den Lebensleib und den physischen Leib noch in sich auf-
gelost enthalt, welcher von dem Erdenfeuer entztindet wird.
Dann gliedert sich dieser Astralleib in einen feineren astra-
lischen Teil, die Empfindungsseele, und in einen groberen,
atherischen, welcher nunmehr von dem Erdenelement be-
riihrt wird. Es kommt damit der schon vorgebildete Ather-
oder Lebensleib zum Vorschein. Und wahrend im astrali-
schen Menschen sich die Verstandes- und BewuBtseinsseele
ausbilden, gliedern sich im Atherleibe die groberen Teile ab,
welche fur Ton und Licht empfanglich sind. In dem Zeit-
punkte, wo der Atherleib sich noch mehr verdichtet, so daB
er von einem Lichdeib zu einem Feuer- oder Warmeleib
wird, da ist auch die Entwickelungsstufe eingetreten, in wel-
cher, wie oben charakterisiert, die Teile des festen Erden-
elementes sich dem Menschen eingliedern. Weil der Ather-
leib sich bis zum Feuer herab verdichtet hat, so kann er nun
auch durch die Krafte des physischen Leibes, welche ihm vor-
her eingepflanzt sind, sich mit den bis zum Feuerzustande
verdunnten Substanzen der physischen Erde verbinden. Er
konnte aber nicht mehr allein auch die Luftsubstanzen in
den mittlerweile fester gewordenen Leib einfuhren. Da tre-
ten, wie oben angedeutet, die hoheren Wesen, die auf der
Sonne wohnen, ein und hauchen ihm die Luft ein. Wahrend
so der Mensch vermoge seiner Vergangenheit selbst die Kraft
hat, sich mit dem irdischen Feuer zu durchdringen, lenken
hohere Wesen den Luftodem in seinen Leib. Vor der Ver-
festigung war des Menschen Lebensleib als Tonempfanger der
Lenker der Luftstromung. Er durchdrang seinen physischen
Leib mit dem Leben. Jetzt empfangt sein physischer Leib
ein auBeres Leben. Die Folge davon ist, daB dieses Leben
unabhangig wird von dem Seelenteile des Menschen. Dieser
laBt nun beim Verlassen der Erde nicht nur seinen Form-
keim zuriick, sondern ein lebendiges Abbild seiner selbst.
Die «Geister der Form» bleiben nun mit diesem Abbild ver-
einigt; sie fuhren das von ihnen verliehene Leben auch auf
die Nachkommlinge tiber, wenn die Menschenseele aus dem
Leibe gewichen ist. So bildet sich das heraus, was Vererbung
genannt werden kann. Und wenn die Menschenseele dann
wieder auf der Erde erscheint, dann empfindet sie sich in
einem Leibe, dessen Leben aus den Vorfahren heruberge-
leitet worden ist Sie ftihlt sich gerade zu einem solchen Leibe
besonders hingezogen. Es bildet sich dadurch etwas aus wie
eine Erinnerung an den Vorfahren, mit dem sich die Seele
eins ftihlt Durch die Folge der Nachkommen geht diese Er-
innerung wie ein gemeinsames BewuBtsein. Das «Ich» stromt
herunter durch die Generationen.
Der Mensch empfand sich auf dieser Entwicklungsstufe
wahrend seiner Erdenzeit als ein selbstandiges Wesen. Er
fiihlte das innere Feuer seines Lebensleibes verbunden mit
dem auBeren Feuer der Erde. Er konnte die ihn durchstro-
mende Warme als sein «Ich» fiihlen. In diesen Warmestro-
mungen, die von Leben durchwoben sind, ist die Anlage der
Blutzirkulation zu finden. In dem aber, was als Luft in ihn
hineinstromte, fiihlte der Mensch nicht ganz sein eigenes
Wesen. In dieser Luft waren ja die Krafte der charakteri-
sierten hoheren Wesen tatig. Aber es war ihm doch derjenige
Teil der Wirkenskrafte innerhalb der ihn durchstromenden
Luft geblieben, welcher ihm schon durch seine frtiher gebil-
deten Atherkrafte eigen war. Er war Herrscher in einem
Teil dieser Luftstromungen. Und insofern wirkten in seiner
Gestaltung nicht nur die hoheren Wesen, sondern auch er
selbst. Nach den Bildern seines Astralleibes gestaltete er in
sich die Luftteile. Wahrend so von auBen Luft einstromte
in seinen Leib, was zur Grundlage seiner Atmung wurde,
gliederte sich ein Teil der Luft im Innern zu einem dem
Menschen eingepragten Organismus, welcher die Grundlage
wurde des spateren Nervensystems. Durch Warme und Luft
stand also der Mensch damals in Verbindung mit der Au-
BenWelt der Erde. — Dagegen empfand er nichts von der
Einfiihrung des festen Elementes der Erde; dieses wirkte
mit bei seiner Verkorperung auf der Erde, aber er konnte
die Zufiihrung nicht immittelbar wahrnehmen, sondern nur
in einem dumpfen BewuBtsein im Bilde der hoheren Wesen-
heiten, welche darin wirksam waren. In solcher Bildform
als Ausdruck von Wesen, die iiber ihm stehen, hatte der
Mensch auch friiher die Zufiihrung der fliissigen Erdenele-
mente wahrgenommen. Durch die Verdichtung der Erden-
gestalt des Menschen haben nun diese Bilder in seinem Be-
wuBtsein eine Veranderung erfahren. Dem fliissigen Ele-
mente ist das feste beigemischt. So muB also auch diese Zu-
fiihrung als von den hoheren, von auBen wirkenden Wesen
empfunden werden. Der Mensch kann in seiner Seele nicht
mehr die Kraft haben, selbst die Zufiihrung zu lenken, denn
dieselbe muB jetzt seinem von auBen aufgebauten Leibe
dienen. Er wurde dessen Gestalt verderben, wenn er die
Zufiihrung selbst lenken wollte. So erscheint ihm denn
dasjenige, was er sich von auBen zufuhrt, durch die Macht-
gebote gelenkt, welche ausgehen von den hoheren Wesen, die
an seiner Leibesgestaltung wirken. Der Mensch flihlt sich
als ein Ich; er hat in sich seine Verstandesseele als einen Teil
seines Astralleibes, durch die er innerlich als Bilder erlebt,
was auBen vorgeht, und durch die er sein feines Nerven-
system durchdringt. Er fiihlt sich als Abkommling von Vor-
fahren vermoge des durch die Generationen stromenden
Lebens. Er atmet und empfindet das als Wirkung der ge-
kennzeichneten hoheren Wesen, welche die «Geister der
Form» sind. Und er fugt sich diesen auch in dem, was ihm
durch ihre Impulse von auBen (zu seiner Nahrung) zuge-
fiihrt wird. Am dunkelsten ist ihm seine Herkimft als
Individuum. Er fiihlt davon nur, daB er von den in Er-
denkraften sich ausdriickenden «Geistern der Form» einen
EinfluB erlebt hat Der Mensch war gelenkt und geleitet in
seinem Verhaltnis zur AuBenWelt Zum Ausdruck kommt
dies dadurch, daB er von den hinter seiner physischen Welt
sich abspielenden geistig-seelischen Tatigkeiten ein BewuBt-
sein hat. Er nimmt zwar nicht die geistigen Wesen in deren
eigener Gestalt wahr, aber er erlebt in seiner Seele Tone,
Farben usw. Und er weiB, daB in dieser Vorstellungsweit
die Taten der geistigen Wesen leben. Es ertont zu ihm, was
diese Wesen ihm mitteilen; es erscheinen ihm deren Offen-
barungen in Lichtbildern. Am innerlichsten fiihlt sich der
Erdenmensch durch die Vorstellungen, welche er durch das
Element des Feuers oder der Warme empfangt. Er unter-
scheidet bereits seine innere Warme und die Warmestro-
mungen des irdischen Umkreises. In den letzteren offenbaren
sich die «Geister der Pers6nlichkeit». Aber der Mensch hat
nur ein dunkles BewuBtsein von dem, was hinter den Stro-
mungen der auBeren Warme steht. Er empfindet gerade in
diesen Stromungen den EinfluB der «Geister der Form».
Wenn machtige Warmewirkungen in der Umgebung des
Menschen auftauchen, dann fiihlt die Seele: jetzt durchglu-
hen die geistigen Wesen den Umkreis der Erde, von denen
ein Funke sich losgelost hat und mein Inneres durchwarmt —
In den Lichtwirkungen unterscheidet der Mensch noch
nicht ganz in derselben Art AuBeres und Inneres. Wenn
Lichtbilder in der Umgebung auftauchen, dann erzeugen
diese in der Seele des Erdenmenschen nicht immer das gleiche
Gefiihl. Es gab Zeiten, in welchen der Mensch diese Licht-
bilder als auBere empfand. Es war in der Zeit, nachdem er
eben aus dem leibfreien Zustande in die Verkorperung her-
abgestiegen war. Es war die Periode seines Wachstums auf
der Erde. Wenn dann die Zeit heranrtickte, wo der Keim
zum neuen Erdenmenschen sich bildete, dann verblaBten
diese Bilder. Und der Mensch behielt nur etwas wie innere
Erinnerungsvorstellimgen an sie zuriick In diesen Lichtbil-
dern waren die Taten der «Feuergeister» (Erzengel) ent-
halten. Sie erschienen dem Menschen wie die Diener der
Warmewesen, welche einen Funken in sein Inneres senkten.
Wenn ihre auBeren Offenbarungen verloschten, dann erlebte
sie der Mensch als Vorstellimgen (Erinnerungen) in seinem
Innern. Er fiihlte sich mit ihren Kraften verbunden. Und
das war er auch. Denn er konnte durch dasjenige, was er
von ihnen empfangen hatte, auf den umgebenden Luftkreis
wirken. Dieser begann unter seinem EinfluB zu leuchten. Es
war damals eine Zeit, in welcher Naturkrafte und Menschen-
krafte noch nicht in der Art voneinander geschieden waren
wie spater. Was auf der Erde geschah, ging in hohem MaBe
noch von den Kraften der Menschen aus. Wer damals von
auBerhalb der Erde die Naturvorgange auf derselben beob-
achtet hatte, der hatte in diesen nicht nur etwas gesehen, was
von dem Menschen unabhangig ist, sondern er hatte in ih-
nen die Wirkungen der Menschen wahrgenommen. Noch an-
ders gestalteten sich fur den Erdenmenschen die Tonwahr-
nehmungen. Sie wurden als auBere Tone vom Beginn des
Erdenlebens an wahrgenommen. Wahrend die Lichtbilder
von auBen bis in die mittlere Zeit des menschlichen Erden-
daseins wahrgenommen wurden, konnten die auBeren Tone
noch nach dieser Mittelzeit gehort werden. Erst gegen Ende
des Lebens wurde der Erdenmensch fur sie unempfindlich.
Und es blieben ihm die Erinnerungsvorstellungen an diese
Tone. In ihnen waren die Offenbarungen der «S6hne des
Lebens» (der Engel) enthalten. Wenn der Mensch gegen sein
Lebensende sich innerlich mit diesen Kraften verbunden
fiihlte, dann konnte er durch Nachahmung derselben mach-
tige Wirkungen in dem Wasserelemente der Erde hervor-
bringen. Es wogten die Wasser in und iiber der Erde unter
seinem EinfluB. Geschmacksvorstellungen hatte der Mensch
nur im ersten Viertel seines Erdenlebens. Und auch da er-
schienen sie der Seele wie eine Erinnerung an die Erlebnisse
im leibfreien Zustand. Solange sie der Mensch hatte, dauerte
die Verfestigung seines Leibes durch Aufnahme auBerer Sub-
stanzen. Im zweiten Viertel des Erdenlebens dauerte wohl
noch das Wachstum fort, doch war die Gestalt schon eine
fertig ausgebildete. Andere lebendige Wesen neben sich
konnte der Mensch in dieser Zeit nur durch deren Warme,
Licht und Tonwirkungen wahrnehmen. Denn er war noch
nicht fahig, das feste Element sich vorzustellen. Nur vom
Wasserigen bekam er im ersten Viertel seines Lebens die
geschilderten Geschmackswirkungen.
Ein Abbild dieses inneren Seelenzustandes des Menschen
war dessen auBere Korperform. Diejenigen Teile, welche
die Anlage zur spateren Kopfform enthielten, waren am
vollkommensten ausgebildet Die andern Organe erschienen
nur wie Anhangsel. Diese waren schattenhaft und undeut-
lich. Doch waren die Erdenmenschen verschieden in bezug
auf die Gestalt. Es gab solche, bei denen je nach den Erden-
verhaltnissen, unter denen sie lebten, die Anhangsel mehr
oder weniger ausgebildet waren. Es war dies nach den
Wohnplatzen der Menschen auf der Erde verschieden. Wo
die Menschen mehr in die ErdenWelt verstrickt wurden, da
traten die Anhangsel mehr in den Vordergrund. Diejenigen
Menschen, welche beim Beginn der physischen Erdenent-
wickelung durch ihre vorangehende Entwickelung am reif-
sten waren, so daB sie gleich im Anfange, als die Erde noch
nicht zur Luft verdichtet war, die Beriihrung mit dem Feuer-
element erlebten, konnten jetzt die Kopfanlagen am voll-
kommensten ausbilden. Das waren die in sich am meisten
harmonischen Menschen. Andere waren erst zur Beriihrung
mit dem Feuerelement bereit, als die Erde schon die Luft in
sich ausgebildet hatte. Es waren dies Menschen, welche mehr
von den auBeren Verhaltnissen abhangig waren als die er-
sten. Diese ersten empfanden durch die Warme die «Geister
der Form» deutlich, und sie fuhlten sich in ihrem Erden-
leben so, wie wenn sie eine Erinnerung daran bewahrten,
daB sie mit diesen Geistern zusammengehoren und mit ihnen
verbunden waren im leibfreien Zustand. Die zweite Art von
Menschen fiihlte die Erinnerung an den leibfreien Zustand
nur in geringerem MaBe; sie empfanden ihre Zusammen-
gehorigkeit mit der geistigen Welt vorzuglich durch die
Lichtwirkungen der «Feuergeistep> (Erzengel). Eine dritte
Art von Menschen war noch mehr in das Erdendasein ver-
strickt. Es waren diejenigen, welche erst von dem Feuer-
element beruhrt werden konnten, als die Erde von der Sonne
getrennt war und das wasserige Element in sich aufgenom-
men hatte. Ihr Gefiihl fur Zusammengehorigkeit mit der
geistigen Welt war insbesondere im Beginn des Erdenlebens
gering. Erst als die Wirkungen der Erzengel und namentlich
der Engel im inneren Vorstellungsleben sich geltend mach-
ten, empfanden sie diesen Zusammenhang. Dagegen waren
sie im Beginne der Erdenzeit voll reger Impulse fur Taten,
welche sich in den irdischen Verhaltnissen selbst verrichten
lassen. Bei ihnen waren die Anhangsorgane besonders stark
entwickelt.
Als vor der Trennung des Monde s von der Erde die Mon-
denkrafte in der letzteren immer mehr zur Verfestigung
fiihrten, geschah es, daB durch diese Krafte unter den Nach-
kommlingen der von den Menschen auf der Erde zuriick-
gelassenen Keime solche waren, in denen sich die aus dem
leibfreien Zustande zuriickkehrenden Menschenseelen nicht
mehr verkorpern konnten. Die Gestalt solcher Nachkomm-
linge war zu verfestigt und durch die Mondenkrafte zu un-
ahnlich einer Menschengestalt geworden, urn eine solche
aufhehmen zu konnen. Es fanden daher gewisse Menschen-
seelen unter solchen Verhaltnissen nicht mehr die Moglich-
keit, zur Erde zuruckzukehren. Nur die reifsten, die stark-
sten der Seelen konnten sich gewachsen fiihlen, wahrend des
Wachstums des Erdenleibes diesen so umzuformen, daB er
zur Menschengestalt erbliihte. Nur ein Teil der leiblichen
Menschennachkommlinge wurde zu Tragern irdischer Men-
schen. Ein anderer Teil konnte wegen der verfestigten Ge-
stalt nur Seelen aufnehmen, welche niedriger standen als
diejenigen der Menschen. Von den Menschenseelen wurde
aber ein Teil gezwungen, die damalige Erdenentwickelung
nicht mitzumachen. Dadurch wurden sie zu einer andern
Art des Lebenslaufes gebracht. Es gab Seelen, welche schon
bei der Trennung der Sonne von der Erde keinen Platz auf
dieser fanden. Sie wurden fur ihre weitere Entwickelung auf
einen Planeten entrlickt, der sich unter Fuhrung kosmischer
Wesenheiten losloste aus der allgemeinen Weltensubstanz,
welche beim Beginne der physischen Erdenentwickelung mit
dieser verbunden war und aus welcher sich auch die Sonne
herausgesondert hatte. Dieser Planet ist derjenige, dessen
physischen Ausdruck die auBere Wissenschaft als «Jupitep>
kennt. (Es wird hier genau in dem Sinne von Himmelskor-
pern, Planeten und deren Namen gesprochen, wie es eine
altere Wissenschaft noch getan hat Wie die Dinge gemeint
sind, geht aus dem Zusammenhange hervor. Wie die physi-
sche Erde nur der physische Ausdruck eines geistig-seelischen
Organismus ist, so ist das auch fur jeden anderen Himmels-
korper der Fall. Und so wenig der Beobachter des Uber-
sinnlichen mit dem Namen «Erde» bloB den physischen
Planeten, mit «Sonne» bloB den physischen Fixstern be-
zeichnet, so meint er auch weite geistige Zusammenhange,
wenn er von «Jupiter», «Mars» usw. redet. Die Himmels-
korper haben naturgemaB die Gestalt und Aufgabe wesent-
lich verandert seit jenen Zeiten, von denen hier gesprochen
wird — in gewisser Beziehung sogar ihren Ort im Himmels-
raume. Nur wer mit dem Blick der ubersinnlichen Erkennt-
nis die Entwickelung dieser Himmelskorper zurlickverfolgt
bis in urferne Vergangenheiten, vermag den Zusammenhang
der gegenwartigen Planeten mit ihren Vorfahren zu er-
kennen.) Auf dem «Jupiter» entwickelten sich die charak-
terisierten Seelen zunachst weiter. Und spater, als sich die
Erde immer mehr dem Festen zuneigte, da muBte noch ein
anderer Wohnplatz fur Seelen geschaffen werden, die zwar
die Moglichkeit hatten, eine Zeitlang die verfestigten Korper
zu bewohnen, dann aber dies nicht mehr konnten, als diese
Verfestigung zu weit fortgeschritten war. Fur sie entstand
im «Mars» ein entsprechender Platz zu ihrer weiteren Ent-
wickelung. Schon als noch die Erde mit der Sonne verbun-
den war und ihre luftigen Elemente sich eingliederte, da
stellte es sich heraus, daB die Seelen sich ungeeignet erwiesen,
um die Erdenentwickelung mitzumachen. Sie wurden durch
die irdische Korpergestalt zu stark beriihrt. Deshalb muBten
sie schon damals dem unmittelbaren Einflusse der Sonnen-
krafte entzogen werden. Diese muBten von auBen auf sie
wirken. Diesen Seelen wurde auf dem «Saturn» ein Platz
der Weiterentwickelimg. So nahm im Verlaufe der Erden-
entwickelung die Zahl der Menschengestalten ab; es traten
Gestalten auf, welche nicht Menschenseelen verkorpert hat-
ten. Sie konnten nur Astralleiber in sich aufnehmen, wie die
physischen Leiber und die Lebensleiber des Menschen auf
dem alten Monde sie aufgenommen hatten. Wahrend die
Erde in bezug auf ihre menschlichen Bewohner verodete,
besiedelten diese Wesen sie. Es hatten endlich alle Menschen-
seelen die Erde verlassen miissen, wenn nicht durch die Los-
losung des Monde s fur die Menschengestalten, die damals
noch menschlich beseelt werden konnten, die Moglichkeit
geschaffen worden ware, wahrend ihres Erdenlebens den
Menschenkeim den unmittelbar von der Erde kommenden
Mondenkraften zu entziehen und ihn in sich so weit reifen
zu lassen, bis er diesen Kraften uberliefert werden konnte.
Solange dann der Keim im Innern des Menschen sich ge-
staltete, war er unter der Wirkung der Wesen, die unter der
Fuhrung ihres machtigsten Genossen den Mond aus der
Erde gelost hatten, um deren Entwicklung iiber einen kri-
tischen Punkt hinuberzugeleiten.
Als die Erde das Luftelement in sich ausgebildet hatte,
gab es im Sinne der obigen Schilderung solche Astralwesen
als Uberbleibsel vom alten Monde, welche weiter in der
Entwickelung zuruckgeblieben waren als die niedersten
Menschenseelen. Sie wurden die Seelen derjenigen Gestalten,
welche noch vor der Sonnentrennung vom Menschen ver-
lassen werden muBten. Diese Wesen sind die Vorfahren des
Tierreiches. Sie entwickelten im fernem Zeitenlauf beson-
ders jene Organe, welche beim Menschen nur als Anhangsel
vorhanden waren. Ihr Astralleib muBte auf den physischen
und den Lebensleib so wirken, wie das beim Menschen auf
dem alten Monde der Fall war. Die so entstandenen Tiere
hatten nun Seelen, welche nicht in dem einzelnen Tiere woh-
nen konnten. Es dehnte die Seele ihr Wesen auch auf den
Nachkommling der Vorfahrengestalt aus. Es haben die im
wesendichen von einer Gestalt abstammenden Tiere zusam-
men eine Seele. Nur wenn der Nachkomme sich durch be-
sondere Einflusse von der Gestalt der Vorfahren entfernt,
tritt eine neue Tierseele in Verkorperung. Man kann in die-
sem Sinne bei den Tieren in der Geisteswissenschaft von
einer Art- (oder Gattungs-) oder auch Gruppenseele reden.
Etwas Ahnliches ging vor zur Zeit der Trennung von
Sonne und Erde. Aus dem wasserigen Elemente heraus traten
Gestalten, welche in ihrer Entwicklung nicht weiter waren
als der Mensch vor der Entwicklung auf dem alten Monde.
Sie konnten von einem Astralischen nur eine Wirkung emp-
fangen, wenn dieses von auBen sie beeinfluBte. Das konnte
erst nach dem Fortgang der Sonne von der Erde geschehen.
Jedesmal, wenn die Sonnenzeit der Erde eintrat, regte das
Astralische der Sonne diese Gestalten so an, daB sie aus dem
Atherischen der Erde sich ihren Lebensleib bildeten. Wenn
dann die Sonne sich abkehrte von der Erde, dann loste sich
dieser Lebensleib in dem allgemeinen Erdenleib wieder auf.
Und als Folge des Zusammenwirkens des Astralischen von
der Sonne und des Atherischen von der Erde tauchten aus dem
wasserigen Elemente die physischen Gestalten auf, welche
die Vorfahren des gegenwartigen Pflanzenreichs bildeten.
Der Mensch ist auf der Erde zu einem individualisierten
Seelenwesen geworden. Sein Astralleib, welcher ihm auf dem
Monde durch die «Geister der Bewegung» eingeflossen war,
hat sich auf der Erde gegliedert in Empfindungs-, Verstan-
des- und BewuBtseinsseele. Und als seine BewuBtseinsseele
so weit fortgeschritten war, daB sie sich wahrend des Erden-
lebens einen dazu geeigneten Leib bilden konnte, da begabten
die «Geister der Form» ihn mit dem Funken aus ihrem
Feuer. Es wurde das «Ich» in ihm entfacht. Jedesmal, wenn
der Mensch nun den physischen Leib verlieB, so war er in
der geistigen Welt, in welcher er mit den Wesen zusammen-
traf, welche ihm wahrend der Saturn-, Sonnen- und Mon-
denentwickelung seinen physischen Leib, seinen Lebensleib
und seinen astralischen Leib gegeben und bis zur Erdenhohe
ausgebildet hatten. Seitdem der Feuerfunke des «Ich» sich
im Erdenleben entzlindet hatte, war auch fur das leibfreie
Leben eine Veranderung eingetreten. Vor diesem Entwicke-
lungspunkte seines Wesens hatte der Mensch gegenliber der
geistigen Welt keine Selbstandigkeit. Er fiihlte sich inner-
halb dieser geistigen Welt nicht wie ein einzelnes Wesen,
sondern wie ein Glied in dem erhabenen Organismus, der
aus den iiber ihm stehenden Wesen sich zusammensetzte. Das
«Ich-Erlebnis» auf Erden wirkt nun auch in die geistige
Welt hinein nach. Der Mensch fiihlt sich nunmehr auch in
einem gewissen Grade als Einheit in dieser Welt Aber er
empfindet auch, daB er unaufhorlich verbunden ist mit der-
selben Welt. Er findet im leibfreien Zustand die «Geister
der Form» in einer hohern Gestalt wieder, die er in ihrer
Offenbarung auf der Erde durch den Funken seines «Ich»
wahrgenommen hat.
Mit der Trennung des Monde s von der Erde bildeten sich
auch in der geistigen Welt Erlebnisse fur die leibfreie Seele
heraus, welche mit dieser Trennung zusammenhingen. Es
wurde ja nur dadurch moglich, solche Menschengestalten
auf der Erde fortzubilden, welche die Individualist der Seele
aufnehmen konnten, daB ein Teil der gestaltenden Krafte von
der Erde auf den Mond ubergefuhrt wurde. Dadurch ist die
Menschenindividualitat in den Bereich der Mondenwesen
gekommen. Und es konnte im leibfreien Zustande der Nach-
klang an die Erdenindividualitat nur dadurch wirken, daB
auch fur diesen Zustand die Seele im Bereich der machtigen
Geister blieb, welche die Mondabtrennung herbeigefuhrt
hatten. Der Vorgang bildete sich so heraus, daB unmittelbar
nach dem Verlassen des Erdenleibes die Seele nur wie in
einem von den Mondenwesen zuruckgeworfenen Glanz die
hohen Sonnenwesen sehen konnte. Erst, wenn sie durch das
Schauen dieses Abglanzes genligend vorbereitet war, kam
die Seele zum Anblick der hohen Sonnenwesen selbst.
Auch das Mineralreich der Erde ist durch AusstoBung aus
der allgemeinen Menschheitsentwickelung entstanden. Seine
Gebilde sind dasjenige, was verfestigt geblieben ist, als der
Mond sich von der Erde trennte. Zu diesen Gebilden ftihlte
sich vom Seelenhaften nur dasjenige hingezogen, was auf
der Saturnstufe stehengeblieben war, was also nur geeignet
ist, physische Formen zu bilden. Alle Ereignisse, von denen
hier und im folgenden die Rede ist, spielten sich im Laufe
gewaltig langer Zeitraume ab. Doch kann auf Zeitbestim-
mungen hier nicht eingegangen werden.
Die geschilderten Vorgange stellen die Erdenentwicke-
lung von der auBeren Seite dar; von der Seite des Geistes
betrachtet, ergibt sich das Folgende. Die geistigen Wesen-
heiten, welche den Mond aus der Erde herauszogen und ihr
eigenes Dasein mit dem Monde verbanden — also Erden-
Mondenwesen wurden — , bewirkten durch die Krafte, die
sie von dem letzteren Weltkorper aus auf die Erde sandten,
eine gewisse Gestaltung der menschlichen Organisation. Ihre
Wirkung ging auf das vom Menschen erworbene «Ich». In
dem Zusammenspiel dieses «Ich» mit Astralleib, Atherleib
und physischem Leib machte sich diese Wirkung geltend.
Durch sie entstand im Menschen die Moglichkeit, die weis-
heitsvolle Gestaltung der Welt in sich bewuBt zu spiegeln,
sie abzubilden wie in einer Erkenntnisspiegelung. Man er-
innere sich, wie geschildert worden ist, daB wahrend der
alten Mondenzeit der Mensch durch die damalige Abtren-
nung von der Sonne in seiner Organisation eine gewisse
Selbstandigkeit, einen freieren Grad des BewuBtseins er-
worben hat, als der war, welcher unmittelbar von den Son-
nenwesen ausgehen konnte. Dieses freie, selbstandige Be-
wuBtsein trat — als Erbe der alten Mondenentwickelung —
wieder auf wahrend der charakterisierten Zeit der Erden-
entwickelung. Es konnte aber gerade dieses BewuBtsein,
durch den EinfluB der gekennzeichneten Erden-Monden-
wesen wieder zum Einklange mit dem Weltall gebracht, zu
einem Abbilde desselben gemacht werden. Das ware gesche-
hen, wenn sich kein anderer EinfluB geltend gemacht hatte.
Ohne einen solchen ware der Mensch ein Wesen geworden
mit einem BewuBtsein, dessen Inhalt wie durch Naturnot-
wendigkeit, nicht durch sein freies Eingreifen die Welt in
den Bildern des Erkenntnislebens gespiegelt hatte. Es ist
dieses nicht so geworden. Es griffen in die Entwickelung des
Menschen gerade zur Zeit der Mondenabspaltung gewisse
geistige Wesenheiten ein, welche von ihrer Mondennatur so
viel zuruckbehalten hatten, daB sie nicht teilnehmen konn-
ten an dem Hinausgang der Sonne aus der Erde. Und daB
sie auch ausgeschlossen waren von den Wirkungen der We-
sen, welche vom Erden-Monde aus zur Erde hin sich tatig
erwiesen. Diese Wesen mit der alten Mondennatur waren
gewissermaBen mit unregelmaBiger Entwickelung auf die
Erde gebannt In ihrer Mondnatur lag gerade das, was wah-
rend der alten Mondenentwickelung sich gegen die Sonnen-
geister aufgelehnt hatte, was damals dem Menschen insofern
zum Segen war, als durch es der Mensch zu einem selbstan-
digen, freien BewuBtseinszustand gefiihrt worden war. Die
Folgen der eigenartigen Entwickelung dieser Wesen wahrend
der Erdenzeit brachten es mit sich, daB sie wahrend dersel-
ben zu Gegnern wurden derjenigen Wesen, die vom Monde
aus das menschliche BewuBtsein zu einem notwendigen Er-
kenntnisspiegel der Welt machen wollten. Was auf dem
alten Monde dem Menschen zu einem hohern Zustande
verhalf, ergab sich als das Widerstrebende gegeniiber der
Einrichtung, welche durch die Erdenentwickelung moglich
geworden war. Die widerstrebenden Machte hatten sich aus
ihrer Mondennatur die Kraft mitgebracht, auf den mensch-
lichen Astralleib zu wirken, namlich — im Sinne der obigen
Darlegungen — diesen selbstandig zu machen. Sie iibten diese
Kraft aus, indem sie diesem Astralleib eine gewisse Selb-
standigkeit — auch nunmehr fur die Erdenzeit — gaben gegen-
iiber dem notwendigen (unfreien) BewuBtseinszustande,
welcher durch die Wesen des Erdenmondes bewirkt wurde.
Es ist schwierig, mit gangbaren Worten zum Ausdrucke zu
bringen, wie die Wirkungen der charakterisierten geistigen
Wesenheiten auf den Menschen in der gekennzeichneten Ur-
zeit waren. Man darf sie weder denken wie gegenwartige
Natur-Einfliisse, noch etwa so, wie die Wirkung des einen
Menschen auf den andern geschieht, wenn der erstere in dem
zweiten durch Worte innere BewuBtseinskrafte wachruft,
wodurch der zweite etwas verstehen lernt oder zu einer Tu-
gend oder Untugend angeregt wird. Die gemeinte Wirkung
in der Urzeit war keine Naturwirkung, sondern ein gei-
stiger EinfluB, aber ein solcher, der auch geistig wirkte, der
sich als geistiger iibertrug von den hoheren Geistwesen auf
den Menschen gemaB dem damaligen BewuBtseinszustande
dieses Menschen. Wenn man die Sache wie eine Naturwir-
kung denkt, so trifft man ganz und gar nicht ihre wahre
Wesenheit. Wenn man dagegen sagt, die Wesenheiten mit
der alten Mondennatur traten an den Menschen heran, um
ihn fur ihre Ziele «verfuhrend» zu gewinnen, so gebraucht
man einen symbolischen Ausdruck, der gut ist, solange man
sich seiner Sinnbildlichkeit bewuBt bleibt und sich zugleich
klar ist, daB hinter dem Symbol eine geistige Tatsache steht
Die Wirkung, die von den im Mondenzustand zuruckge-
bliebenen Geistwesen auf den Menschen ausging, hatte nun
fur diesen ein Zweifaches zur Folge. Sein BewuBtsein wurde
dadurch des Charakters eines bloBen Spiegels des Weltalls
entkleidet, weil im menschlichen Astralleibe die Moglichkeit
erregt wurde, von diesem aus die BewuBtseinsbilder zu
regeln und zu beherrschen. Der Mensch wurde der Herr
seiner Erkenntnis. Andrerseits aber wurde der Ausgangs-
punkt dieser Herrschaft eben der Astralleib; und das diesem
libergeordnete «Ich» kam dadurch in stetige Abhangigkeit
von ihm. Dadurch ward der Mensch in der Zukunft den
fortdauernden Einfllissen eines niederen Elementes in seiner
Natur ausgesetzt. Er konnte in seinem Leben unter die Hohe
herabsinken, auf die er durch die Erden-Mondenwesen im
Weltengange gestellt war. Und es blieb fur die Folgezeit fur
ihn der fortdauernde EinfluB der charakterisierten unregel-
maBig entwickelten Mondwesen auf seine Natur bestehen.
Man kann diese Mondwesen im Gegensatz zu den andern,
welche vom Erdenmonde aus das BewuBtsein zum Welten-
spiegel formten, aber keinen freien Willen gaben, die luziferi-
schen Geister nennen. Diese brachten demMenschen die Mog-
lichkeit, in seinem BewuBtsein eine freie Tatigkeit zu entfal-
ten, damit aber auch die Moglichkeit des Irrtums, des Bosen.
Die Folge dieser Vorgange war, daB der Mensch in ein
anderes Verhaltnis zu den Sonnengeistern kam, als ihm vor-
bestimmt war durch die Erden-Mondgeister. Diese wollten
den Spiegel seines BewuBtseins so entwickeln, daB im gan-
zen menschlichen Seelenleben der EinfluB der Sonnengeister
das Beherrschende gewesen ware. Diese Vorgange wurden
durchkreuzt und im Menschenwesen der Gegensatz geschaf-
fen zwischen dem Sonnengeist-EinfluB und dem EinfluB der
Geister mit unregelmaBiger Mondenentwickelung. Durch
diesen Gegensatz entstand im Menschen auch das Unver-
mogen, die physischen Sonnenwirkungen als solche zu er-
kennen; sie blieben ihm verborgen hinter den irdischen
Eindrucken der AuBenWelt. Das Astralische im Menschen,
erfullt von diesen Eindrucken, wurde in den Bereich des
«Ich» gezogen. Dieses «Ich», welches sonst nur den ihm von
den «Geistern der Form» verliehenen Funken des Feuers
versptirt hatte und in allem, was das auBere Feuer betraf,
sich den Geboten dieser Geister untergeordnet hatte, wirkte
nunmehr auch durch das ihm selbst eingeimpfte Element
auf die auBeren Warmeerscheinungen. Es stellte dadurch
ein Anziehungsband her zwischen sich und dem Erdenfeuer.
Dadurch verstrickte es den Menschen mehr, als das ihm vor-
bestimmt war, in die irdische Stofflichkeit. Wahrend er vor-
her einen physischen Leib hatte, der in seinen Hauptteilen aus
Feuer, Luft und Wasser bestand und dem nur etwas wie ein
Schattenbild von Erdsubstanz beigesetzt war, wurde jetzt der
Leib aus Erde dichter. Und wahrend vorher der Mensch niem-
als ein feinorganisiertes Wesen liber dem festen Erdboden in
einer Art schwimmend-schwebender Bewegung war, muBte
er nunmehr «aus dem Erdenumkreis» herabsteigen auf Teile
der Erde, die schon mehr oder weniger verfestigt waren.
DaB solche physische Wirkungen der geschilderten gei-
stigen Einfliisse eintreten konnten, erklart sich daraus, daB
diese Einfliisse derart waren, wie es oben geschildert worden
ist. Sie waren eben weder Natureinfliisse noch solche, die
seelisch von Mensch zu Mensch wirken. Die letzteren er-
strecken ihre Wirkung nicht so weit ins Korperliche wie die
geistigen Krafte, welche hier in Betracht kommen.
Weil der Mensch nach seinen eigenen, dem Irrtum unter-
worfenen Vorstellungen sich den Einfllissen der AuBenWelt
aussetzte, weil er nach Begierden und Leidenschaften lebte,
welche er nicht nach hoheren geistigen Einfllissen regeln lieB,
trat die Moglichkeit von Krankheiten auf. Eine besondere
Wirkung des luziferischen Einflusses war aber diejenige, daB
nunmehr der Mensch sein einzelnes Erdenleben nicht wie
eine Fortsetzung des leibfreien Daseins flihlen konnte. Er
nahm nunmehr solche Erdeneindrucke auf, welche durch das
eingeimpfte astralische Element erlebt werden konnten und
welche mit den Kraften sich verbanden, welche den phy-
sischen Leib zerstoren. Das empfand der Mensch als Ab-
sterben seines Erdenlebens. Und der durch die menschliche
Natur selbst bewirkte «Tod» trat dadurch auf. Damit ist
auf ein bedeutsames Geheimnis in der Menschennatur ge-
deutet, auf den Zusammenhang des menschlichen Astral-
leibes mit den Krankheiten und dem Tode.
Fur den menschlichen Lebensleib traten nun besondere
Verhaltnisse ein. Er wurde in ein solches Verhaltnis zwi-
schen physischem Leib und Astralleib hineingegliedert, daB
er in gewisser Beziehung den Fahigkeiten entzogen wurde,
welche sich der Mensch durch den luziferischen EinfluB an-
geeignet hatte. Ein Teil dieses Lebensleibes blieb auBer dem
physischen Leibe so, daB er nur von hoheren Wesenheiten,
nicht von dem menschlichen Ich beherrscht werden konnte.
Diese hoheren Wesenheiten waren diejenigen, welche bei der
Sonnentrennung die Erde verlassen hatten, um unter der
Fiihrung eines ihrer erhabenen Genossen einen andern Wohn-
sitz einzunehmen. Ware der charakterisierte Teil des Le-
bensleibes mit dem astralischen Leibe vereinigt geblieben,
so hatte der Mensch ubersinnliche Krafte, die ihm vorher
eigen waren, in seinen eigenen Dienst gestellt. Er hatte den
luziferischen EinfluB auf diese Krafte ausgedehnt. Dadurch
hatte sich der Mensch allmahlich ganz von den Sonnenwesen-
heiten losgelost. Und sein Ich ware zu einem volligen Erden-
Ich geworden. Es hatte so kommen mlissen, daB dieses
Erden-Ich nach dem Tode des physischen Leibes (beziehungs-
weise schon bei dessen Verfall) einen andern physischen Leib,
einen Nachkommen-Leib, bewohnt hatte, ohne durch eine
Verbindung mit hoheren geistigen Wesenheiten in einem
leibfreien Zustand hindurchzugehen. Der Mensch ware so
zum BewuBtsein seines Ich, aber nur als eines «irdischen
Ich» gekommen. Das wurde abgewendet durch jenen Vor-
gang mit dem Lebensleibe, der durch die Erdmondenwesen
bewirkt wurde. Das eigendiche individuelle Ich wurde da-
durch so losgelost vom bloBen Erden-Ich, daB der Mensch
sich wahrend des Erdenlebens allerdings nur teilweise als
eigenes Ich fiihlte; zugleich fiihlte er, wie sein Erden-Ich
eine Fortsetzung war des Erden-Ichs seiner Vorfahren durch
die Generationen hindurch. Die Seele fiihlte im Erdenleben
eine Art «Gruppen-Ich» bis zu den fernen Ahnen, und der
Mensch empfand sich als Glied der Gruppe. In dem leib-
freien Zustand konnte das individuelle Ich sich erst als Ein-
zel-Wesen ftihlen. Aber der Zustand dieser Vereinzelung
war dadurch beeintrachtigt, daB das Ich mit der Erinnerung
an das ErdenbewuBtsein (Erden-Ich) behaftet blieb. Das
triibte den Blick fur die geistige Welt, die anfing, sich zwi-
schen Tod und Geburt ahnlich mit einem Schleier zu ver-
decken wie fur den physischen Blick auf Erden.
Der physische Ausdruck all der Veranderungen, welche in
der geistigen Welt geschahen, wahrend die Menschenent-
wickelung durch die geschilderten Verhaltnisse hindurchging,
war die allmahliche Regelung der gegenseitigen Beziehungen
von Sonne, Mond und Erde (und im weiteren Sinne noch
anderer Himmelskorper). Von diesen Beziehungen sei als
eine Folge der Wechsel von Tag und Nacht hervorgehoben.
(Die Bewegungen der Himmelskorper werden durch die sie
bewohnenden Wesen geregelt Die Bewegung der Erde, durch
welche Tag und Nacht entstehen, wurde durch das Wechsel-
verhaltnis der verschiedenen iiber den Menschen stehenden
Geister bewirkt. Ebenso war auch die Bewegung des Mon-
des zustande gekommen, damit nach der Trennung des
Mondes von der Erde, durch die Umdrehung des ersten um
die zweite, die «Geister der Form» auf den physischen Men-
schenleib in der rechten Art, in dem richtigen Rhythmus,
wirken konnten.) Bei Tag wirkten nun das Ich und der
astralische Leib des Menschen in dem physischen und dem
Lebensleib. Bei Nacht horte diese Wirkung auf. Da traten
das Ich und der astralische Leib aus dem physischen und
dem Lebensleibe heraus. Sie kamen in dieser Zeit ganz in
den Bereich der «S6hne des Lebens» (Engel), der «Feuer-
geister» (Erzengel), der «Geister der Pers6nlichkeit» und
der «Geister der Form». Den physischen Leib und den Le-
bensleib faBten in dieser Zeit auBer den «Geistern der Form»
noch die «Geister der Bewegung», die «Geister der Weis-
heit» und die «Throne» in ihr Wirkungsgebiet. So konnten
die schadlichen Einwirkungen, welche wahrend des Tages
durch die Irrtumer des astralischen Leibes auf den Menschen
ausgeubt wurden, wieder ausgebessert werden.
Indem sich nun die Menschen auf der Erde wieder ver-
mehrten, war in den Nachkommen kein Grund mehr, daB
nicht Menschenseelen in ihnen zur Verkorperung hatten
schreiten sollen. So wie jetzt die Erdmondenkrafte wirkten,
gestalteten sich unter ihrem Einflusse die Menschenleiber
durchaus geeignet zur Verkorperung von Menschenseelen.
Und es wurden jetzt die vorher auf den Mars, den Jupiter
usw. entruckten Seelen auf die Erde gelenkt Es war dadurch
fur jeden Menschennachkommen, der in der Generationen-
folge geboren wurde, eine Seele da. Das dauerte so durch
lange Zeiten hindurch, so daB der Seelenzuzug auf der Erde
der Vermehrung der Menschen entsprach. Diejenigen See-
len, welche nun mit dem Erdentode den Leib verlieBen,
behielten fur den leibfreien Zustand den Nachklang der
irdischen Individualist wie eine Erinnerung zuriick. Diese
Erinnerung wirkte so, daB sie, wenn wieder ein ihnen ent-
sprechender Leib auf der Erde geboren wurde, sich wieder
in einem solchen verkorperten. Innerhalb der menschlichen
Nachkommenschaft gab es in der Folge solche Menschen,
welche von auBen kommende Seelen hatten, die zum ersten
Male wieder nach den ersten Zeiten der Erde auf dieser er-
schienen, und andere mit irdisch wiederverkorperten Seelen.
Immer weniger werden nun in der Folgezeit der Erdenent-
wickelung die zum ersten Male erschienenen jungen Seelen
und immer mehr die wiederverkorperten. Doch bestand das
Menschengeschlecht fur lange Zeiten aus den durch diese
Tatsachen bedingten beiden Menschenarten. Auf der Erde
empfand sich der Mensch nun mehr durch das gemeinsame
Gruppen-Ich mit seinen Vorfahren verbunden. Das Er-
lebnis des individuellen Ich war dafiir umso starker im leib-
freien Zustande zwischen dem Tode und einer neuen Ge-
burt. Diejenigen Seelen, welche, vom Himmelsraume kom-
mend, in Menschenleibern einzogen, waren in einer andern
Lage als diejenigen, welche bereits ein oder mehrere Erden-
leben hinter sich hatten. Die ersteren brachten fur das phy-
sische Erdenleben als Seelen nur die Bedingungen mit, wel-
chen sie durch die hohere geistige Welt und durch ihre auBer
dem Erdenbereiche gemachten Erlebnisse unterworfen wa-
ren. Die andern hatten in fruheren Leben selbst Bedingun-
gen hinzugefugt. Das Schicksal jener Seelen war nur von
Tatsachen bestimmt, die auBerhalb der neuen Erdenverhalt-
nisse lagen. Dasjenige der wiederverkorperten Seelen ist
auch durch dasjenige bestimmt, was sie selbst in fruheren
Leben unter den irdischen Verhaltnissen getan haben. Mit
der Wiederverkorperung trat zugleich das menschliche Ein-
zel-Karma in die Erscheinung. — Dadurch, daB der mensch-
liche Lebensleib dem Einflusse des Astralleibes in der oben
angedeuteten Art entzogen wurde, trat auch das Fortpflan-
zungsverhaltnis nicht in den Umkreis des menschlichen Be-
wuBtseins, sondern es stand unter der Herrschaft der gei-
stigen Welt Wenn sich eine Seele niedersenken sollte auf
den Erdkreis, dann traten die Impulse fur die Fortpflan-
zimg beim Erdenmenschen auf. Der ganze Vorgang war bis
zu einem gewissen Grade fur das irdische BewuBtsein in ein
geheimnisvolles Dunkel gehiillt. — Aber auch wahrend des
Erdenlebens traten die Folgen dieser teilweisen Trennung
des Lebensleibes vom physischen Leibe ein. Es konnten die
Fahigkeiten dieses Lebensleibes durch den geistigen EinfluB
besonders erhoht werden. Fur das Seelenleben machte sich
dies dadurch geltend, daB das Gedachtnis seine besondere
Ausbildung erhielt Das selbstandige logische Denken war
in dieser Zeit des Menschen nur in den allerersten Anfangen.
Daflir war die Erinnerungsfahigkeit fast grenzenlos. Nach
auBen zeigte sich, daB der Mensch eine unmittelbare ge-
fuhlsmaBige Erkenntnis von den Wirkungskraften alles
Lebendigen hatte. Er konnte die Krafte des Lebens und
der Fortpflanzung der tierischen und namentlich pflanzli-
chen Natur in seinen Dienst stellen. Was die Pflanze an-
treibt zum Wachsen, das z.B. konnte der Mensch aus der
Pflanze herausziehen und es verwenden, wie gegenwartig
die Krafte der leblosen Natur, z.B. die in den Stein-
kohlen schlummernde Kraft aus dieser herausgezogen und
dazu verwendet wird, Maschinen zu bewegen. (Naheres
iiber diese Sache findet man in meiner kleinen Schrift «Un-
sere atlantischen Vorfahren».) — Auch das innere Seelen-
leben des Menschen veranderte sich durch den luziferischen
EinfluB in der mannigfaltigsten Art. Es konnten viele Arten
von Gefiihlen und Empfindungen angefuhrt werden, welche
dadurch entstanden sind. Nur einiges mag erwahnt werden.
Bis zu diesem Einflusse hin wirkte die Menschenseele in dem,
was sie zu gestalten und zu tun hatte, im Sinne der Absich-
ten hoherer geistiger Wesenheiten. Der Plan zu allem, was
ausgefuhrt werden sollte, war von vornherein bestimmt.
Und in dem Grade, als das menschliche BewuBtsein tiber-
haupt entwickelt war, konnte es auch voraussehen, wie sich
in der Zukimft die Dinge nach dem vorgefaBten Plane ent-
wickeln miissen. Dieses vorausschauende BewuBtsein ging
verloren, als sich vor die Offenbarung der hoheren geistigen
Wesenheiten der Schleier der irdischen Wahrnehmungen hin-
wob und in ihnen die eigentiichen Krafte der Sonnenwesen
sich verbargen. UngewiB wurde nunmehr die Zukunft. Und
damit pflanzte sich der Seele die Moglichkeit des Furchtge-
fuhles ein. Die Furcht ist eine unmittelbare Folge des Irr-
tums. — Man sieht aber auch, wie mit dem luziferischen Ein-
flusse der Mensch unabhangig wurde von bestimmten Kraf-
ten, denen er vorher willenlos hingegeben war. Er konnte
nunmehr aus sich heraus Entschlusse fassen. Die Freiheit ist
das Ergebnis dieses Einflusses. Und die Furcht und ahnliche
Gefuhle sind nur Begleiterscheinungen der Entwicklung des
Menschen zur Freiheit.
Geistig angesehen stellt sich das Auftreten der Furcht so,
daB innerhalb der Erdenkrafte, unter deren EinfluB der
Mensch durch die luziferischen Machte gelangt war, andere
Machte wirksam waren, die viel friiher im Entwickelungs-
laufe als die luziferischen UnregelmaBigkeit angenommen
hatten. Mit den Erdenkraften nahm der Mensch die Ein-
fliisse dieser Machte in sein Wesen herein. Sie gaben Gefiih-
len, die ohne sie ganz anders gewirkt hatten, die Eigenschaft
der Furcht. Man kann diese Wesenheiten die ahrimanischen
nennen; sie sind dieselben, die — in Goethes Sinne — mephi-
stophelisch genannt werden.
Wenn nun auch der luziferische EinfluB sich zunachst nur
bei den fortgeschrittensten Menschen geltend gemacht hat,
so dehnte er sich doch bald auch tiber andere aus. Es ver-
mischten sich die Nachkommen der fortgeschrittenen mit den
oben charakterisierten weniger fortgeschrittenen. Dadurch
drang die luziferische Kraft auch zu den letzteren. Aber der
Lebensleib der von den Planeten zuriickkehrenden Seelen
konnte nicht in demselben Grade geschiitzt werden wie der-
jenige, welchen die Nachkommen der auf der Erde verblie-
benen hatten. Der Schutz dieses letzteren ging von einem
hohen Wesen aus, welches im Kosmos die Fuhrimg damals
hatte, als sich die Sonne von der Erde trennte. Dieses Wesen
erscheint auf dem Gebiete, das hier betrachtet wird, als der
Herrscher im Sonnenreiche. Mit ihm zogen diejenigen erha-
benen Geister zum Sonnenwohnplatze, welche durch ihre
kosmische Entwickelung die Reife dazu erlangt hatten. Es
gab aber auch solche Wesen, welche bei der Sonnentrennung
zu solcher Hohe nicht gestiegen waren. Sie muBten sich an-
dere Schauplatze suchen. Sie waren es eben, durch die es
kam, daB aus jener gemeinsamen Weltsubstanz, welche an-
fanglich im physischen Erdenorganismus war, sich der Ju-
piter und andere Planeten loslosten. Der Jupiter wurde der
Wohnplatz solcher nicht zur Sonnenhohe herangereifter
Wesen. Das vorgeschrittenste wurde der Fiihrer des Jupiter.
Wie der Fiihrer der Sonnenentwickelung das «hohere Ich»
wurde, das im Lebensleibe der Nachkommen der auf Erden
verbliebenen Menschen wirkte, so wurde dieser Jupiterfiih-
rer das «hohere Ich», das sich wie ein gemeinsames BewuBt-
sein durch die Menschen hindurchzog, welche abstammten
von einer Vermischung von SproBlingen der auf Erden ver-
bliebenen mit solchen Menschen, die in der oben geschilder-
ten Art erst auf der Erde in der Zeit des Luftelementes auf-
getreten und zum Jupiter ubergegangen waren. Man kann
im Sinne der Geisteswissenschaft solche Menschen «Jupiter-
menschen» nennen. Es waren das Menschennachkommlinge,
welche in jener alten Zeit noch Menschenseelen aufgenom-
men hatten; doch solche, die, beim Beginn der Erdenent-
wickelung die erste Beriihrung mit dem Feuer mitzumachen,
noch nicht reif genug waren. Es waren Seelen zwischen dem
Menschen- und dem Tierseelenreich. Es gibt nun auch We-
sen, welche sich unter der Fiihrung eines hochsten aus der
gemeinsamen Weltsubstanz den Mars als Wohnplatz aus-
gesondert hatten. Unter ihren EinfluB kam eine dritte Art
von Menschen, die durch Vermischung entstanden waren,
die «Marsmenschen». (Es fallt von diesen Erkenntnissen
aus ein Licht auf die Urgrunde der Planetenentstehung un-
seres Sonnensystems. Denn alle Korper dieses Systems sind
entstanden durch die verschiedenen Reifezustande der sie
bewohnenden Wesen. Doch kann hier natlirlich nicht auf
alle Einzelheiten der kosmischen Gliederungen eingegangen
werden.) Diejenigen Menschen, welche in ihrem Lebensleibe
das hohe Sonnenwesen selbst als vorhanden wahrnahmen,
konnen «Sonnenmenschen» genannt werden. Das Wesen, das
in ihnen als «hoheres Ich» lebte — naturlich nur in den Gene-
rationen, nicht im einzelnen — ist dasjenige, welches spater, als
die Menschen eine bewuBte Erkenntnis von ihm erlangten,
mit verschiedenen Namen belegt wurde und das den Gegen-
wartsmenschen das ist, in dem sich ihnen das Verhaltnis offen-
bart, welches der Christus zum Kosmos hat. Man kann dann
noch «Saturnmenschen» unterscheiden. Bei ihnen trat als
«hoheres Ich» ein Wesen auf, das vor der Sonnentrennung
mit seinen Genossen die gemeinsame Weltsubstanz verlassen
muBte. Es war dies eine Art von Menschen, welche nicht nur
im Lebensleibe, sondern auch im physischen Leibe einen Teil
hatten, welcher dem luziferischen EinfluB entzogen blieb.
Nun war bei den niedriger stehenden Menschenarten der
Lebensleib doch zu wenig geschutzt, urn den Einwirkungen
des luziferischen Wesens geniigend wider stehen zu konnen.
Sie konnten die Willkur des in ihnen befindlichen Feuer-
runkens des «Ich» so weit ausdehnen, daB sie in ihrem Um-
kreise machtige Feuerwirkungen schadlicher Art hervorrie-
fen. Die Folge war eine gewaltige Erdkatastrophe. Durch
die Feuersturme ging ein groBer Teil der damals bewohnten
Erde zugrunde und mit ihm die dem Irrtum verfallenen
Menschen. Nur der kleinste Teil, der vom Irrtum zum Teil
unberuhrt geblieben war, konnte sich auf ein Gebiet der
Erde retten, das bis dahin geschutzt war vor dem verderb-
lichen menschlichen Einflusse. Als ein solcher Wohnplatz, der
sich fur die neue Menschheit besonders eignete, stellte sich
das Land heraus, das auf dem Hecke der Erde war, der ge-
genwartig vom Atlantischen Ozean bedeckt wird. Dorthin
zog sich der am reinsten vom Irrtum gebliebene Teil der
Menschen. Nur versprengte Menschheitsglieder bewohnten
andere Gegenden. Im Sinne der Geisteswissenschaft kann
man das Erdengebiet zwischen dem gegenwartigen Europa,
Afrika und Amerika, das einstmals bestanden hat, «Atlan-
tis» nennen. (In der entsprechenden Literatur wird in einer
gewissen Art auf den charakterisierten dem atlantischen vor-
angegangenen Abschnitt der Menschheitsentwickelung hin-
gewiesen. Er wird da das lemurische Zeitalter der Erde
genannt, dem das adantische folgte. Dagegen kann die Zeit,
in welcher die Mondenkrafte ihre Hauptwirkungen noch
nicht entfaltet hatten, das hyperboraische Zeitalter genannt
werden. Diesem geht noch ein anderes voran, das also mit
der allerersten Zeit der physischen Erdenentwickelung zu-
sammenfallt In der biblischen Uberlieferung wird die Zeit
vor der Einwirkung der luziferischen Wesen als die para-
diesische Zeit geschildert und das Herabsteigen auf die Erde,
das Verstricktwerden der Menschen in die SinnenWelt, als
die Vertreibung aus dem Paradiese.)
Die Entwickelung im adantischen Gebiet war die Zeit der
eigentlichen Sonderung in Saturn-, Sonnen-, Jupiter- und
Marsmenschen. Vorher wurden dazu eigentlich erst die An-
lagen entfaltet. Nun hatte die Scheidung von Wach- und
Schlafzustand fur das Menschenwesen noch besondere Fol-
gen, die besonders bei der atlantischen Menschheit hervor-
traten. Wahrend der Nacht waren des Menschen astralischer
Leib und Ich im Bereiche der iiber ihm stehenden Wesen bis
zu den «Geistern der Pers6nlichkeit» hinauf. Durch den-
jenigen Teil seines Lebensleibes, der nicht mit dem phy-
sischen Leibe verbunden war, konnte der Mensch die Wahr-
nehmung der «S6hne des Lebens» (Engel) und der «Feuer-
geister» (Erzengel) haben. Denn er konnte mit dem nicht
vom physischen Leib durchdrungenen Teil des Lebensleibes
wahrend des Schlafens vereinigt bleiben. Die Wahrnehmung
der «Geister der Pers6nlichkeit» blieb allerdings undeut-
lich, eben wegen des luziferischen Einflusses. Mit den Engeln
und Erzengeln wurden aber auf diese Art fur den Menschen
in dem geschilderten Zustande auch diejenigen Wesen sicht-
bar, welche als auf Sonne oder Mond zurlickgebliebene nicht
das Erdendasein antreten konnten. Sie muBten deshalb in
der seelisch-geistigen Welt verbleiben. Der Mensch zog sie
aber durch das luziferische Wesen in den Bereich seiner vom
physischen Leib getrennten Seele. Dadurch kam er mit Wesen
in Beruhrung, welche in hohem Grade verfuhrerisch auf ihn
wirkten. Sie vermehrten in der Seele den Trieb zum Irrtum;
namendich zum MiBbrauch der Wachstums- und Fortpflan-
zungskrafte, welche durch die Trennung von physischem
Leib und Lebensleib in seiner Macht standen.
Es war nun fur einzelne Menschen des atlantischen Zeit-
alters die Moglichkeit gegeben, sich so wenig als moglich in
die SinnenWelt zu verstricken. Durch sie wurde der luzi-
ferische EinfluB aus einem Hindernis der Menschheits-
entwickelung zum Mittel eines hoheren Fortschreitens. Sie
waren durch ihn in der Lage, friiher, als es sonst moglich
gewesen ware, die Erkenntnis fur die Erdendinge zu entfal-
ten. Dabei versuchten diese Menschen den Irrtum aus ihrem
Vorstellungsleben zu entfernen und die ursprunglichen Ab-
sichten der geistigen Wesen aus den Erscheinungen der Weit
zu ergriinden. Sie hielten sich frei von den nach der bloBen
SinnenWelt gelenkten Trieben und Begierden des astralischen
Leibes. Dadurch wurden sie von dessen Irrtumern immer
freier. Das fiihrte bei ihnen Zustande herbei, durch welche
sie bloB in jenem Teile des Lebensleibes wahrnahmen, wel-
cher in der geschilderten Weise vom physischen Leibe ge-
trennt war. In solchen Zustanden war das Wahrnehmungs-
vermogen des physischen Leibes wie ausgeloscht und dieser
selbst wie tot. Dann waren sie durch den Lebensleib ganz
verbunden mit dem Reiche der «Geister der Form» und
konnten von diesen erfahren, wie sie gefuhrt und gelenkt
werden von jenem hohen Wesen, das die Fuhrung hatte bei
der Trennung von Sonne und Erde und durch das sich
spater den Menschen das Verstandnis fur den «Christus»
eroffnete. Solche Menschen waren Eingeweihte (Initiierte).
Weil aber des Menschen Individuality in der oben geschil-
derten Art in den Bereich der Mondwesen gekommen war,
so konnten auch diese Eingeweihten in der Regel von dem
Sonnenwesen nicht unmittelbar beruhrt werden, sondern es
konnte ihnen nur wie in einer Spiegelung durch die Mond-
wesen gezeigt werden. Sie sahen dann nicht das Sonnen-
wesen unmittelbar, sondern dessen Abglanz. Sie wurden
die Fiihrer der anderen Menschheit, der sie die erschauten
Geheimnisse mitteilen konnten. Sie zogen sich Schuler heran,
denen sie die Wege zur Erlangung des Zustandes wiesen,
welcher zur Einweihung fuhrt. Zur Erkenntnis dessen,
was frtiher durch «Christus» sich offenbarte, konnten nur
solche Menschen gelangen, die in angedeutetem Sinne zu den
Sonnenmenschen gehorten. Sie pflegten ihr geheimnisvolles
Wissen und die Verrichtungen, welche dazu fuhrten, an einer
besonderen Statte, welche hier das Christus- oder Sonnen-
orakel genannt werden soil. (Oraculum im Sinne eines Orts,
wo die Absichten geistiger Wesen vernommen werden.) Das
hier in bezug auf den Christus Gesagte wird nur dann nicht
miBverstanden werden, wenn man bedenkt, daB die iiber-
sinnliche Erkenntnis in dem Erscheinen des Christus auf der
Erde ein Ereignis sehen muB, auf das als ein in der Zukunft Be-
vorstehendes diejenigen hingewiesen haben, welche vor die-
sem Ereignis mit dem Sinn der Erdenentwickelung bekannt
waren. Man ginge fehl, wenn man bei diesen «Eingeweihten»
ein Verhaltnis zu dem Christus voraussetzen wiirde, das erst
durch dieses Ereignis moglich geworden ist. Aber das konn-
ten sie prophetisch begreifen und ihren Schulern begreiflich
machen: «Wer von der Macht des Sonnenwesens beruhrt
ist, der sieht den Christus an die Erde herankommen.»
Andere Orakel wurden ins Leben gerufen von den An-
gehorigen der Saturn-, Mars- und Jupitermenschheit. Deren
Eingeweihte fuhrten ihr Anschauen nur bis zu den Wesen-
heiten, welche als entsprechende «hohere Iche» in ihren Le-
bensleibern enthullt werden konnten. So entstanden Beken-
ner der Saturn-, der Jupiter-, der Marsweisheit AuBer diesen
Einweihungsmethoden gab es solche fur Menschen, welche
vom luziferischen Wesen zu viel in sich aufgenommen hatten,
um einen so groBen Teil des Lebensleibes vom physischen
Leibe getrennt sein zu lassen wie die Sonnenmenschen. Bei
diesen hielt der astralische Leib eben mehr vom Lebensleib
im physischen Leibe zuriick als bei den Sonnenmenschen. Sie
konnten auch nicht durch die genannten Zustande bis zur
prophetischen Christus-Offenbarung gebracht werden. Sie
muBten wegen ihres mehr vom luziferischen Prinzip be-
einfluBten Astralleibes schwierigere Vorbereitungen durch-
machen, und dann konnten sie in einem weniger leibfreien
Zustand als die andern zwar nicht die Offenbarung des Chri-
stus selbst enthullt erhalten, aber die anderer hoher Wesen.
Es gab solche Wesen, welche zwar bei der Sonnentrennung
die Erde verlassen haben, aber doch nicht auf der Hohe stan-
den, daB sie die Sonnenentwickelung auf die Dauer hatten
mitmachen konnen. Sie gliederten sich nach der Trennung
von Sonne und Erde einen Wohnplatz von der Sonne ab,
die Venus. Deren Fiihrer wurde das Wesen, welches nun
fur die geschilderten Eingeweihten und ihre Anhanger zum
«hoheren Ich» wurde. Ein ahnliches geschah mit dem fuh-
renden Geist des Merkur fur eine andere Art Menschen. So
entstanden das Venus- und das Merkurorakel. Eine gewisse
Art von Menschen, die am meisten von dem luziferischen
EinfluB aufgenommen hatten, konnte nur zu einem Wesen
gelangen, welches mit seinen Genossen am fruhesten von
der Sonnenentwickelung wieder ausgestoBen worden ist. Es
hat dieses keinen besonderen Planeten im Weltenraum, son-
dern lebt im Umkreis der Erde selbst noch, mit der es sich
wieder vereinigt hat nach der Ruckkehr von der Sonne. Die-
jenigen Menschen, welchen sich dieses Wesen als hoheres Ich
enthiillte, konnen die Anhanger des Vulkanorakels genannt
werden. Ihr Blick war mehr den irdischen Erscheinungen
zugewendet als derjenige der iibrigen Eingeweihten. Sie leg-
ten die ersten Griinde zu dem, was spater als Wissenschaften
und Kiinste unter den Menschen entstand. Die Merkur-Ein-
geweihten dagegen begrundeten das Wis sen von den mehr
iibersinnlichen Dingen; und in noch hoherem Grade taten
dies die Venus-Eingeweihten. Die Vulkan-, Merkur- und
Venus-Eingeweihten unter schieden sich von den Saturn-,
Jupiter- und Mars-Eingeweihten dadurch, daB die letzteren
ihre Geheimnisse mehr als eine Offenbarung von oben emp-
fingen, mehr in einem fertigen Zustande; wahrend die erste-
ren schon mehr in Form von eigenen Gedanken, von Ideen
ihr Wissen enthullt erhielten. In der Mitte standen die
Christus-Eingeweihten. Sie erhielten mit der Offenbarung
in unmittelbarem Zustande auch zugleich die Fahigkeit, in
menschliche Begriffsformen ihre Geheimnisse zu kleiden.
Die Saturn-, Jupiter- und Mars-Eingeweihten muBten sich
mehr in Sinnbildern aussprechen; die Christus-, Venus-,
Merkur- und Vulkan-Eingeweihten konnten sich mehr in
Vorstellungen mitteilen.
Was auf diese Art zur atlantischen Menschheit gelangte,
kam auf dem Umwege durch die Eingeweihten. Aber auch
die andere Menschheit erhielt durch das luziferische Prinzip
besondere Fahigkeiten, indem durch die hohen kosmischen
Wesenheiten das zum Heil verwandelt wurde, was sonst
zum Verderben hatte werden konnen. Eine solche Fahigkeit
ist die der Sprache. Sie wurde dem Menschen zuteil durch
seine Verdichtung in die physische Stofflichkeit und durch
die Trennung eines Teiles seines Lebensleibes vom phy sischen
Leib. In den Zeiten nach der Mondentrennung fiihlte sich
der Mensch zunachst mit den physischen Vorfahren durch
das Gruppen-Ich verbunden. Doch verlor sich dieses gemein-
same BewuBtsein, welches Nachkommen mit Vorfahren ver-
band, allmahlich im Laufe der Generationen. Die spateren
Nachkommen hatten dann nur bis zu einem nicht weit zu-
riickliegenden Vorfahren die innere Erinnerung; zu den
friiheren Ahnen hinauf nicht mehr. In den Zustanden von
Schlafahnlichkeit nur, in denen die Menschen mit der gei-
stigen Welt in Beruhrung kamen, tauchte nun die Erinnerung
an diesen oder jenen Vorfahren wieder auf. Die Menschen
hielten sich dann wohl auch fur eins mit diesem Vorfahren,
den sie in ihnen wiedererschienen glaubten. Dies war eine
irrtumliche Idee von der Wiederverkorperung, welche na-
mentlich in der letzten atlantischen Zeit auftauchte. Die
wahre Lehre von der Wiederverkorperung konnte nur in
den Schulen der Eingeweihten erfahren werden. Die Einge-
weihten schauten, wie im leibfreien Zustand die Menschen-
seele von Verkorperung zu Verkorperung geht. Und sie allein
konnten die Wahrheit daruber ihren Schulern mitteilen.
Die physische Gestalt des Menschen ist in der urfernen
Vergangenheit, von welcher hier die Rede ist, noch weit
verschieden von der gegenwartigen. Diese Gestalt war in
einem hohen Grade noch der Ausdruck der seelischen Eigen-
schaften. Der Mensch bestand noch aus einer feineren, wei-
cheren Stofflichkeit, als er spater angenommen hat. Was
gegenwartig verfestigt ist, war in den Gliedern weich, bieg-
sam und bildsam. Ein mehr seelischer, geistigerer Mensch
war von zartem, beweglichem, ausdrucksvollem Korperbau.
Ein geistig wenig entwickelter von groben, unbeweglichen,
wenig bildsamen Korperformen. Seelische Vorgeschritten-
heit zog die Glieder zusammen; die Gestalt wurde klein er-
halten; seelische Zuriickgebliebenheit und Verstricktheit in
die Sinnlichkeit driickte sich in riesenhafter GroBe aus. Wah-
rend der Mensch in der Wachstumsperiode war, formte sich
in einer Art, die fur gegenwartige Vorstellungen fabelhaft,
ja phantastisch erscheinen muB, der Korper nach dem, was
in der Seele sich bildete. Verdorbenheit in den Leidenschaften,
Trieben und Instinkten zog ein Anwachsen des Materiellen
im Menschen ins Riesenhafte nach sich. Die gegenwartige
physische Menschengestalt ist durch Zusammenziehen, Ver-
dichtung und Verfestigung des atlantischen Menschen ent-
standen. Und wahrend vor der atlantischen Zeit der Mensch
als ein getreues Abbild seiner seelischen Wesenheit vorhan-
den war, trugen gerade die Vorgange der atlantischen Ent-
Wickelung die Ursachen in sich, welche zu dem nachatlan-
tischen Menschen fuhrten, der in seiner physischen Gestalt
fest und von den seelischen Eigenschaften verhaltnismaBig
wenig abhangig ist. (Das Tierreich ist in seinen Formen in
weit alteren Zeiten auf der Erde dicht geworden als der
Mensch.) — Die Gesetze, welche gegenwartig der Bildung der
Formen in den Naturreichen zugrunde liegen, dlirfen durch-
aus nicht auf fernere Vergangenheiten ausgedehnt werden.
Gegen die Mitte der atlantischen Entwickelungszeit machte
sich allmahlich ein Unheil in der Menschheit geltend. Die
Geheimnisse der Eingeweihten hatten sorgfaltig vor solchen
Menschen behutet werden miissen, welche nicht durch Vor-
bereitung ihren Astralleib von Irrtum gereinigt hatten. Er-
langen diese eine solche Einsicht in die verborgenen Erkennt-
nisse, in die Gesetze, wodurch die hoheren Wesen die Natur-
krafte lenken, so stellen sie dieselben in den Dienst ihrer
verirrten Bedurfhisse und Leidenschaften. Die Gefahr war
um so groBer, als ja die Menschen, wie geschildert worden
ist, in den Bereich niederer Geisteswesen kamen, welche die
regelmaBige Erdenentwickelung nicht mitmachen konnten,
daher ihr entgegenwirkten. Diese beeinfluBten die Menschen
fortwahrend so, daB sie ihnen Interessen einfloBten, welche
gegen das Heil der Menschheit in Wahrheit gerichtet waren.
Nun hatten aber die Menschen noch die Fahigkeit, die
Wachstums- und die Fortpflanzungskrafte der tierischen und
der menschlichen Natur in ihren Dienst zu stellen. — Den
Versuchungen von seiten niederer Geistwesen unterlagen
nicht nur gewohnliche Menschen, sondern auch ein Teil der
Eingeweihten. Sie kamen dazu, die genannten ubersinnlichen
Krafte in einen Dienst zu stellen, welcher der Entwickelung
der Menschheit zuwiderlief. Und sie suchten sich zu diesem
Dienst Genossen, welche nicht eingeweiht waren und welche
ganz im niederen Sinne die Geheimnisse des ubersinnlichen
Naturwirkens anwandten. Die Folge war eine groBe Ver-
derbnis der Menschheit Das Ubel breitete sich immer mehr
aus. Und weil die Wachstums- und Fortpflanzungskrafte
dann, wenn sie ihrem Mutterboden entrissen und selbstan-
dig verwendet werden, in einem geheimnisvollen Zusam-
menhange stehen mit gewissen Kraften, die in Luft und
Wasser wirken, so wurden durch die menschlichen Taten
gewaltige verderbliche Naturmachte entfesselt Das fiihrte
zur allmahlichen Zerstorung des atlantischen Gebietes durch
Luft- und Wasserkatastrophen der Erde. Die adantische
Menschheit muBte auswandern, insofern sie in den Sturmen
nicht zugrunde ging. Damals erhielt die Erde durch diese
Sturme ein neues Antlitz. Auf der einen Seite kamen Europa,
Asien und Afrika allmahlich zu den Gestalten, die sie gegen-
wartig haben. Auf der andern Seite Amerika. Nach diesen
Landern gingen groBe Wanderziige. Fiir unsere Gegenwart
sind besonders diejenigen dieser Zlige wichtig, welche von
der Atlantis ostwarts gingen. Europa, Asien, Afrika wur-
den nach und nach von den Nachkommen der Adantier be-
siedelt Verschiedene Volker schlugen da ihre Wohnsitze
auf. Sie standen auf verschiedenen Hohen der Entwickelung,
aber auch auf verschiedenen Hohen des Verderbnisses. Und
in ihrer Mitte zogen die Eingeweihten, die Behiiter der Ora-
kel-Geheimnisse. Diese begriindeten in verschiedenen Gegen-
den Statten, in denen die Dienste des Jupiter, der Venus
usw. in gutem, aber auch in schlechtem Sinne gepflegt
wurden. Einen besonders ungunstigen EinfluB iibte der Ver-
rat der Vulkan-Geheimnisse aus. Denn der Blick von deren
Bekennern war am meisten auf die irdischen Verhaltnisse
gerichtet. Die Menschheit wurde durch diesen Verrat in
Abhangigkeit von geistigen Wesen gebracht, welche infolge
ihrer vorangegangenen Entwickelung sich gegen alles ableh-
nend verhielten, was aus der geistigen Welt kam, die sich
durch die Trennung der Erde von der Sonne entwickelt
hatte. Sie wirkten ihrer so entwickelten Anlage gemaB ge-
rade in dem Elemente, welches im Menschen sich dadurch
ausbildete, daB er in der sinnlichen Welt Wahrnehmungen
hatte, hinter denen das Geistige sich verhiillt. Diese Wesen
erlangten nunmehr einen groBen EinfluB auf viele mensch-
liche Erdenbewohner. Und derselbe machte sich zunachst
dadurch geltend, daB dem Menschen das Geflihl fur das
Geistige immer mehr genommen wurde. — Weil sich in diesen
Zeiten die GroBe, Form und Bildsamkeit des menschlichen
physischen Korpers noch in hohem Grade nach den Eigen-
schaften der Seele richtete, so war die Folge jenes Verrates
auch in Veranderungen des Menschengeschlechtes nach die-
ser Richtung hin zutage getreten. Wo die Verderbtheit der
Menschen besonders dadurch sich geltend machte, daB tiber-
sinnliche Krafte in den Dienst niederer Triebe, Begierden
und Leidenschaften gestellt wurden, da wurden unformige,
an GroBe und Form groteske Menschengestalten gebildet.
Diese konnten sich allerdings nicht tiber die atlantische
Periode hinaus erhalten. Sie starben aus. Die nachatlantische
Menschheit hat sich physisch aus denjenigen adantischen
Vorfahren herausgebildet, bei denen schon eine solche Ver-
festigung der korperlichen Gestalt eingetreten war, daB
diese den nunmehr naturwidrig gewordenen Seelenkraften
nicht nachgaben. — Es gab einen gewissen Zeitraum in der
adantischen Entwicklung, in welchem fur die Menschen-
gestalt durch die in und um die Erde herrschenden Gesetze
gerade diejenigen Bedingungen herrschten, unter denen sie
sich verfestigen muBte. Diejenigen Menschen-Rassen-
Formen, welche sich vor diesem Zeitraum verfestigt hatten,
konnten sich zwar lange fortpflanzen, doch wurden nach
und nach die in ihnen sich verkorpernden Seelen so beengt,
daB die Rassen aussterben muBten. Allerdings erhielten sich
gerade manche von diesen Rassenformen bis in die nach-
adantischen Zeiten hinein; die gentigend beweglich geblie-
benen in veranderter Form sogar sehr lange. Diejenigen
Menschenformen, welche tiber den charakterisierten Zeit-
raum hinaus bildsam geblieben waren, wurden namentlich
zu Korpern fur solche Seelen, welche in hohem MaBe den
schadlichen EinfluB des gekennzeichneten Verrats erfahren
haben. Sie waren zu baldigem Aussterben bestimmt
Es hatten sich demnach seit der Mitte der adantischen
Entwickelungszeit Wesen im Bereich der Menschheitsent-
wickelung geltend gemacht, welche dahin wirkten, daB der
Mensch sich in die sinnlich-physische Welt in einer ungeisti-
gen Art hineinlebte. Das konnte so weit gehen, daB ihm
statt der wahren Gestalt dieser Welt Trugbilder und Wahn-
phantome, Illusionen aller Art erschienen. Nicht nur dem
luziferischen EinfluB war der Mensch ausgesetzt, sondern
auch demjenigen dieser anderen Wesen, auf die oben hin-
gedeutet worden ist und deren Fiihrer nach der Benennung,
die er spater in der persischen Kultur erhalten hat, Ahriman
genannt werden moge. (Der Mephistopheles ist dasselbe
Wesen.) Durch diesen EinfluB kam der Mensch nach dem
Tode unter Gewalten, welche ihn auch da nur als ein Wesen
erscheinen lieBen, welches den irdisch-sinnlichen Verhalt-
nissen zugewandt ist. Der freie Ausblick in die Vorgange
der geistigen Welt wurde ihm immer mehr genommen. Er
muBte sich in der Gewalt des Ahriman fiihlen und bis zu
einem gewissen MaBe ausgeschlossen sein von der Gemein-
schaft mit der geistigen Welt.
Von besonderer Bedeutung war eine Orakelstatte, welche
sich in dem allgemeinen Niedergang den alten Dienst am
reinsten bewahrt hatte. Sie gehorte zu den Christus-Ora-
keln. Und deswegen konnte sie nicht nur das Geheimnis des
Christus selbst bewahren, sondern auch die Geheimnisse der
anderen Orakel. Denn im Offenbarwerden des erhabensten
Sonnengeistes wurden auch die Fiihrer des Saturn, Jupiter
usw. enthullt. Man kannte im Sonnenorakel das Ge-
heimnis, solche menschlichen Lebensleiber bei diesem oder
jenem Menschen hervorzubringen, wie sie die besten der
Eingeweihten des Jupiter, des Merkur usw. gehabt haben.
Man bewirkte mit den Mitteln, die man dazu hatte und
welche hier nicht weiter zu besprechen sind, daB die Abdriicke
der besten Lebensleiber der alten Eingeweihten sich erhielten
und spateren geeigneten Menschen eingepragt wurden.
Durch die Venus-, Merkur- und Vulkan-Eingeweihten konn-
ten solche Vorgange auch flir die Astralleiber sich abspielen.
In einer gewissen Zeit sah sich der Fiihrer der Christus-
Eingeweihten vereinsamt mit einigen Genossen, denen er die
Geheimnisse der Welt nur in einem sehr beschrankten MaBe
mitteilen konnte. Denn diese Genossen waren solche Men-
schen, welche als Naturanlage am wenigsten von der Tren-
nung des physischen und des Lebensleibes mitbekommen
hatten. Solche Menschen waren in diesem Zeitraum iiber-
haupt die besten fur den weiteren Menschheitsfortschritt.
Bei ihnen hatten sich allmahlich immer weniger die Erleb-
nisse im Bereich des Schlafzustandes eingestellt. Die geistige
Welt war ihnen immer mehr verschlossen worden. Dafiir
fehlte ihnen aber auch das Verstandnis fur alles das, was
sich in alten Zeiten enthullt hatte, wenn der Mensch nicht in
seinem physischen Leibe, sondern nur in seinem Lebensleibe
war. Die Menschen der unmittelbaren Umgebung jenes Fuh-
rers des Christus-Orakels waren am meisten vorgeschritten
in bezug auf die Vereinigung des fruher von dem physischen
Leibe getrennt gewesenen Teiles des Lebensleibes mit jenem.
Diese Vereinigung stellte sich nun nach und nach in der
Menschheit ein als Folge der Umanderung, die mit dem
atlantischen Wohnplatz und der Erde uberhaupt vor sich
gegangen war. Der physische Leib und der Lebensleib des
Menschen kamen immer mehr zur Deckung. Dadurch gingen
die fruheren unbegrenzten Fahigkeiten des Gedachtnisses ver-
loren, und das menschliche Gedankenleben begann. Der mit
dem physischen Leib verbundene Teil des Lebensleibes wan-
delte das physische Gehirn zum eigendichen Denkwerkzeuge
um, und der Mensch empfand eigentlich erst von jetzt ab
sein «Ich» im physischen Leibe. Es erwachte da erst das
SelbstbewuBtsein. Das war nur bei einem geringen Teile der
Menschheit zunachst der Fall, vorziiglich bei den Genossen
des Fiihrers des Christus-Orakels. Die anderen iiber Europa,
Asien und Afrika zerstreuten Menschenmassen bewahrten
in den verschiedensten Graden die Reste der alten BewuBt-
seinszustande. Sie hatten daher eine unmittelbare Erfahrung
von der ubersinnlichen Welt. — Die Genossen des Christus-
Eingeweihten waren Menschen mit hoch entwickeltem Ver-
stande, aber von alien Menschen jener Zeit hatten sie die
geringsten Erfahrungen auf iiber sinnlichem Gebiete. Mit
ihnen zog jener Eingeweihte von Westen nach Osten, nach
einem Gebiete in Innerasien. Er wollte sie moglichst behuten
vor der Beruhrung mit den in der BewuBtseinsentwickelung
weniger vorgeschrittenen Menschen. Er erzog diese Genossen
im Sinne der ihm offenbaren Geheimnisse; namentlich wirkte
er in dieser Art auf deren Nachkommen. So bildete er sich
eine Schar von Menschen heran, welche in ihre Herzen die
Impulse aufgenommen hatten, die den Geheimnissen der
Christus-Einweihung entsprachen. Aus dieser Schar wahlte
er die sieben besten aus, daB sie solche Lebensleiber und
Astralleiber haben konnten, welche den Abdrucken der Le-
bensleiber der sieben besten adantischen Eingeweihten ent-
sprachen. So erzog er je einen Nachfolger der Christus-,
Saturn-, Jupiter- usw. Eingeweihten. Diese sieben Einge-
weihten wurden die Lehrer und Fiihrer derjenigen Men-
schen, welche in der nachadantischen Zeit den Sliden von
Asien, namentlich das alte Indien besiedelt hatten. Da diese
groBen Lehrer eigentlich mit Nachbildern der Lebensleiber
ihrer geistigen Vorfahren begabt waren, reichte das, was in
ihrem Astralleibe war, namlich ihr selbstverarbeitetes Wis-
sen und Erkennen, nicht bis zu dem, was ihnen durch ihren
Lebensleib enthlillt wurde. Sie muBten, wenn diese Offen-
barungen in ihnen sprechen sollten, ihr eigenes Wissen und
Erkennen zum Schweigen bringen. Dann sprachen aus ihnen
und durch sie die hohen Wesenheiten, welche auch fur ihre
geistigen Vorfahren gesprochen hatten. AuBer in den Zei-
ten, wo diese Wesenheiten durch sie sprachen, waren sie
schlichte Menschen, begabt mit dem MaBe von Verstandes-
und Herzensbildung, das sie sich selbst erarbeitet hatten.
In Indien wohnte damals eine Menschenart, welche von
dem alten Seelenzustande der Atlantier, der die Erfahrun-
gen in der geistigen Welt gestattete, sich vorzuglich eine
lebendige Erinnerung an denselben bewahrt hatte. Bei einer
groBen Anzahl dieser Menschen war auch ein gewaltiger Zug
des Herzens und des Gemutes nach den Erlebnissen dieser
ubersinnlichen Welt vorhanden. Durch eine weise Schicksais-
fuhrung war der Hauptteil dieser Menschenart aus den
besten Teilen der atlantischen Bevolkerung nach Sudasien
gekommen. AuBer diesem Hauptteil waren andere Teile zu
anderen Zeiten zugewandert Fur diesen Menschenzusam-
menhang bestimmte der genannte Christus-Eingeweihte zu
Lehrern seine sieben groBen Schiiler. Sie gaben diesem Volke
ihre Weisheit und ihre Gebote. Nur geringer Vorbereitung
bedurfte mancher dieser alten Indier, um in sich rege zu
machen die kaum verloschten Fahigkeiten, die zur Beobach-
tung in der ubersinnlichen Welt fuhrten. Denn es war eigent-
lich die Sehnsucht nach dieser Welt eine Grundstimmung der
indischen Seele. In dieser Welt, so empfand man, war die
Urheimat der Menschen. Aus dieser Welt sind sie heraus-
versetzt in diejenige, welche das auBere sinnliche Anschauen
und der an dieses Anschauen gebundene Verstand liefern
kann. Die iibersinnliche Welt fiihlte man als die wahre und
die sinnliche als eine Tauschung der menschlichen Wahrneh-
mung, eine Illusion (Maja). Mit alien Mitteln strebte man
darnach, sich den Einblick in die wahre Welt zu eroffhen.
Der illusorischen SinnenWelt vermochte man kein Interesse
entgegenzubringen, oder doch nur insofern, als sie sich als
Schleier fur die iibersinnliche erweist. Die Macht, die von
den sieben groBen Lehrern auf solche Menschen ausgehen
konnte, war gewaltig. Das, was durch sie geoffenbart wer-
den konnte, lebte sich tief in die indischen Seelen ein. Und
weil der Besitz der uberkommenen Lebens- und Astralleiber
diesen Lehrern hohe Krafte verlieh, so konnten sie auch ma-
gisch auf ihre Schuler wirken. Sie lehrten eigentlich nicht.
Sie wirkten wie durch Zauberkrafte von Personlichkeit zu
Personlichkeit. So entstand eine Kultur, welche von iiber-
sinnlicher Weisheit ganz durchdrungen war. Was in den
Weisheitsbuchern der Inder (in den Veden) enthalten ist,
gibt nicht die ursprlingliche Gestalt der hohen Weistumer,
welche in der altesten Zeit durch die groBen Lehrer gepflegt
worden sind, sondern nur einen schwachen Nachklang. Nur
der ruckwarts gewendete iibersinnliche Blick kann eine un-
geschriebene Urweisheit hinter der geschriebenen finden. Ein
Zug, welcher in dieser Urweisheit besonders hervortritt, ist
das harmonische Zusammenklingen der verschiedenen Ora-
kel-Weisheiten der adantischen Zeit. Denn ein jeder der
groBen Lehrer konnte eine dieser Orakel-Weisheiten ent-
hiillen. Und die verschiedenen Seiten der Weisheit gaben
einen vollkommenen Einklang, weil hinter ihnen stand
die Grundweisheit der prophetischen Christus-Einweihung.
Zwar stellte derjenige Lehrer, welcher der geistige Nach-
folger des Christus-Eingeweihten war, nicht dasjenige dar,
was der Christus-Eingeweihte selbst enthiillen konnte. Die-
ser war im Hintergrunde der Entwicklung geblieben. Zu-
nachst konnte er sein hohes Amt keinem Nachadantier
iibertragen. Der Christus-Eingeweihte der sieben groBen
indischen Lehrer unterschied sich von ihm dadurch, daB
er ja vollstandig sein Schauen des Christus-Geheimnisses
in menschliche Vorstellimgen hatte verarbeiten konnen,
wahrend jener indische Christus-Eingeweihte nur einen Ab-
glanz dieses Geheimnisses in Sinnbildern und Zeichen dar-
stellen konnte. Denn sein menschlich erarbeitetes Vorstellen
reichte nicht bis zu diesem Geheimnisse. Aber aus der Ver-
einigung der sieben Lehrer ergab sich in einem groBen Weis-
heitsbilde eine Erkenntnis der ubersinnlichen Welt, von wel-
cher in dem alten atlantischen Orakel nur die einzelnen
Glieder haben verkundet werden konnen. Es wurden die
groBen Fuhrerschaften der kosmischen Welt enthullt und
leise hingewiesen auf den einen groBen Sonnengeist, den
Verborgenen, der iiber denen thront, welche durch die sie-
ben Lehrer geoffenbart wurden.
Was hier unter «alten Indiern» verstanden wird, fallt
nicht zusammen mit demjenigen, was gewohnlich darunter
gemeint wird. AuBere Dokumente aus jener Zeit, von der
hier gesprochen wird, gibt es nicht. Das gewohnlich «Inder»
genannte Volk entspricht einer Entwickelungsstufe der Ge-
schichte, welche sich erst lange nach der hier gemeinten Zeit
gebildet hat Es ist eben zu erkennen eine erste nachadan-
tische Erdenperiode, in welcher die hier charakterisierte «in-
dische» Kultur die herrschende war; dann bildete sich eine
zweite nachatlantische, in welcher dasjenige an Kultur herr-
schend wurde, was spater in dieser Schrift «urpersische» ge-
nannt werden wird; und noch spater entwickelte sich die
ebenfalls noch zu schildernde agyptisch-chaldaische Kultur.
Wahrend der Ausbildung dieser zweiten und dritten nach-
adantischen Kulturepoche erlebte auch das «alte» Indiertum
eine zweite und dritte Epoche. Und von dieser dritten Epoche
gilt dasjenige, was gewohnlich vom alten Indien dargestellt
wird. Man darf also nicht dasjenige, was hier geschildert wird,
auf das «alte Indien» beziehen, von dem sonst die Rede ist.
Ein andrer Zug dieser altindischen Kultur ist derjenige,
welcher spater zur Einteilung der Menschen in Kasten
fiihrte. Die in Indien Wohnenden waren Nachkommen von
Adantiern, die zu verschiedenen Menschenarten, Saturn-,
Jupiter- usw. Menschen gehorten. Durch die ubersinnlichen
Lehren wurde begriffen, daB eine Seele nicht durch Zufall
in diese oder jene Kaste versetzt wurde, sondern dadurch,
daB sie sich selbst fur dieselbe bestimmt hatte. Ein solches
Begreifen der ubersinnlichen Lehren wurde hier insbeson-
dere dadurch erleichtert, daB bei vielen Menschen die oben
charakterisierten inneren Erinnerungen an die Vorfahren
rege gemacht werden konnten, welche allerdings auch leicht
zu einer irrtumlichen Idee von der Wiederverkorperung
fuhrten. Wie in dem atlantischen Zeitalter nur durch die
Eingeweihten die wahre Idee der Wiederverkorperung er-
langt werden konnte, so im altesten Indien nur durch die
unmittelbare Beruhrung mit den groBen Lehrern. Jene oben
erwahnte irrttimliche Idee von der Wiederverkorperung fand
allerdings bei den Volkern, welche sich infolge des Unter-
ganges der Adantis liber Europa, Asien und Afrika verbrei-
teten, die denkbar groBte Ausdehnung. Und weil diejenigen
Eingeweihten, welche wahrend der atlantischen Entwicke-
lung auf Abwege geraten waren, auch dieses Geheimnis
Unreifen mitgeteilt hatten, so gerieten die Menschen immer
mehr zu einer Verwechselung der wahren mit der irrttim-
lichen Idee. Es war ja diesen Menschen wie eine Erbschaft
der atlantischen Zeit eine Art dammerhaften Hellsehens
vielfach geblieben. Wie die Atlantier im Schlafe in den Be-
reich der geistigen Welt kamen, so erlebten ihre Nachkom-
men in abnormen Zwischenzustanden zwischen Wachen und
Schlaf diese geistige Welt Da traten in ihnen die Bilder
alter Zeit auf, der ihre Vorfahren angehort hatten. Sie hielten
sich fur Wiederverkorperimgen von Menschen, welche in sol-
cher Zeit gelebt hatten. Lehren iiber die Wiederverkorperung,
welche mit den echten Ideen der Eingeweihten im Wider-
spruch standen, breiteten sich iiber den ganzen Erdkreis aus.
In den vorderasiatischen Gebieten hatte sich als Ergebnis
der langdauernden Wanderziige, die sich seit dem Beginne
der atlantischen Zerstorung von Westen nach Osten beweg-
ten, ein Volkszusammenhang seBhaft gemacht, dessen Nach-
kommenschaft die Geschichte als das persische Volk und die
mit diesem verwandten Stamme kennt. Die ubersinnliche
Erkenntnis muB allerdings zu viel friiheren Zeiten zuriick-
gehen als zu den geschichtlichen dieser Volker. Zunachst ist
die Rede von sehr friihen Vorfahren der spateren Perser,
unter denen das zweite groBe Kulturzeitalter der nachadan-
tischen Entwickelung, nach dem indischen, entstand. Die
Volker dieses zweiten Zeitalters hatten eine andere Aufgabe
als die indischen. Sie waren mit ihren Sehnsuchten und Nei-
gungen nicht bloB der ubersinnlichen Welt zugewendet; sie
waren veranlagt fur die physisch-sinnliche Welt. Sic gewan-
nen die Erde lieb. Sie schatzten, was sich der Mensch auf
dieser erobern und was er durch ihre Krafte gewinnen
kann. Was sie als Kriegsvolk vollfiihrten und auch was sie
als Mittel erfanden, um der Erde ihre Schatze abzuge-
winnen, steht im Zusammenhang mit dieser Eigenart ihres
Wesens. Bei ihnen war nicht die Gefahr vorhanden, daB
sie durch ihre Sehnsucht nach dem Ubersinnlichen sich
vollig abkehren konnten von der «Illusion» des Physisch-
Sinnlichen, sondern eher diejenige, daB sie durch ihren Sinn
fiir dieses den seelischen Zusammenhang mit der ubersinn-
lichen Welt ganz verlieren konnten. Auch die Orakelstatten,
welche sich aus dem alten adantischen Gebiet hierher ver-
pflanzt hatten, trugen in ihrer Art den allgemeinen Charak-
ter des Volkes. Es wurde da von Kraften, die man sich
einstmals durch die Erlebnisse der ubersinnlichen Welt hatte
aneignen konnen und welche man in gewissen niederen For-
men noch beherrschen konnte, dasjenige gepflegt, was die
Erscheinungen der Natur so lenkt, daB sie den personlichen
Interessen des Menschen dienen. Dieses alte Volk hatte noch
eine groBe Macht in der Beherrschung solcher Naturkrafte,
die spater vor dem menschlichen Willen sich zuriickzogen.
Die Hiiter der Orakel geboten iiber innere Krafte, welche
mit dem Feuer und andern Elementen in Zusammenhang
standen. Man kann sie Magier nennen. Was sie sich als Erb-
schaft von ubersinnlicher Erkenntnis und ubersinnlichen
Kraften aus alten Zeiten bewahrt hatten, war allerdings
schwach im Verhaltnis zu dem, was der Mensch in urferner
Vergangenheit vermochte. Aber es nahm doch alle Formen
an, von edlen Ktinsten, die nur das Menschenheil im Auge
hatten, bis zu den verwerflichsten Verrichtungen. In die-
sen Menschen waltete das luziferische Wesen auf eine be-
sondere Art. Es hatte sie mit allem in Zusammenhang
gebracht, was den Menschen von den Absichten derjenigen
hoheren Wesen ablenkt, welche ohne den luziferischen Ein-
schlag allein die Menschheitsentwickelung vorwarts gelenkt
hatten. Auch diejenigen Glieder dieses Volkes, welche noch
mit Resten des alten hellseherischen Zustandes, des oben ge-
schilderten Zwischenzustandes zwischen Wachen und Schla-
fen, begabt waren, fiihlten sich zu den niederen Wesen der
geistigen Welt sehr hingezogen. Es muBte diesem Volke ein
geistiger Antrieb gegeben werden, welcher diesen Charakter-
eigenschaften entgegenwirkte. Ihm wurde aus derselben
Quelle, aus welcher auch das alte indische Geistesleben kam,
von dem Bewahrer der Geheimnisse des Sonnenorakels, eine
Fuhrerschaft gegeben.
Der Fiihrer der urpersischen Geisteskultur, der von jenem
Hiiter des Sonnenorakels dem in Rede stehenden Volke ge-
geben wurde, kann mit demselben Namen bezeichnet wer-
den, welchen die Geschichte als Zarathustra oder Zoroaster
kennt Nur muB betont werden, daB die hier gemeinte Per-
sonlichkeit einer viel friiheren Zeit angehort, als die ist, in
welche die Geschichte den Trager dieses Namens setzt. Doch
kommt es hier nicht auf die auBere geschichtliche Forschung,
sondern auf Geisteswissenschaft an. Und wer an eine spatere
Zeit bei dem Trager des Zarathustra-Namens denken muB,
der mag den Einklang mit der Geisteswissenschaft darin su-
chen, daB er sich einen Nachfolger des ersten groBen Zarathu-
stra vorstellt, der dessen Namen angenommen hat und im
Sinne von dessen Lehre wirkte. — Der Antrieb, den Zarathustra
seinem Volke zu geben hatte, bestand darin, daB er es dar-
auf hinwies, wie die sinnlich-physische Welt nicht bloB das
Geisdose ist, das dem Menschen entgegentritt, wenn er sich
unter den ausschlieBlichen EinfluB des luziferischen Wesens
begibt Diesem Wesen verdankt der Mensch seine person-
liche Selbstandigkeit und sein Freiheitsgefuhl. Es soil aber
in ihm im Einklange mit dem entgegengesetzten geistigen
Wesen wirken. Bei dem urpersischen Volke kam es dar-
auf an, den Sinn rege zu erhalten fur dies letztere geistige
Wesen, Durch seine Neigung fur die sinnlich-physische Welt
drohte ihm die vollstandige Verschmelzung mit den luzife-
rischen Wesen. Zarathustra hatte nun durch den Hiiter des
Sonnen-Orakels eine solche Einweihung erhalten, daB ihm
die Offenbarungen der hohen Sonnenwesen zuteil werden
konnten. In besonderen Zustanden seines BewuBtseins, zu
denen ihn seine Schulung gefuhrt hatte, konnte er den Fiihrer
der Sonnenwesen schauen, welcher den menschlichen Lebens-
leib in der oben geschilderten Art in seinen Schutz genom-
men hatte. Er wuBte, daB dieses Wesen die Fuhrung der
Menschheitsentwickelung lenkt, daB es aber erst zu einer ge-
wissen Zeit aus dem Weltenraum auf die Erde hernieder-
steigen konnte. Dazu ist notwendig, daB es ebenso im Astral-
leibe eines Menschen leben konnte, wie es seit dem Einschlag
des luziferischen Wesens im Lebensleibe wirkte. Es muBte
ein Mensch dazu erscheinen, der den Astralleib wieder auf
eine solche Stufe zuruckverwandelt hatte, wie sie dieser ohne
Luzifer zu einer gewissen andern Zeit (in der Mitte der atlan-
tischen Entwickelung) erlangt haben wiirde. Ware Luzifer
nicht gekommen, so ware der Mensch zwar friiher zu dieser
Stufe gelangt, aber ohne personliche Selbstandigkeit und
ohne die Moglichkeit der Freiheit. Nunmehr aber sollte
trotz dieser Eigenschaften der Mensch wieder zu dieser Hohe
kommen. Zarathustra sah in seinen Seherzustanden voraus,
daB in der Zukunft innerhalb der Menschheitsentwickelung
eine Personlichkeit moglich sein wiirde, welche einen solch
entsprechenden Astralleib haben wiirde. Aber er wuBte auch,
daB vor dieser Zeit die geistigen Sonnenkrafte nicht auf Er-
den gefunden werden konnen, daB sie aber von der ubersinn-
lichen Anschauung im Bereich des geistigen Teiles der Sonne
wahrgenommen werden konnen. Er konnte diese Krafte
schauen, wenn er seinen Seherblick auf die Sonne lenkte.
Und er verkundigte seinem Volke das Wesen dieser Krafte,
die vorerst nur in der geistigen Welt zu finden waren und
spater auf die Erde herabsteigen sollten. Es war dies die
Verkundigung des groBen Sonnen- oder Lichtgeistes (der
Sonnen-Aura, Ahura-mazdao, Ormuzd). Dieser Lichtgeist
offenbart sich fur Zarathustra und seine Anhanger als der
Geist, der dem Menschen sein Antlitz aus der geistigen Welt
zuwendet und der innerhalb der Menschheit die Zukunft
vorbereitet. Es ist der auf Christus vor seiner Erscheinung
auf Erden auf diesen hinweisende Geist, den Zarathustra
als den Lichtgeist verkundet. Dagegen stellt er in Ahriman
(Angra mainju) eine Macht dar, welche durch ihren EinfluB
auf das menschliche Seelenleben verderblich wirkt, wenn
dieses sich ihr einseitig hingibt. Es ist diese Macht keine
andere als die schon oben charakterisierte, welche seit dem
Verrat der Vulkan-Geheimnisse eine besondere Herrschaft
auf der Erde erlangt hatte. Neben der Botschaft von dem
Lichtgotte wurden von Zarathustra Lehren von denjenigen
geistigen Wesenheiten verkundet, die dem gelauterten Sinn
des Sehers als Genossen des Lichtgeistes offenbar werden und
zu denen die Versucher einen Gegensatz bildeten, welche
dem ungelauterten Reste der Hellsichtigkeit erschienen, der
sich aus der atlantischen Zeit erhalten hatte. Es sollte dem ur-
persischen Volke klar gemacht werden, wie in der Menschen-
seele, insofern diese dem Wirken und Streben in der sinn-
lich-physischen Welt zugewandt ist, sich ein Kampf zwischen
der Macht des Lichtgottes und der seines Gegners abspielt
und wie sich der Mensch zu verhalten habe, damit ihn der
letztere nicht in den Abgrund fiihre, sondern sein EinfluB
durch die Kraft des ersteren ins Gute gelenkt werde.
Eine dritte Kulturepoche der nachatlantischen Zeit wurde
bei den Volkern geboren, die durch die Wanderzuge zuletzt
in Vorderasien und Nordafrika zusammengestromt waren.
Bei den Chaldaern, Babyloniem, Assyrem einerseits, bei den
Agyptern andererseits bildete sie sich aus. Bei diesen Vol-
kern war der Sinn fur die physisch-sinnliche Welt noch in
einer andern Art ausgebildet als bei den Urpersern. Sie
hatten viel mehr als andere in sich aufgenommen von der
Geistesanlage, welche dem seit den letzten adantischen Zei-
ten erstandenen Denkvermogen, der Verstandesbegabung,
die Grundlage gibt. Es war ja die Aufgabe der nachadanti-
schen Menschheit, diejenigen Seelenfahigkeiten in sich zu
entfalten, welche gewonnen werden konnten durch die er-
wachten Gedanken- und Gemutskrafte, die nicht von der
geistigen Welt unmittelbar angeregt werden, sondern da-
durch entstehen, daB der Mensch die SinnenWelt betrach-
tet, sich in ihr einlebt und sie bearbeitet. Die Eroberung
dieser sinnlich-physischen Welt durch jene menschlichen
Fahigkeiten muB als die Mission des nachadantischen Men-
schen angesehen werden. Von Stufe zu Stufe schreitet diese
Eroberung vorwarts. Im alten Indien ist zwar der Mensch
durch seine Seelenverfassung schon auf diese Welt gerichtet.
Er sieht sie aber noch als Illusion an, und sein Geist ist der
ubersinnlichen Welt zugewendet. Im urpersischen Volke tritt
im Gegensatz dazu das Bestreben auf, die physisch-sinnliche
Welt zu erobern; aber dies wird zum groBen Teil noch mit
jenen Seelenkraften versucht, welche als Erbstiick aus einer
Zeit geblieben sind, da der Mensch unmittelbar zur uber-
sinnlichen Welt hinaufreichen konnte. Bei den Volkern der
dritten Kulturepoche ist die Seele der tibersinnlichen Fahig-
keiten zum groBen Teile verlustig gegangen. Sie muB in der
sinnlichen UmWelt die Offenbarungen des Geistigen erfor-
schen und durch die Entdeckung und Erfindung der aus
dieser Welt sich ergebenden Kulturmittel sich weiter bilden.
Dadurch, daB aus der physisch- sinnlichen Welt die Gesetze
des hinter ihr stehenden Geistigen erforscht wurden, ent-
standen die menschlichen Wissenschaften; dadurch, daB die
Krafte dieser Welt erkannt und verarbeitet wurden, die
menschliche Technik, die kunstlerische Arbeit und deren
Werkzeuge und Mittel. Dem Menschen der chaldaisch-baby-
lonischen Volker war die SinnenWelt nicht mehr eine Illu-
sion, sondern in ihren Reichen, in Bergen und Meeren, in
Luft und Wasser eine Offenbarung der geistigen Taten da-
hinterstehender Machte, deren Gesetze er zu erkennen trach-
tete. Dem Agypter war die Erde ein Feld seiner Arbeit,
das ihm in einem Zustand libergeben wurde, den er durch
seine eigenen Verstandeskrafte so umzuwandeln hatte, daB
er als Abdruck menschlicher Macht erschien. Nach Agyp-
ten waren von der Adantis her Orakelstatten verpflanzt
worden, welche vorzugsweise dem Merkur-Orakel entstamm-
ten. Doch gab es auch andere, z.B. Venus-Orakel. In
dasjenige, was durch diese Orakelstatten im agyptischen
Volke gepflegt werden konnte, wurde ein neuer Kulturkeim
gesenkt. Er ging aus von einem groBen Fiihrer, welcher seine
Schulung innerhalb der persischen Zarathustra-Geheimnisse
genossen hatte. (Er war die wiederverkorperte Personlich-
keit eines Jungers des groBen Zarathustra selbst.) Er sei in
Anlehnung an einen geschichtlichen Namen «Hermes» ge-
nannt Durch das Aufnehmen der Zarathustra-Geheimnisse
konnte er den rechten Weg fur die Lenkung des agyptischen
Volkes finden. Dieses Volk hatte im irdischen Leben, zwi-
schen Geburt und Tod, den Sinn der physisch-sinnlichen
Welt so zugelenkt, daB es zwar unmittelbar die dahinter-
stehende GeistesWelt nur in beschranktem MaBe schauen
konnte, aber in jener Welt die Gesetze dieser erkannte. So
konnte ihm die geistige Welt nicht als diejenige gelehrt wer-
den, in welche es sich auf der Erde einleben konnte. Dafiir
aber konnte ihm gezeigt werden, wie der Mensch im leib-
freien Zustande nach dem Tode leben werde mit der Welt der
Geister, welche wahrend der Erdenzeit durch ihren Abdruck
in dem Reiche des Sinnlich-Physischen erscheinen. Hermes
lehrte: insoweit der Mensch seine Krafte auf der Erde dazu
verwendet, urn in dieser nach den Absichten der geistigen
Machte zu wirken, macht er sich fahig, nach dem Tode mit
diesen Machten vereinigt zu sein. Insbesondere werden die-
jenigen, welche am eifrigsten in dieser Richtung zwischen Ge-
burt und Tod gewirkt haben, mit der hohen Sonnenwesenheit
— mit Osiris — vereinigt werden. Auf der chaldaisch-babylo-
nischen Seite dieser Kulturstromung machte sich die Hin-
lenkung des Menschensinns zum Physisch-Sinnlichen mehr
geltend als auf der agyptischen. Es wurden die Gesetze dieser
Welt erforscht und aus den sinnlichen Abbildern auf die
geistigen Urbilder geschaut. Doch blieb das Volk am Sinn-
lichen in vielfacher Beziehung haften. Statt des Sternengeistes
wurde der Stern und statt anderer Geistwesen deren irdische
Abbilder in den Vordergrund geschoben. Nur die Fiihrer er-
langten eigendiche tiefe Erkenntnisse in bezug auf die Ge-
setze der iibersinnlichen Welt und ihres Zusammenwirkens
mit der sinnlichen. Starker als sonst irgendwo machte sich
hier ein Gegensatz zwischen den Erkenntnissen der Ein-
geweihten und dem verirrten Glauben des Volkes geltend.
Ganz andere Verhaltnisse waren in den Gegenden Siid-
europas und Westasiens, wo die vierte nachatlantische Kul-
turepoche aufbliihte. Man kann sie die griechisch-lateinische
nennen. In diesen Landern waren die Nachkommen der
Menschen aus den verschiedensten Gegenden der alteren
Welt zusammengestromt. Es gab Orakelstatten, welche den
mannigfachen adantischen Orakeln nachlebten. Es gab Men-
schen, welche als natiirliche Anlage Erbstlicke des alten Hell-
sehens in sich hatten, und solche, welche sie verhaltnismaBig
leicht durch Schulung erlangen konnten. An besonderen
Orten wurden nicht nur die Uberlieferungen der alten Ein-
geweihten bewahrt, sondern es erstanden an ihnen wtirdige
Nachfolger derselben, welche Schiiler heranzogen, die sich
zu hohen Stufen geistigen Schauens erheben konnten. Dabei
hatten diese Volker den Trieb in sich, innerhalb der sinn-
lichen Welt ein Gebiet zu schaffen, welches in dem Physi-
schen das Geistige in vollkommener Form ausdrtickt. Neben
vielem andern ist die griechische Kunst eine Folge dieses
Triebes. Man braucht nur mit dem geistigen Auge den grie-
chischen Tempel zu durchschauen, und man wird erkennen,
wie in einem solchen Wunderwerk der Kunst das Sinnlich-
Stoffliche von dem Menschen so bearbeitet ist, daB es in
jedem Gliede als der Ausdruck des Geistigen erscheint. Der
griechische Tempel ist das «Haus des Geistes». Man nimmt
in seinen Formen wahr, was sonst nur das geistige Auge
des tibersinnlich Schauenden erkennt. Ein Zeus- (oder Ju-
piter-)Tempel ist so gestaltet, daB er fur das sinnliche Auge
eine wurdige Umhullung dessen darstellt, was der Hiiter
der Zeus- oder Jupiter-Einweihung mit geistigem Auge
schaute. Und so ist es mit aller griechischen Kunst. Auf ge-
heimnisvollen Wegen flossen die Weistumer der Eingeweih-
ten in die Dichter, Kiinstler und Denker. In den Weltanschau-
ungsgebauden der alten griechischen Philosophen findet man
die Geheimnisse der Eingeweihten in Form von Begriffen
und Ideen wieder. Und es stromten die Einfliisse des geisti-
gen Lebens, die Geheimnisse der asiatischen und afrikani-
schen Einweihungsstatten diesen Volkern und ihren Fiih-
rern zu. Die groBen indischen Lehrer, die Genossen Zara-
thustras, die Anhanger des Hermes hatten ihre Schuler
herangezogen. Diese oder deren Nachfolger begrundeten
nun Einweihungsstatten, in denen die alten Weistumer in
neuer Form wieder auflebten. Es sind die Mysterien des
Altertums. Man bereitete da die Schuler vor, um sie dann
in jene BewuBtseinszustande zu bringen, durch welche sie
das Schauen in die geistige Welt erlangen konnten. (Man
findet einiges Nahere liber diese Mysterien des Altertums in
meinem Buche: «Das Christentum als mystische Tatsache».
Anderes daruber wird in den letzten Kapiteln dieses Buches
gesagt werden.) Aus diesen Einweihungsstatten flossen die
Weistumer denen zu, welche in Kleinasien, in Griechenland
und Italien die geistigen Geheimnisse pflegten. (In der grie-
chischen Welt entstanden in den orphischen und eleusini-
schen Mysterien wichtige Einweihungsstatten. In der Weis-
heitsschule des Pythagoras wirkten die groBen Weisheitsleh-
ren und Weisheitsmethoden der Vorzeit nach. Auf groBen
Reisen war Pythagoras in die Geheimnisse der verschieden-
sten Mysterien eingeweiht worden.)
Das Leben des Menschen — in der nachatlantischen Zeit —
zwischen Geburt und Tod hatte aber auch seinen EinfluB
auf den leibfreien Zustand nach dem Tode. Je mehr der
Mensch seine Interessen der physisch-sinnlichen Welt zu-
kehrte, urn so groBer war die Moglichkeit, daB sich Ahriman
wahrend des Erdenlebens in die Seele einlebte und dann
seine Gewalt iiber den Tod hinaus behielt. Bei den Volkern
des alten Indien war diese Gefahr noch am geringsten. Denn
sie hatten wahrend des Erdenlebens die physisch-sinnliche
Welt als Illusion empfunden. Dadurch entzogen sie sich
nach dem Tode der Macht Ahrimans. Um so groBer war die
Gefahr fur die urpersischen Volker. Sie hatten in der Zeit
zwischen Geburt und Tod den Blick mit Interesse auf die
sinnlich-physische Welt gerichtet. Sie waren in hohem MaBe
Ahrimans Umgarnungen verfallen, wenn nicht Zarathustra
in eindrucksvoller Art durch die Lehre des Lichtgottes dar-
auf hingedeutet hatte, daB hinter der physisch-sinnlichen
Welt diejenige der Lichtgeister steht. Soviel die Menschen
dieser Kultur aus der so erregten VorstellungsWelt in die
Seele aufgenommen hatten, ebensoviel entzogen sie sich fur
das Erdenleben den Fangarmen Ahrimans und damit auch
fur das Leben nach dem Tode, durch das sie sich auf ein
neues Erdenleben vorbereiten sollten. Im Erdenleben fiihrt
die Gewalt Ahrimans dazu, das sinnlich-physische Dasein
als das einzige anzusehen und sich dadurch jeden Ausblick
auf eine geistige Welt zu versperren. In der geistigen Welt
bringt diese Gewalt den Menschen zur volligen Verein-
samung, zur Hinlenkung aller Interessen nur auf sich. Men-
schen, welche beim Tode in Ahrimans Gewalt sind, werden
als Egoisten wiedergeboren.
Man kann gegenwartig innerhalb der Geisteswissenschaft
das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt so
beschreiben, wie es ist, wenn der ahrimanische EinfluB bis
zu einem gewissen Grade uberwunden ist. Und so ist es von
dem Schreiber dieses Buches in anderen Schriften und in den
ersten Kapiteln der vorliegenden geschildert worden. Und
so muB es geschildert werden, wenn anschaulich werden soil,
was in dieser Daseinsform von dem Menschen erlebt werden
kann, wenn er sich den reinen Geistesblick fur das wirklich
Vorhandene erobert hat Inwieweit es der einzelne mehr oder
weniger erlebt, hangt von seiner Besiegung des ahrimani-
schen Einflusses ab. Der Mensch nahert sich dem, was er sein
kann in der geistigen Welt, immer mehr und mehr. Wie dies,
was da der Mensch sein kann, beeintrachtigt wird von ande-
ren Einfltissen, muB hier beimBetrachten des Entwickelungs-
ganges der Menschheit doch scharf ins Auge gefaBt werden.
Bei dem agyptischen Volke sorgte Hermes dafiir, daB die
Menschen wahrend des Erdenlebens sich zur Gemeinschaft
mit dem Lichtgeist vorbereiteten. Weil aber wahrend dieser
Zeit die Interessen der Menschen zwischen Geburt und Tod
schon so gestaltet waren, daB durch den Schleier des Phy-
sisch-Sinnlichen nur in geringem Grade hindurchgeschaut
werden konnte, so blieb auch der geistige Blick der Seele
nach dem Tode getrlibt Die Wahrnehmung der LichtWelt
blieb matt. — Einen Hohepunkt erreichte die Verschleierung
der geistigen Welt nach dem Tode fur jene Seelen, welche
aus einem Leibe der griechisch-lateinischen Kultur in den
leibfreien Zustand ubergingen. Sie hatten im Erdenleben die
Pflege des sinnlich-physischen Daseins zur Bliite gebracht.
Und damit hatten sie sich zu einem Schattendasein nach dem
Tode verurteilt. Daher empfand der Grieche dieses Leben
nach dem Tode als ein Schattendasein; und es ist nicht bloBes
Gerede, sondern die Empfindung der Wahrheit, wenn der
dem Sinnenleben zugewandte Held dieser Zeit sagt: «Lieber
ein Bettler auf der Erde, als ein Konig im Reich der Schat-
ten.» Noch ausgepragter war dies alles bei jenen asiatischen
Volkern, die auch in ihrer Verehrung und Anbetung den
Blick nur auf die sinnlichen Abbilder statt auf die geistigen
Urbilder gerichtet hatten. Ein groBer Teil der Menschheit
war zur Zeit der griechisch-lateinischen Kulturperiode in
der geschilderten Lage. Man sieht, wie die Mission des Men-
schen in der nachatlantischen Zeit, welche in der Eroberung
der physisch- sinnlichen Welt bestand, notwendig zur Ent-
fremdung von der geistigen Welt fuhren muBte. So hangt
das GroBe auf der einen Seite mit dem Verfall auf der an-
deren ganz notwendig zusammen. — In den Mysterien wurde
der Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt
gepflegt. Ihre Eingeweihten konnten in besonderen Seelen-
zustanden die Offenbarungen aus dieser Welt empfangen.
Sie waren mehr oder weniger die Nachfolger der atlantischen
Orakelhiiter. Ihnen wurde enthullt, was verhullt war durch
die Einschlage Luzifers und Ahrimans. Luzifer verhlillte fur
den Menschen dasjenige aus der geistigen Welt, was in den
menschlichen Astralleib ohne dessen Zutun bis zur Mitte der
atlantischen Zeit eingestromt war. Falls der Lebensleib nicht
vom physischen Leib teilweise getrennt worden ware, hatte
dieses Gebiet der geistigen Welt der Mensch wie eine innere
SeelenofTenbarung in sich erleben konnen. Durch den luzife-
rischen Einschlag konnte er es nur in besonderen Seelen-
zustanden. Da erschien ihm eine geistige Welt im Kleide des
Astralischen. Die entsprechenden Wesen offenbarten sich
durch solche Gestalten, welche bloB die Glieder der hoheren
Menschennatur an sich trugen, und an diesen Gliedern die
astralisch-sichtbaren Sinnbilder fur ihre besonderen geisti-
gen Krafte. Ubermenschliche Gestalten offenbarten sich auf
diese Art. — Nach dem Eingriff Ahrimans kam zu dieser Art
von Einweihung noch eine andere. Ahriman hat verhullt
alles dasjenige aus der geistigen Welt, was hinter der sinn-
lich-physischen Wahrnehmung erschienen ware, wenn von
der Mitte der atlantischen Epoche an sein Eingriff nicht er-
folgt ware. DaB den Eingeweihten dies enthiillt wurde, ver-
dankten sie dem Umstande, daB sie alle jene Fahigkeiten,
welche der Mensch seit jener Zeit erlangt hatte, liber das
MaB hinaus in der Seele iibten, durch welches die Eindriicke
des sinnlich-physischen Daseins erzielt werden. Es offen-
barte sich ihnen dadurch, was als geistige Machte hinter den
Naturkraften liegt. Sie konnten sprechen von den geistigen
Wesenheiten hinter der Natur. Die schopferischen Machte
derjenigen Krafte enthullten sich ihnen, die in dem Natiir-
lichen wirken, das unter dem Menschen steht. Was von
Saturn, Sonne und dem alten Monde her fortgewirkt hat
und des Menschen physischen Leib, seinen Lebensleib, seinen
astralischen Leib gebildet hatte, sowie das mineralische, das
pflanzliche, das tierische Reich, das bildete den Inhalt der
einen Art von Mysterien-Geheimnissen. Es waren diejenigen,
liber welche Ahriman die Hand hielt. Was zur Empfindungs-
seele, zur Verstandesseele, zur BewuBtseinsseele gefuhrt
hatte, das wurde in einer zweiten Art von Mysterien-Ge-
heimnissen geoffenbart. Was aber von den Mysterien nur
prophezeit werden konnte, das war, daB in der Zeiten Lauf
ein Mensch erscheinen werde mit einem solchen Astralleib,
daB in diesem trotz Luzifers die LichtWelt des Sonnengeistes
durch den Lebensleib ohne besondere Seelenzustande werde
bewuBt werden konnen. Und der physische Leib dieses
Menschenwesens muBte so sein, daB fur dasselbe offenbar
wurde alles dasjenige aus der geistigen Welt, was bis zum
physischen Tode hin von Ahriman verhullt werden kann.
Der physische Tod kann fur dieses Menschenwesen nichts
innerhalb des Lebens andern, das heiBt keine Gewalt iiber
dasselbe haben. In einem solchen Menschenwesen kommt
das «Ich» so zu Erscheinung, daB im physischen Leben zu-
gleich das voile geistige enthalten ist Ein solches Wesen ist
Trager des Lichtgeistes, zu dem sich der Eingeweihte von
zwei Seiten aus erhebt, indem er entweder zu dem Geist des
Ubermenschlichen oder zu dem Wesen der Naturmachte in
besonderen Seelenzustanden geftihrt wird. Indem die Ein-
geweihten der Mysterien voraussagten, daB ein solches Men-
schenwesen im Laufe der Zeit erscheinen werde, waren sie
die Propheten des Christus.
Als der besondere Prophet in diesem Sinne erstand eine
Personlichkeit inmitten eines Volkes, welches durch natur-
liche Vererbung die Eigenschaften der vorderasiatischen
Volker und durch Erziehung die Lehren der Agypter in sich
hatte, des israelitischen Volkes. Es war Moses. In seine Seele
war so viel von den Einfltissen der Einweihung gekommen,
daB dieser Seele in besonderen Zustanden das Wesen sich
offenbarte, das einstmals in der regelmaBigen Erdenentwik-
kelung die Rolle ubernommen hatte, vom Monde aus das
menschliche BewuBtsein zu gestalten. In Blitz und Donner
erkannte Moses nicht bloB die physischen Erscheinungen,
sondern die Offenbarungen des gekennzeichneten Geistes.
Aber zugleich hatte auf seine Seele gewirkt die andere Art
von Mysterien-Geheimnissen, und so vernahm er in den
astralischen Schauungen das Ubermenschliche, wie es zum
Menschlichen durch das «Ich» wird. So enthullte sich Moses
derjenige, welcher kommen muBte, von zwei Seiten her als
die hochste Form des «Ich».
Und mit «Christus» erschien in menschlicher Gestalt, was
das hohe Sonnenwesen als das groBe menschliche Erden-
vorbild vorbereitet hatte. Mit dieser Erscheinung muBte alle
Mysterien-Weisheit in gewisser Beziehung eine neue Form
annehmen. Vorher war diese ausschlieBlich dazu da, den
Menschen dazu zu bringen, sich in einen solchen Seelen-
zustand zu versetzen, daB er das Reich des Sonnengeistes
aufier der irdischen Entwicklung schauen konnte. Nunmehr
bekamen die Mysterien-Weistumer die Aufgabe, den Men-
schen fahig zu machen, den menschgewordenen Christus zu
erkennen und von diesem Mittelpunkte aller Weisheit aus
die nattirliche und die geistige Welt zu verstehen.
In jenem Augenblicke seines Lebens, in welchem der
Astralleib des Christus Jesus alles das in sich hatte, was
durch den luziferischen Einschlag verhullt werden kann, be-
gann sein Auftreten als Lehrer der Menschheit. Von diesem
Augenblick an war in die menschliche Erdenentwickelung
die Anlage eingepflanzt, die Weisheit aufzunehmen, durch
welche nach und nach das physische Erdenziel erreicht wer-
den kann. In jenem Augenblicke, da sich das Ereignis von
Golgatha vollzog, war die andere Anlage in die Menschheit
eingeimpft, wodurch der EinfluB Ahrimans zum Guten ge-
wendet werden kann. Aus dem Leben heraus kann nunmehr
der Mensch durch das Tor des Todes hindurch das mitneh-
men, was ihn befreit von der Vereinsamung in der geistigen
Welt. Nicht nur fur die physische Menschheitsentwickelung
steht das Ereignis von Palastina im Mittelpunkte, sondern
auch fur die ubrigen Welten, denen der Mensch angehort.
Und als sich das «Mysterium von Golgatha» vollzogen
hatte, als der «Tod des Kreuzes» erlitten war, da erschien
der Christus in jener Welt, in welcher die Seelen nach dem
Tode weilen, und wies die Macht Ahrimans in ihre Schran-
ken. Von diesem Augenblicke an war das Gebiet, das von
den Griechen ein «Schattenreich» genannt worden war, von
jenem Geistesblitz durchzuckt, der seinen Wesen zeigte, daB
wieder Licht in dasselbe kommen sollte. Was durch das
«Mysterium von Golgatha» flir die physische Welt erlangt
war, das warf sein Licht hinein in die geistige Welt. — So
war die nachatlantische Menschheitsentwickelung bis zu
diesem Ereignis hin ein Aufstieg fur die physisch-sinnliche
Welt. Aber sie war auch ein Niedergang fur die geistige.
Alles, was in die sinnliche Welt floB, das entstromte dem,
was in der geistigen seit uralten Zeiten schon war. Seit dem
Christus-Ereignis konnen die Menschen, welche sich zu dem
Christus-Geheimnis erheben, aus der sinnlichen Welt in
die geistige das Errimgene hinubernehmen. Und aus dieser
flieBt es dann wieder in die irdisch- sinnliche zuriick, indem die
Menschen bei ihrer Wiederverkorperung dasjenige mitbrin-
gen, was ihnen der Christus-Impuls in der geistigen Welt
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt geworden ist.
Was durch die Christus-Erscheinung der Menschheits-
entwickelung zugeflossen ist, wirkte wie ein Same in der-
selben. Der Same kann nur allmahlich reifen. Nur der aller-
geringste Teil der Tiefen der neuen Weistumer ist bis auf die
Gegenwart herein in das physische Dasein eingeflossen. Die-
ses steht erst im Anfange der chrisdichen Entwickelung.
Diese konnte in den aufeinanderfolgenden Zeitraumen, die
seit jener Erscheinung verflossen sind, nur immer so viel von
ihrem inneren Wesen enthullen, als die Menschen, die V61-
ker fahig waren, zu empfangen, als diese in ihr Vorstellungs-
vermogen aufnehmen konnten. Die erste Form, in welche
sich dieses Erkennen gieBen konnte, laBt sich als ein um-
fassendes Lebensideal aussprechen. Als solches stellte es sich
entgegen dem, was in der nachadantischen Menschheit sich
als Lebensformen herausgebildet hatte. Es sind oben die
Verhaltnisse geschildert worden, welche in der Entwicke-
lung der Menschheit seit der Wiederbevolkerung der Erde
in der lemurischen Zeit gewirkt haben. Die Menschen sind
demgemaB seelisch auf verschiedene Wesenheiten zuriick-
zufiihren, welche aus anderen Welten kommend in den
Leibesnachkommen der alten Lemurier sich verkorperten.
Die verschiedenen Menschenrassen sind eine Folge dieser
Tatsache. Und in den wiederverkorperten Seelen traten,
infolge ihres Karmas, die verschiedensten Lebensinteressen
auf Solange alles das nachwirkte, konnte es nicht das Ideal
der «allgemeinen Menschlichkeit» geben. Die Menschheit ist
von einer Einheit ausgegangen; aber die bisherige Erden-
entwickelung hat zur Sonderung gefiihrt. In der Christus-
Vorstellung ist zunachst ein Ideal gegeben, das aller Sonde-
rung entgegen wirkt, denn in dem Menschen, der den Christus-
namen tragt, leben auch die Krafte des hohen Sonnen-
wesens, in denen jedes menschliche Ich seinen Urgrund
findet. Noch das israelitische Volk fiihlte sich als Volk, der
Mensch als Glied dieses Volkes. Indem zunachst in dem
bloBen Gedanken erfaBt wurde, daB in Christus Jesus der
Idealmensch lebt, zu dem die Bedingungen der Sonderung
nicht dringen, wurde das Christentum das Ideal der um-
fassenden Bruderlichkeit. Uber alle Sonderinteressen und
Sonderverwandtschaften hinweg trat das Gefiihl auf, daB
des Menschen innerstes Ich bei jedem den gleichen Ursprung
hat (Neben alien Erdenvorfahren tritt der gemeinsame
Vater aller Menschen auf. «Ich und der Vater sind Eins.»)
Im vierten, funften und sechsten Jahrhundert n. Chr.
bereitete sich in Europa ein Kulturzeitalter vor, das mit
dem fiinfzehnten Jahrhimdert begann und in welchem die
Gegenwart noch lebt. Es sollte das vierte, das griechisch-
lateinische allmahlich ablosen. Es ist das fiinfte nachatlan-
tische Kulturzeitalter. Die Volker, welche sich nach ver-
schiedenen Wanderungen und den mannigfaltigsten Schick-
salen zu Tragern dieses Zeitalters machten, waren Nachkom-
men derjenigen Adantier, welche von dem, was mittlerweile
in den vier vorhergehenden Kulturperioden sich abgespielt
hatte, am unberiihrtesten geblieben waren. Sie waren nicht
bis in die Gebiete vorgedrungen, in denen die entsprechenden
Kulturen Wurzel faBten. Dagegen hatten sie in ihrer Art
die adantischen Kulturen fortgepflanzt. Es gab unter ihnen
viele Menschen, welche sich das Erbstiick des alten dammer-
haften Hellsehens — des beschriebenen Zwischenzustandes
zwischen Wachen und Schlafen — im hohen Grade bewahrt
hatten. Solche Menschen kannten die geistige Welt als eige-
nes Erlebnis und konnten ihren Mitmenschen mitteilen, was
in dieser Welt vorgeht. So entstand eine Welt von Erzah-
lungen iiber geistige Wesen und geistige Vorgange. Und der
Marchen- und Sagenschatz der Volker ist ursprunglich aus
solchen geistigen Erlebnissen heraus entstanden. Denn die
dammerhafte Hellsichtigkeit vieler Menschen dauerte bis in
Zeiten herauf die keineswegs lange hinter unserer Gegen-
wart zunickliegen. Andere Menschen waren da, welche die
Hellsichtigkeit zwar verloren hatten, aber die erlangten
Fahigkeiten fur die sinnlich-physische Welt doch nach Ge-
fiihlen und Empfindungen ausbildeten, welche den Erleb-
nissen dieser Hellsichtigkeit entsprachen. Und auch die adan-
tischen Orakel hatten hier ihre Nachfolger. Es gab uberall
Mysterien. Nur bildete sich in diesen Mysterien vorwiegend
ein solches Geheimnis der Einweihung aus, welches zur
Offenbarung derjenigen GeistesWelt fiihrt, die Ahrirnan
verschlossen halt. Die hinter den Naturgewalten stehenden
Geistesmachte wurden da erschlossen. In den Mythologien
der europaischen Volker sind die Reste dessen enthalten, was
die Eingeweihten dieser Mysterien den Menschen verkiin-
den konnten. Nur enthalten diese Mythologien allerdings
auch das andere Geheimnis, doch in unvollkommenerer Ge-
stalt, als die siidlichen und ostlichen Mysterien es hatten. Die
iibermenschlichen Wesenheiten waren auch in Europa be-
kannt. Doch sah man sie im stetigen Kampfe mit den Ge-
nossen Luzifers. Und man verklindigte zwar den Lichtgott;
doch in solcher Gestalt, daB man von dieser nicht sagen
konnte, sie werde Luzifer besiegen. Dafiir aber leuchtete
auch in diese Mysterien hinein die Zukunftsgestalt des Chri-
stus. Man verkiindigte von ihm, daB sein Reich ablosen
werde das Reich jenes anderen Lichtgottes. (Alle Sagen von
der Gotterdammerung und ahnliche haben in dieser Er-
kenntnis der Mysterien Europas ihren Ursprung.) Aus sol-
chen Einfltissen heraus entstand ein Seelenzwiespalt in den
Menschen der fiinften Kulturepoche, der gegenwartig noch
fortdauert und sich in den mannigfaltigsten Erscheinungen
des Lebens zeigt. Die Seele behielt von den alten Zeiten her
den Zug zum Geistigen nicht so stark, daB sie den Zusam-
menhang zwischen der geistigen und der sinnlichen Welt
hatte festhalten konnen. Sie behielt ihn nur als Gefuhls- und
Empfindungszug, nicht aber als unmittelbares Schauen der
tibersinnlichen Welt. Dagegen wurde der Blick des Men-
schen auf die sinnliche Welt und ihre Beherrschung immer
mehr hingelenkt. Und die in der letzten atlantischen Zeit
erwachten Verstandeskrafte, alle die Krafte im Menschen,
deren Instrument das physische Gehirn ist, wurden auf die
SinnesWelt und deren Erkenntnis und Beherrschung hin aus-
gebildet. Zwei Welten entwickelten sich gewissermaBen in
der Menschenbrust. Die eine ist dem sinnlich-physischen
Dasein zugekehrt, die andere ist empfanglich flir die Offen-
barung des Geistigen, urn dieses mit Gefiihl und Empfin-
dung, doch ohne Anschauung zu durchdringen. Die Anlagen
zu dieser Seelenspaltung waren schon vorhanden, als die
Christuslehre in die Gebiete Europas einfloB. Man nahm
diese Botschaft vom Geiste in die Herzen auf, durchdrang
Empfindung und Gefiihl damit, konnte aber nicht die Brucke
schlagen zu dem, was der auf die Sinne gerichtete Verstand
im physisch-sinnlichen Dasein erkundete. Was man heute
kennt als Gegensatz von auBerer Wissenschaft: und geistiger
Erkenntnis, ist nur eine Folge dieser Tatsache. Die christ-
liche Mystik (Eckharts, Taulers usw.) ist ein Ergebnis der
Durchdringung von Gefiihl und Empfindung mit dem Chri-
stentum. Die bloB auf die SinnenWelt gerichtete Wissenschaft
und deren Ergebnisse im Leben sind die Folgen der andern
Seite der Seelenanlagen. Und es sind die Errungenschaften
auf dem Felde der auBerlichen materiellen Kultur durchaus
dieser Trennung der Anlagen zu verdanken. Indem sich die-
jenigen Fahigkeiten des Menschen, welche ihr Instrument
im Gehirn haben, einseitig dem physischen Leben zuwand-
ten, konnten sie zu jener Steigerung kommen, welche die
gegenwartige Wissenschaft, Technik usw. moglich mach-
te. Und nur bei den Volkern Europas konnte der Ur-
sprung dieser materiellen Kultur liegen. Denn sie sind jene
Nachkommen atlantischer Vorfahren, welche den Zug fur
die physisch-sinnliche Welt erst dann zu Fahigkeiten aus-
bildeten, als er zu einer gewissen Reife gediehen war. Vor-
her lieBen sie ihn schlummern und lebten von den Erb-
stiicken des adantischen Hellsehens und den Mitteilungen
ihrer Eingeweihten. Wahrend auBerlich die Geisteskultur
nur diesen Emfliissen hingegeben war, reifte langsam aus
der Sinn fur die materielle Beherrschung der Welt.
Doch kiindigt sich gegenwartig bereits die Morgenrote der
sechsten nachatlantischen Kulturperiode an. Denn was in der
Menschheitsentwickelung zu einer gewissen Zeit entstehen
soil, das reift langsam in der vorhergehenden Zeit Was
gegenwartig sich schon in den Anfangen entwickeln kann,
das ist das Auffinden des Fadens, welcher die zwei Seiten in
der Menschenbrust verbindet, die materielle Kultur und das
Leben in der geistigen Welt. Dazu ist notwendig, daB auf
der einen Seite die Ergebnisse des geistigen Schauens begrif-
fen werden und auf der andern in den Beobachtungen und
Erlebnissen der SinnenWelt die Offenbarungen des Geistes
erkannt werden. Die sechste Kulturepoche wird die Har-
monie zwischen beiden zur vollen Entwickelung bringen. —
Damit ist die Betrachtung dieses Buches bis zu einem Punkte
vorgeruckt, wo sie ubergehen kann von einem Ausblick in
die Vergangenheit zu einem solchen in die Zukunft. Doch ist
es besser, wenn diesem Ausblick die Betrachtung iiber die
Erkenntnis der hoheren Welt und liber die Einweihung vor-
angeht Dann wird sich an sie jener Ausblick, insofern er
moglich ist in dem Rahmen dieser Schrift, kurz geben lassen.
DIE ERKENNTNIS DER HOHEREN WeltEN
(VON DER EINWEIHUNG ODER INITIATION)
Zwischen Geburt und Tod durchlebt der Mensch auf seiner
gegenwartigen Entwickelungsstufe im gewohnlichen Leben
drei Seelenzustande: das Wachen, den Schlaf und zwischen
beiden den Traumzustand. Auf den letzteren soil an spate-
rer Stelle dieser Schrift noch kurz hingedeutet werden. Hier
mag das Leben zunachst in seinen beiden wechselnden Haupt-
zustanden, dem Wachen und dem Schlafen, betrachtet wer-
den. — Zu Erkenntnissen in hoheren Welten gelangt der
Mensch, wenn er sich, auBer dem Schlafen und Wachen, noch
einen dritten Seelenzustand erwirbt. Wahrend des Wachens
ist die Seele hingegeben den Sinneseindrlicken und den Vor-
stellungen, welche von diesen Sinneseindrucken angeregt
werden. Wahrend des Schlafes schweigen die Sinnesein-
driicke; aber die Seele verliert auch das BewuBtsein. Die
Tageserlebnisse sinken in das Meer der BewuBtiosigkeit
hinunter. — Man denke sich nun: die Seele konnte wahrend
des Schlafes zu einer BewuBtheit kommen, trotzdem die
Eindrlicke der Sinne, wie sonst im tiefen Schlafe, ausge-
schaltet blieben. Ja, es wtirde auch die Erinnerung an die
Tageserlebnisse nicht vorhanden sein. Befande sich nun
die Seele in einem Nichts? Konnte sie nun gar keine Er-
lebnisse haben? — Eine Antwort auf diese Frage ist nur mog-
lich, wenn ein Zu stand wirklich hergestellt werden kann,
welcher diesem gleich oder ahnlich ist. Wenn die Seele etwas
erleben kann, auch dann, wenn keine Sinneswirkungen und
keine Erinnerungen an solche in ihr vorhanden sind. Dann
befande sich die Seele in bezug auf die gewohnliche AuBen-
Welt wie im Schlafe; und doch schliefe sie nicht, sondern
ware wie im Wachen einer wirklichen Welt gegeniiber. —
Nun kann ein solcher BewuBtseinszustand hergestellt wer-
den, wenn der Mensch diejenigen Seelenerlebnisse herbei-
fiihrt, welche ihm die Geisteswissenschaft moglich macht.
Und alles, was diese iiber jene Welten mitteilt, welche iiber
die sinnliche hinausliegen, ist durch einen solchen BewuBt-
seinszustand erforscht — In den vorhergehenden Ausfiih-
rungen sind einige Mitteilungen iiber hohere Welten gemacht
worden. In dem Folgenden soli nun auch — soweit dies in
diesem Buche geschehen kann — von den Mitteln gesprochen
werden, durch welche der zu diesem Forschen notwendige
BewuBtseinszustand geschaffen wird.
Nur nach einer Richtung hin gleicht dieser BewuBtseins-
zustand dem Schlafe, namlich dadurch, daB durch ihn alle
auBeren Sinneswirkungen aufhoren; auch alle Gedanken ge-
tilgt sind, welche durch diese Sinneswirkungen angeregt sind.
Wahrend aber im Schlafe die Seele keine Kraft hat, bewuBt
etwas zu erleben, soil sie diese Kraft durch diesen BewuBt-
seinszustand erhalten. Durch ihn wird in der Seele also die
Fahigkeit eines Erlebens erweckt, welche im gewohnlichen
Dasein nur durch die Sinneswirkungen angeregt wird. Die
Erweckung der Seele zu einem solchen hoheren BewuBtseins-
zustand kann Einweihung (Initiation) genannt werden.
Die Mittel der Einweihung fiihren den Menschen aus dem
gewohnlichen Zustande des TagesbewuBtseins in eine solche
Seelentatigkeit hinein, durch welche er sich geistiger Beob-
achtungswerkzeuge bedient. Diese Werkzeuge sind wie
Keime vorher in der Seele vorhanden. Diese Keime miissen
entwickelt werden. — Nun kann der Fall eintreten, daB ein
Mensch in einem bestimmten Zeitpunkte seiner Lebenslauf-
bahn ohne besondere Vorbereitung in seiner Seele die Ent-
deckimg macht, es haben sich solche hohere Werkzeuge in
ihm entwickelt. Es ist dann eine Art von unwillkiirlicher
Selbsterweckung eingetreten. Solch ein Mensch wird sich
dadurch in seinem ganzen Wesen umgewandelt finden. Eine
unbegrenzte Bereicherung seiner Seelenerlebnisse tritt ein.
Und er wird finden, daB er durch keine Erkenntnisse der
SinnenWelt eine solche Beseligung, solche befriedigende Ge-
miitsverfassung und innere Warme empfinden kann, wie
durch dasjenige, was sich einer Erkenntnis erschlieBt, die
nicht dem physischen Auge zuganglich ist. Kraft und Lebens-
sicherheit wird in seinen Willen aus einer geistigen Welt ein-
stromen. — Solche Falle von Selbsteinweihung gibt es. Sie
sollten aber nicht zu dem Glauben verfuhren, daB es das ein-
zig Richtige sei, eine solche Selbsteinweihung abzuwarten
und nichts zu tun, um die Einweihung durch regelrechte
Schulung herbeizufuhren. Von der Selbsteinweihung braucht
hier nicht gesprochen zu werden, da sie eben ohne Beobach-
tung irgendwelcher Regeln eintreten kann. Dargestellt aber
soil werden, wie man durch Schulung die in der Seele keim-
haft ruhenden Wahrnehmungsorgane entwickeln kann. Men-
schen, welche keinen besonderen Antrieb in sich verspuren,
fur ihre Entwickelung selbst etwas zu tun, werden leicht
sagen: das Menschenleben steht in der Leitung von geistigen
Machten, in deren Fuhrung soli man nicht eingreifen; man
soil ruhig des Augenblickes harren, in dem jene Machte es
fur richtig halten, der Seele eine andere Welt zu erschlieBen.
Es wird wohl auch von solchen Menschen wie eine Art von
Vermessenheit empfunden, oder als eine unberechtigte Be-
gierde, in die Weisheit der geistigen Fuhrung einzugreifen.
Personlichkeiten, welche so denken, werden erst dann zu
einer anderen Meinung gefuhrt, wenn auf sie eine gewisse
Vorstellung einen genligend starken Eindruck macht. Wenn
sie sich sagen: Jene weise Fuhrung hat mir gewisse Fahig-
keiten gegeben; sie hat mir diese nicht verliehen, auf daB
ich sie unbenutzt lasse, sondern damit ich sie gebrauche. Die
Weisheit der Fuhrung besteht darin, daB sie in mich die
Keime gelegt hat zu einem hoheren BewuBtseinszustande.
Ich verstehe diese Fuhrung nur, wenn ich es als Pflicht emp-
finde, daB alles dem Menschen offenbar werde, was durch
seine Geisteskrafte offenbar werden kann. Wenn ein solcher
Gedanke einen geniigend starken Eindruck auf die Seele
gemacht hat, dann werden die obigen Bedenken gegen eine
Schulung in bezug auf einen hoheren BewuBtseinszustand
schwinden.
Es kann aber allerdings noch ein anderes Bedenken geben,
das sich gegen eine solche Schulung erhebt. Man kann sich
sagen: «Die Entwicklung innerer Seelenfahigkeiten greift
in das verborgenste Heiligtum des Menschen ein. Sie schlieBt
in sich eine gewisse Umwandlung des ganzen menschlichen
Wesens. Die Mittel zu solcher Umwandlung kann man sich
naturgemaB nicht selber ersinnen. Denn wie man in eine
hohere Welt kommt, kann doch nur derjenige wissen, wel-
cher den Weg in diese als sein eigenes Erlebnis kennt. Wenn
man sich an eine solche Personlichkeit wendet, so gestattet
man derselben einen EinfluB auf das verborgenste Heilig-
tum der Seele.» — Wer so denkt, dem konnte es selbst keine
besondere Beruhigung gewahren, wenn ihm die Mittel zur
Herbeifuhrung eines hoheren BewuBtseinszustandes in einem
Buche dargeboten wlirden. Denn es kommt ja nicht darauf
an, ob man etwas mundlich mitgeteilt erhalt oder ob eine
Personlichkeit, welche die Kenntnis dieser Mittel hat, diese
in einem Buche darstellt und ein anderer sie daraus erfahrt.
Es gibt nun solche Personlichkeiten, welche die Kenntnis der
Regeln fur die Entwickelung der geistigen Wahrnehmungs-
organe besitzen und welche die Ansicht vertreten, daB man
diese Regeln einem Buche nicht anvertrauen diirfe. Solche
Personen betrachten zumeist auch die Mitteilung gewisser
Wahrheiten, welche sich auf die geistige Welt beziehen, als
unstatthaft. Doch muB diese Anschauung gegentiber dem
gegenwartigen Zeitalter der Menschheitsentwickelung in ge-
wisser Beziehung als veraltet bezeichnet werden. Richtig ist,
daB man mit der Mitteilung der entsprechenden Regeln nur
bis zu einem gewissen Punkte gehen kann. Doch fuhrt das
Mitgeteilte so weit, daB derjenige, welcher dieses auf seine
Seele anwendet, in der Erkenntnisentwickelung dazu ge-
langt, daB er den weiteren Weg dann finden kann. Es fuhrt
dieser Weg dann in einer Art weiter, iiber welche man eine
richtige Vorstellung auch nur durch das vorher Durchge-
machte erhalten kann. Aus all diesen Tatsachen konnen sich
Bedenken gegen den geistigen Erkenntnisweg ergeben. Diese
Bedenken schwinden, wenn man das Wesen desjenigen Ent-
wickelungsganges ins Auge faBt, welchen die unserem Zeit-
alter angemessene Schulung vorzeichnet. Von diesem Wege
soil hier gesprochen und auf andere Schulungen nur kurz
hingewiesen werden.
Die hier zu besprechende Schulung gibt demjenigen, wel-
cher den Willen zu seiner hoheren Entwickelung hat, die
Mittel an die Hand, die Umwandlung seiner Seele vorzu-
nehmen. Ein bedenklicher Eingriff in das Wesen des S chil-
lers ware nur dann vorhanden, wenn der Lehrer diese Um-
wandlung durch Mittel vornahme, die sich dem BewuBtsein
des Schulers entziehen. Solcher Mittel bedient sich aber keine
richtige Anweisung der Geistesentwickelung in unserem Zeit-
alter. Diese macht den Schuler zu keinem blinden Werkzeuge.
Sie gibt ihm die VerhaltungsmaBregeln; und der Schuler
fiihrt sie aus. Es wird dabei, wenn es darauf ankommt, nicht
verschwiegen, warum diese oder jene VerhaltungsmaBregel
gegeben wird. Die Entgegennahme der Regeln und ihre An-
wendung durch eine Personlichkeit, welche geistige Ent-
wickelung sucht, braucht nicht auf blinden Glauben hin zu
geschehen. Ein solcher sollte auf diesem Gebiete ganz aus-
geschlossen sein. Wer die Natur der Menschenseele betrachtet,
soweit sie ohne Geistesschulung schon durch die gewohnliche
Selbstbeobachtung sich ergibt, der kann sich nach Entgegen-
nahme der von der Geistesschulung empfohlenen Regeln
fragen: wie konnen diese Regeln im Seelenleben wirken?
Und diese Frage kann, vor aller Schulung, bei unbefangener
Anwendung des gesunden Menschenverstandes genilgend
beantwortet werden. Man kann tiber die Wirkungsweise
dieser Regeln sich richtige Vorstellungen machen, bevor man
sich ihnen hingibt. Erleben kann man diese Wirkungsweise
allerdings erst wahrend der Schulung. Allein auch da wird
das Erleben stets von dem Verstehen dieses Erlebens begleitet
sein, wenn man jeden zu machenden Schritt mit dem gesun-
den Urteile begleitet. Und gegenwartig wird eine wahre Gei-
steswissenschaft nur solche Regeln fur die Schulung angeben,
denen gegenliber solches gesunde Urteil sich geltend machen
kann. Wer willens ist, sich nur einer solchen Schulung hinzu-
geben, und wer sich durch keine Voreingenommenheit zu
einem blinden Glauben treiben laBt, dem werden alle Beden-
ken schwinden. Einwande gegen eine regelrechte Schulung zu
einem hoheren BewuBtseinszustande werden ihn nicht storen.
Selbst fur eine solche Personlichkeit, welche die innere
Reife hat, die sie in klirzerer oder langerer Zeit zum Selbst-
erwachen der geistigen Wahrnehmungsorgane fiihren kann,
ist eine Schulung nicht iiberfliissig, sondern im Gegenteil,
flir sie ist sie ganz besonders geeignet. Denn es gibt nur
wenige Falle, in denen eine solche Personlichkeit vor der
Selbsteinweihung nicht die mannigfaltigsten krummen und
vergeblichen Seitenwege durchzumachen hat. Die Schulung
erspart ihr diese Seitenwege. Sie fuhrt in der geraden Rich-
tung vorwarts. Wenn eine solche Selbsteinweihung flir diese
Seele eintritt, so riihrt dies davon her, daB die Seele sich in
vorhergehenden Lebenslaufen die entsprechende Reife er-
worben hat. Es kommt nun sehr leicht vor, daB gerade eine
solche Seele ein gewisses dunkles Geftihl von ihrer Reife hat
und sich aus diesem Gefiihl heraus gegen eine Schulung ab-
lehnend verhalt. Ein solches Gefiihl kann namlich einen ge-
wissen Hochmut erzeugen, welcher das Vertrauen zu echter
Geistesschulung hindert. Es kann nun eine gewisse Stufe der
Seelenentwickelung bis zu einem gewissen Lebensalter ver-
borgen bleiben und erst dann hervortreten. Aber es kann
die Schulung gerade das rechte Mittel sein, um sie zum Her-
vortreten zu bringen. VerschlieBt sich ein Mensch dann ge-
gen die Schulung, dann kann es sein, daB seine Fahigkeit in
dem betreffenden Lebenslauf verborgen bleibt und erst wie-
der in einem der nachsten Lebenslaufe hervortritt.
In bezug auf die hier gemeinte Schulung fur die iiber-
sinnliche Erkenntnis ist es wichtig, gewisse naheliegende
MiBverstandnisse nicht aufkommen zu lassen. Das eine kann
dadurch entstehen, daB man meint, die Schulung wolle den
Menschen in bezug auf seine ganze Lebensfuhrung zu einem
andern Wesen machen. Allein es handelt sich nicht darum,
dem Menschen allgemeine Lebensvorschriften zu geben, son-
dern ihm von Seelenverrichtungen zu sprechen, die, wenn
er sie ausfuhrt, ihm die Moglichkeit geben, das Ubersinn-
liche zu beobachten. Auf denjenigen Teil seiner Lebensver-
richtungen, der auBerhalb der Beobachtung des Ubersinn-
lichen liegt, haben diese Verrichtungen keinen unmittelbaren
EinfluB. Der Mensch erwirbt sich hinzu zu diesen Lebens-
verrichtungen die Gabe der liber sinnlichen Beobachtung.
Die Tatigkeit dieser Beobachtung ist von den gewohnlichen
Verrichtungen des Lebens so getrennt wie der Zustand des
Wachens von dem des Schlafens. Das eine kann das andere
nicht im geringsten storen. Wer zum Beispiel den gewohn-
lichen Ablauf des Lebens durch Eindrucke des ubersinnlichen
Schauens durchsetzen wollte, gleicht einem Ungesunden,
dessen Schlaf von schadlichem Aufwachen fortwahrend un-
terbrochen wiirde. Dem freien Willen des Geschulten muB
es moglich sein, den Zustand des Beobachtens tibersinnlicher
Wirklichkeit herbeizufuhren. Mittelbar hangt die Schulung
mit Lebensvorschriften allerdings insofern zusammen, als
ohne eine gewisse ethisch gestimmte Lebensfuhrung ein Ein-
blickin das Ubersinnliche unmoglich oder schadlich ist. Und
deshalb ist manches, das zur Anschauung des Ubersinn-
lichen fiihrt, zugleich Mittel zur Veredlung der Lebensfuh-
rung. Auf der andern Seite erkennt man durch den Einblick
in die ubersinnliche Welt hohere moralische Impulse, die
auch fur die sinnlich-physische Welt gelten. Gewisse mora-
lische Notwendigkeiten werden erst aus dieser Welt heraus
erkannt. — Ein zweites MiBverstandnis ware, wenn man
glaubte, irgendeine zum ubersinnlichen Erkennen ftihrende
Seelenverrichtung habe etwas mit Veranderungen der physi-
schen Organisation zu tun. Es haben solche Verrichtungen
vielmehr nicht das geringste zu tun mit irgend etwas, in das
Physiologie oder ein anderer Zweig der Naturerkenntnis
hineinzureden hat Sie sind so ganz von allem Physischen
abliegende rein geistig-seelische Vorgange wie das gesunde
Denken und Wahrnehmen selbst. Der Art nach geht in der
Seele durch eine solche Verrichtung nichts anderes vor, als
was vorgeht, wenn sie gesund vorstellt oder urteilt. So viel
und so wenig mit dem Leibe das gesunde Denken zu tun hat,
so viel und so wenig haben mit diesem die Vorgange der
echten Schulung zur ubersinnlichen Erkenntnis zu tun. Alles,
was sich anders zum Menschen verhalt, ist nicht wahre Gei-
stesschulung, sondern ein Zerrbild derselben. Im Sinne des
hier Gesagten sind die folgenden Ausfuhrungen zu nehmen.
Nur weil ubersinnliche Erkenntnis etwas ist, was von der
ganzen Seele des Menschen ausgeht, wird es so aussehen, als
ob zur Schulung Dinge verlangt wtirden, die aus dem Men-
schen etwas anderes machen. In Wahrheit handelt es sich um
Angaben iiber Verrichtungen, die die Seele in die Moglichkeit
versetzen, innerhalb ihres Lebens solche Augenblicke herbei-
zufuhren, in denen sie das Ubersinnliche beobachten kann.
Die Erhebung zu einem ubersinnlichen BewuBtseinszu-
stande kann nur von dem gewohnlichen wachen Tagesbe-
wuBtsein ausgehen. In diesem BewuBtsein lebt die Seele vor
ihrer Erhebung. Es werden ihr durch die Schulung Mittel
gegeben, welche sie aus diesem BewuBtsein herausfuhren.
Die hier zunachst in Betracht kommende Schulung gibt un-
ter den ersten Mitteln solche, welche sich noch als Verrich-
tungen des gewohnlichen TagesbewuBtseins kennzeichnen
lassen. Gerade die bedeutsamsten Mittel sind solche, die in
stillen Verrichtungen der Seele bestehen. Es handelt sich
darum, daB sich die Seele ganz bestimmten Vorstellungen
hingibt Diese Vorstellimgen sind solche, welche durch ihr
Wesen eine weckende Kraft auf gewisse verborgene Fahig-
keiten der menschlichen Seele ausiiben. Sie unterscheiden sich
von solchen Vorstellimgen des wachen Tageslebens, welche
die Aufgabe haben, ein auBeres Ding abzubilden. Je wahrer
sie dies tun, desto wahrer sind sie. Und es gehort zu ihrem
Wesen, in diesem Sinne wahr zu sein. Eine solche Aufgabe
haben die Vorstellungen nicht, welchen sich die Seele zum
Ziele der Geistesschulung hingeben soil. Sic sind so gestaltet,
daB sie nicht ein AuBeres abbilden, sondern in sich selbst
die Eigenheit haben, auf die Seele weekend zu wirken. Die
besten Vorstellungen hierzu sind sinnbildliche oder symbo-
lische. Doch konnen auch andere Vorstellungen verwendet
werden. Denn es kommt eben gar nicht darauf an, was die
Vorstellungen enthalten, sondern lediglich darauf, daB die
Seele alle ihre Krafte darauf richtet, nichts anderes im Be-
wuBtsein zu haben als die betreffende Vorstellung. Wahrend
im gewohnlichen Seelenleben dessen Krafte auf vieles ver-
teilt sind und die Vorstellungen rasch wechseln, kommt es
bei der Geistesschulung auf die Konzentration des ganzen
Seelenlebens auf eine Vorstellung an. Und diese Vorstellung
muB durch freien Willen in den Mittelpunkt des BewuBt-
seins geriickt sein. Sinnbildliche Vorstellungen sind deshalb
besser als solche, welche auBere Gegenstande oder Vorgange
abbilden, weil die letzteren den Anhaltspunkt in der AuBen-
Welt haben und dadurch die Seele weniger sich auf sich allein
zu stutzen hat als bei sinnbildlichen, die aus der eigenen
Seelenenergie heraus gebildet werden. Nicht was vorgestellt
wird, ist wesentlich, sondern darauf kommt es an, daB das
Vorgestellte durch die Art des Vorstellens das Seelische von
jeder Anlehnung an ein Physisches loslost.
Man gelangt zu einem Erfassen dieser Versenkung in
eine Vorstellung, wenn man sich erst einmal den Begriff
der Erinnerung vor die Seele ruft. Hat man das Auge z.B.
auf einen Baum gerichtet und wendet man sich dann von
dem Baume ab, so daB man ihn nicht mehr sehen kann, so
vermag man die Vorstellung des Baumes aus der Erinnerung
in der Seele wieder zu erwecken. Diese Vorstellung des Bau-
mes, die man hat, wenn derselbe nicht dem Auge gegenuber-
steht, ist eine Erinnerung an den Baum. Nun denke man
sich, man behalte diese Erinnerung in der Seele; man lasse
die Seele gleichsam auf der Erinnerungs vorstellung ruhen;
man bemiihe sich, alle andern Vorstellungen dabei auszu-
schlieBen. Dann ist die Seele in die Erinnerungs vorstellung
des Baumes versenkt Man hat es dann mit einer Versen-
kung der Seele in eine Vorstellung zu tun; doch ist diese
Vorstellung das Abbild eines durch die Sinne wahrgenom-
menen Dinges. Wenn man aber dasselbe vornimmt mit einer
durch freien Willen in das BewuBtsein versetzten Vorstel-
lung, so wird man nach und nach die Wirkung erzielen kon-
nen, auf weiche es ankommt.
Es soil nur ein Beispiel der inneren Versenkung mit einer
sinnbildlichen Vorstellung veranschaulicht werden. Zunachst
muB eine solche Vorstellung erst in der Seele aufgebaut wer-
den. Das kann in folgender Art geschehen: Man stelle sich
eine Pflanze vor, wie sie im Boden wurzelt, wie sie Blatt
nach Blatt treibt, wie sie sich zur Bliite entfaltet. Und nun
denke man sich neben diese Pflanze einen Menschen hin-
gestellt. Man mache den Gedanken in seiner Seele lebendig,
wie der Mensch Eigenschaften und Fahigkeiten hat, weiche
denen der Pflanze gegenuber vollkommener genannt wer-
den konnen. Man bedenke, wie er sich seinen Gefuhlen und
seinem Willen gemaB da und dorthin begeben kann, wah-
rend die Pflanze an den Boden gefesselt ist. Nun aber sage
man sich auch: ja, gewiB ist der Mensch vollkommener als
die Pflanze; aber mir treten dafiir auch an ihm Eigenschaf-
ten entgegen, welche ich an der Pflanze nicht wahrnehme
und durch deren Nichtvorhandensein sie mir in gewisser
Hinsicht vollkommener als der Mensch erscheinen kann. Der
Mensch ist erfullt von Begierden und Leidenschaften; diesen
folgt er bei seinem Verhalten. Ich kann bei ihm von Ver-
irrungen durch seine Triebe und Leidenschaften sprechen.
Bei der Pflanze sehe ich, wie sie den reinen Gesetzen des
Wachstums folgt von Blatt zu Blatt, wie sie die Bliite lei-
denschaftslos dem keuschen Sonnenstrahl offhet. Ich kann
mir sagen: der Mensch hat eine gewisse Vollkommenheit vor
der Pflanze voraus; aber er hat diese Vollkommenheit da-
durch erkauft, daB er zu den mir rein erscheinenden Kraften
der Pflanze in seinem Wesen hat hinzutreten lassen Triebe,
Begierden und Leidenschaften. Ich stelle mir nun vor, daB
der grime Farbensaft durch die Pflanze flieBt und daB dieser
der Ausdruck ist fur die reinen leidenschaftslosen Wachs-
tumsgesetze. Und dann stelle ich mir vor, wie das rote Blut
durch die Adern des Menschen flieBt und wie dieses der
Ausdruck ist fur die Triebe, Begierden und Leidenschaften.
Das alles lasse ich als einen lebhaften Gedanken in meiner
Seele erstehen. Dann stelle ich mir weiter vor, wie der Mensch
entwickelungsfahig ist; wie er seine Triebe und Leidenschaf-
ten durch seine hoheren Seelenfahigkeiten lautern und reini-
gen kann. Ich denke mir, wie dadurch ein Niederes in diesen
Trieben und Leidenschaften vernichtet wird und diese auf
einer hoheren Stufe wiedergeboren werden. Dann wird das
Blut vorgestellt werden dtirfen als der Ausdruck der gerei-
rligten und gelauterten Triebe und Leidenschaften. Ich
blicke nun z.B. im Geiste auf die Rose und sage mir: in
dem roten Rosensaft sehe ich die Farbe des grlinen Pflanzen-
saftes umgewandelt in das Rot; und die rote Rose folgt wie
das grime Blatt den reinen, leidenschaftslosen Gesetzen des
Wachstums. Das Rot der Rose moge mir nun werden das
Sinnbild eines solchen Blutes, das der Ausdruck ist von ge-
lauterten Trieben und Leidenschaften, welche das Niedere
abgestreift haben und in ihrer Reinheit gleichen den Kraf-
ten, welche in der roten Rose wirken. Ich versuche nun,
solche Gedanken nicht nur in meinem Verstande zu ver-
arbeiten, sondern in meiner Empfindung lebendig werden zu
lassen. Ich kann eine beseligende Empfindung haben, wenn
ich die Reinheit und Leidenschaftslosigkeit der wachsenden
Pflanze mir vorstelle; ich kann das Gefiihl in mir erzeugen,
wie gewisse hohere Vollkommenheiten erkauft werden miis-
sen durch die Erwerbung der Triebe und Begierden. Das
kann die Beseligung, die ich vorher empfunden habe, in ein
ernstes Gefiihl verwandeln; und dann kann ein Gefiihl eines
befreienden Gluckes in mir sich regen, wenn ich mich hin-
gebe dem Gedanken an das rote Blut, das Trager werden
kann von innerlich reinen Erlebnissen wie der rote Saft der
Rose. Es kommt darauf an, daB man nicht gefuhllos sich
den Gedanken gegenuberstelle, welche zum Aufbau einer
sinnbildlichen Vorstellung dienen. Nachdem man sich in sol-
chen Gedanken und Gefuhlen ergangen hat, verwandle man
sich dieselben in folgende sinnbildliche Vorstellung. Man
stelle sich ein schwarzes Kreuz vor. Dieses sei Sinnbild fur
das vernichtete Niedere der Triebe und Leidenschaften; und
da, wo sich die Balken des Kreuzes schneiden, denke man
sich sieben rote, strahlende Rosen im Kreise angeordnet.
Diese Rosen seien das Sinnbild fur ein Blut, das Ausdruck
ist fur gelauterte, gereinigte Leidenschaften und Triebe.*
Eine solche sinnbildliche Vorstellung soil es nun sein, die
man sich in der Art vor die Seele ruft, wie es oben an einer
Erinnerungsvorstellung veranschaulicht ist Eine solche Vor-
stellung hat eine seelenweckende Kraft, wenn man sich in
innerlicher Versenkung ihr hingibt. Jede andere Vorstellung
muB man versuchen wahrend der Versenkung auszuschlie-
Ben. Lediglich das charakterisierte Sinnbild soil im Geiste
vor der Seele schweben, so lebhaft als dies moglich ist. — Es
ist nicht bedeutungslos, daB dieses Sinnbild nicht einfach als
eine weckende Vorstellung hier angefuhrt worden ist, son-
dern daB es erst durch gewisse Vorstellungen iiber Pflanze
und Mensch aufgebaut worden ist. Denn es hangt die Wir-
kung eines solchen Sinnbildes davon ab, daB man es sich
in der geschilderten Art zusammengestellt hat, bevor man
es zur inneren Versenkung verwendet. Stellt man es sich
vor, ohne einen solchen Aufbau erst in der eigenen Seele
durchgemacht zu haben, so bleibt es kalt und viel unwirk-
samer, als wenn es durch die Vorbereitung seine seelenbe-
leuchtende Kraft erhalten hat. Wahrend der Versenkung soil
man jedoch sich alle die vorbereitenden Gedanken nicht in
* Es kommt nicht darauf an, inwiefern diese oder jene naturwissen-
schaftliche Vorstellung die obigen Gedanken berechtigt findet oder nicht
Denn es handelt sich um die Entwickelung solcher Gedanken an Pflanze
und Mensch, welche, ohne alle Theorie, durch eine einfache, unmittel-
bare Anschauung gewonnen werden konnen. Solche Gedanken haben ja
doch auch ihre Bedeutung neben den in anderer Beziehung nicht minder
bedeutsamen theoretischen Vorstellungen iiber die Dinge der AuBen-
Welt Und hier sind die Gedanken nicht dazu da, um einen Tatbestand
wissenschaftlich darzustellen, sondern um ein Sinnbild aufzubauen, das
sich als seelisch wirksam erweist, gleichgiiltig, welche Einwande dieser
oder jener Personlichkeit einfallen bei dem Aufbau dieses Sinnbildes.
die Seele rufen, sondern lediglich das Bild lebhaft vor sich
im Geiste schweben haben und dabei jene Empfindung mit-
schwingen lassen, die sich als Ergebnis durch die vorberei-
tenden Gedanken eingestellt hat. So wird das Sinnbild zum
Zeichen neben dem Empfindungserlebnis. Und in dem Ver-
weilen der Seele in diesem Erlebnis liegt das Wirksame. Je
langer man verweilen kann, ohne daB eine storende andere
Vorstellung sich einmischt, desto wirksamer ist der ganze
Vorgang. Jedoch ist es gut, wenn man sich auBer der Zeit,
welche man der eigentlichen Versenkung widmet, ofters
durch Gedanken und Gefuhle der oben geschilderten Art
den Aufbau des Bildes wiederholt, damit die Empfindung
nicht verblasse. Je mehr Geduld man zu einer solchen
Erneuerung hat, desto bedeutsamer ist das Bild fur die
Seele. (In den Auseinandersetzungen meines Buches: «Wie
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» sind noch
andere Beispiele von Mitteln zur inneren Versenkung an-
gegeben. Besonders wirksam sind die daselbst charakteri-
sierten Meditationen liber das Werden und Vergehen einer
Pflanze, iiber die in einem Pflanzen-Samenkorn schlum-
mernden Werdekrafte, tiber die Formen von Kristallen usw.
Hier in diesem Buche sollte an einem Beispiele das Wesen
der Meditation gezeigt werden.)
Ein solches Sinnbild, wie es hier geschildert ist, bildet kein
auBeres Ding oder Wesen, das durch die Natur hervorgebracht
wird, ab. Aber eben gerade dadurch hat es seine weckende
Kraft fur gewisse rein seelische Fahigkeiten. Es konnte aller-
dings jemand einen Einwand erheben. Er konnte sagen: Ge-
wiB, das «Ganze», als Sinnbild, ist nicht durch die Natur
vorhanden; aber alle Einzelheiten sind doch aus dieser
Natur endehnt: die schwarze Farbe, die Rosen usw.
Das alles werde doch durch die Sinne wahrgenommen. Wer
durch solchen Einwand gestort wird, der sollte bedenken,
daB nicht die Abbildimgen der Sinneswahrnehmungen das-
jenige sind, was zur Weckung der hoheren Seelenfahigkeiten
fuhrt, sondern daB diese Wirkung lediglich durch die Art
der Zusammenfugung dieser Einzelheiten hervorgerufen
wird. Und diese Zusammenfugung bildet nicht etwas ab,
was in der SinnesWelt vorhanden ist.
An einem Sinnbild — als Beispiel — sollte der Vorgang der
wirksamen Versenkung der Seele veranschaulicht werden.
In der Geistesschulung konnen die mannigfaltigsten Bilder
dieser Art verwendet und diese in der verschiedensten Art
aufgebaut werden. Es konnen auch gewisse Satze, Formeln,
einzelne Worte gegeben werden, in welche man sich zu ver-
senken hat. In jedem Falle werden diese Mittel der inneren
Versenkung das Ziel haben, die Seele loszureiBen von der
Sinneswahrnehmung und sie zu einer solchen Tatigkeit an-
zuregen, bei welcher der Eindruck auf die physischen Sinne
bedeutungslos ist und die Entfaltung innerer schlummern-
der Seelenfahigkeiten das Wesendiche wird. Es kann sich
auch um Versenkungen bloB in Gefuhle, Empfindungen usw.
handeln. Solches erweist sich besonders wirksam. Man nehme
einmal das Gefuhl der Freude. Im normalen Lebensverlaufe
mag die Seele Freude erleben, wenn eine auBere Anregung
zur Freude vorhanden ist. Wenn eine gesund empfindende
Seele wahrnimmt, wie ein Mensch eine Handlung vollbringt,
welche diesem seine Herzensgute eingibt, so wird diese Seele
Wohlgefallen, Freude an einer solchen Handlung haben.
Aber diese Seele kann nun nachdenken iiber eine Handlung
dieser Art. Sie kann sich sagen: Eine Handlung, welche aus
Herzensgute vollbracht wird, ist eine solche, bei welcher der
Vollbringer nicht seinem eigenen Interesse folgt, sondern
dem Interesse seines Mitmenschen. Und eine solche Hand-
lung kann eine sittlich gute genannt werden. Nun aber kann
die betrachtende Seele sich ganz frei machen von der Vor-
stellung des einzelnen Falles in der AuBenWelt, welcher ihr
die Freude oder das Wohlgefallen gemacht hat, und sie kann
sich die umfassende Idee der Herzensgute bilden. Sie kann
sich etwa denken, wie Herzensgute dadurch entstehe, daB
die eine Seele das Interesse der andern gleichsam aufsauge
und zu dem eigenen mache. Und die Seele kann nun die
Freude empfinden liber diese sittliche Idee der Herzensgute.
Das ist die Freude nicht an diesem oder jenem Vorgange der
SinnesWelt, sondern die Freude an einer Idee als solcher.
Versucht man solche Freude durch langere Zeit in der Seele
lebendig sein zu lassen, so ist dies Versenkung in ein Gefiihl,
in eine Empfindung. Nicht die Idee ist dann das Wirksame
zur Weckung der inneren Seelenfahigkeiten, sondern das
durch langere Zeit andauernde Walten des nicht durch einen
bloBen einzelnen auBeren Eindruck angeregten Gefuhles in-
nerhalb der Seele. — Da die ubersinnliche Erkenntnis tiefer
einzudringen vermag in das Wesen der Dinge als das ge-
wohnliche Vorstellen, so konnen aus deren Erfahrungen her-
aus Empfindungen angegeben werden, welche noch in viel
hoherem Grade auf die Entfaltung der Seelenfahigkeiten
wirken, wenn sie zur inneren Versenkung verwendet werden.
So notwendig dies letztere fur hohere Grade der Schulung
ist, so soil man doch dessen eingedenk sein, daB energische
Versenkung in solche Gefiihle und Empfindungen, wie
z.B. das an der Betrachtung der Herzensgute charakte-
risierte, schon sehr weit fuhren kann. — Da die Wesenheiten
der Menschen verschieden sind, so sind fur die einzelnen
Menschen auch verschiedene Mittel der Schulung die wirk-
samen. — Was die Zeitlange der Versenkung betrifft, so ist
zu bedenken, daB die Wirkung urn so starker ist, je gelasse-
ner und besonnener diese Versenkung werden kann. Aber
eine jegliche Ubertreibung in dieser Richtung soil vermieden
werden. Es kann ein gewisser innerer Takt, der sich durch
die Ubungen selbst ergibt, den Schiiler lehren, an was er in
dieser Beziehung sich zu halten hat.
Man wird solche Ubungen in innerer Versenkung in der
Regel lange durchzufuhren haben, bevor man deren Ergeb-
nis selber wahrnehmen kann. Was zur Geistesschulung unbe-
dingt gehort, ist: Geduld und Ausdauer. Wer diese beiden
nicht in sich wachruft und nicht so in aller Ruhe fortdauernd
seine Ubungen macht, daB Geduld und Ausdauer dabei stets
die Grundstimmung seiner Seele ausmachen, der kann nicht
viel erreichen.
Es ist aus der vorangehenden Darstellung wohl ersicht-
lich, daB die innere Versenkung (Meditation) ein Mittel ist
zur Erlangung der Erkenntnis hoherer Welten, aber auch
daB nicht jeder beliebige Vorstellungsinhalt dazu fuhrt, son-
dern nur ein solcher, welcher in der geschilderten Art ein-
gerichtet ist.
Der Weg, auf den hier hingewiesen ist, fuhrt zunachst zu
dem, was man die imaginative Erkenntnis nennen kann. Sie
ist die erste hohere Erkenntnisstufe. Das Erkennen, welches
auf der sinnlichen Wahrnehmung und auf der Verarbei-
tung der sinnlichen Wahrnehmungen durch den an die Sinne
gebundenen Verstand beruht, kann — im Sinne der Geistes-
wissenschaft — das «gegenstandliche Erkennen» genannt wer-
den. Uber dieses hinaus liegen die hoheren Erkenntnisstufen,
deren erste eben das imaginative Erkennen ist. Der Ausdruck
«imaginativ» konnte bei jemand Bedenken hervorrufen, der
sich unter «Imagination» nur eine «eingebildete» Vorstel-
lung denkt, welcher nichts Wirkliches entspricht. In der Gei-
steswissenschaft soil aber die «imaginative» Erkenntnis als
eine solche aufgefaBt werden, welche durch einen tibersinn-
lichen BewuBtseinszustand der Seele zustande kommt. Was
in diesem BewuBtseinszustande wahrgenommen wird, sind
geistige Tatsachen und Wesenheiten, zu denen die Sinne
keinen Zugang haben. Weil dieser Zustand in der Seele er-
weckt wird durch die Versenkung in Sinnbilder oder «Ima-
ginationen», so kann auch die Welt dieses hoheren BewuBt-
seinszustandes die «imaginative» und die auf sie bezugliche
Erkenntnis die «imaginative» genannt werden. «Imagina-
tiv» bedeutet also etwas, was in einem andern Sinne «wirk-
lich» ist als die Tatsachen und Wesenheiten der physischen
Sinneswahrnehmung. Auf den Inhalt der Vorstellungen,
welche das imaginative Erleben erfullen, kommt nichts an;
dagegen alles auf die Seelenfahigkeit, die an diesem Erleben
herangebildet wird.
Ein sehr naheliegender Einwurf gegen die Verwendung
der charakterisierten sinnbildlichen Vorstellungen ist, daB
ihre Bildung einem traumerischen Denken und einer will-
kiirlichen Einbildungskraft entspringen und daB sie daher
nur von zweifelhaftem Erfolge sein konne. Denjenigen Sinn-
bildern gegenliber, welche der regelrechten Geistesschulung
zugrunde liegen, ist ein damit gekennzeichnetes Bedenken
unberechtigt. Denn die Sinnbilder werden so gewahlt, daB
von ihrer Beziehung auf eine auBere sinnliche Wirklichkeit
ganz abgesehen werden kann und ihr Wert lediglich in der
Kraft gesucht werden kann, mit welcher sie auf die Seele
dann wirken, wenn diese alle Aufmerksamkeit von der
auBeren Welt abzieht, wenn sie alle Eindriicke der Sinne
unterdrlickt und auch alle Gedanken ausschaltet, die sie, auf
auBere Anregung hin, hegen kann. Am anschaulichsten wird
der Vorgang der Meditation durch Vergleich derselben mit
dem Schlafzustande. Sie ist diesem nach der einen Seite hin
ahnlich, nach der anderen vollig entgegengesetzt. Sie ist ein
Schlaf, der gegentiber dem TagesbewuBtsein ein hoheres
Erwachtsein darstellt. Es kommt darauf an, daB durch die
Konzentration auf die entsprechende Vorstellung oder das
Bild die Seele genotigt ist, viel starkere Krafte aus ihren
eigenen Tiefen hervorzuholen, als sie im gewohnlichen Le-
ben oder dem gewohnlichen Erkennen anwendet. Ihre in-
nere Regsamkeit wird dadurch erhoht Sie lost sich los von
der Leiblichkeit, wie sie sich im Schlafe loslost; aber sie geht
nicht wie in diesem in die BewuBtlosigkeit liber, sondern sie
erlebt eine Welt, die sie vorher nicht erlebt hat Ihr Zustand
ist, obwohl er nach der Seite der Losgelostheit vom Leibe
mit dem Schlafe verglichen werden kann, doch so, daB er
sich zu dem gewohnlichen TagesbewuBtsein als ein solcher
eines erhdhten Wachseins kennzeichnen laBt. Dadurch er-
lebt sich die Seele in ihrer wahren inneren, selbstandigen
Wesenheit, wahrend sie sich im gewohnlichen Tagwachen
durch die in demselben vorhandene schwachere Entfaltung
ihrer Krafte nur mit Hilfe des Leibes zum BewuBtsein
bringt, sich also nicht selbst erlebt, sondern nur in dem Bilde
gewahr wird, das — wie eine Art Spiegelbild — der Leib
(eigentlich dessen Vorgange) vor ihr entwirft.
Diejenigen Sinnbilder, welche in der oben geschilderten
Art aufgebaut werden, beziehen sich naturgemaB noch nicht
auf etwas Wirkliches in der geistigen Welt. Sie dienen dazu,
um die menschliche Seele loszureiBen von der Sinneswahr-
nehmung und von dem Gehirninstrument, an welches zu-
nachst der Verstand gebunden ist. Diese LosreiBung kann
nicht friiher geschehen, als bis der Mensch fiihlt: jetzt stelle
ich etwas vor durch Krafte, bei denen mir meine Sinne und
das Gehirn nicht als Werkzeuge dienen. Das erste, was der
Mensch auf diesem Wege erlebt, ist ein solches Freiwerden
von den physischen Organen. Er kann sich dann sagen: mein
BewuBtsein erloscht nicht, wenn ich die Sinneswahrnehmun-
gen und das gewohnliche Verstandesdenken unberucksich-
tigt lasse; ich kann mich aus diesem herausheben und emp-
finde mich dann als ein Wesen neben dem, was ich vorher
war. Das ist das erste rein geistige Erlebnis: die Beobachtung
einer seelisch-geistigen Ich-Wesenheit. Diese hat sich als ein
neues Selbst aus demjenigen Selbst herausgehoben, das nur
an die physischen Sinne und den physischen Verstand ge-
bunden ist. Hatte man ohne die Versenkung sich losge-
macht von der Sinnes- und VerstandesWelt, so ware man in
das «Nichts» der BewuBtlosigkeit versunken. Man hat die
seelisch-geistige Wesenheit selbstverstandlich auch vor der
Versenkung schon gehabt. Sie hatte aber noch keine Werk-
zeuge zur Beobachtung der geistigen Welt. Sie war etwa so
wie ein physischer Leib, der kein Auge zum Sehen oder kein
Ohr zum Horen hat. Die Kraft, welche in der Versenkung
aufgewendet worden ist, hat erst die seelisch-geistigen Or-
gane aus der vorher unorganisierten seelisch-geistigen We-
senheit herausgeschaffen. Das, was man sich so anerschaffen
hat, nimmt man auch zuerst wahr. Das erste Erlebnis ist
daher in gewissem Sinne Selbstwahrnehmung. Es gehort
zum Wesen der Geistesschulung, daB die Seele durch die an
sich geiibte Selbsterziehung an diesem Punkte ihrer Entwik-
kelung ein voiles BewuBtsein davon hat, daB sie zunachst
sich selbst wahrnimmt in den BilderWelten (Imaginationen),
die infolge der geschilderten Ubungen auftreten. Diese Bil-
der treten zwar als lebend in einer neuen Welt auf; die
Seele muB aber erkennen, daB sie doch nichts anderes zu-
nachst sind als die Widerspiegelung ihres eigenen durch die
Ubungen verstarkten Wesens. Und sie muB dieses nicht nur
im richtigen Urteile erkennen, sondern auch zu einer solchen
Ausbildung des Willens gekommen sein, daB sie jederzeit
die Bilder wieder aus dem BewuBtsein entfernen, aus-
loschen kann. Die Seele muB innerhalb dieser Bilder vollig
frei und vollbesonnen walten konnen. Das gehort zur
richtigen Geistesschulung in diesem Punkte. Wiirde sie
dieses nicht konnen, so ware sie im Gebiete der geistigen
Erlebnisse in demselben Falle, in dem eine Seele ware in
der physischen Welt, welche, wenn sie das Auge nach
einem Gegenstande richtete, durch diesen gefesselt ware,
so daB sie von demselben nicht mehr wegschauen konnte.
Eine Ausnahme von dieser Moglichkeit des Ausloschens
macht nur eine Gruppe von inneren Bilderlebnissen, die
auf der erlangten Stufe der Geistesschulung nicht auszu-
loschen ist. Diese entspricht dem eigenen Seelen-Wesens-
kerne; und der Geistesschuler erkennt in diesen Bildern das-
jenige in ihm selber, welches sich als sein Grundwesen durch
die wiederholten Erdenleben hindurchzieht. Auf diesem
Punkte wird das Erfuhlen von wiederholten Erdenleben zu
einem wirklichen Erlebnis. In bezug auf alles iibrige muB
die erwahnte Freiheit der Erlebnisse herrschen. Und erst,
nachdem man die Fahigkeit der Ausloschung erlangt hat,
tritt man an die wirkliche geistige AuBenWelt heran. An
Stelle des Ausgeloschten kommt ein anderes, in dem man
die geistige Wirklichkeit erkennt. Man fiihlt, wie man see-
lisch aus einem Unbestimmten als ein Bestimmtes heraus-
wachst. Von dieser Selbstwahrnehmung aus muB es dann
weiter gehen zur Beobachtung einer seelisch-geistigen Au-
BenWelt Diese tritt ein, wenn man sein inneres Erleben in
dem Sinne einrichtet, wie es hier weiter angedeutet werden
wird.
Zunachst ist die Seele des Geistesschulers schwach in bezug
auf alles das, was in der seelisch-geistigen Welt wahrzuneh-
men ist. Er wird schon eine groBe innere Energie aufwenden
miissen, urn die Sinnbilder oder anderen Vorstellungen,
welche er sich aus den Anregungen der SinnesWelt heraus
aufgebaut hat, in innerer Versenkung festzuhalten. Will er
aber auBerdem noch zur wirklichen Beobachtung in einer
hoheren Welt gelangen, so muB er nicht nur an diesen Vor-
stellungen festhalten konnen. Er muB auch, nachdem er dies
getan hat, in einem Zustande verweilen konnen, in dem
keine Anregungen der sinnlichen AuBenWelt auf die Seele
wirken, aber in dem auch die charakterisierten imaginierten
Vorstellungen selbst aus dem BewuBtsein heraus getilgt
werden. Nun kann erst das im BewuBtsein hervortreten,
was durch die Versenkung sich gebildet hat. Es handelt sich
darum, daB nunmehr innere Seelenkraft genug vorhanden
ist, damit das also Gebildete wirklich geistig geschaut wird,
damit es nicht der Aufmerksamkeit entgehe. Dies ist aber
bei noch schwach entwickelter innerer Energie durchaus der
Fall. Was sich als seelisch-geistiger Organismus da zunachst
herausbildet und was man in Selbstwahrnehmung erfassen
soil, ist zart und fluchtig. Und die Storungen der sinnlichen
AuBenWelt und deren Erinnerungs-Nachwirkungen sind,
auch wenn man sich noch so sehr bemtiht sie abzuhalten,
groB. Es kommen da ja nicht nur diejenigen Storungen in
Betracht, welche man beachtet, sondern vielmehr sogar
diejenigen, welche man im gewohnlichen Leben gar nicht
beachtet. — Es ist aber gerade durch das Wesen des Menschen
ein Ubergangszustand in dieser Beziehung moglich. Was die
Seele zimachst wegen der Storimgen der physischen Welt im
Wachzustand nicht leisten kann, das vermag sie im Schlaf-
zu stand. Wer sich der inneren Versenkung ergibt, der wird
bei gehoriger Aufmerksarnkeit an seinem Schlaf etwas ge-
wahr werden. Er wird fiihlen, daB er wahrend des Schlafes
«nicht ganz schlaft», sondern daB seine Seele Zeiten hat, in
denen sie schlafend doch in einer gewissen Art tatig ist. In
solchen Zustanden halten die natiirlichen Vorgange die Ein-
fliisse der AuBenWelt ab, welche die Seele wachend noch
nicht aus eigener Kraft abhalten kann. Wenn aber nun die
Ubungen der Versenkung schon gewirkt haben, so lost sich
die Seele wahrend des Schlafes aus der BewuBtlosigkeit her-
aus und fiihlt die geistig-seelische Welt. In einer zweifachen
Art kann das eintreten. Es kann dem Menschen wahrend
des Schlafens klar sein: ich bin nun in einer andern Welt,
oder aber er kann in sich nach dem Erwachen die Erinne-
rung haben: ich war in einer andern Welt. Zu dem ersteren
gehort allerdings eine groBere innere Energie als zu dem
zweiten. Daher wird das letztere bei dem Anf anger in der
Geistesschulung das haufigere sein. Nach und nach kann das
so weit gehen, daB dem Schuler nach dem Erwachen vor-
kommt: ich war die ganze Schlafenszeit hindurch in einer
andern Welt, aus der ich aufgetaucht bin mit dem Erwachen.
Und seine Erinnerung an die Wesenheiten und Tatsachen
dieser andern Welt wird eine immer bestimmtere werden.
Es ist bei dem Geistesschuler dann in der einen oder der
andern Form das eingetreten, was man die Kontinuitat des
BewuBtseins nennen kann. (Die Fortdauer des BewuBtseins
wahrend des Schlafens.) Damit ist aber durchaus nicht ge-
meint, daB etwa der Mensch immer wahrend des Schlafes
sein BewuBtsein hat. Es ist schon viel errungen in der Kon-
tinuitat des BewuBtseins, wenn der Mensch, der sonst schlaft
wie ein anderer, gewisse Zeiten hat wahrend des Schlafens,
in denen er auf eine geistig-seelische Welt wie bewuBt hin-
schauen kann, oder wenn er im Wachen auf solche kurz
dauernde BewuBtseinszustande wieder wie hinschauen kann.
Nicht auBer acht moge aber gelassen werden, daB das hier
Geschilderte doch nur als ein Ubergangszustand aufzufassen
ist. Es ist gut, durch diesen Ubergangszustand behufs Schu-
lung hindurchzugehen; aber man soli durchaus nicht glau-
ben, daB eine abschlieBende Anschauung in bezug auf die
geistig-seelische Welt aus diesem Ubergangszustande ge-
schopft werden soli. Die Seele ist in diesem Zustande un-
sicher und kann sich darinnen noch nicht auf dasjenige ver-
lassen, was sie wahrnimmt Aber sie sammelt durch solche
Erlebnisse immer mehr Kraft, um dann auch wahrend des
Wachens dazu zu gelangen, die storenden Einflusse der phy-
sischen AuBen- und InnenWelt von sich abzuhalten und so
zu geistig-seelischer Beobachtung zu gelangen, wenn keine
Eindrucke durch die Sinne kommen, wenn der an das phy-
sische Gehirn gebundene Verstand schweigt und wenn auch
die Vorstellungen der Versenkung aus dem BewuBtsein ent-
fernt sind, durch welche man sich auf das geistige Schauen
ja nur vorbereitet hat — Was durch die Geisteswissenschaft
in dieser oder jener Form veroffendicht wird, sollte niemals
aus einer andern geistig-seelischen Beobachtung stammen
als aus einer solchen, welche bei vollem Wachzustande ge-
macht worden ist.
Zwei Seelenerlebnisse sind wichtig im Fortgange der Gei-
stesschulung. Das eine ist dasjenige, durch welches sich der
Mensch sagen kann: wenn ich nunmehr auch alles auBer acht
lasse, was mir die physische AuBenWelt an Eindriicken geben
kann, so blicke ich in mein Inneres doch nicht wie auf ein
Wesen, dem alle Tatigkeit erloscht, sondern ich schaue auf
ein Wesen, das sich seiner selbst bewuBt ist in einer Welt,
von der ich nichts weiB, so lange ich mich nur von jenen
sinnlichen und gewohnlichen Verstandeseindriicken anregen
lasse. Die Seele hat in diesem Augenblicke die Empfindung,
daB sie in sich selbst ein neues Wesen als ihren Seelen-
Wesenskern in der oben beschriebenen Weise geboren habe.
Und dieses Wesen ist ein solches von ganz anderen Eigen-
schaften, als diejenigen sind, welche vorher in der Seele
waren. — Das andere Erlebnis besteht darin, daB man sein
bisheriges Wesen nunmehr wie ein zweites neben sich haben
kann. Dasjenige, worin man bisher sich eingeschlossen wuBte,
wird zu etwas, dem man sich in gewisser Beziehung gegen-
ubergestellt findet Man fiihlt sich zeitweilig auBerhalb
dessen, was man sonst als die eigene Wesenheit, als sein «Ich»
angesprochen hat. Es ist so, wie wenn man nun in voller
Besonnenheit in zwei «Ichen» lebte. Das eine ist dasjenige,
welches man bisher gekannt hat. Das andere steht wie eine
neugeborene Wesenheit iiber diesem. Und man fiihlt, wie
das erstere eine gewisse Selbstandigkeit erlangt gegenuber
dem zweiten; etwa so wie der Leib des Menschen eine ge-
wisse Selbstandigkeit hat gegenuber dem ersten Ich. — Dieses
Erlebnis ist von groBer Bedeutung. Denn durch dasselbe
weiB der Mensch, was es heiBt, in jener Welt leben, welche
er durch die Schulung zu erreichen strebt.
Das zweite — das neugeborene — Ich kann nun zum Wahr-
nehmen in der geistigen Welt gefiihrt werden. In ihm kann
sich entwickeln, was fur diese geistige Welt die Bedeutung
hat, welche den Sinnesorganen fur die sinnlich-physische
Welt zukommt. 1st diese Entwickelung bis zu dem notwen-
digen Grade fortgeschritten, so wird der Mensch nicht nur
sich selbst als ein neugeborenes Ich empfinden, sondern er
wird nunmehr urn sich herum geistige Tatsachen und gei-
stige Wesenheiten wahrnehmen, wie er durch die physischen
Sinne die physische Welt wahrnimmt. Und dies ist ein drittes
bedeutsames Erlebnis. Um vollig auf dieser Stufe der Gei-
stesschulung zurechtzukommen, muB der Mensch damit
rechnen, daB mit der Verstarkung der Seelenkrafte die Selbst-
liebe, der Selbstsinn in einem solchen Grade auftreten, den
das gewohnliche Seelenleben gar nicht kennt Es ware ein
MiBverstandnis, wenn jemand glauben konnte, daB man
auf diesem Punkte nur von der gewohnlichen Selbsdiebe
zu sprechen hat. Diese verstarkt sich auf dieser Stufe der
Entwickelung so, daB sie das Aussehen einer Naturkraft
innerhalb der eigenen Seele annimmt, und es gehort eine
starke Willensschulung dazu, um diesen starken Selbstsinn
zu besiegen. Dieser Selbstsinn wird durch die Geistesschulung
nicht etwa erzeugt; er ist immer vorhanden; er gelangt durch
das Geist-Erleben nur zum BewuBtsein. Die Willensschulung
muB der andern Geistesschulung durchaus zur Seite gehen.
Es ist ein starker Trieb da, sich in der Welt beseligt zu fiih-
len, welche man sich erst selbst herangeschaffen hat. Und
man muB gewissermaBen das in der oben erwahnten Art
ausloschen konnen, um das man sich erst mit aller Anstren-
gung bemtiht hat. In der erreichten imaginativen Welt muB
man sich ausloschen. Dagegen aber kampfen die starksten
Triebe des Selbstsinnes an. — Es kann leicht der Glaube ent-
stehen, daB die Ubungen der Geistesschulung etwas AuBer-
liches seien, das von der moralischen Entwichdung der Seele
absieht. Demgegenuber muB gesagt werden, daB die mora-
lische Kraft, die zu der gekennzeichneten Besiegung des Selbst-
sinnes notwendig ist, nicht erlangt werden kann, ohne daB
die moralische Verfassung der Seele auf eine entsprechende
Stufe gebracht wird. Fortschritt in der Geistesschulung ist
nicht denkbar, ohne daB zugleich ein moralischer Fortschritt
sich notwendig ergibt. Ohne moralische Kraft ist die er-
wahnte Besiegung des Selbstsinnes nicht moglich. Alles Reden
daruber, daB die wahre Geistesschulung nicht zugleich eine
moralische Schulung sei, ist doch unsachgemaB. Nur dem-
jenigen, welcher ein solches Erlebnis nicht kennt, kann sich
der Einwand ergeben: wie kann man wissen, daB man es
dann, wenn man glaubt, geistige Wahrnehmungen zu haben,
mit Wirklichkeiten und nicht mit bloBen Einbildungen
(Visionen, Halluzinationen usw.) zu tun habe? — Die Sache
ist eben so, daB derjenige, welcher in regelrechter Schulung
die charakterisierte Stufe erreicht hat, seine eigene Vorstellung
von einer geistigen Wirklichkeit ebenso unterscheiden kann,
wie ein Mensch mit gesundem Verstande unterscheiden kann
die Vorstellung eines heiBen Eisenstiickes von dem wirk-
lichen Vorhandensein eines solchen, das er mit der Hand
berlihrt Den Unterschied gibt eben das gesunde Erleben
und nichts anderes. Und auch in der geistigen Welt gibt den
Prufstein das Leben selbst. Wie man weiB, daB in der Sin-
nenWelt ein vorgestelltes Eisenstuck, wenn es noch so heiB
gedacht wird, nicht die Finger verbrennt, so weiB der ge-
schulte Geistesschuler, ob er nur in seiner Einbildung eine
geistige Tatsache erlebt oder ob auf seine erweckten geisti-
gen Wahrnehmungsorgane wirkliche Tatsachen oder Wesen-
heiten einen Eindruck machen. Die MaBregeln, welche man
wahrend der Geistesschulung zu beobachten hat, damit
man in dieser Beziehung nicht Tauschungen zum Opfer
fallt, werden in der folgenden Darstellung noch besprochen
werden.
Es ist nun von der groBten Bedeutung, daB der Geistes-
schiiler eine ganz bestimmte Seelenverfassung erlangt hat,
wenn das BewuBtsein von einem neugeborenen Ich bei ihm
eintritt. Denn es ist der Mensch durch sein Ich der Ftihrer
seiner Empfindungen, Gefiihle, Vorstellimgen, seiner Triebe,
Begehrungen und Leidenschaften. Wahrnehmungen und Vor-
stellungen konnen in der Seele sich nicht selbst iiberlassen
sein. Sie miissen durch die denkende Besonnenheit geregelt
werden. Und es ist das Ich, welches diese Denkgesetze hand-
habt und welches durch sie Ordnung in das Vorstellungs-
und Gedankenleben bringt. Ahnlich ist es mit den Begeh-
rungen, den Trieben, den Neigungen, den Leidenschaften.
Die ethischen Grundsatze werden zu Ftihrern dieser Seelen-
krafte. Und durch das sittliche Urteil wird das Ich der Ftih-
rer der Seele auf diesem Gebiete. Wenn nun der Mensch aus
seinem gewohnlichen Ich ein hoheres herauszieht, so wird
das erstere in einer gewissen Beziehung selbstandig. Es wird
diesem so viel an lebendiger Kraft weggenommen, als dem
hoheren Ich zugewendet wird. Man setze aber einmal den
Fall, der Mensch habe in sich noch nicht eine gewisse Fahig-
keit und Festigkeit in den Denkgesetzen und in der Urteils-
kraft ausgebildet und er wollte auf solcher Stufe sein hoheres
Ich gebaren. Er wird nur so viel seinem gewohnlichen Ich
an Denkfahigkeit zurticklassen konnen, als er vorher aus-
gebildet hat Ist das MaB des geordneten Denkens zu gering,
dann wird in dem selbstandig gewordenen gewohnlichen
Ich ein ungeordnetes, verworrenes, phantastisches Denken
und Urteilen auftreten. Und weil bei einer solchen Person-
lichkeit das neugeborene Ich auch nur schwach sein kann,
wird fur das tibersinnliche Schauen das verworrene niedere
Ich die Oberherrschaft erlangen und der Mensch das Gleich-
gewicht seiner Urteilskraft fur die Beobachtung des Uber-
sinnlichen nicht zeigen. Hatte er genligend Fahigkeit des
logischen Denkens ausgebildet, so konnte er sein gewohn-
liches Ich ruhig seiner Selbstandigkeit iiberlassen. — Und auf
dem ethischen Gebiete ist es ebenso. Wenn der Mensch nicht
Festigkeit im moralischen Urteil erlangt hat, wenn er nicht
genligend Herr geworden ist iiber Neigungen, Triebe und
Leidenschaften, dann wird er sein gewohnliches Ich verselb-
standigen in einem Zustand, in dem die genannten Seelen-
krafte wirken. Es kann der Fall eintreten, daB der Mensch
in dem Feststellen der erlebten ubersinnlichen Erkenntnisse
nicht einen gleich hohen Wahrheitssinn walten laBt wie in
dem, was er sich durch die physische AuBenWelt zum Be-
wuBtsein bringt. Er konnte bei so gelockertem Wahrheits-
sinn alles mogliche fur geistige Wirklichkeit halten, was nur
seine Phantasterei ist. In diesen Wahrheitssinn hinein miissen
Festigkeit des ethischen Urteiles, Sicherheit des Charakters,
Grundlichkeit des Gewissens wirken, die in dem zuriick-
gelassenen Ich ausgebildet sind, bevor das hohere Ich zum
Zwecke der ubersinnlichen Erkenntnis tatig wird. — Es darf
dies durchaus nicht zu einem Abschreckungsmittel gegen-
liber der Schulung werden; es muB aber ganz ernst genom-
men werden.
Wer den starken Willen hat, alles zu tun, was das erste
Ich zur inneren Sicherheit in der Ausubung seiner Verrich-
tungen bringt, der braucht vor der zur ubersinnlichen Er-
kenntnis bewirkten Loslosung eines zweiten Ich durch die
geistige Schulung durchaus nicht zuriickzuschrecken. Nur
muB er sich vorhalten, daB Selbsttauschung dann eine
groBe Macht tiber den Menschen hat, wenn es sich darum
handelt, daB dieser sich fur etwas «reif>> befinden soil. In
derjenigen Geistesschulung, welche hier beschrieben ist, er-
langt der Mensch eine solche Ausbildung seines Gedanken-
lebens, daB er in Gefahren, zu irren, wie sie oft vermutet
werden, nicht kommen kann. Diese Gedankenausbildung
bewirkt, daB alle inneren Erlebnisse, welche notwendig sind,
auftreten, daB sie aber so sich abspielen, wie sie von der
Seele durchgemacht werden miissen, ohne von schadlichen
Phantasieverirrungen begleitet zu sein. Ohne entsprechende
Gedankenausbildung konnen die Erlebnisse eine starke Un-
sicherheit in der Seele hervorrufen. Die hier betonte Art
bewirkt, daB die Erlebnisse so auftreten, daB man sie voll-
kommen kennenlernt, wie man die Wahrnehmungen der
physischen Welt bei gesunder Seelenverfassung kennenlernt.
Man wird durch die Ausbildung des Denklebens mehr ein
Beobachter dessen, was man an sich erlebt, wahrend man
ohne das Denkleben unbesonnen in dem Erlebnis drinnen
steht.
Von einer sachgemaBen Schulung werden gewisse Eigen-
schaften genannt, welche sich durch Ubung derjenige erwer-
ben soil, welcher den Weg in die hoheren Welten finden will.
Es sind dies vor allem: Herrschaft der Seele tiber ihre Ge-
dankenftihrung, tiber ihren Willen und ihre Geftihle. Die
Art, wie diese Herrschaft durch Ubung herbeigeftihrt wer-
den soil, hat ein zweifaches Ziel. Einerseits soil der Seele
dadurch Festigkeit, Sicherheit und Gleichgewicht so weit ein-
gepragt werden, daB sie sich diese Eigenschaften bewahrt,
auch wenn ein zweites Ich aus ihr geboren wird. Andrer-
seits soli diesem zweiten Ich Starke und innerer Halt mit
auf den Weg gegeben werden.
Was dem Denken des Menschen fur die Geistesschulung
vor allem notwendig ist, das ist Sachlichkeit. In derphysisch-
sinnlichen Welt ist das Leben der groBe Lehrmeister fur das
menschliche Ich zur Sachlichkeit. Wollte die Seele in beliebi-
ger Weise die Gedanken hin und her schweifen lassen: sie
miiBte alsbald sich von dem Leben korrigieren lassen, wenn
sie mit ihm nicht in Konflikt kommen wollte. Die Seele
muB entsprechend dem Verlauf der Tatsachen des Lebens
denken. Wenn nun der Mensch die Aufmerksamkeit von der
physisch-sinnlichen Welt ablenkt, so fehlt ihm die Zwangs-
korrektur der letzteren. Ist dann sein Denken nicht im-
stande, sein eigener Korrektor zu sein, so muB es ins Irr-
lichtelieren kommen. Deshalb muB das Denken des Geistes-
schulers sich so liben, daB es sich selber Richtung und Ziel
geben kann. Innere Festigkeit und die Fahigkeit, streng bei
einem Gegenstande zu bleiben, das ist, was das Denken in
sich selbst heranziehen muB. Deshalb sollen entsprechende
«Denkubungen» nicht an fernliegenden und komplizierten
Gegenstanden vorgenommen werden, sondern an einfachen
und naheliegenden. Wer sich uberwindet, durch Monate
hindurch taglich wenigstens fiinf Minuten seine Gedan-
ken an einen alltaglichen Gegenstand (z.B. eine Steck-
nadel, einen Bleistift usw.) zu wenden und wahrend dieser
Zeit alle Gedanken auszuschlieBen, welche nicht mit diesem
Gegenstande zusammenhangen, der hat nach dieser Rich-
tung hin viel getan. (Man kann taglich einen neuen Gegen-
stand bedenken oder mehrere Tage einen festhalten.) Auch
derjenige, welcher sich als «Denker» durch wissenschaftliche
Schulung fiihlt, sollte es nicht verschmahen, sich in solcher
Art fur die Geistes schulung «reif» zu machen. Denn wenn
man eine Zeitlang die Gedanken heftet an etwas, was einem
ganz bekannt ist, so kann man sicher sein, daB man sach-
gemaB denkt. Wer sich fragt: Welche Bestandteile setzen
einen Bleistift zusammen? Wie werden die Materialien zu
dem Bleistift vorgearbeitet? Wie werden sie nachher zu-
sammengefLigt? Wann wurden die Bleistifte erfunden?
usw. usw.: ein solcher paBt seine Vorstellungen sicher mehr
der Wirklichkeit an als derjenige, der dariiber nachdenkt,
wie die Abstammung des Menschen ist oder was das Leben
ist Man lernt durch einfache Denkubungen fur ein sachgema-
Bes Vorstellen gegenliber der Welt der Saturn-, Sonnen- und
Mondenentwickelung mehr als durch komplizierte und ge-
lehrte Ideen. Denn zunachst handelt es sich gar nicht dar-
um, iiber dieses oder jenes zu denken, sondern sachgemafi
durch innere Kraft zu denken. Hat man sich die SachgemaB-
heit anerzogen an einem leicht uberschaubaren sinnlich-
physischen Vorgang, dann gewohnt sich das Denken daran,
auch sachgemaB sein zu wollen, wenn es sich nicht durch
die physisch-sinnliche Welt und ihre Gesetze beherrscht
fiihlt Und man gewohnt es sich ab, unsachgemaB die
Gedanken schwarmen zu lassen.
Wie Herrscher in der GedankenWelt, so soil ein solcher
die Seele auch im Gebiete des Willens werden. In der phy-
sisch-sinnlichen Welt ist es auch hier das Leben, das als Be-
herrscher auftritt. Es macht diese oder jene Bedurfhisse fur
den Menschen geltend; und der Wille fiihlt sich angeregt,
diese Bedurfhisse zu befriedigen. Fur die hohere Schulung
muB sich der Mensch daran gewohnen, seinen eigenen Be-
fehlen streng zu gehorchen. Wer sich an solches gewohnt,
dem wird es immer weniger und weniger beifallen, Wesen-
loses zu begehren. Das Unbefriedigende, Haltlose im Wil-
lensleben rlihrt aber von dem Begehren solcher Dinge her,
von deren Verwirklichung man sich keinen deudichen Be-
griff macht Solche Unbefriedigung kann das ganze Gemiits-
leben in Unordnung bringen, wenn ein hoheres Ich aus der
Seele hervorgehen will. Eine gute Ubung ist es, durch Mo-
nate hindurch sich zu einer bestimmten Tageszeit den Befehl
zu geben: Heute «um diese bestimmte Zeit» wirst du «die-
ses» ausfuhren. Man gelangt dann allmahlich dazu, sich die
Zeit der Ausfuhrung und die Art des auszufuhrenden Din-
ges so zu befehlen, daB die Ausfuhrung ganz genau moglich
ist So erhebt man sich iiber das verderbliche: «ich mochte
dies; ich will jenes», wobei man gar nicht an die Ausfuhr-
barkeit denkt. Eine groBe Personlichkeit laBt eine Seherin
sagen: «Den lieb' ich, der Unmogliches begehrt.» (Goethe,
Faust IL) Und diese Personlichkeit (Goethe) selbst sagt: «In
der Idee leben heiBt, das Unmogliche behandeln, als wenn
es moglich ware.» (Goethe, Spriiche in Prosa.) Solche Aus-
sprliche dtirfen aber nicht als Einwande gegen das hier Dar-
gestellte gebraucht werden. Denn die Forderung, die Goethe
und seine Seherin (Manto) stellen, kann nur derjenige er-
fiillen, welcher sich an dem Begehren dessen, was moglich
ist, erst herangebildet hat, um dann durch sein starkes Wol-
len eben das «Unm6gliche» so behandeln zu konnen, daB es
sich durch sein Wollen in ein Mogliches verwandelt.
In bezug auf die GefuhlsWelt soil es die Seele fur die
Geistesschulung zu einer gewissen Gelassenheit bringen. Da-
zu ist notig, daB diese Seele Beherrscherin werde iiber den
Ausdruck von Lust und Leid, Freude und Schmerz. Gerade
gegenliber der Erwerbung dieser Eigenschaft kann sich man-
ches Vorurteil ergeben. Man konnte meinen, man werde
stumpf und teilnahmslos gegenliber seiner MitWelt, wenn
man iiber das «Erfreuliche sich nicht erfreuen, iiber das
Schmerzhafte nicht Schmerz empfinden soll». Doch darum
handelt es sich nicht. Ein Erfreuliches soil die Seele erfreuen,
ein Trauriges soil sie schmerzen. Sie soil nur dazu gelangen,
den Ausdruck von Freude und Schmerz, von Lust und Un-
lust zu beherrschen. Strebt man dieses an, so wird man als-
bald bemerken, daB man nicht stumpfer, sondern im Gegen-
teil empfanglicher wird fur alles Erfreuliche und Schmerz-
hafte der Umgebung, als man fruher war. Es erfordert aller-
dings ein genaues Achtgeben auf sich selbst durch langere
Zeit, wenn man sich die Eigenschaft aneignen will, um die
es sich hier handelt Man muB darauf sehen, daB man Lust
und Leid voll miterleben kann, ohne sich dabei so zu ver-
lieren, daB man dem, was man empfindet, einen unwillkur-
lichen Ausdruck gibt. Nicht den berechtigten Schmerz soil
man unterdriicken, sondern das unwillkurliche Weinen; nicht
den Abscheu vor einer schlechten Handlung, sondern das
blinde Wiiten des Zorns; nicht das Achten auf eine Ge-
fahr, sondern das fruchtlose «Sich-Furchten» usw. — Nur
durch eine solche Ubung gelangt der Geistesschuler dazu,
jene Ruhe in seinem Gemiit zu haben, welche notwendig
ist, damit nicht beim Geborenwerden und namentlich bei der
Betatigung des hoheren Ich die Seele wie eine Art Doppel-
ganger neben diesem hoheren Ich ein zweites, ungesundes
Leben fuhrt Gerade diesen Dingen gegenuber sollte man
sich keiner Selbsttauschung hingeben. Es kann manchem
scheinen, daB er einen gewissen Gleichmut im gewohnlichen
Leben schon habe und daB er deshalb diese Ubung nicht
notig habe. Gerade ein solcher hat sie zweifach notig. Man
kann namlich ganz gut gelassen sein, wenn man den Dingen
des gewohnlichen Lebens gegenlibersteht; und dann beim
Aufsteigen in eine hohere Welt kann sich um so mehr die
Gleichgewichtslosigkeit, die nur zuriickgedrangt war, geltend
machen. Es muB durchaus erkannt werden, daB zur Geistes-
schulung es weniger darauf ankommt, was man vorher zu
haben scheint, als vielmehr darauf, daB man ganz gesetz-
maBig ubt, was man braucht. So widerspruchsvoll dieser
Satz auch aussieht: er ist richtig. Hat einem auch das Leben
dies oder jenes anerzogen: zur Geistesschulung dienen die
Eigenschaften, welche man sich selbst anerzogen hat. Hat
einem das Leben Erregtheit beigebracht, so sollte man sich
die Erregtheit aberziehen; hat einem aber das Leben Gleich-
mut beigebracht, so sollte man sich durch Selbsterziehung so
aufrutteln, daB der Ausdruck der Seele dem empfangenen
Eindruck entspricht Wer iiber nichts lachen kann, beherrscht
sein Leben ebensowenig wie derjenige, welcher, ohne sich
zu beherrschen, fortwahrend zum Lachen gereizt wird.
Fur das Denken und Ftihlen ist ein weiteres Bildungs-
mittel die Erwerbung der Eigenschaft, welche man Positivi-
tat nennen kann. Es gibt eine schone Legende, die besagt
von dem Christus Jesus, daB er mit einigen andern Personen
an einem toten Hund vorubergeht. Die andern wenden sich
ab von dem haBlichen Anblick. Der Christus Jesus spricht
bewundernd von den schonen Zahnen des Tieres. Man kann
sich darin iiben, gegenuber der Welt eine solche Seelenver-
fassung zu erhalten, wie sie im Sinne dieser Legende ist. Das
Irrtumliche, Schlechte, HaBliche soil die Seele nicht abhalten,
das Wahre, Gute und Schone uberall zu finden, wo es vor-
handen ist Nicht verwechseln soil man diese Positivitat mit
Kritiklosigkeit, mit dem willkurlichen VerschlieBen der
Augen gegenliber dem Schlechten, Falschen und Minderwer-
tigen. Wer die «schonen Zahne» eines toten Tieres bewim-
dert, der sieht auch den verwesenden Leichnam. Aber dieser
Leichnam halt ihn nicht davon ab, die schonen Zahne zu
sehen. Man kann das Schlechte nicht gut, den Irrtum nicht
wahr finden; aber man kann es dahin bringen, daB man
durch das Schlechte nicht abgehalten werde, das Gute, durch
den Irrtum nicht, das Wahre zu sehen.
Das Denken in Verbindung mit dem Willen erfahrt eine
gewisse Reifung, wenn man versucht, sich niemals durch
etwas, was man erlebt oder erfahren hat, die unbefangene
Empfanglichkeit fur neue Erlebnisse rauben zu lassen. Fur
den Geistesschliler soil der Gedanke seine Bedeutung ganz
verlieren: «Das habe ich noch nie gehort, das glaube ich
nicht. » Er soil wahrend einer gewissen Zeit geradezu uberall
darauf ausgehen, sich bei jeder Gelegenheit von einem
jeglichen Dinge und Wesen Neues sagen zu lassen. Von
jedem Luftzug, von jedem Baumblatt, von jeglichem Lallen
eines Kindes kann man lernen, wenn man bereit ist, einen
Gesichtspunkt in Anwendung zu bringen, den man bisher
nicht in Anwendung gebracht hat. Es wird allerdings leicht
moglich sein, in bezug auf eine solche Fahigkeit zu weit zu
gehen. Man soil ja nicht etwa in einem gewissen Lebensalter
die Erfahrungen, die man iiber die Dinge gemacht hat,
auBer acht lassen. Man soil, was man in der Gegenwart
erlebt, nach den Erfahrungen der Vergangenheit beurteilen.
Das kommt auf die eine Waagschale; auf die andere aber
muB fur den Geistesschuler die Geneigtheit kommen, immer
Neues zu erfahren. Und vor allem der Glaube an die
Moglichkeit, daB neue Erlebnisse den alten widersprechen
konnen.
Damit sind fiinf Eigenschaften der Seele genannt, welche
sich in regelrechter Schulung der Geistesschiiler anzueignen
hat: die Herrschaft iiber die Gedankenfiihrung, die Herr-
schaft iiber die Willensimpulse, die Gelassenheit gegeniiber
Lust und Leid, die Positivitat im Beurteilen der Welt, die
Unbefangenheit in der Auffassung des Lebens. Wer gewisse
Zeiten aufeinanderfolgend dazu verwendet hat, urn sich in
der Erwerbung dieser Eigenschaften zu iiben, der wird dann
noch notig haben, in der Seele diese Eigenschaften zum har-
monischen Zusammenstimmen zu bringen. Er wird sie ge-
wissermaBen je zwei und zwei, drei und eine usw. gleich-
zeitig liben miissen, um Harmonie zu bewirken.
Die charakterisierten Ubungen sind durch die Methoden
der Geistesschulung angegeben, weil sie bei grilndlicher Aus-
fuhrung in dem Geistesschiiler nicht nur das bewirken, was
oben als unmittelbares Ergebnis genannt worden ist, son-
dern mittelbar noch vieles andere im Gefolge haben, was
auf dem Wege zu den geistigen Welten gebraucht wird. Wer
diese Ubungen in genugendem MaBe macht, wird wahrend
derselben auf manche Mangel und Fehler seines Seelen-
lebens stoBen; und er wird die gerade ihm notwendigen
Mittel finden zur Kraftigung und Sicherung seines intellek-
tuellen, gefuhlsmaBigen und Charakterlebens. Er wird ge-
wiB noch manche andere Ubungen notig haben, je nach
seinen Fahigkeiten, seinem Temperament und Charakter;
solche ergeben sich aber, wenn die genannten ausgiebig
durchgemacht werden. Ja, man wird bemerken, daB die
dargestellten Ubungen mittelbar auch dasjenige nach und
nach geben, was zunachst nicht in ihnen zu liegen scheint.
Wenn z.B. jemand zu wenig Selbstvertrauen hat, so wird
er nach entsprechender Zeit bemerken konnen, daB
sich durch die Ubimgen das notwendige Selbstvertrauen
einstellt. Und so ist es in bezug auf andere Seeleneigenschaf-
ten. (Besondere, mehr ins einzelne gehende Ubimgen findet
man in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der
hoheren Welten?») — Bedeutungsvoll ist, daB der Geistes-
schiiler die angegebenen Fahigkeiten in immer hoheren Gra-
den zu steigern vermag. Die Beherrschung der Gedanken
und Empfindungen muB er so weit bringen, daB die Seele
die Macht erhalt, Zeiten vollkommener innerer Ruhe her-
zustellen, in denen der Mensch seinem Geiste und seinem
Herzen alles fernhalt, was das alltagliche, auBere Leben an
Gliick und Leid, an Befriedigungen und Kummernissen, ja
an Aufgaben und Forderungen bringt. Eingelassen werden
soil in solchen Zeiten nur dasjenige in die Seele, was diese
selbst im Zustande der Versenkung einlassen will. Leicht
kann sich demgegenuber ein Vorurteil geltend machen. Es
konnte die Meinung entstehen, man werde dem Leben und
seinen Aufgaben entfremdet, wenn man sich mit Herz und
Geist fur gewisse Zeiten des Tages aus demselben zuriick-
zieht Das ist aber in Wirklichkeit durchaus nicht der Fall.
Wer sich in der geschilderten Art Perioden der inneren
Stille und des Friedens hingibt, dem wachsen aus denselben
fur die Aufgaben auch des auBeren Lebens so viele und so
starke Krafte zu, daB er die Lebenspflichten dadurch nicht
nur nicht schlechter, sondern ganz gewiB besser erfullt. —
Von groBem Werte ist es, wenn der Mensch in solchen Peri-
oden ganz loskommt von den Gedanken an seine person-
lichen Angelegenheiten, wenn er sich zu erheben vermag zu
dem, was nicht nur ihn, sondern was den Menschen im all-
gemeinen liberhaupt angeht. Ist er imstande, seine Seele zu
erfiillen mit den Mitteilungen aus der hoheren geistigen
Welt, vermogen diese sein Interesse in einem so hohen Grade
zu fesseln, wie eine personliche Sorge oder Angelegenheit,
dann wird seine Seele davon besondere Friichte haben. —
Wer in dieser Weise regelnd in sein Seelenleben einzugreifen
sich bemliht, der wird auch zu der Moglichkeit einer Selbst-
beobachtung kommen, welche die eigenen Angelegenheiten
mit der Ruhe ansieht, als wenn sie fremde waren. Die eige-
nen Erlebnisse, die eigenen Freuden und Leiden wie die
eines andern ansehen konnen, ist eine gute Vorbereitung
fur die Geistesschulung. Man bringt es allmahlich zu dem
in dieser Beziehung notwendigen Grad, wenn man sich tag-
lich nach vollbrachtem Tagewerk die Bilder der taglichen
Erlebnisse vor dem Geiste vorbeiziehen laBt. Man soli sich
innerhalb seiner Erlebnisse selbst im Bilde erblicken; also
sich in seinem Tagesleben wie von auBen betrachten. Man
gelangt zu einer gewissen Praxis in solcher Selbstbeobach-
tung, wenn man mit der Vorstellung einzelner kleiner Teile
dieses Tageslebens den Anfang macht Man wird dann
immer geschickter und gewandter in solcher Ruckschau, so
daB man sie nach langerer Ubung in einer kurzen Spanne
Zeit vollstandig wird gestalten konnen. Dieses Ruckwarts-
Anschauen der Erlebnisse hat fur die Geistesschulung des-
halb seinen besonderen Wert, weil es die Seele dazu bringt,
sich im Vorstellen loszumachen von der sonst innegehalte-
nen Gewohnheit, nur dem Verlauf des sinnenfalligen Ge-
schehens mit dem Denken zu folgen. Im Rtickwarts-Denken
stellt man richtig vor, aber nicht gehalten durch den sinnen-
falligen Verlauf. Das braucht man zum Einleben in die
ubersinnliche Welt. Daran erkraftet sich das Vorstellen in
gesunder Art. Daher ist es auch gut, auBer seinem Tages-
leben anderes rlickwarts vorzustellen, z.B. den Verlauf
eines Dramas, einer Erzahlung, einer Tonfolge usw. — Das
Ideal fur den Geistesschiiler wird immer mehr werden, sich
den an ihn herantretenden Lebensereignissen gegeniiber so zu
verhalten, daB er sie mit innerer Sicherheit und Seelenruhe
an sich herankommen laBt und sie nicht nach seiner Seelen-
verfassung beurteilt, sondern nach ihrer inneren Bedeutung
und ihrem inneren Wert. Er wird gerade durch den Hinblick
auf dieses Ideal sich die seelische Grundlage schaffen, um sich
den oben geschilderten Versenkungen in symbolische und
andere Gedanken und Empfindungen hingeben zu konnen.
Die hier geschilderten Bedingungen mlissen erfullt sein,
weil sich das ubersinnliche Erleben auf dem Boden auf-
erbaut, auf dem man im gewohnlichen Seelenleben steht,
bevor man in die ubersinnliche Welt eintritt. In zweifacher
Art ist alles ubersinnliche Erleben abhangig von dem Seelen-
Ausgangspunkt, auf dem man vor dem Eintritte steht Wer
nicht darauf bedacht ist, von vornherein eine gesunde Ur-
teilskraft zur Grundlage seiner Geistesschulung zu machen,
der wird in sich solche ubersinnliche Fahigkeiten entwickeln,
welche ungenau und unrichtig die geistige Welt wahrneh-
men. Es werden gewissermaBen seine geistigen Wahrneh-
mungsorgane unrichtig sich entfalten. Und wie man mit
einem fehlerhaften oder kranken Auge nicht richtig in der
SinnenWelt sehen kann, so kann man mit Geistorganen
nicht richtig wahrnehmen, die nicht auf der Grundlage einer
gesunden Urteilsfahigkeit herangebildet sind. — Wer von
einer unmoralischen Seelenverfassung den Ausgangspunkt
nimmt, der erhebt sich so in die geistigen Welten, daB sein
geistiges Schauen wie betaubt, wie umnebelt ist. Er ist gegen-
iiber den ubersinnlichen Welten, wie jemand gegeniiber der
sinnlichen Welt ist, der in Betaubung beobachtet Nur wird
dieser zu keinen erheblichen Aussagen kommen, wahrend
der geistige Beobachter in seiner Betaubung doch immerhin
wacher ist als ein Mensch im gewohnlichen BewuBtsein.
Seine Aussagen werden deshalb zu Irrtumern gegenliber der
geistigen Welt
Die innere Gediegenheit der imaginativen Erkenntnis-
stufe wird dadurch erreicht, daB die dargestellten seelischen
Versenkungen (Meditationen) unterstiitzt werden von dem,
was man die Gewohnung an «sinnlichkeitsfreies Denken»
nennen kann. Wenn man sich einen Gedanken auf Grund
der Beobachtung in der physisch-sinnlichen Welt macht, so
ist dieser Gedanke nicht sinnlichkeitsfrei. Aber es ist nicht
etwa so, daB der Mensch nur solche Gedanken bilden konne.
Das menschliche Denken braucht nicht leer und inhaltlos
zu werden, wenn es sich nicht von sinnlichen Beobachtun-
gen erfullen laBt. Der sicherste und nachstliegende Weg fur
den Geistesschuler, zu solchem sinnlichkeitsfreien Denken
zu kommen, kann der sein, die ihm von der Geisteswissen-
schaft mitgeteilten Tatsachen der hoheren Welt zum Eigen-
tum seines Denkens zu machen. Diese Tatsachen konnen von
den physischen Sinnen nicht beobachtet werden. Dennoch
wird der Mensch bemerken, daB er sie begreifen kann, wenn
er nur Geduld und Ausdauer genug hat. Man kann ohne
Schulung nicht in der hoheren Welt forschen, man kann
darin nicht selbst Beobachtungen machen; aber man kann
ohne die hohere Schulung alles verstehen, was die Forscher
aus derselben mitteilen. Und wenn jemand sagt: Wie kann
ich dasjenige auf Treu und Glauben hinnehmen, was die
Geistesforscher sagen, da ich es doch nicht selbst sehen kann?,
so ist dies vollig unbegriindet Denn es ist durchaus mog-
lich, aus dem blofien Nachdenken heraus die sichere Uber-
zeugung zu erhalten: das Mitgeteilte ist wahr. Und wenn
diese Uberzeugung sich jemand durch Nachdenken nicht
bilden kann, so riihrt das nicht davon her, weil man un-
moglich an etwas «glauben» konne, was man nicht sieht,
sondern lediglich davon, daB man sein Nachdenken noch
nicht vorurteilslos, umfassend, griindlich genug angewendet
hat Um in diesem Punkte Klarheit zu haben, muB man
bedenken, daB das menschliche Denken, wenn es sich ener-
gisch innerlich aufrafft, mehr begreifen kann, als es in der
Regel wahnt In dem Gedanken selbst liegt namlich schon
eine innere Wesenheit, welche im Zusammenhang steht mit
der ubersinnlichen Welt Die Seele ist sich gewohnlich dieses
Zusammenhanges nicht bewuBt, weil sie gewdhnt ist, die
Gedankenfahigkeit nur an der SinnenWelt heranzuziehen.
Sie halt deshalb fur unbegreiflich, was ihr aus der ubersinn-
lichen Welt mitgeteilt wird. Dies ist aber nicht nur begreif-
lich fur ein durch Geistesschulung erzogenes Denken, son-
dern fur jedes Denken, das sich seiner vollen Kraft bewuBt
ist und sich derselben bedienen will. — Dadurch, daB man
sich unablassig zum Eigentum macht, was die Geistesfor-
schung sagt, gewohnt man sich an ein Denken, das nicht
aus den sinnlichen Beobachtungen schopft Man lernt er-
kennen, wie im Innern der Seele Gedanke sich an Gedanke
webt, wie Gedanke den Gedanken sucht, auch wenn die
Gedankenverbindungen nicht durch die Macht der Sinnen-
beobachtung bewirkt werden. Das Wesendiche dabei ist,
daB man so gewahr wird, wie die GedankenWelt inneres
Leben hat, wie man sich, indem man wirklich denkt, im
Bereiche einer ubersinnlichen lebendigen Welt schon befin-
det Man sagt sich: Es ist etwas in mir, was einen Gedanken-
organismus ausbildet; aber ich bin doch eines mit diesem
«Etwas». Man erlebt so in der Hingabe an sinnlichkeits-
freies Denken, daB etwas Wesenhaftes besteht, was einflieBt
in unser Innenleben, wie die Eigenschaften der Sinnendinge
durch unsere physischen Organe in uns einflieBen, wenn wir
sinnlich beobachten. Da drauBen im Raume — so sagt sich
der Beobachter der SinnenWelt — ist eine Rose; sie ist mir
nicht fremd, denn sie kiindigt sich mir durch ihre Farbe und
ihren Geruch an. Man braucht nun nur genug vorurteilslos
zu sein, um sich dann, wenn das sinnlichkeitsfreie Denken
in einem arbeitet, ganz entsprechend zu sagen: es kiindigt
sich mir ein Wesenhaftes an, welches in mir Gedanken an Ge-
danken bindet, welches einen Gedankenorganismus formt.
Es besteht aber ein Unterschied in den Empfindungen gegen-
liber dem, was der Beobachter der auBeren SinnenWelt im
Auge hat, und dem, was sich wesenhaft in dem sinnlich-
keitsfreien Denken ankiindigt. Der erste Beobachter fiihlt
sich der Rose gegeniiber auBenstehend, derjenige, welcher
dem sinnlichkeitsfreien Denken hingegeben ist, fiihlt das
in ihm sich anklindigende Wesenhafte wie in sich, er fiihlt
sich mit ihm eins. Wer mehr oder weniger bewuBt nur das
als wesenhafl: gelten lassen will, was ihm wie ein auBerer
Gegenstand gegenubertritt, der wird allerdings nicht das
Gefiihl erhalten konnen: was ein Wesenhaftes fur sich ist,
das kann sich mir auch dadurch ankundigen, daB ich mit
ihm wie in eins vereinigt bin. Um in dieser Beziehung richtig
zu sehen, muB man folgendes innere Erlebnis haben konnen.
Man muB unterscheiden lernen zwischen den Gedanken-
verbindungen, die man durch eigene Willkur schafft, und
denjenigen, welche man in sich erlebt, wenn man solche
eigene Willkiir in sich schweigen laBt In dem letzteren Falle
kann man dann sagen: Ich bleibe in mir ganz still; ich fiihre
keine Gedankenverbindungen herbei; ich gebe mich dem
hin, was «in mir denkt». Dann ist es vollberechtigt, zu
sagen: in mir wirkt ein fur sich Wesenhaftes, wie es berech-
tigt ist zu sagen: auf mich wirkt die Rose, wenn ich ein be-
stimmtes Rot sehe, einen bestimmten Geruch wahrnehme. —
Es ist dabei kein Widerspruch, daB man doch den Inhalt
seiner Gedanken aus den Mitteilungen der Geistesforscher
schopft. Die Gedanken sind dann zwar bereits da, wenn
man sich ihnen hingibt; aber man kann sie nicht denken,
wenn man sie nicht in jedem Falle in der Seele wieder neu
nachschafft. Darauf eben kommt es an, daB der Geistes-
forscher solche Gedanken in seinem Zuhorer und Leser wach-
ruft, welche diese aus sich erst holen miissen, wahrend der-
jenige, welcher Sinnlich-Wirkliches beschreibt, auf etwas
hindeutet, was von Zuhorer und Leser in der SinnenWelt
beobachtet werden kann.
(Es ist der Weg, welcher durch die Mitteilungen der
Geisteswissenschaft in das sinnlichkeitsfreie Denken fuhrt,
ein durchaus sicherer. Es gibt aber noch einen andern, wel-
cher sicherer und vor allem genauer, dafiir aber auch fur
viele Menschen schwieriger ist. Er ist in meinen Buchern
«Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung» und
«Philosophie der Freiheit» dargestellt. Diese Schriften geben
wieder, was der menschliche Gedanke sich erarbeiten kann,
wenn das Denken sich nicht den Eindrucken der physisch-
sinnlichen AuBenWelt hingibt, sondern nur sich selbst Es
arbeitet dann das reine Denken, nicht das bloB in Erinne-
rungen an Sinnliches sich ergehende in dem Menschen, wie
eine in sich lebendige Wesenheit. Dabei ist in den genannten
Schriften nichts anfgenommen aus den Mitteilungen der
Geisteswissenschaft selbst. Und doch ist gezeigt, daB das
reine, nur in sich arbeitende Denken Aufschltisse gewinnen
kann tiber die Welt, das Leben und den Menschen. Es stehen
diese Schriften auf einer sehr wichtigen Zwischenstufe zwi-
schen dem Erkennen der SinnenWelt und dem der geistigen
Welt. Sie bieten dasjenige, was das Denken gewinnen kann,
wenn es sich erhebt tiber die sinnliche Beobachtung, aber
noch den Eingang vermeidet in die Geistesforschung. Wer
diese Schriften auf seine ganze Seele wirken laBt, der steht
schon in der geistigen Welt; nur daB sich diese ihm als Ge-
dankenWelt gibt Wer sich in der Lage ftihlt, solch eine Zwi-
schenstufe auf sich wirken zu lassen, der geht einen sicheren
Weg; und er kann sich dadurch ein Geftihl gegentiber der
hoheren Welt erringen, das fur alle Folgezeit ihm die schon-
sten Frtichte tragen wird.)
Das Ziel der Versenkung (Meditation) in die oben charak-
terisierten symbolischen Vorstellungen und Empfindungen
ist, genau gesprochen, die Heranbildung der hoheren Wahr-
nehmungsorgane innerhalb des astralischen Leibes des Men-
schen. Sie werden aus der Substanz dieses astralischen Lei-
bes heraus zunachst geschaffen. Diese neuen Beobachtungs-
organe vermitteln eine neue Welt, und in dieser neuen
Welt lernt sich der Mensch als ein neues Ich kennen. Von den
Beobachtungsorganen der sinnlich-physischen Welt unter-
scheiden sich jene neuen schon dadurch, daB sie tatige Or-
gane sind. Wahrend Auge und Ohr sich passiv verhalten
und Licht und Ton auf sich wirken lassen, kann von den
geistig-seelischen Wahrnehmungsorganen gesagt werden,
daB sie in fortwahrender Tatigkeit sind, wahrend sie wahr-
nehmen, und daB sie ihre Gegenstande und Tatsachen ge-
wissermaBen in vollem BewuBtsein ergreifen. Dadurch er-
gibt sich das Gefiihl, daB geistig-seelisches Erkennen ein
Vereinigen mit den entsprechenden Tatsachen ist, ein «in
ihnen leben». — Man kann die einzelnen sich bildenden
geistig-seelischen Organe vergleichsweise «Lotusblumen»
nennen, entsprechend der Form, die sich das tibersinnliche
BewuBtsein von ihnen (imaginativ) machen muB. (Selbst-
verstandlich muB man sich klar sein dariiber, daB solche
Bezeichnung mit der Sache nicht mehr zu tun hat als
der Ausdruck «Flugel», wenn man von «Lungenflugeln»
spricht) Durch ganz bestimmte Arten von innerer Ver-
senkung wird auf den Astralleib so gewirkt, daB sich das
eine oder andere geistig-seelische Organ, die eine oder die
andere «Lotusblume» bildet. Es sollte, nach allem in diesem
Buche Ausgefuhrten, uberflussig sein, zu betonen, daB man
sich diese «Beobachtungsorgane» nicht wie etwas vorzustel-
len hat, das in der Vorstellung seines sinnlichen Bildes ein
Abdruck seiner Wirklichkeit ist. Diese «Organe» sind eben
ubersinnlich und bestehen in einer bestimmt geformten
Seelenbetatigung; und sie bestehen nur insofern und so
lange, als diese Seelenbetatigung geiibt wird. Etwas, was
sich als Sinnenfalliges anschauen laBt, ist mit diesen Or-
ganen so wenig am Menschen, als irgendein «Dunst» um
ihn ist, wenn er denkt. Wer sich das Ubersinnliche durch-
aus sinnlich vorstellen will, gerat eben in MiBverstandnisse.
Trotz des Uberflussigen dieser Bemerkung mag sie hier
stehen, weil es immer wieder Bekenner des Ubersinnlichen
gibt, die in ihren Vorstellungen nur ein Sinnliches haben
wollen; und weil es immer wieder Gegner der ubersinn-
lichen Erkenntnis gibt, die glauben, der Geistesforscher
spreche von «Lotusblumen» wie von feineren sinnfalligen
Gebilden. Jede regelrechte Meditation, die im Hinblick auf
die imaginative Erkenntnis gemacht wird, hat ihre Wir-
kung auf das eine oder das andere Organ. (In meinem
Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» sind
des Ubens angegeben, welche auf das eine oder andere
Organ wirken.) Eine regelrechte Schulung richtet die einzel-
nen Ubungen des Geistesschlilers so ein und laBt sie so auf-
einander folgen, daB die Organe sich einzeln mit- oder
nacheinander entsprechend ausbilden konnen. Zu dieser
Ausbildung gehort bei dem Geistesschliler viel Geduld und
Ausdauer. Wer nur ein solches MaB von Geduld hat, wie es
die gewohnlichen Lebensverhaltnisse dem Menschen in der
Regel geben, der wird damit nicht ausreichen. Denn es
dauert lange, oft sehr, sehr lange, bis die Organe so weit
sind, daB der Geistesschuler sie zu Wahrnehmungen in der
hoheren Welt gebrauchen kann. In diesem Momente tritt
fur ihn das ein, was man Erleuchtung nennt, im Gegensatz
zur Vorbereitung oder Reinigung, die in den Ubungen fur
die Ausbildung der Organe besteht. (Von «Reinigung»
wird gesprochen, weil durch die entsprechenden Ubungen
sich der Schuler von all dem fur ein gewisses Gebiet inneren
Lebens reinigt, was nur aus der sinnlichen BeobachtungsWelt
kommt.) Es kann durchaus so kommen, daB dem Menschen
auch vor der eigentlichen Erleuchtung wiederholt «Licht-
blitze» kommen aus einer hoheren Welt. Solche soil er
dankbar hinnehmen. Sie schon konnen ihn zu einem Zeugen
von der geistigen Welt machen. Aber er sollte auch nicht
wanken, wenn dies wahrend seiner Vorbereitungszeit gar
nicht der Fall ist, die ihm vielleicht allzulang erscheint Wer
liberhaupt in Ungeduld verfallen kann, «weil er noch nichts
sieht», der hat noch nicht das rechte Verhaltnis zu einer
hoheren Welt gewonnen. Das letztere hat nur derjenige er-
faBt, dem die Ubungen, die er durch die Schulung macht,
etwas wie Selbstzweck sein konnen. Dieses Uben ist ja in
Wahrheit das Arbeiten an einem Geistig-Seelischen, namlich
an dem eigenen Astralleibe. Und man kann «fiihlen», auch
wenn «man nichts sieht»: «Ich arbeite geistig-seelisch.» Nur
wenn man sich von vornherein eine bestimmte Meinung
macht, was man eigendich «sehen» will, dann wird man
dieses Gefiihl nicht haben. Dann wird man fur nichts halten,
was in Wahrheit etwas unermeBlich Bedeutungsvolles ist.
Man sollte aber subtil achten auf alles, was man wahrend
des Ubens erlebt und was so grundverschieden ist von alien
Erlebnissen in der sinnlichen Welt. Man wird dann schon
bemerken, daB man in seinen Astralleib hinein nicht wie
in eine gleichgultige Substanz arbeitet, sondern daB in dem-
selben lebt eine ganz andere Welt, von der man durch das
Sinnenleben nichts weiB. Hohere Wesenheiten wirken auf
den Astralleib, wie die physisch-sinnliche AuBenWelt auf
den physischen Leib wirkt Und man «st6Bt» auf das hohere
Leben in dem eigenen Astralleib, wenn man sich davor nur
nicht verschlieBt Wenn sich jemand immer wieder und wie-
der sagt: «ich nehme nichts wahr», dann ist es zumeist so, daB
er sich eingebildet hat, diese Wahrnehmung mtisse so oder so
aussehen; und weil er das dann nicht sieht, wovon er sich
einbildet, er mtisse es sehen, so sagt er: «ich sehe nichts. »
Wer sich aber die rechte Gesinnung aneignet gegenliber
dem Uben der Schulung, der wird in diesem Uben immer
mehr etwas haben, was er um seiner selbst willen liebt
Dann aber weiB er, daB er durch das Uben selbst in einer
geistig-seelischen Welt steht, und er wartet in Geduld und
Ergebung was sich weiter ergibt. Es kann diese Gesinnung
in dem Geistesschiiler in folgenden Worten am besten zum
BewuBtsein kommen: «Ich will alles tun, was mir als Ubun-
gen angemessen ist, und ich weiB, daB mir in der entspre-
chenden Zeit so viel zukommen wird, als mir wichtig ist.
Ich verlange dies nicht ungeduldig; mache mich aber immer
bereit, es zu empfangen.» Dagegen laBt sich auch nicht ein-
wenden: «Der Geistesschiiler soil also im Dunkeln tappen,
durch eine vielleicht unermeBlich lange Zeit; denn daB er
mit seinem Uben auf dem richtigen Wege ist, kann sich
ihm doch erst zeigen, wenn der Erfolg da ist.» Es ist jedoch
nicht so, daB erst der Erfolg die Erkenntnis von der Richtig-
keit des Ubens bringen kann. Wenn der Schuler richtig
sich zu den Ubungen stellt, dann gibt ihm die Befriedigung,
die er durch das Uben selbst hat, die Klarheit, daB er etwas
Richtiges tut, nicht erst der Erfolg. Richtig liben auf dem
Gebiete der Geistesschulung verbindet sich eben mit einer
Befriedigung, die nicht bloBe Befriedigung, sondern Er-
kenntnis ist. Namlich die Erkenntnis: ich tue etwas, wovon
ich sehe, daB es mich in der richtigen Linie vorwarts bringt
Jeder Geistesschiiler kann diese Erkenntnis in jedem Augen-
blick haben, wenn er nur auf seine Erlebnisse subtil auf-
merksam ist. Wenn er diese Aufmerksamkeit nicht anwen-
det, dann geht er eben an den Erlebnissen vorbei, wie ein in
Gedanken versunkener FuBganger, der die Baume zu bei-
den Seiten des Weges nicht sieht, obgleich er sie sehen
wiirde, wenn er den Blick aufmerksam auf sie richtete. —
Es ist durchaus nicht wunschenswert, daB das Eintreten eines
anderen Erfolges, als derjenige ist, der im Uben sich immer
ergibt, beschleimigt werde. Denn es konnte das leicht nur
der geringste Teil dessen sein, was eigentlich eintreten sollte.
In bezug auf die geistige Entwickelung ist oft ein teilweiser
Erfolg der Grund einer starken Verzogerung des vollen Er-
folges. Die Bewegung unter solchen Formen des geistigen
Lebens, wie sie dem teilweisen Erfolg entsprechen, stumpft
ab gegen die Einfltisse der Krafte, welche zu hoheren Punk-
ten der Entwickelung fiihren. Und der Gewinn, den man
dadurch erzielt, daB man doch in die geistige Welt «hin-
eingesehen hat», ist nur ein scheinbarer; denn dieses Hin-
einschauen kann nicht die Wahrheit, sondern nur Trug-
bilder liefern.
Die geistig-seelischen Organe, die Lotusblumen, bilden
sich so, daB sie dem ubersinnlichen BewuBtsein an dem in
Schulung befindlichen Menschen wie in der Nahe bestimm-
ter physischer Korperorgane erscheinen. Aus der Reihe dieser
Seelenorgane sollen hier genannt werden: dasjenige, das wie
in der Nahe der Augenbrauenmitte erfuhlt wird (die soge-
nannte zweiblattrige Lotusblume), dasjenige in der Gegend
des Kehlkopfes (die sechzehnblattrige Lotusblume), das
dritte in der Herzgegend (die zwolfblattrige Lotusblume),
das vierte in der Gegend der Magengrube. Andere solche
Organe erscheinen in der Nahe anderer physischer Korper-
teile. (Die Namen «zwei-» oder «sechzehnblattrig» konnen
gebraucht werden, weil die betreffenden Organe sich mit
Blumen mit entsprechender Blatterzahl vergleichen lassen.
Die Lotusblumen werden an dem astralischen Leibe be-
wuBt. In dem Zeitpunkte, in dem man die eine oder die an-
dere entwickelt hat, weiB man auch, daB man sie hat Man
fiihlt, daB man sich ihrer bedienen kann und daB man
durch ihren Gebrauch in eine hohere Welt wirklich eintritt.
Die Eindriicke, welche man von dieser Welt erhalt, gleichen
in mancher Beziehung noch denen der physisch-sinnlichen.
Wer imaginativ erkennt, wird von der neuen hoheren Welt
so sprechen konnen, daB er die Eindriicke als Warme- oder
Kalteempfindungen, Ton- oder Wortwahrnehmungen, Licht-
oder Farbenwirkungen bezeichnet. Denn wie solche erlebt
er sie. Er ist sich aber bewuBt, daB diese Wahrnehmimgen
in der imaginativen Welt etwas anderes ausdriicken als in
der sinnlich-wirklichen. Er erkennt, daB hinter ihnen nicht
physisch-stoffliche Ursachen, sondern seelisch-geistige stehen.
Wenn er etwas wie einen Warmeeindruck hat, so schreibt
er diesen nicht z.B. einem Stuck heiBen Eisens zu, son-
dern er betrachtet ihn als AusfluB eines seelischen Vor-
ganges, wie er ihn bisher nur in seinem seelischen Innenleben
gekannt hat. Er weiB, daB hinter den imaginativen Wahr-
nehmimgen seelische und geistige Dinge und Vorgange
stehen, wie hinter den physischen Wahrnehmungen stoff-
lich-physische Wesen und Tatsachen. — Zu dieser Ahnlich-
keit der imaginativen mit der physischen Welt kommt aber
ein bedeutsamer Unterschied hinzu. Es ist etwas in der phy-
sischen Welt vorhanden, was in der imaginativen ganz an-
ders auftritt. In jener kann beobachtet werden ein fortwah-
rendes Entstehen und Vergehen der Dinge, ein Wechsel
von Geburt und Tod. In der imaginativen Welt tritt an
Stelle dieser Erscheinung eine fortdauernde Verwandlung
des einen in das andere. Man sieht z.B. in der physi-
schen Welt eine Pflanze vergehen. In der imaginativen
zeigt sich in demselben MaBe, in dem die Pflanze dahin-
welkt, das Entstehen eines andern Gebildes, das physisch
nicht wahrnehmbar ist und in welches sich die vergehende
Pflanze allmahlich verwandelt. Wenn nun die Pflanze da-
hingeschwunden ist, so ist dieses Gebilde an ihrer Stelle voll
entwickelt da. Geburt und Tod sind Vorstellungen, welche
in der imaginativen Welt ihre Bedeutung verlieren. An ihre
Stelle tritt der Begriff von Verwandlung des einen in das
andere. — Weil dies so ist, deshalb werden fur das imagina-
tive Erkennen jene Wahrheiten iiber die Wesenheit des Men-
schen zuganglich, welche in diesem Buche in dem Kapitel
«Wesen der Menschheit» mitgeteilt worden sind. Fur das
physisch-sinnliche Wahrnehmen sind nur die Vorgange des
physischen Leibes wahrnehmbar. Sie spielen sich im «Ge-
biete von Geburt und Tod» ab. Die andern Glieder der
Menschennatur: Lebensleib, Empfindungsleib und Ich stehen
unter dem Gesetze der Verwandlung, und ihre Wahrneh-
mung erschlieBt sich der imaginativen Erkenntnis. Wer bis
zu dieser vorgeschritten ist, nimmt wahr, wie sich aus dem
physischen Leibe gleichsam herauslost dasjenige, was mit
dem Hinsterben in anderer Daseinsart weiterlebt.
Die Entwicklung bleibt nun aber innerhalb der imagina-
tiven Welt nicht stehen. Der Mensch, der in ihr stehen-
bleiben wollte, wiirde zwar die in Verwandlung begrif-
fenen Wesenheiten wahrnehmen; aber er wiirde die Ver-
wandlungsvorgange nicht deuten konnen, er wiirde sich
nicht orientieren konnen in der neugewonnenen Welt. Die
imaginative Welt ist ein unruhiges Gebiet. Es ist uberall
nur Beweglichkeit, Verwandlung in ihr; nirgends sind Ruhe-
punkte. — Zu solchen Ruhepunkten gelangt der Mensch
erst, wenn er sich iiber die imaginative Erkenntnisstufe hin-
aus zu dem entwickelt, was die «Erkenntnis durch Inspira-
tion genannt werden kann. — Es ist nicht notwendig, daB
derjenige, welcher die Erkenntnis der iibersinnlichen Welt
sucht, sich etwa so entwickele, daB er zuerst in vollem MaBe
das imaginative Erkennen sich aneigne und dann erst zur
«Inspiration» vorschreite. Seine Ubungen konnen so ein-
gerichtet werden, daB nebeneinander das geht, was zur
Imagination, und das, was zur Inspiration fuhrt. Er wird
dann, nach entsprechender Zeit, in eine hohere Welt ein-
treten, in welcher er nicht bloB wahrnimmt, sondern in der
er sich auch orientieren kann, die er zu deuten versteht. Der
Fortschritt wird in der Regel allerdings so gemacht werden,
daB sich zuerst dem Geistesschuler einige Erscheinungen der
imaginativen Welt darbieten und nach einiger Zeit er in sich
die Empfindung erhalt: Jetzt fange ich auch an, mich zu
orientieren. — Dennoch ist die Welt der Inspiration etwas
ganz Neues gegenliber derjenigen der bloBen Imagination.
Durch diese nimmt man die Verwandlung eines Vorganges
in den andern wahr, durch jene lernt man innere Eigen-
schaften von Wesen kennen, welche sich verwandeln. Durch
Imagination erkennt man die seelische AuBerung der Wesen;
durch Inspiration dringt man in deren geistiges Innere. Man
erkennt vor allem eine Vielheit von geistigen Wesenheiten
und von Beziehungen des einen auf das andere. Mit einer
Vielheit verschiedener Wesen hat man es ja auch in der phy-
sisch-sinnlichen Welt zu tun; in der Welt der Inspiration ist
diese Vielheit doch von einem anderen Charakter. Es ist da
ein jedes Wesen in ganz bestimmten Beziehungen zu andern,
nicht wie in der physischen durch auBere Einwirkung auf
dasselbe, sondern durch seine innere Beschaffenheit. Wenn
man ein Wesen in der inspirierten Welt wahrnimmt, so
zeigt sich nicht eine auBere Einwirkung auf ein anderes, die
sich mit der Wirkung eines physischen Wesens auf ein an-
deres vergleichen lieBe, sondern es besteht ein Verhaltnis
des einen zum andern durch die innere Beschaffenheit der
beiden Wesen. Vergleichen laBt sich dieses Verhaltnis mit
einem solchen in der physischen Welt, wenn man dazu
das Verhaltnis der einzelnen Laute oder Buchstaben eines
Wortes zueinander wahlt. Wenn man das Wort «Mensch»
vor sich hat, so wird es bewirkt durch den Zusammenklang
der Laute: M-e-n-sch. Es geht nicht ein AnstoB oder sonst
eine auBere Einwirkung z.B. von dem M zu dem E hin-
iiber, sondern beide Laute wirken zusammen, und zwar
innerhalb eines Ganzen durch ihre innere Beschaffenheit.
Deshalb laBt sich das Beobachten in der Welt der Inspira-
tion nur vergleichen mit einem Lesen; und die Wesen in
dieser Welt wirken auf den Betrachter wie Schriftzeichen,
die er kennenlernen muB und deren Verhaltnisse sich fur
ihn enthullen miissen wie eine ubersinnliche Schrift. Die
Geisteswissenschaft kann daher die Erkenntnis durch In-
spiration vergleichsweise auch das «Lesen der verborgenen
Schrift» nennen.
Wie durch diese «verborgene Schrift» gelesen wird und
wie man das Gelesene mitteilen kann, soil nun an den vor-
angegangenen Kapiteln dieses Buches selbst klargemacht
werden. Es wurde zunachst die Wesenheit des Menschen be-
schrieben, wie sie sich aufbaut aus verschiedenen Gliedern.
Dann wurde gezeigt, wie das Weltwesen, auf dem sich der
Mensch entwickelt, durch die verschiedenen Zustande, den
Saturn-, Sonnen-, Monden- und Erdenzustand hindurch-
geht. Die Wahrnehmungen, durch welche man die Glieder
des Menschen einerseits, die aufeinanderfolgenden Zustande
der Erde und ihrer vorhergehenden Verwandlungen an-
dererseits erkennen kann, erschlieBen sich der imaginativen
Erkenntnis. Nun ist aber weiter notwendig, daB erkannt
werde, welche Beziehungen zwischen dem Saturnzustande
und dem physischen Menschenleib, dem Sonnenzustande
und dem Atherleib usw. bestehen. Es muB gezeigt werden, daB
der Keim zum physischen Menschenleib schon wahrend des
Saturnzustandes entstanden ist, daB er sich dann weiterent-
wickelt hat bis zu seiner gegenwartigen Gestalt wahrend
des Sonnen-, Monden- und Erdenzustandes. Es muBte
z.B. auch darauf hingewiesen werden, welche Verande-
rungen sich mit dem Menschenwesen vollzogen haben da-
durch, daB einmal die Sonne sich von der Erde trennte, daB
ein Ahnliches bezuglich des Monde s geschah. Es muBte fer-
ner mitgeteilt werden, was zusammenwirkte, damit solche
Veranderungen mit der Menschheit sich vollziehen konnten,
wie sie in den Umwandlungen wahrend der atlantischen
Zeit, wie sie in den aufeinanderfolgenden Perioden, der in-
dischen, der urpersischen, der agyptischen usw. sich aus-
drucken. Die Schilderung dieser Zusammenhange ergibt sich
nicht aus der imaginativen Wahrnehmung, sondern aus der
Erkenntnis durch Inspiration, aus dem Lesen der verbor-
genen Schrift. Fur dieses «Lesen» sind die imaginativen
Wahrnehmungen wie Buchstaben oder Laute. Dieses «Lesen»
ist aber nicht nur fur Aufklarungen notwendig wie die eben
gekennzeichneten. Schon den Lebensgang des ganzen Men-
schen konnte man nicht verstehen, wenn man ihn nur durch
die imaginative Erkenntnis betrachten wiirde. Man wlirde
da zwar wahrnehmen, wie sich mit dem Hinsterben die see-
lisch-geistigen Glieder aus dem in der physischen Welt Ver-
bleibenden loslosen; aber man wlirde die Beziehungen des-
sen, was nach dem Tode mit dem Menschen geschieht, zu den
vorhergehenden und nachfolgenden Zustanden nicht ver-
stehen, wenn man sich innerhalb des imaginativ Wahrge-
nommenen nicht orientieren konnte. Ohne die Erkenntnis
durch Inspiration verbliebe die imaginative Welt wie eine
Schrift, die man anstarrt, die man aber nicht zu lesen vermag.
Wenn der Geistesschiiler fortschreitet von der Imagination
zur Inspiration, so zeigt sich ihm sehr bald, wie unrichtig es
ware, auf das Verstandnis der groBen Welterscheinungen zu
verzichten und sich nur auf die Tatsachen beschranken zu
wollen, welche gewissermaBen das nachste menschliche Inter-
esse beriihren. Wer in diese Dinge nicht eingeweiht ist, der
konnte wohl das Folgende sagen: «Mir erscheint es doch nur
wichtig, das Schicksal der menschlichen Seele nach dem Tode
zu erfahren; wenn mir jemand darliber Mitteilungen macht,
so ist mir das genug: wozu fuhrt mir die Geisteswissenschaft
solch endegene Dinge vor wie Saturn-, Sonnenzustand,
Sonnen-, Mondentrennung usw.» Wer aber in diese
Dinge richtig eingefuhrt ist, der lernt erkennen, daB ein
wirkliches Wissen liber das, was er erfahren will, nie zu
erlangen ist ohne eine Erkenntnis dessen, was ihm so un-
notig scheint. Eine Schilderung der Menschenzustande nach
dem Tode bleibt vollig unverstandlich und wertlos, wenn
der Mensch sie nicht mit Begriffen verbinden kann, welche
von jenen endegenen Dingen hergenommen sind. Schon die
einfachste Beobachtung des iibersinnlich Erkennenden macht
seine Bekanntschaft mit solchen Dingen notwendig. Wenn
z.B. eine Pflanze von dem Blutenzustand in den Frucht-
zustand ubergeht, so sieht der iibersinnlich beobachtende
Mensch eine Verwandlung in einer astralischen Wesen-
heit vor sich gehen, welche wahrend des Bluhens die Pflanze
wie eine Wolke von oben bedeckt und umhullt hat. Ware
die Befruchtung nicht eingetreten, so ware diese astralische
Wesenheit in eine ganz andere Gestalt iibergegangen als
die ist, welche sie infolge der Befruchtung angenommen
hat. Nun versteht man den ganzen durch die iibersinnliche
Beobachtung wahrgenommenen Vorgang, wenn man sein
Wesen verstehen gelernt hat an jenem groBen Weltvorgange,
welcher sich mit der Erde und alien ihren Bewohnern voll-
zogen hat zur Zeit der Sonnentrennung. Vor der Befruch-
tung ist die Pflanze in einer solchen Lage wie die ganze
Erde vor der Sonnentrennung. Nach der Befruchtung zeigt
sich die Bltite der Pflanze so, wie die Erde war, als sich die
Sonne abgetrennt hatte und die Mondenkrafte noch in ihr
waren. Hat man sich die Vorstellungen zu eigen gemacht,
welche an der Sonnentrennung gewonnen werden konnen,
so wird man die Deutung des Pflanzen-Befruchtungsvor-
ganges sachgemaB so wahrnehmen, daB man sagt: Die Pflanze
ist vor der Befruchtung in einem Sonnenzustand, nach der-
selben in einem Mondenzustand. Es ist eben durchaus so,
daB auch der kleinste Vorgang in der Welt nur dann be-
griffen werden kann, wenn in ihm ein Abbild groBer Welt-
vorgange erkannt wird. Sonst bleibt er seinem Wesen nach
so unverstandlich, wie die Raffaelsche Madonna fur den-
jenigen bleibt, der nur ein kleines blaues Fleckchen sehen
kann, wahrend alles andere zugedeckt ist. — Alles, was nun
am Menschen vorgeht, ist ein Abbild all der groBen Welt-
vorgange, die mit seinem Dasein zu tun haben. Will man
die Beobachtungen des liber sinnlichen BewuBtseins iiber die
Erscheinungen zwischen Geburt und Tod und wieder vom
Tode bis zu einer neuen Geburt verstehen, so kann man dies,
wenn man sich die Fahigkeit erworben hat, die imaginativen
Beobachtungen durch dasjenige zu entziffern, was man sich
an Vorstellungen angeeignet hat durch die Betrachtung der
groBen Weltvorgange. — Diese Betrachtung liefert eben den
SchlUssel zum Verstandnisse des menschlichen Lebens. Daher
ist im Sinne der Geisteswissenschaft Saturn-, Sonnen-, Mond-
beobachtung usw. zugleich Beobachtung des Menschen.
Durch Inspiration gelangt man dazu, die Beziehungen
zwischen den Wesenheiten der hoheren Welt zu erkennen.
Durch eine weitere Erkenntnisstufe wird es moglich, diese
Wesenheiten in ihrem Innern selbst zu erkennen. Diese Er-
kenntnisstufe kann die intuitive Erkenntnis genannt wer-
den. (Intuition ist ein Wort, das im gewohnlichen Leben
miBbraucht wird fur eine unklare, unbestimmte Einsicht
in eine Sache, fur eine Art Einfall, der zuweilen mit der
Wahrheit stimmt, dessen Berechtigung aber zunachst nicht
nachweisbar ist. Mit dieser Art «Intuition» hat das hier
Gemeinte naturlich nichts zu tun. Intuition bezeichnet hier
eine Erkenntnis von hochster, lichtvollster Klarheit, deren
Berechtigung man sich, wenn man sie hat, in vollstem Sinne
bewuBt ist.) — Ein Sinneswesen erkennen, heiBt aufierhalb
desselben stehen und es nach dem auBeren Eindruck beur-
teilen. Ein Geisteswesen durch Intuition erkennen, heiBt
vollig eins mit ihm geworden sein, sich mit seinem Innern
vereinigt haben. Stufenweise steigt der Geistesschuler zu
solcher Erkenntnis hinauf. Die Imagination fiihrt ihn dazu,
die Wahrnehmungen nicht mehr als auBere Eigenschaften
von Wesen zu empfinden, sondern in ihnen Ausflusse von
Seelisch-Geistigem zu erkennen; die Inspiration fuhrt ihn
weiter in das Innere der Wesen: Er lernt durch sie verstehen,
was diese Wesenheiten fur einander sind; in der Intuition
dringt er in die Wesen selbst ein. — Wieder kann an den
Ausfuhrungen dieses Buches selbst gezeigt werden, was fur
eine Bedeutung die Intuition hat. Es wurde in den vorher-
gehenden Kapiteln nicht nur davon gesprochen, wie der
Fortgang der Saturn-, Sonnen-, Mondenentwickelung usw.
geschieht, sondern es wurde mitgeteilt, daB Wesen sich an
diesem Fortgange in der verschiedensten Art beteiligen. Es
wurden Throne oder Geister des Willens, Geister der Weis-
heit, der Bewegung usw. angeftihrt. Es wurde bei der Erden-
entwickelung von den Geistern des Luzifer, des Ahriman
gesprochen. Der Weltenbau wurde auf die Wesenheiten
zuruckgefuhrt, welche sich an ihm beteiligen. Was tiber diese
Wesenheiten erfahren werden kann, wird durch die intui-
tive Erkenntnis gewonnen. Diese ist auch schon notwendig,
wenn man den Lebenslauf des Menschen erkennen will. Was
sich nach dem Tode aus der physischen Leiblichkeit des Men-
schen herauslost, das macht nun in der Folgezeit verschie-
dene Zustande durch. Die nachsten Zustande nach dem Tode
waren noch einigermaBen durch die imaginative Erkenntnis
zu beschreiben. Was aber dann vorgeht, wenn der Mensch
weiter kommt in der Zeit zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt, das muBte der Imagination ganz unverstand-
lich bleiben, wenn nicht die Inspiration hinzukame. Nur die
Inspiration kann erforschen, was von dem Leben des Men-
schen nach der Lauterung im «Geisterland» gesagt werden
kann. Dann aber kommt ein Etwas, fur welches die Inspi-
ration nicht mehr ausreicht, wo sie gewissermaBen den Fa-
den des Verstandnisses verliert Es gibt eine Zeit der mensch-
lichen Entwickelung zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt, wo das menschliche Wesen nur der Intuition zu-
ganglich ist. — Dieser Teil der menschlichen Wesenheit ist
aber immer in dem Menschen; und will man ihn, seiner
wahren Innerlichkeit nach, verstehen, so muB man ihn auch
in der Zeit zwischen der Geburt und dem Tode durch die
Intuition aufsuchen. Wer den Menschen nur mit den Mit-
teln der Imagination und Inspiration erkennen wollte, dem
entzogen sich gerade die Vorgange des innersten Wesens
desselben, die von Verkorperung zu Verkorperung sich ab-
spielen. Nur die intuitive Erkenntnis macht daher eine sach-
gemaBe Erforschung von den wiederholten Erdenleben und
vom Karma moglich. Alles, was als Wahrheit iiber diese
Vorgange mitgeteilt werden soil, muB der Forschung durch
intuitive Erkenntnis entstammen. — Und will der Mensch
sich selbst seiner inneren Wesenheit nach erkennen, so kann
er dies nur durch Intuition. Durch sie nimmt er wahr, was
sich in ihm von Erdenleben zu Erdenleben fortbewegt.
Erlangen kann der Mensch die Erkenntnis durch Inspira-
tion und Intuition auch nur durch seelisch-geistige Ubungen.
Sie sind denen ahnlich, welche als «innere Versenkung» (Me-
ditation) zur Erreichung der Imagination geschildert wor-
den sind. Wahrend aber bei jenen Ubungen, welche zur
Imagination fuhren, eine Anknupfung stattfindet an die
Eindrucke der sinnlich-physischen Welt, muB bei denen fur
die Inspiration diese Anknupfung immer mehr wegfallen.
Um sich zu verdeutlichen, was da zu geschehen hat, denke
man nochmals an das Sinnbild des Rosenkreuzes. Wenn
man sich in dasselbe versenkt, so hat man ein Bild vor sich,
dessen Teile von Eindrucken der sinnlichen Welt genommen
sind: die schwarze Farbe des Kreuzes, die Rosen usw. Die
Zusammenstellung dieser Teile zum Rosenkreuz ist aber
nicht aus der sinnlich-physischen Welt genommen. Wenn
nun der Geistesschuler versucht, aus seinem BewuBtsein das
schwarze Kreuz und auch die roten Rosen als Bilder von
sinnlich-wirklichen Dingen ganz verschwinden zu lassen
und nur in der Seele jene geistige Tatigkeit zu behalten,
welche diese Teile zusammengesetzt hat, dann hat er ein
Mittel zu einer solchen Meditation, welche ihn nach und
nach zur Inspiration fuhrt. Man frage sich in seiner Seele
etwa in folgender Art: Was habe ich innerlich getan, um
Kreuz und Rose zu dem Sinnbild zusammenzufugen? Was
ich getan habe (meinen eigenen Seelenvorgang), will ich fest-
halten; das Bild selber aber aus dem BewuBtsein verschwin-
den lassen. Dann will ich alles in mir fiihlen, was meine
Seele getan hat, um das Bild zustande zu bringen, das Bild
selbst aber will ich mir nicht vorstellen. Ich will nunmehr
ganz innerlich leben in meiner eigenen Tatigkeit, welche das
Bild geschaffen hat. Ich will mich also in kein Bild, sondern
in meine eigene bilderzeugende Seelentatigkeit versenken.
Solche Versenkung muB in bezug auf viele Sinnbilder vor-
genommen werden. Das fuhrt dann zur Erkenntnis durch
Inspiration. Ein anderes Beispiel ware dies: Man versenkt
sich in die Vorstellung einer entstehenden und vergehenden
Pflanze. Man laBt in der Seele das Bild einer nach und nach
werdenden Pflanze entstehen, wie sie aus dem Keime auf-
sprieBt, wie sie Blatt nach Blatt entfaltet, bis zur Bliite und
zur Frucht. Dann wieder, wie das Hinwelken beginnt, bis
zur volligen Auflosung. Man gelangt allmahlich durch die
Versenkung in solch ein Bild zu einem Gefiihl des Ent-
stehens und Vergehens, fur welches die Pflanze nur noch
Bild ist. Aus diesem Gefiihl kann dann, wenn die Ubung
ausdauernd fortgesetzt wird, sich die Imagination von jener
Verwandlung herausbilden, welche dem physischen Ent-
stehen und Vergehen zum Grunde liegt. Will man aber zur
entsprechenden Inspiration kommen, dann muB man die
Ubung noch anders machen. Man muB sich auf die eigene
Seelentatigkeit besinnen, welche aus dem Bilde der Pflanze
die Vorstellung von Entstehen und Vergehen gewonnen hat.
Man muB die Pflanze nun ganz aus dem BewuBtsein ver-
schwinden lassen und sich nur in das hineinversenken, was
man selbst innerlich getan hat. Durch solche Ubungen nur
ist ein Aufsteigen zur Inspiration moglich. Zunachst wird
es dem Geistesschliler nicht ganz leicht sein, in vollem Um-
fange zu begreifen, wie er sich zu einer solchen Ubung an-
zuschicken hat. Es riihrt dies davon her, daB der Mensch,
welcher gewohnt ist, sich sein Innenleben von den auBeren
Eindrucken bestimmen zu lassen, sofort ins Unsichere und
vollig Schwankende gerat, wenn er noch ein Seelenleben
entfalten soil, das alle Ankntipfung an auBere Eindrucke
abgeworfen hat. In einem noch hoheren MaBe als beztiglich
der Erwerbung von Imaginationen muB der Geistesschuler
sich gegentiber diesen Ubungen zur Inspiration klar sein,
daB er sie nur vornehmen sollte, wenn er nebenher gehen
laBt alle Vorkehrungen, welche zur Sicherung und Festi-
gung der Urteilsfahigkeit, des Gefuhlslebens und des Cha-
rakters fuhren konnen. Trifft er diese Vorkehrungen, so wird
er ein Zweif aches davon als Erfolg haben. Erstens wird er
durch die Ubungen nicht das Gleichgewicht seiner Person-
lichkeit beim iibersinnlichen Schauen verlieren konnen; zwei-
tens wird er sich zugleich die Fahigkeit aneignen, das wirk-
lich ausfuhren zu konnen, was in diesen Ubungen verlangt
wird. Man wird diesen Ubungen gegentiber nur so lange
sagen, sie seien schwierig, als man sich eine ganz gewisse
Seelenverfassung, ganz gewisse Gefuhle und Empfindungen
noch nicht angeeignet hat. Derjenige wird alsbald Verstand-
nis und auch Fahigkeit fur die Ubungen gewinnen, der in
Geduld und Ausdauer in seiner Seele solche innere Eigen-
schaften pflegt, welche dem Aufkeimen iibersinnlicher Er-
kenntnisse giinstig sind. Wer sich daran gewohnt, ofters Ein-
kehr in sein Inneres so zu halten, daB es ihm dabei weniger
zu tun ist, liber sich selbst nachzugriibeln, als vielmehr still
in sich die im Leben gemachten Erfahrimgen zu ordnen und
zu verarbeiten, der wird viel gewinnen. Er wird sehen, daB
man seine Vorstellungen und Gefuhle bereichert, wenn man
die eine Lebenserfahrung mit der anderen in ein Verhaltnis
bringt. Er wird gewahr werden, in wie hohem Grade man
nicht nur dadurch Neues erfahrt, daB man neue Eindrucke
und neue Erlebnisse hat, sondern auch dadurch, daB man
die alten in sich arbeiten laBt. Und wer dabei so zu Werke
geht, daB er seine Erlebnisse, ja sogar seine gewonnenen
Meinungen so gegeneinander spielen laBt, als ob er selbst
mit seinen Sympathien und Antipathien, mit seinen person-
lichen Interessen und Gefuhlen gar nicht dabei ware, der
wird fur die ubersinnlichen Erkenntniskrafte einen beson-
ders guten Boden zubereiten. Er wird in Wahrheit das aus-
bilden, was man ein reiches Innenleben nennen kann. Wor-
auf es aber vor allem ankommt, das ist GleichmaB und
Gleichgewicht der Seeleneigenschaften. Der Mensch ist nur
zu leicht geneigt, wenn er sich einer gewissen Seelentatigkeit
hingibt, in Einseitigkeit zu verfallen. So kann er, wenn er
den Vorteil des inneren Nachsinnens und des Verweilens in
der eigenen VorstellungsWelt gewahr wird, dafiir eine solche
Neigung erhalten, daB er sich gegen die Eindrucke der AuBen-
Welt immer mehr verschlieBt. Das aber ftihrt zur Vertrock-
nung und Verodung des Innenlebens. Am weitesten kommt
derjenige, welcher sich neben der Fahigkeit, sich in sein In-
neres zuruckzuziehen, auch die offene Empfanglichkeit be-
wahrt fur alle Eindriicke der AuBenWelt. Und man braucht
dabei nicht etwa bloB an die sogenannten bedeutsamen
Eindriicke des Lebens zu denken, sondern es kann jeder
Mensch in jeder Lage — auch in noch so armlichen vier Wan-
den — genug erleben, wenn er nur den Sinn dafiir empfang-
lich halt Man braucht die Erlebnisse nicht erst zu suchen;
sie sind uberall da. — Von besonderer Wichtigkeit ist auch,
wie Erlebnisse in des Menschen Seele verarbeitet werden.
Es kann z.B. jemand die Erfahrung machen, daB eine von
ihm oder andern verehrte Personlichkeit diese oder jene
Eigenschaft habe, die er als Charakterfehler bezeichnen muB.
Durch eine solche Erfahrung kann der Mensch in einer
zweifachen Richtung zum Nachdenken veranlaBt werden.
Er kann sich einfach sagen: Jetzt, nachdem ich dies erkannt
habe, kann ich jene Personlichkeit nicht mehr in derselben
Art verehren wie fruher. Oder aber er kann sich die Frage
vorlegen: Wie ist es moglich, daB die verehrte Personlich-
keit mit jenem Fehler behaftet ist? Wie muB ich mir vor-
stellen, daB der Fehler nicht nur Fehler, sondern etwas durch
das Leben der Personlichkeit, vielleicht gerade durch ihre
groBen Eigenschaften Verursachtes ist? Ein Mensch, welcher
sich diese Fragen vorlegt, wird vielleicht zu dem Ergebnis
kommen, daB seine Verehrung nicht im geringsten durch das
Bemerken des Fehlers zu verringern ist. Man wird durch ein
solches Ergebnis jedesmal etwas gelernt haben, man wird
seinem Lebens verstandnis etwas beigefugt haben. Nun ware
es gewiB schlimm fur denjenigen, der sich durch das Gute
einer solchen Lebensbetrachtung verleiten lieBe, bei Per-
sonen oder Dingen, welche seine Neigung haben, alles Mog-
liche zu entschuldigen oder etwa gar zu der Gewohnheit
uberzugehen, alles Tadelnswerte unberucksichtigt zu lassen,
weil ihm das Vorteil bringt flir seine innere Entwicklung.
Dies letztere ist namlich dann nicht der Fall, wenn man
durch sich selbst den Antrieb erhalt, Fehler nicht bloB zu
tadeln, sondern zu verstehen; sondern nur, wenn ein solches
Verhalten durch den betreffenden Fall selbst gefordert wird,
gleichgultig, was der Beurteiler dabei gewinnt oder verliert.
Es ist durchaus richtig: Lernen kann man nicht durch die
Verurteilung eines Fehlers, sondern nur durch dessen Ver-
stehen. Wer aber wegen des Verstandnisses durchaus das
MiBf alien ausschlieBen wollte, der kame auch nicht weit.
Auch hier kommt es nicht auf Einseitigkeit in der einen oder
andern Richtung an, sondern auf GleichmaB und Gleichge-
wicht der Seelenkrafte. — Und so ist es ganz besonders mit
einer Seeleneigenschaft, die fur des Menschen Entwicklung
ganz hervorragend bedeutsam ist; mit dem, was man Ge-
fuhl der Verehrung (Devotion) nennt Wer dieses Gefiihl
in sich heranbildet oder es durch eine gluckliche Naturgabe
von vornherein besitzt, der hat einen guten Boden fur die
ubersinnlichen Erkenntniskrafte. Wer in seiner Kindheits-
und Jugendzeit mit hingebungsvoller Bewunderung zu Per-
sonen wie zu hohen Idealen hinaufschauen konnte, in dessen
Seelengrund ist etwas, worinnen tibersinnliche Erkenntnisse
besonders gut gedeihen. Und wer bei reifem Urteile im spa-
teren Leben zum Sternenhimmel blickt und in restloser Hin-
gabe die Offenbarung hoher Machte bewundernd empfindet,
der macht sich eben dadurch reif zum Erkennen der uber-
sinnlichen Welten. Ein gleiches ist bei demjenigen der Fall,
welcher die im Menschenleben waltenden Krafte zu bewun-
dern vermag. Und von nicht geringer Bedeutung ist es,
wenn man auch noch als gereifter Mensch Verehrung bis zu
den hochsten Graden fur andere Menschen haben kann,
deren Wert man ahnt oder zu erkennen glaubt Nur wo
solche Verehrung vorhanden ist, kann sich die Aussicht in
die hoheren Welten eroffnen. Wer nicht verehren kann, wird
keinesfalls in seiner Erkenntnis besonders weit kommen. Wer
nichts in der Welt anerkennen will, dem verschlieBt sich das
Wesen der Dinge. — Wer sich jedoch durch das Gefiihl der
Verehrung und Hingabe dazu verfuhren laBt, das gesunde
SelbstbewuBtsein und Selbstvertrauen in sich ganz zu er-
toten, der versiindigt sich gegen das Gesetz des GleichmaBes
und Gleichgewichtes. Der Geistesschuler wird fortdauernd
an sich arbeiten, um sich immer reifer und reifer zu machen;
aber dann darf er auch das Vertrauen zu der eigenen Per-
sonlichkeit haben und glauben, daB deren Krafte immer
mehr wachsen. Wer in sich zu richtigen Empfindungen nach
dieser Richtung kommt, der sagt sich: In mir liegen Krafte
verborgen, und ich kann sie aus meinem Innern hervor-
holen. Ich brauche daher dort, wo ich etwas sehe, das ich
verehren muB, weil es liber mir steht, nicht bloB zu ver-
ehren, sondern ich darf mir zutrauen, alles das in mir zu ent-
wickeln, was mich diesem oder jenem Verehrten gleich macht.
Je groBer in einem Menschen die Fahigkeit ist, Aufmerk-
samkeit auf gewisse Vorgange des Lebens zu richten, welche
nicht von vornherein dem personlichen Urteil vertraut sind,
desto groBer ist fur ihn die Moglichkeit, sich Unterlagen zu
schaffen fur eine Entwickelung in geistige Welten hinauf Ein
Beispiel mag dies anschaulich machen. Ein Mensch komme
in eine Lebenslage, wo er eine gewisse Handlung tun oder
unterlassen kann. Sein Urteil sage ihm: Tue dies. Aber es
sei doch ein gewisses unerklarliches Etwas in seinen Emp-
findungen, das ihn von der Tat abhalt Es kann nun so sein,
daB der Mensch auf dieses unerklarliche Etwas keine Auf-
merksamkeit verwendet, sondern einfach die Handlung so
vollbringt, wie es seiner Urteilsfahigkeit angemessen ist. Es
kann aber auch so sein, daB der Mensch dem Drange jenes
unerklarlichen Etwas nachgibt und die Handlung unterlaBt
Verfolgt er dann die Sache weiter, so kann sich herausstel-
len, daB Unheil gefolgt ware, wenn er seinem Urteil gefolgt
ware; daB jedoch Segen entstanden ist durch das Unterlassen.
Solch eine Erfahrung kann das Denken des Menschen in
eine ganz bestimmte Richtung bringen. Er kann sich sagen:
In mir lebt etwas, was mich richtiger leitet als der Grad von
Urteilsfahigkeit, welchen ich in der Gegenwart habe. Ich
muB mir den Sinn offen halten fur dieses «Etwas in mir»,
zu dem ich mit meiner Urteilsfahigkeit noch gar nicht her-
angereift bin. Es wirkt nun in hohem Grade gunstig auf die
Seele, wenn sie ihre Aufmerksamkeit auf solche Falle im
Leben richtet. Es zeigt sich ihr dann wie in einer gesunden
Ahnung, daB im Menschen mehr ist, als was er jeweilig mit
seiner Urteilskraft ubersehen kann. Solche Aufmerksamkeit
arbeitet auf eine Erweiterung des Seelenlebens hin. Aber
auch hier konnen sich wieder Einseitigkeiten ergeben, welche
bedenklich sind. Wer sich gewdhnen wollte, stets deshalb
sein Urteil auszuschalten, weil ihn «Ahnungen» zu dem oder
jenem treiben, der konnte ein Spielball von alien moglichen
unbestimmten Trieben werden. Und von einer solchen Ge-
wohnheit zur Urteilslosigkeit und zum Aberglauben ist es
nicht weit. — Verhangnisvoll fur den Geistesschuler ist eine
jegliche Art von Aberglauben. Man erwirbt sich nur dadurch
die Moglichkeit, in einer wahrhaften Art in die Gebiete
des Geisteslebens einzudringen, daB man sich sorgfaltig
hiitet vor Aberglauben, Phantastik und Traumerei. Nicht
derjenige kommt in einer richtigen Weise in die geistige
Welt hinein, welcher froh ist, wenn er irgendwo einen Vor-
gang erleben kann, der «von dem menschlichen Vorstellen
nicht begriffen werden kann». Die Vorliebe fur das «Uner-
klarliche» macht gewiB niemanden zum Geistesschiiler. Ganz
abgewohnen muB sich dieser das Vorurteil, daB ein «My-
stiker der sei, welcher in der Welt ein Unerklarliches, Uner-
forschliches» iiberall da voraussetzt, wo es ihm angemessen
erscheint. Das rechte Gefiihl fur den Geistesschiiler ist, Iiber-
all verborgene Krafte und Wesenheiten anzuerkennen; aber
auch vorauszusetzen, daB das Unerforschte erforscht werden
kann, wenn die Krafte dazu vorhanden sind.
Es gibt eine gewisse Seelenverfassung, welche dem Gei-
stesschiiler auf jeder Stufe seiner Entwickelung wichtig ist
Sie besteht darin, seinen Erkenntnistrieb nicht einseitig so
zu stellen, daB dieser immer darauf ausgeht: Wie kann
man auf diese oder jene Frage antworten? Sondern darauf:
Wie entwickele ich diese oder jene Fahigkeit in mir? Ist
dann durch innere geduldige Arbeit an sich diese oder jene
Fahigkeit entwickelt, so fallt dem Menschen die Antwort
auf gewisse Fragen zu. Geistesschiiler werden immer diese
Seelenverfassung in sich pflegen. Dadurch werden sie dazu
gefuhrt, an sich zu arbeiten, sich immer reifer und reifer zu
machen und sich zu versagen, Antworten auf gewisse Fra-
gen herbeizwingen zu wollen. Sie werden warten, bis ihnen
solche Antworten zufallen. — Wer aber auch darin wieder
an Einseitigkeit sich gewohnt, auch der kommt nicht richtig
vorwarts. Der Geistesschiiler kann auch das Gefiihl haben,
in einem bestimmten Zeitpunkte sich mit dem MaBe seiner
Krafte selbst die hochsten Fragen zu beantworten. Also
auch hier spielen GleichmaB und Gleichgewicht in der Seelen-
verfassung eine gewichtige Rolle.
Noch viele Seeleneigenschaften konnten besprochen wer-
den, deren Pflege und Entwickelung forderlich ist, wenn
der Geistesschiiler die Inspiration durch Ubungen anstreben
will. Bei allem wiirde zu betonen sein, daB GleichmaB und
Gleichgewicht diejenigen Seeleneigenschaften sind, auf die
es ankommt. Sie bereiten das Verstandnis und die Fahig-
keit fur die charakterisierten Ubungen vor, die behufs der
Erlangung der Inspiration zu machen sind.
Die Ubungen zur Intuition erfordern, daB der Geistes-
schuler aus seinem BewuBtsein nicht nur die Bilder ver-
schwinden laBt, welchen er sich zur Erlangung der Imagina-
tion hingegeben hat, sondern auch das Leben in der eigenen
Seelentatigkeit, in welche er sich fur die Erwerbung der In-
spiration versenkt hat Er soil also dann buchstablich nichts
von vorher gekanntem auBeren oder inneren Erleben in
seiner Seele haben. Wiirde nun aber nach diesem Abwerfen
der auBeren und der inneren Erlebnisse nichts in seinem
BewuBtsein sein, das heiBt, wiirde ihm das BewuBtsein
uberhaupt dahinschwinden und er in BewuBtlosigkeit ver-
sinken, so konnte er daran erkennen, daB er sich noch nicht
reif gemacht hat, Ubungen fur die Intuition vorzunehmen;
und er muBte dann die Ubungen fur die Imagination und
Inspiration fortsetzen. Es kommt schon einmal die Zeit, in
welcher das BewuBtsein nicht leer ist, wenn die Seele die in-
neren und auBeren Erlebnisse abgeworfen hat, sondern wo
nach diesem Abwerfen als Wirkung etwas im BewuBtsein
zuruckbleibt, dem man sich dann in Versenkung ebenso hin-
geben kann, wie man sich vorher dem hingegeben hat, was
auBerlichen oder inneren Eindrucken sein Dasein verdankt.
Es ist dieses «Etwas» aber von ganz besonderer Art. Es ist
gegenliber alien vorhergehenden Erfahrungen etwas wirk-
lich Neues. Man weiB, wenn man es erlebt: Dies habe ich
vorher nicht gekannt. Dies ist eine Wahrnehmung, wie der
wirkliche Ton eine Wahrnehmung ist, welchen das Ohr
hort; aber es kann dieses Etwas nur in mein BewuBtsein
treten durch die Intuition, wie der Ton nur ins BewuBtsein
treten kann durch das Ohr. Durch die Intuition ist der letzte
Rest des Sinnlich-Physischen von des Menschen Eindrlicken
abgestreift; die geistige Welt beginnt fur die Erkenntnis
offen zu liegen in einer Form, die nichts mehr gemein hat
mit den Eigenschaften der physisch-sinnlichen Welt.
*
Die imaginative Erkenntnis wird erreicht durch die Aus-
gestaltung der Lotusblumen aus dem astralischen Leibe her-
aus. Durch diejenigen Ubungen, welche zur Erlangung von
Inspiration und Intuition unternommen werden, treten im
menschlichen Ather- oder Lebensleib besondere Bewegun-
gen, Gestaltungen und Stromungen auf, welche vorher nicht
da waren. Sie sind eben die Organe, durch welche der
Mensch das «Lesen der verborgenen Schrift» und das, was
darliber hinausliegt, in den Bereich seiner Fahigkeiten auf-
nimmt. Fur das ubersinnliche Erkennen stellen sich die Ver-
anderungen im Atherleibe eines Menschen, der zur Inspi-
ration und Intuition gelangt ist, in der folgenden Art dar.
Es wird, ungefahr wie in der Gegend nahe dem physischen
Herzen, ein neuer Mittelpunkt im Atherleibe bewuBt, der
sich zu einem atherischen Organe ausgestaltet. Von diesem
laufen Bewegungen und Stromungen nach den verschiede-
nen Gliedern des menschlichen Leibes in der mannigfaltig-
sten Weise. Die wichtigsten dieser Stromungen gehen zu den
Lotusblumen, durchziehen dieselben und ihre einzelnen
Blatter und gehen dann nach auBen, wo sie wie Strahlen sich
in den auBeren Raum ergieBen. Je entwickelter der Mensch
ist, desto groBer ist der Urnkreis um ihn herum, in dem
diese Stromungen wahrnehmbar sind. Der Mittelpunkt in
der Gegend des Herzens bildet sich aber bei regelrechter
Schulung nicht gleich im Anfang aus. Er wird erst vorbe-
reitet. Zuerst entsteht als ein vorlaufiger Mittelpunkt ein
solcher im Kopfe; der riickt dann hinunter in die Kehlkopf-
gegend und verlegt sich zuletzt in die Nahe des physischen
Herzens. Wiirde die Entwickelung unregelmaBig sein, so
konnte sogleich in der Herzgegend das in Rede stehende
Organ gebildet werden. Dann lage die Gefahr vor, daB der
Mensch, statt zur ruhigen, sachgemaBen ubersinnlichen
Schauung zu kommen, zum Schwarmer und Phantasten
wiirde. In seiner weiteren Entwickelung gelangt der Geistes-
schuler dazu, die ausgebildeten Stromungen und Gliederun-
gen seines Atherleibes unabhangig zu machen von dem phy-
sischen Leibe und sie selbstandig zu gebrauchen. Es dienen
ihm die Lotusblumen dabei als Werkzeuge, durch welche
er den Atherleib bewegt. Bevor dieses geschieht, miissen
sich aber in dem ganzen Urnkreis des Atherleibes besondere
Stromungen und Strahlungen gebildet haben, welche ihn
wie durch ein feines Netzwerk in sich abschlieBen und zu
einer in sich geschlossenen Wesenheit machen. Wenn das
geschehen ist, konnen ungehindert die im Atherleibe sich
vollziehenden Bewegungen und Stromungen sich mit der
auBeren seelisch-geistigen Welt beruhren und mit ihnen sich
verbinden, so daB auBeres geistig-seelisches Geschehen und
inneres (dasjenige im menschlichen Atherleibe) ineinander-
flieBen. Wenn das geschieht, ist eben der Zeitpunkt ein-
getreten, in dem der Mensch die Welt der Inspiration bewuBt
wahrnimmt. Dieses Erkennen tritt in einer anderen Art auf
als das Erkennen in bezug auf die sinnlich-physische Welt. In
dieser bekommt man durch die Sinne Wahrnehmungen und
macht sich dann liber diese Wahrnehmungen Vorstellungen
und Begriffe. Beim Wissen durch die Inspiration ist es nicht
so. Was man erkennt, ist unmittelbar, in einem Akte da; es
gibt nicht ein Nachdenken nach der Wahrnehmung. Was fur
das sinnlich-physische Erkennen erst hinterher im Begriffe
gewonnen wird, ist bei der Inspiration zugleich mit der
Wahrnehmung gegeben. Man wiirde deshalb mit der seelisch-
geistigen UmWelt in eins zusammenflieBen, sich von ihr gar
nicht unterscheiden konnen, wenn man das oben charakte-
risierte Netzwerk im Atherleibe nicht ausgebildet hatte.
Wenn die Ubungen fur die Intuition gemacht werden, so
wirken sie nicht allein auf den Atherleib, sondern bis in die
ubersinnlichen Krafte des physischen Leibes hinein. Man
sollte sich allerdings nicht vorstellen, daB auf diese Art
Wirkungen im physischen Leibe vor sich gehen, welche der
gewohnlichen Sinnenbeobachtung zuganglich sind. Es sind
Wirkungen, welche nur das ubersinnliche Erkennen beurtei-
len kann. Sie haben mit aller aufieren Erkenntnis nichts zu
tun. Sie stellen sich ein als Erfolg der Reife des BewuBtseins,
wenn dieses in der Intuition Erlebnisse haben kann, trotz-
dem es alle vorher gekannten auBeren und inneren Erleb-
nisse aus sich herausgesondert hat. — Nun sind aber die
Erfahrungen der Intuition zart, intim und fein; und der
physische Menschenleib ist auf der gegenwartigen Stufe sei-
ner Entwickelung im Verhaltnisse zu ihnen grob. Er bietet
deshalb ein stark wirkendes Hindernis fur den Erfolg der
Intuitionsubungen. Werden diese mit Energie und Ausdauer
und in der notwendigen inneren Ruhe fortgesetzt, so iiber-
winden sie zuletzt die gewaltigen Hindernisse des physi-
schen Leibes. Der Geistesschiiler bemerkt das daran, daB er
allmahlich gewisse AuBerungen des physischen Leibes, die
vorher ganz ohne sein BewuBtsein erfolgten, in seine Ge-
walt bekommt. Er bemerkt es auch daran, daB er fur kurze
Zeit das Bediirfnis empfindet, z.B. das Atmen (oder der-
gleichen) so einzurichten, daB es in eine Art Einklang oder
Harmonie mit dem kommt, was in den Ubungen oder sonst
in der inneren Versenkung die Seele verrichtet. Das Ideal der
Entwickelung ist, daB durch den physischen Leib selbst gar
keine Ubungen, auch nicht solche Atemubungen gemacht
wiirden, sondern daB alles, was mit ihm zu geschehen hat, sich
nur als eine Folge der reinen Intuitionsubungen einstellte.
Wenn der Geistesschiiler auf dem Wege in die hoheren
ErkenntnisWelten aufsteigt, so bemerkt er auf einer gewis-
sen Stufe, daB das Zusammenhalten der Krafte seiner Per-
sonlichkeit eine andere Form annimmt, als es in der phy-
sisch-sinnlichen Welt hat. In dieser bewirkt das Ich ein
einheitliches Zusammenwirken der Seelenkrafte, zunachst
des Denkens, Fuhlens und Wollens. Diese drei Seelenkrafte
stehen ja in den gewohnlichen menschlichen Lebenslagen
jeweilig immer in gewissen Beziehungen. Man sieht
z.B. ein gewisses Ding in der AuBenWelt. Es gefallt oder
miBfallt der Seele. Das heiBt, es schlieBt sich mit einer ge-
wissen Notwendigkeit an die Vorstellung des Dinges ein
Gefiihl der Lust oder Unlust. Man begehrt auch wohl das
Ding oder erhalt den Impuls, es in dieser oder jener Rich-
tung zu andern. Das heiBt: Begehrungsvermogen und Wille
gesellen sich zu einer Vorstellung und einem Gefuhle hin-
zu. DaB dieses Zusammengesellen stattfindet, wird bewirkt
dadurch, daB das Ich Vorstellen (Denken), Fiihlen und
Wollen einheitlich zusammenschlieBt und auf diese Art
Ordnung in die Krafte der Personlichkeit bringt. Diese ge-
sunde Ordnung wiirde unterbrochen, wenn sich das Ich nach
dieser Richtung machtlos erwiese, wenn z.B. die Be-
gierde einen andern Weg gehen wollte als das Gefuhl oder
die Vorstellung. Ein Mensch ware nicht in einer gesunden
Seelenverfassung, welcher zwar dachte, daB dies oder jenes
richtig sei, aber nun etwas wollte, wovon er nicht die An-
sicht hat, daB es richtig ist. Ebenso ware es, wenn jemand
nicht das wollte, was ihm gefallt, sondern das, was ihm
miBfallt. Nun bemerkt der Mensch, daB auf dem Wege zur
hoheren Erkenntnis Denken, Fiihlen und Wollen in der Tat
sich sondern und jedes eine gewisse Selbstandigkeit an-
nimmt, daB z.B. ein bestimmtes Denken nicht mehr wie
durch sich selbst zu einem bestimmten Fiihlen und Wol-
len drangt. Es stellt sich die Sache so, daB man im Denken
etwas richtig wahrnehmen kann, daB man aber, um iiber-
haupt zu einem Gefuhle oder zu einem WillensentschluB zu
kommen, wieder aus sich heraus einen selbstandigen Antrieb
braucht. Denken, Fiihlen und Wollen bleiben eben wahrend
der liber sinnlichen Betrachtung nicht drei Krafte, welche aus
dem gemeinsamen Ich-Mittelpunkte der Personlichkeit aus-
strahlen, sondern sie werden wie zu selbstandigen Wesen-
heiten, gleichsam zu drei Personlichkeiten; und man muB
jetzt das eigene Ich um so starker machen, denn es soil nicht
bloB in drei Krafte Ordnung bringen, sondern drei Wesen-
heiten lenken und fuhren. Aber diese Teilung darf eben nur
wahrend der tibersinnlichen Betrachtung bestehen. Und wie-
der tritt es hier deudich zutage, wie wichtig es ist, neben
den Ubungen zu hoherer Schulung diejenigen einhergehen
zu lassen, welche der Urteilsfahigkeit, dem Gefiihls- und
Willensleben Sicherheit und Festigkeit geben. Denn bringt
man diese nicht mit in die hohere Welt, so wird man als-
bald sehen, wie sich das Ich schwach erweist und kein
ordentlicher Lenker sein kann des Denkens, Ftihlens und
Wollens. Die Seele wiirde, wenn diese Schwache vorhanden
ware, wie von drei Personlichkeiten in die verschiedenen
Richtungen gezerrt, und ihre innere Geschlossenheit muBte
aufhoren. Wenn die Entwickelung des Geistesschulers aber
in der rechten Art verlauft, so bedeutet die gekennzeichnete
Kraftewandlung einen wahren Fortschritt; das Ich bleibt
liber die selbstandigen Wesenheiten, welche nun seine Seele
bilden, der Herrscher. — Im weiteren Verlaufe der Entwik-
kelung schreitet die angedeutete Entwickelung dann fort.
Das Denken, das selbstandig geworden ist, regt das Auftre-
ten einer besonderen vierten seelisch-geistigen Wesenheit an,
welche man bezeichnen kann wie ein unmittelbares Einflie-
Ben von Stromungen in den Menschen, die den Gedanken
ahnlich sind. Die ganze Welt erscheint da als Gedanken-
gebaude, das vor einem steht wie die Pflanzen- oder Tier-
Welt im physisch-sinnlichen Gebiete. Ebenso regen das selb-
standig gewordene Fiihlen und Wollen zwei Krafte in der
Seele an, welche in derselben wie selbstandige Wesen wir-
ken. Und noch eine siebente Kraft und Wesenheit kommt
dazu, welche ahnlich dem eigenen Ich selber ist.
Dieses ganze Erlebnis verbindet sich noch mit einem an-
dern. Vor dem Betreten der libersinnlichen Welt kannte
der Mensch Denken, Fiihlen und Wollen nur als innere
Seelenerlebnisse. Sobald er die ubersinnliche Welt betritt,
nimmt er Dinge wahr, welche nicht Sinnlich-Physisches aus-
driicken, sondern Seelisch-Geistiges. Hinter den von ihm
wahrgenommenen Eigenschaften der neuen Welt stehen jetzt
seelisch-geistige Wesenheiten. Und diese bieten sich ihm jetzt
so dar als eine AuBenWelt, wie sich ihm im physisch-sinn-
lichen Gebiet Steine, Pflanzen und Tiere vor die Sinne ge-
stellt haben. Es kann nun der Geistesschuler einen bedeut-
samen Unterschied wahrnehmen zwischen der sich ihm er-
schlieBenden seelisch-geistigen Welt und derjenigen, welche
er gewohnt war, durch seine physischen Sinne wahrzuneh-
men. Eine Pflanze der sinnlichen Welt bleibt, wie sie ist,
was auch des Menschen Seele iiber sie fiihlt oder denkt. Das
ist bei den Bildern der seelisch-geistigen Welt zunachst nicht
der Fall. Sie andern sich, je nachdem der Mensch dieses oder
jenes empfindet oder denkt. Dadurch gibt ihnen der Mensch
ein Geprage, das von seinem eigenen Wesen abhangt. Man
stelle sich vor, ein gewisses Bild trete in der imaginativen
Welt vor dem Menschen auf. Verhalt er sich zunachst in
seinem Gemiite gleichgultig dagegen, so zeigt es sich in einer
gewissen Gestalt In dem Augenblicke aber, wo er Lust oder
Unlust gegenuber dem Bilde empfindet, andert es seine Ge-
stalt. Die Bilder driicken somit zunachst nicht nur etwas aus,
was selbstandig auBerhalb des Menschen ist, sondern sie
spiegeln auch dasjenige, was der Mensch selbst ist. Sie sind
ganz und gar durchsetzt von des Menschen eigener Wesen-
heit. Diese legt sich wie ein Schleier tiber die Wesenheiten
hin. Der Mensch sieht dann, wenn auch eine wirkliche
Wesenheit ihm gegenlibersteht, nicht diese, sondern sein
eigenes Erzeugnis. So kann er zwar durchaus Wahres vor
sich haben und doch Falsches sehen. Ja, das ist nicht nur der
Fall mit Bezug auf das, was der Mensch als seine Wesen-
heit selbst an sich bemerkt; sondern alles, was an ihm ist,
wirkt auf diese Welt ein. Es kann z.B. der Mensch ver-
borgene Neigungen haben, die im Leben durch Erziehung
und Charakter nicht zum Vorschein kommen; auf die
geistig-seelische Welt wirken sie; und diese bekommt die
eigenartige Farbung durch das ganze Wesen des Menschen,
gleichgultig, wieviel er von diesem Wesen selbst weiB oder
nicht weiB. — Um weiter fortschreiten zu konnen von dieser
Stufe der Entwickelung aus, ist es notwendig, daB der
Mensch unterscheiden lerne zwischen sich und der geistigen
AuBenWelt. Es wird notig, daB er alle Wirkungen des eige-
nen Selbstes auf die um ihn befindliche seelisch-geistige Welt
ausschalten lerne. Man kann das nicht anders, als wenn man
sich eine Erkenntnis erwirbt von dem, was man selbst in die
neue Welt hineintragt. Es handelt sich also darum, daB
man zuerst wahre, durchgreifende Selbsterkenntnis habe,
um dann die umliegende geistig-seelische Welt rein wahr-
nehmen zu konnen. Nun bringen es gewisse Tatsachen der
menschlichen Entwickelung mit sich, daB solche Selbst-
erkenntnis beim Eintritte in die hohere Welt wie natur-
gemaB stattfinden mufi. Der Mensch entwickelt ja in der
gewohnlichen physisch-sinnlichen Welt sein Ich, sein Selbst-
bewuBtsein. Dieses Ich wirkt nun wie ein Anziehungs-
Mittelpunkt auf alles, was zum Menschen gehort. Alle seine
Neigungen, Sympathien, Antipathien, Leidenschaften, Mei-
nungen usw. gruppieren sich gleichsam um dieses Ich herum.
Und es ist dieses Ich auch der Anziehungspunkt fur das,
was man das Karma des Menschen nennt. Wiirde man dieses
Ich unverhullt sehen, so wiirde man an ihm auch bemerken,
daB bestimmt geartete Schicksale es noch in dieser und den
folgenden Verkorperungen treffen miissen, je nachdem es in
den vorigen Verkorperungen so oder so gelebt, sich dieses
oder jenes angeeignet hat. Mit alle dem, was so am Ich
haftet, mufi es nun als erstes Bild vor die Menschenseele
treten, wenn diese in die seelisch-geistige Welt aufsteigt. Die-
ser Doppelganger des Menschen muB, nach einem Gesetz
der geistigen Welt, vor allem andern als dessen erster Ein-
druck in jener Welt auftreten. Man kann das Gesetz, welches
da zugrunde liegt, sich leicht verstandlich machen, wenn
man das Folgende bedenkt. Im physisch-sinnlichen Leben
nimmt sich der Mensch nur insofern selbst wahr, als er sich
in seinem Denken, Fiihlen und Wollen innerlich erlebt.
Diese Wahrnehmung ist aber eine innerliche; sie stellt sich
nicht vor den Menschen hin, wie sich Steine, Pflanzen und
Tiere vor ihn hinstellen. Auch lernt sich durch innerliche
Wahrnehmung der Mensch nur zum Teil kennen. Er hat
namlich etwas in sich, was ihn an einer tiefergehenden Selbst-
erkenntnis hindert. Es ist dies ein Trieb, sogleich, wenn er
durch Selbsterkenntnis sich eine Eigenschaft gestehen muB
und sich keiner Tduschung uber sich hingeben will diese
Eigenschaft umzuarbeiten.
Gibt er diesem Triebe nicht nach, lenkt er einfach die
Aufmerksamkeit von dem eigenen Selbst ab und bleibt er,
wie er ist, so benimmt er sich selbstverstandlich auch die
Moglichkeit, sich in dem betreffenden Punkte selbst zu er-
kennen. Dringt der Mensch aber in sich selbst und halt er
sich ohne Tauschung diese oder jene seiner Eigenschaften
vor, so wird er entweder in der Lage sein, sie an sich zu ver-
bessern oder aber er wird dies in der gegenwartigen Lage
seines Lebens nicht konnen. In dem letzteren Falle wird
seine Seele ein Gefiihl beschleichen, das man als Geftihl des
Schamens bezeichnen muB. So wirkt in der Tat des Men-
schen gesunde Natur: Sit empfindet durch die Selbsterkennt-
nis mancherlei Arten des Schamens. Nun hat dieses Gefiihl
schon im gewohnlichen Leben eine ganz bestimmte Wirkung.
Der gesund denkende Mensch wird dafiir sorgen, daB das-
jenige, was ihn an sich selbst mit diesem Gefiihl erfiillt,
nicht in Wirkimgen nach auBen sich geltend mache, daB es
nicht in auBeren Taten sich auslebe. Das Schamen ist also
eine Kraft, welche den Menschen antreibt, etwas in sein
Inneres zu verschlieBen und dies nicht auBerlich wahrnehm-
bar werden zu lassen. Wenn man dies gehorig bedenkt, so
wird man begreiflich finden, daB die Geistesforschung einem
inneren Seelenerlebnis, das mit dem Gefiihl des Schamens
ganz nahe verwandt ist, noch viel weitergehende Wirkungen
zuschreibt. Sie findet, daB es in den verborgenen Tiefen der
Seele eine Art verborgenes Schamen gibt, dessen sich der
Mensch im physisch-sinnlichen Leben nicht bewuBt wird.
Dieses verborgene Gefiihl wirkt aber in einer ahnlichen Art
wie das gekennzeichnete offenbare des gewohnlichen Lebens:
es verhindert, daB des Menschen innerste Wesenheit in einem
wahrnehmbaren Bilde vor den Menschen hintritt. Ware
dieses Gefiihl nicht da, so wiirde der Mensch vor sich selbst
wahrnehmen, was er in Wahrheit ist; er wiirde seine Vor-
stellungen, Gefuhle und seinen Willen nicht nur innerlich
erleben, sondern sie wahrnehmen, wie er Steine, Tiere und
Pflanzen wahrnimmt. So ist dieses Gefiihl der Verhuller
des Menschen vor sich selbst. Und damit ist es zugleich der
Verhuller der ganzen geistig-seelischen Welt. Denn indem
sich des Menschen eigene innere Wesenheit vor ihm verhullt,
kann er auch das nicht wahrnehmen, an dem er die Werk-
zeuge entwickeln sollte, um die seelisch-geistige Welt zu
erkennen; er kann seine Wesenheit nicht umgestalten, so daB
sie geistige Wahrnehmungsorgane erhielte. — Wenn nun aber
der Mensch durch regelrechte Schulung dahin arbeitet, diese
Wahrnehmungsorgane zu erhalten, so tritt dasjenige als
erster Eindruck vor ihn hin, was er selbst ist. Er nimmt sei-
nen Doppelganger wahr. Diese Selbstwahrnehmung ist gar
nicht zu trennen von der Wahrnehmung der iibrigen geistig-
seelischen Welt. Im gewohnlichen Leben der physisch-sinn-
lichen Welt wirkt das charakterisierte Gefiihl so, daB es fort-
wahrend das Tor zur geistig-seelischen Welt vor dem Men-
schen zuschlieBt Wollte der Mensch nur einen Schritt ma-
chen, urn in diese Welt einzudringen, so verbirgt das sogleich
auftretende, aber nicht zum BewuBtsein kommende Gefiihl
des Schamens das Stiick der geistig-seelischen Welt, das zum
Vorschein kommen will. Die charakterisierten Ubungen
aber schlieBen diese Welt auf. Nun ist die Sache so, daB
jenes verborgene Gefiihl wie ein groBer Wohltater des Men-
schen wirkt. Denn durch alles das, was man sich ohne geistes-
wissenschaftliche Schulung an Urteilskraft, Gefuhlsleben
und Charakter erwirbt, ist man nicht imstande, die Wahr-
nehmung der eigenen Wesenheit in ihrer wahren Gestalt
ohne weiteres zu ertragen. Man wiirde durch diese Wahr-
nehmung alles Selbstgefuhl, Selbstvertrauen und Selbst-
bewuBtsein verlieren. DaB dies nicht geschehe, dafiir miissen
wieder die Vorkehrungen sorgen, welche man neben den
Ubungen fur die hohere Erkenntnis zur Pflege seiner ge-
sunden Urteilskraft, seines Gefuhls- und Charakterwesens
unternimmt Durch seine regelrechte Schulung lernt der
Mensch wie absichtslos so viel aus der Geisteswissenschaft
kennen, und es werden ihm auBerdem so viele Mittel zur
Selbsterkenntnis und Selbstbeobachtung klar, als notwendig
sind, um kraftvoll seinem Doppelganger zu begegnen. Es
ist dann fur den Geistesschuler so, daB er nur als Bild der
imaginativen Welt in anderer Form das sieht, womit er sich
in der physischen Welt schon bekanntgemacht hat. Wer in
richtiger Art zuerst in der physischen Welt durch seinen
Verstand das Karmagesetz begriffen hat, der wird nicht
besonders erbeben konnen, wenn er nun die Keime seines
Schicksals eingezeichnet sieht in dem Bilde seines Doppel-
gangers. Wer durch seine Urteilskraft sich bekanntgemacht
hat mit der Welten- und Menschheitsentwickelung und weiB,
wie in einem bestimmten Zeitpunkte dieser Entwicklung
die Krafte des Luzifer in die menschliche Seele eingedrungen
sind, der wird es unschwer ertragen, wenn er gewahr wird,
daB in dem Bilde seiner eigenen Wesenheit diese luziferi-
schen Wesenheiten mit alien ihren Wirkungen enthalten
sind. — Man sieht aber hieraus, wie notwendig es ist, daB
der Mensch nicht den eigenen Eintritt in die geistige Welt
verlange, bevor er durch seine gewohnliche in der physisch-
sinnlichen Welt entwickelte Urteilskraft gewisse Wahrheiten
liber die geistige Welt verstanden hat. Was in diesem Buche
vor der Auseinandersetzung iiber die «Erkenntnis der hohe-
ren Welten» mitgeteilt ist, das sollte der Geistesschuler im
regelrechten Entwickelungsgange durch seine gewohnliche
Urteilskraft sich angeeignet haben, bevor er das Verlangen
hat, sich selbst in die ubersinnlichen Welten zu begeben.
Bei einer Schulung, in welcher nicht auf Sicherheit und
Festigkeit der Urteilskraft, des Gefuhls- und Charakter-
lebens gesehen wird, kann es geschehen, daB dem Schuler die
hohere Welt entgegentritt, bevor er dazu die notigen inne-
ren Fahigkeiten hat. Dann wiirde ihn die Begegnung mit
seinem Doppelganger bedriicken und zu Irrtumern fuhren.
Wiirde aber — was allerdings auch moglich ware — die Be-
gegnung ganz vermieden und der Mensch doch in die iiber-
sinnliche Welt eingefiihrt, dann ware er ebensowenig im-
stande, diese Welt in ihrer wahren Gestalt zu erkennen.
Denn es ware ihm ganz unmoglich, zu unterscheiden zwi-
schen dem, was er in die Dinge hineinsieht, und dem, was sie
wirklich sind. Diese Unterscheidung ist nur moglich, wenn
man die eigene Wesenheit als ein Bild fur sich wahrnimmt
und dadurch sich alles das von der Umgebung loslost, was
aus dem eigenen Innern flieBt. — Der Doppelganger wirkt
fur das Leben des Menschen in der physisch-sinnlichen Welt
so, daB er sich durch das gekennzeichnete Gefiihl des Scha-
mens sofort unsichtbar macht, wenn sich der Mensch der
seelisch-geistigen Welt naht. Damit verbirgt er aber auch
diese ganze Welt selbst. Wie ein «Hutep> steht er da vor die-
ser Welt, um den Eintritt jenen zu verwehren, welche zu die-
sem Eintritte noch nicht geeignet sind. Er kann daher der
«Huter der Schwelle, welche vor der geistig-seelischen Welt
ist», genannt werden. — AuBer durch das geschilderte Betre-
ten der tibersinnlichen Welt begegnet der Mensch noch beim
Durchgang durch den physischen Tod diesem «Huter der
Schwelle». Und er enthullt sich nach und nach im Verlaufe
des Lebens in der seelisch-geistigen Entwickelung zwischen
dem Tode und einer neuen Geburt. Da kann aber die Begeg-
nung den Menschen nicht bedrucken, weil er da von andern
Welten weiB als in dem Leben zwischen Geburt und Tod.
Wenn der Mensch, ohne die Begegnung mit dem «Huter
der Schwelle» zu haben, die geistig-seelische Welt betreten
wiirde, so konnte er Tauschung nach Tauschung verfallen.
Denn er konnte nie unterscheiden, was er selbst in diese
Welt hineintragt und was ihr wirklich angehort. Eine regel-
rechte Schulung darf aber den Geistesschuler nur in das Ge-
biet der Wahrheit, nicht in dasjenige der Illusion fiihren.
Eine solche Schulung wird durch sich selbst so sein, daB die
Begegnung notwendig einmal erfolgen muB. Denn sie ist
die eine der fur die Beobachtung ubersinnlicher Welten un-
entbehrlichen VorsichtsmaBregeln gegen die Moglichkeit von
Tauschung und Phantastik — Es gehort zu den unerlaBlich-
sten Vorkehrungen, welche jeder Geistesschiiler treffen muB,
sorgfaltig an sich zu arbeiten, um nicht zum Phantasten zu
werden, zu einem Menschen, der einer moglichen Tauschung,
Selbsttauschung (Suggestion und Selbstsuggestion) verfallen
kann. Wo die Anweisungen zur Geistes schulung recht be-
folgt werden, da werden zugleich die Quellen vernichtet,
welche die Tauschung bringen konnen. Hier kann naturlich
nicht ausfuhrlich von all den zahlreichen Einzelheiten ge-
sprochen werden, die bei solchen Vorkehrungen in Betracht
kommen. Es kann nur angedeutet werden, worauf es an-
kommt Tauschungen, welche hier in Betracht kommen, ent-
springen aus zwei Quellen. Sie riihren zum Teil davon her,
daB man durch die eigene seelische Wesenheit die Wirklich-
keit farbt. Im gewohnlichen Leben der physisch-sinnlichen
Welt ist diese Quelle der Tauschung von verhaltnismaBig
geringer Gefahr; denn hier wird sich die AuBenWelt immer
scharf in ihrer eigenen Gestalt der Beobachtung aufdrangen,
wie sie auch der Beobachter nach seinen Wunschen und In-
teressen wird farben wollen. Sobald man jedoch die ima-
ginative Welt betritt, verandern sich deren Bilder durch
solche Wunsche und Interessen, und man hat wie eine Wirk-
lichkeit vor sich, was man erst selbst gebildet oder wenig-
stens mitgebildet hat Dadurch nun, daB durch die Begeg-
nung mit dem «Huter der Schwelle» der Geistesschiiler alles
kennenlernt, was in ihm ist, was er also in die seelisch-gei-
stige Welt hineintragen kann, ist diese Quelle der Tauschung
beseitigt. Und die Vorbereitung, welche der Geistesschiiler
vor dem Betreten der seelisch-geistigen Welt sich angedeihen
laBt, wirkt ja dahin, daB er sich gewohnt, schon bei der Be-
obachtung der sinnlich-physischen Welt sich selbst auszu-
schalten und die Dinge und Vorgange rein durch ihre eigene
Wesenheit auf sich einsprechen zu lassen. Wer diese Vor-
bereitung genligend durchgemacht hat, kann ruhig die Be-
gegnung mit dem «Huter der Schwelle» erwarten. Durch sie
wird er sich endgultig prlifen, ob er sich nun wirklich in der
Lage fiihlt, seine eigene Wesenheit auch dann auszuschalten,
wenn er der seelisch-geistigen Welt gegenubersteht.
AuBer dieser Quelle von Tauschungen gibt es nun noch
eine andere. Sie tritt dann zutage, wenn man einen Eindruck,
den man empfangt, unrichtig deutet. Im physisch-sinnlichen
Leben ist ein einfaches Beispiel fur solche Tauschung die-
jenige, welche entsteht, wenn man in einem Eisenbahnzuge
sitzt und glaubt, die Baume bewegen sich in der entgegen-
gesetzten Richtung des Zuges, wahrend man sich doch selbst
mit dem Zuge bewegt Obwohl es zahlreiche Falle gibt, wo
solche Tauschungen in der sinnlich-physischen Welt schwie-
riger richtigzustellen sind als in dem angefuhrten einfachen,
so ist doch leicht einzusehen, daB innerhalb dieser Welt der
Mensch auch die Mittel findet, solche Tauschungen hinweg-
zuschaffen, wenn er mit gesundem Urteil alles das in Be-
tracht zieht, was der entsprechenden Aufklarung dienen
kann. Anders steht die Sache allerdings, sobald man in die
libersinnlichen Gebiete eindringt. In der sinnlichen Welt
werden die Tatsachen durch die menschliche Tauschung nicht
geandert; deshalb ist es moglich, durch eine unbefangene
Beobachtung die Tauschung an den Tatsachen zu berich-
tigen. In der libersinnlichen Welt aber ist das nicht ohne
weiteres moglich. Wenn man einen ubersinnlichen Vorgang
beobachten will und mit einem unrichtigen Urteile an ihn
herantritt, so tragt man dieses unrichtige Urteil in ihn hin-
ein; und es wird dieses mit der Tatsache so verwoben, daB
es von ihr nicht sogleich zu unterscheiden ist Der Irrtum ist
dann nicht in dem Menschen und die richtige Tatsache auBer
demselben, sondern der Irrtum ist selbst zum Bestandteil
der auBeren Tatsache gemacht. Er kann deshalb auch nicht
einfach durch eine unbefangene Beobachtung der Tatsache
berichtigt werden. Es ist damit auf dasjenige hinge wiesen,
was eine uberreich flieBende Quelle von Tauschung und
Phantastik fur denjenigen sein kann, welcher ohne die rich-
tige Vorbereitung an die ubersinnliche Welt herantritt. —
Wie nun der Geistesschuler sich die Fahigkeit erwirbt, die-
jenigen Tauschungen auszuschlieBen, welche durch die Far-
bung der ubersinnlichen Welterscheinungen mit der eigenen
Wesenheit entstehen, so muB er auch die andere Gabe erlan-
gen: die zweite charakterisierte Quelle der Tauschung un-
wirksam zu machen. Er kann ausschalten, was von ihm selbst
kommt, wenn er erst das Bild des eigenen Doppelgangers
erkannt hat; und er wird ausschalten konnen, was in der an-
gegebenen Richtung eine zweite Tauschungsquelle ist, wenn
er sich die Fahigkeit erwirbt, an der Beschaffenheit einer
Tatsache der ubersinnlichen Welt zu erkennen, ob sie Wirk-
lichkeit oder Tauschung ist. Wenn die Tauschungen genau so
aussehen wiirden wie die Wirklichkeiten, dann ware eine
Unterscheidung nicht moglich. So ist es aber nicht. Tau-
schungen der ubersinnlichen Welten haben an sich seihst
Eigenschaften, durch welche sie sich von den Wirklichkeiten
unterscheiden. Und es kommt darauf an, daB der Geistes-
schuler weiB, an welchen Eigenschaften er die Wirklichkeiten
erkennen kann. Nichts erscheint selbstverstandlicher, als daB
der Nichtkenner geistiger Schulung sagt: Wo gibt es denn
tiberhaupt eine Moglichkeit, sich gegen Tauschung zu schtit-
zen, da die Quellen fiir dieselbe so zahlreich sind? Und wenn
er weiter sagt: 1st denn tiberhaupt irgendein Geistesschtiler
davor sicher, daB nicht alle seine vermeindichen hoheren Er-
kenntnisse nur auf Tauschung und Selbsttauschung (Sugge-
stion und Autosuggestion) beruhen? Wer so spricht, bertick-
sichtigt nicht, daB in jeder wahren Geistes schulung durch die
ganze Art, wie diese verlauft, die Quellen der Tauschung
verstopft werden. Erstens wird sich der wahre Geistesschtiler
durch seine Vorbereitung gentigend viele Kenntnisse erwer-
ben tiber alles das, was Tauschung und Selbsttauschung her-
beiftihren kann, und sich dadurch in die Lage versetzen, sich
vor ihnen zu htiten. Er hat in dieser Beziehung wirklich wie
kein anderer Mensch Gelegenheit, sich ntichtern und urteils-
fahig zu machen fur den Gang des Lebens. Er wird durch
alles, was er erfahrt, veranlaBt, nichts von unbestimmten
Ahnungen, Eingebungen usw. zu halten. Die Schulung macht
ihn so vorsichtig wie moglich. Dazu kommt, daB jede wahre
Schulung zunachst zu Begriffen tiber die groBen Weltereig-
nisse, also zu Dingen ftihrt, welche ein Anspannen der Ur-
teilskraft notwendig machen, wodurch diese aber zugleich
verfeinert und gescharft wird. Nur wer es ablehnen wollte,
in solche endegene Gebiete sich zu begeben, und sich nur an
naherliegende «Offenbarungen» halten wollte, dem konnte
verlorengehen die Scharfung jener gesunden Urteilskraft,
welche ihm Sicherheit gibt in der Unterscheidung zwischen
Tauschung und Wirklichkeit. Doch alles dieses ist noch nicht
das Wichtigste. Das Wichtigste liegt in den Ubungen selbst,
welche bei einer regelrechten Geistesschulung verwendet
werden. Diese miissen namlich so eingerichtet sein, daB das
BewuBtsein des Geistesschiilers wahrend der inneren Ver-
senkung genau alles iiberschaut, was in der Seele vorgeht.
Zuerst wird fur die Herbeifiihrung der Imagination ein
Sinnbild geformt In diesem sind noch Vorstellimgen von
auBeren Wahrnehmimgen. Der Mensch ist nicht allein an
ihrem Inhalte beteiligt; er macht ihn nicht selbst. Also kann
er sich einer Tauschung dartiber hingeben, wie er zustande
kommt; er kann seinen Ursprung falsch deuten. Aber der
Geistesschiiler entfernt diesen Inhalt aus seinem BewuBtsein,
wenn er zu den Ubungen fur die Inspiration aufsteigt. Da
versenkt er sich nur noch in seine eigene Seelentatigkeit,
welche das Sinnbild gestaltet hat. Auch da ist noch Irrtum
moglich. Der Mensch hat sich durch Erziehung, Lernen usw.
die Art seiner Seelentatigkeit angeeignet. Er kann nicht alles
iiber ihren Ursprung wissen. Nun aber entfernt der Geistes-
schiiler auch noch diese eigene Seelentatigkeit aus dem Be-
wuBtsein. Wenn nun etwas bleibt, so haftet an diesem nichts,
was nicht zu uberschauen ist. In dieses kann sich nichts ein-
mischen, was nicht in bezug auf seinen ganzen Inhalt zu be-
urteilen ist. In seiner Intuition hat also der Geistesschiiler
etwas, was ihm zeigt, wie eine ganz klare Wirklichkeit der
geistig-seelischen Welt beschaffen ist. Wenn er nun die also
erkannten Kennzeichen der geistig-seelischen Wirklichkeit
auf alles anwendet, was an seine Beobachtung herantritt,
dann kann er Schein von Wirklichkeit unterscheiden. Und
er kann sicher sein, daB er bei Anwendung dieses Gesetzes
vor der Tauschung in der ubersinnlichen Welt ebenso be-
wahrt bleiben wird, wie es ihm in der physisch-sinnlichen
Welt nicht geschehen kann, ein vorgestelltes heiBes Eisenstuck
fur ein solches zu halten, das wirklich brennt. Es ist selbstver-
standlich, daB man sich so nur zu denjenigen Erkenntnissen
verhalten wird, welche man als seine eigenen Erlebnisse in
den tibersinnlichen Welten ansieht, und nicht zu denen, die
man als Mitteilungen von anderen empfangt und welche
man mit seinem physischen Verstande und seinem gesunden
Wahrheitsgefuhle begreift. Der Geistesschuler wird sich be-
miihen, eine genaue Grenzscheide zu ziehen zwischen dem,
was er sich auf die eine, was auf die andere Art erworben hat.
Er wird willig auf der einen Seite die Mitteilungen iiber die
hoheren Welten aufnehmen und sie durch seine Urteilsfahig-
keit zu begreifen suchen. Wenn er aber etwas als Selbst-
erfahrung, als eine von ihm selbst gemachte Beobachtung
bezeichnet, so wird er gepriift haben, ob ihm diese genau mit
den Eigenschaften entgegengetreten ist, welche er an der un-
trugerischen Intuition wahrnehmen gelernt hat.
Wenn der Geistesschuler die Begegnung mit dem gekenn-
zeichneten «Huter der Schwelle» hinter sich hat, dann stehen
ihm beim Aufstieg in iibersinnliche Welten weitere Erleb-
nisse bevor. Zunachst wird er bemerken, daB eine innere Ver-
wandtschaft besteht zwischen diesem «Huter der Schwelle»
und jener Seelenkraft, die sich in der oben gegebenen Schil-
derung als die siebente ergeben und wie zu einer selbstan-
digen Wesenheit gestaltet hat Ja, diese siebente Wesenheit
ist in gewisser Beziehung nichts anderes als der Doppel-
ganger, der «Huter der Schwelle» selbst. Und sie stellt dem
Geistesschuler eine besondere Aufgabe. Er hat das, was er
in seinem gewohnlichen Selbst ist und was ihm im Bilde
erscheint, durch das neugeborene Selbst zu leiten und zu
fuhren. Es wird sich eine Art von Kampf ergeben gegen den
Doppelganger. Derselbe wird fortwahrend die Uberhand
anstreben. Sich in das rechte Verhaltnis zu ihm setzen, ihn
nichts tun lassen, was nicht unter dem Einflusse des neu-
geborenen «Ich» geschieht, das starkt und festigt aber auch
des Menschen Krafte. — Nun ist es in der hoheren Welt mit
der Selbsterkenntnis nach einer gewissen Richtung hin an-
ders als in der physisch-sinnlichen Welt. Wahrend in der
letzteren die Selbsterkenntnis nur als inneres Erlebnis auf-
tritt, stellt sich das neugeborene Selbst sogleich als seelisch-
auBere Erscheinung dar. Man sieht sein neugeborenes Selbst
wie ein anderes Wesen vor sich. Aber man kann es nicht
ganz wahrnehmen. Denn welche Stufe man auch erstiegen
haben mag auf dem Wege in die ubersinnlichen Welten hin-
auf: es gibt immer noch hohere Stufen. Auf solchen wird
man immer noch mehr wahrnehmen von seinem «hoheren
Selbst». Es kann also dieses dem Geistesschuler auf irgend-
einer Stufe nur teilweise sich enthullen. Nun ist aber die
Versuchung ungeheuer groB, welche den Menschen befallt,
wenn er zuerst irgend etwas von seinem «hoheren Selbst»
gewahr wird, dieses «hohere Selbst» gleichsam von dem
Standpunkte aus zu betrachten, welchen man in der phy-
sisch-sinnlichen Welt gewonnen hat Diese Versuchung ist
sogar gut, und sie mufi eintreten, wenn die Entwicklung
richtig vor sich gehen soil. Man muB das betrachten, was als
der Doppelganger, der «Huter der Schwelle», auftritt, und
es vor das «hohere Selbst» stellen, damit man den Ab stand
bemerken kann zwischen dem, was man ist, und dem, was
man werden soil. Bei dieser Betrachtung beginnt der «Hliter
der Schwelle» aber eine ganz andere Gestalt anzunehmen.
Er stellt sich dar als ein Bild aller der Hindernisse, welche
sich der Entwicklung des «hoheren Selbst» entgegenstellen.
Man wird wahrnehmen, welche Last man an dem gewohn-
lichen Selbst schleppt. Und ist man dann durch seine Vor-
bereitungen nicht stark genug, sich zu sagen: Ich werde hier
nicht stehenbleiben, sondern unablassig mich zu dem «hohe-
ren Selbst» hinaufentwickeln, so wird man erlahmen und zu-
ruckschrecken vor dem, was bevorsteht. Man ist dann in die
seelisch-geistige Welt hineingetaucht, gibt es aber auf, sich
weiter zu arbeiten. Man wird ein Gefangener der Gestalt,
die jetzt durch den «Huter der Schwelle» vor der Seele steht
Das Bedeutsame ist, daB man bei diesem Erlebnis nicht die
Empfindung hat, ein Gefangener zu sein. Man wird viel-
mehr etwas ganz anderes zu erleben glauben. Die Gestalt,
welche der «Huter der Schwelle» hervorruft, kann so sein,
daB sie in der Seele des Beobachters den Eindruck hervor-
bringt, dieser habe nun in den Bildern, welche auf dieser
Entwickelungsstufe auftreten, schon den ganzen Umfang
aller nur moglichen Welten vor sich; man sei auf dem Gipfel
der Erkenntnis angekommen und brauche nicht weiter zu
streben. Statt als Gefangener wird man sich so als der un-
ermeBlich reiche Besitzer aller Weltengeheimnisse flihlen
konnen. Daruber, daB man ein solches Erlebnis haben kann,
welches das Gegenteil des wahren Tatbestandes darstellt,
wird sich derjenige nicht verwundern, welcher bedenkt, daB
man ja dann, wenn man dies erlebt, bereits in der seelisch-
geistigen Welt steht und daB es Eigentumlichkeit dieser
Welt ist, daB in ihr sich die Ereignisse umgekehrt darstellen
konnen. In diesem Buche ist auf diese Tatsache bei der Be-
trachtung des Lebens nach dem Tode hingewiesen worden.
Die Gestalt, welche man auf dieser Stufe der Entwicke-
lung wahrnimmt, zeigt dem Geistesschuler noch etwas an-
deres als diejenige, in der sich ihm zuerst der «Huter der
Schwelle» dargestellt hat. In diesem Doppelganger waren
wahrzunehmen alle diejenigen Eigenschaften, welche das
gewohnliche Selbst des Menschen hat infolge des Einflusses
der Krafte des Luzifer. Nun ist aber im Laufe der mensch-
lichen Entwickelung durch den EinfluB Luzifers eine andere
Macht in die Menschenseele eingezogen. Es ist diejenige,
welche als die Kraft Ahrimans in friiheren Abschnitten die-
ses Buches bezeichnet ist. Es ist dies die Kraft, welche den
Menschen im physisch-sinnlichen Dasein verhindert, die hin-
ter der Oberflache des Sinnlichen liegenden geistig-seelischen
Wesenheiten der AuBenWelt wahrzunehmen. Was unter dem
Einflusse dieser Kraft aus der Menschenseele geworden ist,
das zeigt im Bilde die Gestalt, welche bei dem charakteri-
sierten Erlebnisse auftritt. — Wer entsprechend vorbereitet
an dieses Erlebnis herantritt, der wird ihm seine wahre
Deutung geben; und dann wird sich bald eine andere Ge-
stalt zeigen, diejenige, welche man den «groBen Hiiter der
Schwelle» im Gegensatz zu dem gekennzeichneten «kleinen
Huter» nennen kann. Dieser teilt dem Geistesschuler mit,
daB er nicht stehenzubleiben hat auf dieser Stufe, sondern
energisch weiter zu arbeiten. Er ruft in dem Beobachter das
BewuBtsein hervor, daB die Welt, die erobert ist, nur eine
Wahrheit wird und sich in keine Illusion verwandelt, wenn
die Arbeit in entsprechender Art fortgesetzt wird. — Wer
aber durch eine unrichtige Geistesschulung unvorbereitet an
dieses Erlebnis herantreten wlirde, dem wiirde sich dann,
wenn er an den «groBen Hiiter der Schwelle» kommt, etwas
in die Seele gieBen, was nur mit dem «Geftihle eines uner-
meBlichen Schreckens», einer «grenzenlosen Furcht» ver-
glichen werden kann.
Wie die Begegnung mit dem «kleinen Hiiter der Schwelle»
dem Geistesschiiler die Moglichkeit gibt, sich zu priifen, ob
er gegen Tauschungen geschiitzt ist, welche durch Hinein-
tragen seiner Wesenheit in die tibersinnliche Welt entstehen
konnen, so kann er sich an den Erlebnissen, die zuletzt zu
dem «groBen Hiiter der Schwelle» fuhren, priifen, ob er
jenen Tauschimgen gewachsen ist, welche oben auf die zweite
gekennzeichnete Quelle zuruckgefuhrt wurden. Vermag er
jener gewaltigen Illusion Widerstand zu bieten, welche ihm
die errungene BilderWelt als einen reichen Besitz vorgaukelt,
wahrend er doch nur ein Gefangener ist, so ist er im weite-
ren Verlauf seiner Entwickelung auch davor bewahrt, Schein
fur Wirklichkeit zu nehmen.
Der «Huter der Schwelle» wird fur jeden einzelnen Men-
schen eine individuelle Gestalt bis zu einem gewissen Grade
annehmen. Die Begegnung mit ihm entspricht ja gerade
demjenigen Erlebnis, durch welches der personliche Charak-
ter der liber sinnlichen Beobachtungen liberwunden und die
Moglichkeit gegeben wird, in eine Region des Erlebens ein-
zutreten, die von personlicher Farbung frei und fur jede
Menschenwesenheit gultig ist.
Wenn der Geistesschiiler die beschriebenen Erlebnisse ge-
habt hat, dann ist er fahig, in der seelisch-geistigen UmWelt
dasjenige, was er selbst ist, von dem, was auBer ihm ist, zu
unterscheiden. Er wird dann erkennen, wie das Verstandnis
des in diesem Buche geschilderten Weltprozesses notwendig
ist, um den Menschen und dessen Leben selbst zu verstehen.
Man versteht ja den physischen Leib nur, wenn man er-
kennt, wie er sich aufgebaut hat durch die Saturn-, Sonnen-,
Monden- und Erdenentwickelung. Man versteht den Ather-
leib, wenn man seine Bildung durch Sonnen-, Monden- und
Erdenentwickelung verfolgt usw. Man versteht aber auch
dasjenige, was gegenwartig mit der Erdenentwickelung zu-
sammenhangt, wenn man erkennt, wie sich alles nach und
nach entfaltet hat. Man wird durch die Geistesschulung in
den Stand gesetzt, das Verhaltnis von allem, was am Men-
schen ist, zu entsprechenden Tatsachen und Wesenheiten
der auBer dem Menschen befindlichen Welt zu erkennen.
Denn so ist es: jedes Glied am Menschen steht in einem Ver-
haltnis zu der ganzen librigen Welt In diesem Buche konn-
ten daruber ja nur die Andeutungen im skizzenhaften Um-
riB gemacht werden. Man muB aber bedenken, daB z.B.
der physische Menschenleib wahrend der Saturnentwicke-
lung nur in der ersten Anlage vorhanden war. Seine Organe:
das Herz, die Lunge, das Gehirn haben sich spater, wahrend
der Sonnen-, Monden- und Erdenzeit, aus den ersten An-
lagen herausgebildet. So also stehen Herz, Lunge usw. in
Beziehungen zu Sonnen-, Mondenentwickelung, Erdenent-
wickelung. Ganz entsprechend ist es mit den Gliedern des
Atherleibes, des Empfindungsleibes, der Empfindungsseele
usw. Es ist der Mensch aus der ganzen, ihm zunachst liegen-
den Welt herausgestaltet; und jede Einzelheit, die an ihm
ist, entspricht einem Vorgange, einem Wesen der AuBenWelt
Der Geistesschuler kommt auf der entsprechenden Stufe
seiner Entwicklung dazu, dieses Verhaltnis seines eigenen
Wesens zur groBen Welt zu erkennen. Und man kann diese
Erkenntnis stufe das Gewahrwerden nennen des EntSpre-
chens der «kleinen Welt», des Mikrokosmos, das ist des
Menschen selbst, und der «groBen Welt», des Makrokosmos.
Wenn der Geistesschuler bis zu solcher Erkenntnis sich
durchgerungen hat, dann kann fur ihn ein neues Erlebnis
eintreten. Er fangt an, sich wie mit dem ganzen Weltenbau
verwachsen zu fiihlen, trotzdem er sich in seiner vollen Selb-
standigkeit empfindet. Es ist diese Empfindung ein Auf-
gehen in die ganze Welt, ein Einswerden mit derselben, aber
ohne die eigene Wesenheit zu verlieren. Man kann diese
Entwickelungsstufe als «Einswerden mit dem Makrokos-
mos» bezeichnen. Es ist bedeutsam, daB man dieses Eins-
werden nicht so zu denken hat, als wenn durch dasselbe das
SonderbewuBtsein aufhoren und die menschliche Wesenheit
in das All ausflieBen wiirde. Es ware ein solcher Gedanke
nur der Ausdruck einer aus ungeschulter Urteilskraft flieBen-
den Meinung. — Die einzelnen Stufen der hoheren Erkennt-
nis im Sinne jenes Einweihungsvorganges, der hier beschrie-
ben worden ist, konnen nun in der folgenden Art bezeichnet
werden:
1. Das Studium der Geisteswissenschaft, wobei man sich
zunachst der Urteilskraft bedient, welche man in der
physisch-sinnlichen Welt gewonnen hat.
2. Die Erwerbung der imaginativen Erkenntnis.
3. Das Lesen der verborgenen Schrift (entsprechend der
Inspiration).
4. Das Sicheinleben in die geistige Umgebung (entspre-
chend der Intuition).
5. Die Erkenntnis der Verhaltnisse von Mikrokosmos
und Makrokosmos.
6. Das Einswerden mit dem Makrokosmos.
7. Das Gesamterleben der vorherigen Erfahrungen als
eine Grund-Seelenstimmung.
Diese Stufen brauchen aber nicht etwa so gedacht zu wer-
den, daB sie nacheinander durchgemacht werden. Die Schu-
lung kann vielmehr so verlaufen, daB je nach der Indivi-
dualitat des Geistesschtilers eine vorhergehende Stufe nur
bis zu einem gewissen Grade durchschritten ist, wenn er
beginnt, Ubungen zu machen, welche der folgenden Stufe
entsprechen. Es kann z.B. ganz gut sein, daB man erst
einige Imaginationen in sicherer Art gewonnen hat und
doch schon Ubungen macht, welche die Inspiration, die
Intuition oder die Erkenntnis vom Zusammenhange des
Mikrokosmos und Makrokosmos in den Bereich des
eigenen Erlebens ziehen.
Wenn der Geistesschtiler sich ein Erlebnis von der Intui-
tion verschafft hat, so kennt er nicht nur die Bilder der
seelisch-geistigen Welt, er kann nicht nur ihre Beziehungen
in der «verborgenen Schrift» lesen: er kommt zu der Er-
kenntnis der Wesen selbst, durch deren Zusammenwirken
die Welt zustande kommt, welcher der Mensch angehort.
Und er lernt dadurch sich selbst in derjenigen Gestalt ken-
nen, die er als geistiges Wesen in der seelisch-geistigen Welt
hat. Er hat sich zu einer Wahrnehmung seines hoheren
Ich durchgerungen, und er hat bemerkt, wie er weiter zu
arbeiten hat, um seinen Doppelganger, den «Hliter der
Schwelle», zu beherrschen. Er hat aber auch die Begegnung
gehabt mit dem «groBen Hiiter der Schwelle», der vor ihm
steht wie ein stetiger Aufforderer, weiterzuarbeiten. Dieser
«groBe Hiiter der Schwelle» wird nun sein Vorbild, dem er
nachstreben will. Wenn diese Empfindung in dem Geistes-
schuler auftritt, dann hat er die Moglichkeit erlangt zu er-
kennen, wer da eigentlich als der «groBe Hiiter der Schwelle»
vor ihm steht. Es verwandelt sich namlich nunmehr dieser
Hiiter in der Wahrnehmung des Geistesschtilers in die Chri-
stus-Gestalt, deren Wesenheit und Eingreifen in die Erden-
entwickelung aus den vorhergehenden Kapiteln dieses Buches
ersichdich ist. Der Geistesschuler wird dadurch in das er-
habene Geheimnis selbst eingeweiht, das mit dem Christus-
Namen verknupft ist. Der Christus zeigt sich ihm als das
«groBe menschliche Erdenvorbild». — Ist auf solche Art
durch Intuition der Christus in der geistigen Welt erkannt,
dann wird auch verstandlich, was sich auf der Erde ge-
schichtlich abgespielt hat in der vierten nachadantischen
Entwickelungsperiode der Erde (in der griechisch-lateini-
schen Zeit). Wie zu dieser Zeit das hohe Sonnenwesen, das
Christus- Wesen, in die Erdenentwickelung eingegriffen hat
und wie es nun weiter wirkt innerhalb dieser Erdenentwik-
kelung, das wird fur den Geistesschuler eine selbsterlebte
Erkenntnis. Es ist also ein AufschluB iiber den Sinn und die
Bedeutung der Erdenentwickelung, welchen der Geistes-
schuler erhalt durch die Intuition.
Der hiermit geschilderte Weg zur Erkenntnis der liber-
sinnlichen Welten ist ein solcher, welchen ein jeder Mensch
gehen kann, in welcher Lage er sich auch innerhalb der ge-
genwartigen Lebensbedingungen befindet. Wenn von einem
solchen Wege die Rede ist, so muB man bedenken, daB das
Ziel der Erkenntnis und Wahrheit zu alien Zeiten der Erden-
entwickelung dasselbe ist, daB aber die Ausgangspunkte des
Menschen zu verschiedenen Zeiten verschiedene waren. Der
Mensch kann gegenwartig nicht von demselben Ausgangs-
punkte ausgehen, wenn er den Weg in die ubersinnlichen
Gebiete betreten will, wie z.B. der alte agyptische Ein-
zuweihende. Daher lassen sich die Ubungen, welche dem
Geistesschuler im alten Agypten auferlegt wurden, nicht
ohne weiteres von dem gegenwartigen Menschen ausfuhren.
Seit jener Zeit sind die menschlichen Seelen durch verschie-
dene Verkorperungen hindurchgegangen; und dieses Weiter-
schreiten von Verkorperung zu Verkorperung ist nicht ohne
Sinn und Bedeutung. Die Fahigkeiten und Eigenschaften
der Seelen andern sich von Verkorperung zu Verkorperung.
Wer das menschliche, geschichdiche Leben auch nur ober-
flachlich betrachtet, kann bemerken, daB seit dem zwolften
und dreizehnten Jahrhundert n. Chr. sich gegen friiher
alle Lebensbedingungen geandert haben, daB Meinungen,
Gefuhle, aber auch Fahigkeiten der Menschen anders ge-
worden sind, als sie vorher waren. Der hier beschriebene
Weg zur hoheren Erkenntnis ist nun ein solcher, welcher fur
Seelen tauglich ist, welche in der unmittelbaren Gegenwart
sich verkorpern. Er ist so, daB er den Ausgangspunkt der
geistigen Entwickelung da ansetzt, wo der Mensch in der
Gegenwart steht, wenn er in irgendwelchen durch diese
Gegenwart ihm gegebenen Lebensverhaltnissen sich befin-
det. — Die fortschreitende Entwickelung fiihrt die Mensch-
heit in bezug auf die Wege zu hoherer Erkenntnis ebenso
von Zeitabschnitt zu Zeitabschnitt zu immer anderen For-
men, wie auch das auBere Leben seine Gestaltungen andert.
Und es muB ja auch jederzeit ein vollkommener Einklang
herrschen zwischen dem auBeren Leben und der Einweihung.
GEGENWART UND ZUKUNFT
DER Welt- UND MENSCHHEITS-ENTWICKELUNG
Im Sinne der Geisteswissenschaft von Gegenwart und Zu-
kunft der Menschen- und Weltentwickelung etwas zu er-
kennen, ist nicht moglich, ohne die Vergangenheit dieser
Entwicklung zu verstehen. Denn, was sich der Wahrneh-
mung des Geistesforschers darbietet, wenn er die verbor-
genen Tatsachen der Vergangenheit beobachtet, das enthalt
zugleich alles dasjenige, was er von Gegenwart und Zukunft
wissen kann. Es ist in diesem Buche von Saturn-, Sonnen-,
Monden- und Erdenentwickelung gesprochen worden. Man
kann im geisteswissenschaftlichen Sinne die Erdenentwicke-
lung nicht verstehen, wenn man nicht die Tatsachen der
vorhergehenden Entwicklungszeiten beobachtet. Denn,
was dem Menschen gegenwartig innerhalb der ErdenWelt
entgegentritt, darin stecken in gewisser Beziehung die Tat-
sachen der Monden-, Sonnen- und Saturnentwickelung. Die
Wesen und Dinge, welche an der Mondenentwickelung
beteiligt waren, haben sich weiter fortgebildet. Aus ihnen
ist alles dasjenige geworden, was gegenwartig zur Erde
gehort. Aber es ist fur das physisch-sinnliche BewuBtsein
nicht alles wahrnehmbar, was sich vom Monde heruber
zur Erde entwickelt hat. Ein Teil dessen, was sich von
diesem Monde heruber entwickelt hat, wird erst auf einer
gewissen Stufe des ubersinnlichen BewuBtseins offenbar.
Wenn diese Erkenntnis erlangt ist, dann ist fur dieselbe
unsere ErdenWelt verbunden mit einer ubersinnlichen Welt.
Diese enthalt den Teil des Mondendaseins, welcher sich
nicht bis zur physisch-sinnlichen Wahrnehmung verdichtet
hat. Sie enthalt ihn zunachst so, wie er gegenwartig ist, nicht
wie er zur Zeit der uralten Mondenentwickelung war. Das
iibersinnliche BewuBtsein kann aber ein Bild von dem da-
maligen Zustande erhalten. Wenn namlich dieses Iiber-
sinnliche BewuBtsein sich in die Wahrnehmung vertieft,
welche es gegenwartig haben kann, so zeigt sich, daB diese
durch sich selbst sich in zwei Bilder allmahlich zerlegt. Das
eine Bild stellt sich dar als diejenige Gestalt, welche die Erde
gehabt hat wahrend ihrer Mondenentwickelung. Das an-
dere Bild aber zeigt sich so, daB man daran erkennt: dieses
enthalt eine Gestalt, welche noch im Keimzustande ist und
welche erst in der Zukunft in dem Sinne wirklich werden
wird, wie die Erde jetzt wirklich ist. Bei weiterer Beobach-
tung zeigt sich, daB in diese Zukunftsform fortwahrend
dasjenige einstromt, was sich in einem gewissen Sinne als
Wirkung dessen ergibt, was auf der Erde geschieht. In die-
ser Zukunftsform hat man deshalb dasjenige vor sich, was
aus unserer Erde werden soil. Die Wirkungen des Erden-
daseins werden sich mit dem, was in der charakterisierten
Welt geschieht, vereinigen, und daraus wird das neue Weltenwesen entsteh
wird, wie sich der Mond in die Erde verwandelt hat. Man
kann diese Zukunftsgestalt den Jupiterzu stand nennen. Wer
diesen Jupiterzustand in ubersinnlicher Anschauung beob-
achtet, fur den zeigt sich, daB in der Zukunft gewisse Vor-
gange stattfinden miissen, weil in dem ubersinnlichen Teil
der ErdenWelt, welcher vom Monde herruhrt, Wesen und
Dinge vorhanden sind, welche bestimmte Formen annehmen
werden, wenn sich innerhalb der physisch-sinnlichen Erde
dieses oder jenes ereignet haben wird. In dem Jupiter-
zustand wird deshalb etwas sein, was durch die Monden-
entwickelung schon vorbestimmt ist; und es wird in ihm
Neues sein, was erst durch die Erdenvorgange in die ganze
Entwickelung hineinkommt Deswegen kann das ubersinn-
liche BewuBtsein etwas erfahren dariiber, was wahrend des
Jupiterzustandes geschehen wird. Den Wesenheiten und Tat-
sachen, welche in diesem BewuBtseinsfelde beobachtet wer-
den, ist der Charakter des Sinnlich-Bildhaften nicht eigen;
selbst als feine, luftige Gebilde, von denen Wirkimgen aus-
gehen konnten, die an Eindriicke der Sinne erinnern, treten
sie nicht auf. Man hat von ihnen reine geistige Toneindriicke,
Lichteindriicke, Warmeeindriicke. Diese drlicken sich nicht
durch irgendwelche materielle Verkorperungen aus. Sie kon-
nen nur durch das ubersinnliche BewuBtsein erfaBt werden.
Man kann aber doch sagen, daB diese Wesenheiten einen
«Leib» haben. Doch zeigt sich dieser innerhalb ihres See-
lischen, das sich als ihr gegenwartiges Wesen offenbart, wie
eine Summe verdichteter Erinnerungen, die sie innerhalb
ihres seelischen Wesens in sich tragen. Man kann unterschei-
den in ihrem Wesen zwischen dem, was sie jetzt erleben,
und dem, was sie erlebt haben, und woran sie sich erinnern.
Dies letztere ist in ihnen wie ein Leibliches enthalten. Sie
erleben es, wie der Erdenmensch seinen Leib erlebt. Fur eine
Stufe der ubersinnlichen Schauung, welche hoher ist als die
soeben fur die Mond- und Jupitererkenntnis als notwendig
bezeichnete, werden ubersinnliche Wesen und Dinge wahr-
nehmbar, welche weiter entwickelte Gestalten dessen sind,
was schon wahrend des Sonnenzustandes vorhanden war,
aber gegenwartig so hohe Daseinsstufen hat, daB diese fur
ein BewuBtsein gar nicht vorhanden sind, welches es nur bis
zum Wahrnehmen der Mondenformen gebracht hat. Auch
das Bild dieser Welt spaltet sich bei innerer Versenkung wie-
der in zwei. Das eine flihrt zur Erkenntnis des Sonnenzu-
Standes der Vergangenheit; das andere stellt eine Zukunfts-
form der Erde dar, namlich diejenige, in welche sich die
Erde verwandelt haben wird, wenn in die Gestalten jener
Welt die Wirkimgen der Erden- und Jupitervorgange ein-
geflossen sein werden. Was man auf diese Art von dieser
ZukunftsWelt beobachtet, kann im Sinne der Geisteswissen-
schaft als Venuszustand bezeichnet werden. Auf ahnliche
Weise ergibt sich fur ein noch weiter entwickeltes tibersinn-
liches BewuBtsein ein kunftiger Zustand der Entwickelung,
welcher als Vulkanzustand bezeichnet werden kann und der
mit dem Saturnzustand in einem gleichen Verhaltnisse steht
wie der Venuszustand mit dem Sonnen-, und der Jupiter-
zustand mit der Mondenentwickelung. Man kann deshalb,
wenn man Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der
Erdenentwickelung in Betracht zieht, von Saturn-, Sonnen-,
Monden-, Erden-, Jupiter-, Venus- und Vulkanentwicke-
lung sprechen. — Wie diese umfassenden Verhaltnisse der
Erdenentwickelung, so ergeben sich fur das BewuBtsein auch
Beobachtungen iiber eine nahere Zukunft. Es entspricht jedem
Bilde der Vergangenheit auch ein solches der Zukunft. Doch
muB, wenn von solchen Dingen gesprochen wird, etwas be-
tont werden, dessen Berucksichtigung so notwendig wie nur
irgend moglich angesehen werden muB. Man muB sich, wenn
man dergleichen erkennen will, vollkommen der Meinung
entschlagen, daB das bloBe an der sinnenfalligen Wirklich-
keit herangezogene philosophische Nachdenken daruber
irgend etwas ergrunden kann. Erforscht konnen und sollen
diese Dinge niemals durch solches Nachdenken werden. Wer
etwa glauben wiirde, wenn er durch die Geisteswissenschaft
Mitteilung daruber erhalten hat, wie der Mondenzustand
war: er konne nun durch solches Nachdenken herausbrin-
gen, wie es auf dem Jupiter aussehen werde, wenn er die
Erdenverhaltnisse und die Mondenverhaltnisse zusammen-
halt, der wird sich gewaltigen Tauschungen hingeben. Er-
forscht sollen diese Verhaltnisse nur werden, indem sich das
libersinnliche BewuBtsein zur Beobachtung erhebt. Erst
wenn das Erforschte mitgeteilt wird, kann es auch ohne
libersinnliches BewuBtsein verstanden werden.
Gegenliber den Mitteilungen iiber die Zukunft ist der
Geistesforscher nun in einer anderen Lage als gegenuber
denen, welche die Vergangenheit betreffen. Der Mensch
kann zunachst gar nicht den zukunftigen Ereignissen so un-
befangen gegenuberstehen, wie ihm dies bezuglich der Ver-
gangenheit moglich ist. Was in der Zukunft geschieht, erregt
das menschliche Fiihlen und Wollen; die Vergangenheit wird
in ganz anderer Art ertragen. Wer das Leben beobachtet,
weiB, wie dies schon fur das gewohnliche Dasein gilt. In
welch ungeheurem Grade es sich aber steigert, welche For-
men es annimmt gegenuber den verborgenen Tatsachen des
Lebens, davon kann nur derjenige Kenntnis haben, welcher
gewisse Dinge der ubersinnlichen Welten kennt. Und damit
ist der Grund angegeben, warum die Erkenntnisse iiber diese
Dinge an ganz bestimmte Grenzen gebunden sind.
So wie die groBe Weltentwickelung in der Folge ihrer
Zustande von der Saturn- bis zur Vulkanzeit dargestellt
werden kann, so ist dies auch moglich fur kleinere Zeit-
abschnitte, z. B. solche der Erdenentwickelung. Seit jener
gewaltigen Umwalzung, welche dem alten atlantischen
Leben das Ende gebracht hat, sind sich innerhalb der Mensch-
heitsentwickelung Zustande gefolgt, welche in diesem Buche
als die Zeiten der alten indischen, der urpersischen, der
agyptisch-chaldalschen, der griechisch-lateinischen gekenn-
zeichnet worden sind. Der flinfte Zeitabschnitt ist derje-
nige, in dem jetzt die Menschheit steht, ist die Gegenwart.
Dieser Zeitabschnitt hat urn das zwolfte, dreizehnte und vier-
zehnte Jahrhundert n. Chr. allmahlich begonnen, nachdem er
sich vom vierten, funften Jahrhundert an vorbereitet hatte.
Ganz deudich ist er vom funfzehnten Jahrhundert an auf-
getreten. Der vorhergehende griechisch-lateinische hat unge-
fahr im achten vorchrisdichen Jahrhundert seinen Anfang
genommen. Am Ende seines ersten Drittels fand das Chri-
stus-Ereignis statt. Die menschliche Seelenverfassung, alle
menschlichen Fahigkeiten haben sich beim Ubergang vom
agyptisch-chaldaischen zum griechisch-lateinischen Zeitraum
geandert. In dem ersteren war das noch nicht vorhanden,
was man jetzt als logisches Nachdenken, als verstandes-
maBige Auffassung der Welt kennt. Was der Mensch sich
jetzt durch seinen Verstand als Erkenntnis zu eigen macht,
das bekam er in jener Form, in welcher es fur die damalige
Zeit geeignet war: unmittelbar durch ein inneres, in einer
gewissen Beziehung ubersinnliches Wissen. Man nahm die
Dinge wahr, und indem man sie wahrnahm, tauchte in der
Seele der Begriff, das Bild auf, welche die Seele von ihnen
brauchte. Wenn die Erkenntniskraft so ist, so tauchen aber
nicht nur Bilder der sinnlich-physischen Welt auf, sondern
aus den Tiefen der Seele kommt auch eine gewisse Erkennt-
nis nichtsinnlicher Tatsachen und Wesenheiten herauf. Es
war dies der Rest des alten, dammerhaften ubersinnlichen
BewuBtseins, das einst Gemeinbesitz der ganzen Menschheit
war. In der griechisch-lateinischen Zeit erstanden immer
mehr Menschen, welchen solche Fahigkeiten mangelten. An
ihre Stelle trat das verstandesmaBige Nachdenken iiber die
Dinge. Die Menschen wurden immer mehr entfernt von
einer unmittelbaren traumerischen Wahrnehmung der gei-
stig-seelischen Welt und immer mehr darauf angewiesen,
durch ihren Verstand und ihr Gefiihl sich ein Bild von der-
selben zu formen. Dieser Zustand dauerte durch den gan-
zen vierten Zeitabschnitt der nachatlantischen Zeit in einer
gewissen Beziehung fort. Nur solche Menschen, welche sich
wie ein Erbgut die alte Seelenverfassung bewahrt hatten,
konnten die geistige Welt noch unmittelbar ins BewuBtsein
aufnehmen. Diese Menschen sind aber Nachzugler aus einer
alteren Zeit Die Art, wie ihre Erkenntnis war, eignete sich
nicht mehr fur die neue Zeit. Denn die Entwicklungsgesetze
haben zur Folge, daB eine alte Seelenfahigkeit ihre voile
Bedeutung verliert, wenn neue Fahigkeiten auftreten. Das
Menschenleben paBt sich dann diesen neuen Fahigkeiten an.
Und es kann mit den alten nichts mehr anfangen. Es gab
aber auch solche Menschen, welche in ganz bewuBter Art
anfingen, zu den erlangten Verstandes- und Gefuhlskraften
andere hohere hinzuzuentwickeln, welche es ihnen wieder
moglich machten, in die geistig-seelische Welt einzudringen.
Sie muBten damit beginnen, dies auf andere Art zu tun, als
es bei den Schulern der alten Eingeweihten geschah. Diese
hatten die erst im vierten Zeitraum entwickelten Seelen-
fahigkeiten noch nicht zu berucksichtigen. Es begann im
vierten Zeitraume in den ersten Anfangen diejenige Art der
Geistesschulung, welche in diesem Buche als die gegenwar-
tige beschrieben worden ist. Aber sie war damals eben erst
in den Anfangen; ihre eigentliche Ausbildung konnte sie
erst im funften Zeitabschnitte (seit dem zwolften, dreizehn-
ten, namentlich funfzehnten Jahrhundert) erfahren. Men-
schen, welche in dieser Weise den Aufstieg in die ubersinn-
lichen Welten suchten, konnten durch eigene Imagination,
Inspiration, Intuition etwas von hoheren Gebieten des Da-
seins erfahren. Jene Menschen, welche bei den entwickelten
Verstandes- und Geriihlsfahigkeiten verblieben, konnten
von dem, was das altere Hellsehen wuBte, nur durch Uber-
lieferung erfahren, die sich von Geschlecht zu Geschlecht
miindlich oder schriftlich fortpflanzte.
Auch von dem, was eigentlich das Wesen des Christus-
ereignisses ist, konnten die Nachgeborenen, wenn sie sich
nicht in die libersinnlichen Welten erhoben, nur durch solche
Uberlieferung etwas wissen. Allerdings waren auch solche
Eingeweihte vorhanden, welche die naturlichen Wahrneh-
mungsfahigkeiten fur die ubersinnliche Welt noch hatten
und sich durch ihre Entwickelung doch in eine hohere Welt
erhoben, trotzdem sie die neuen Verstandes- und Gemiits-
krafte unberucksichtigt lieBen. Durch sie wurde ein Uber-
gang geschaffen von der alten Einweihungsart zu der neuen.
Solche Personlichkeiten gab es auch fur die folgenden Zeit-
raume noch. Das ist gerade das Wesentliche des vierten Zeit-
raumes, daB durch das Abgeschlossensein der Seele von einem
unmittelbaren Verkehr mit der seelisch-geistigen Welt der
Mensch gestarkt und gekraftigt wurde in den Verstandes-
und Gefuhlskraften. Die Seelen, welche sich damals so ver-
korperten, daB sie Verstandes- und Gefiihlskrafte in hohem
MaBe entwickelt hatten, brachten dann das Ergebnis dieser
Entwickelung in ihre Verkorperungen im flinften Zeitraum
hinuber. Als Ersatz fur diese Abgeschlossenheit waren dann
die gewaltigen Uberlieferungen vorhanden von den uralten
Weistumern, namendich aber von dem Christusereignis,
welche durch die Kraft ihres Inhaltes den Seelen ein ver-
trauendes Wissen gaben von den hoheren Welten. — Nun
waren aber immer auch Menschen vorhanden, welche die
hoheren Erkenntniskrafte zu den Verstandes- und Gefiihls-
fahigkeiten hinzuentwickelten. Ihnen oblag es, die Tat-
sachen der hoheren Welt und namendich das Geheimnis des
Christusereignisses durch ein unmittelbares tibersinnliches
Wissen zu erfahren. Von ihnen aus floB in die Seelen der
anderen Menschen immer so viel hinuber, als diesen Seelen
begreiflich und gut war. — Die erste Ausbreitung des Chri-
stentums sollte dem Sinne der Erdenentwickelung gemaB
gerade in eine Zeit fallen, in welcher die ubersinnlichen Er-
kenntniskrafte bei einem groBen Teile der Menschheit nicht
entwickelt waren. Deshalb war die Kraft der Uberlieferung
damals eine so gewaltige. Es brauchte die starkste Kraft, um
Menschen zum Vertrauen in die ubersinnliche Welt zu fuh-
ren, welche nicht selbst in diese Welt hineinschauen konn-
ten. Es gab fast immer (wenn man von einer kurzen Aus-
nahmezeit im dreizehnten Jahrhundert absieht) auch solche
Menschen, welche durch Imagination, Inspiration, Intuition
sich zu den hoheren Welten erheben konnten. Diese Men-
schen sind die nachchrisdichen Nachfolger der alten Einge-
weihten, der Leiter und Mitglieder des Mysterienwissens.
Sie hatten die Aufgabe, durch ihre eigenen Fahigkeiten
dasjenige wiederzuerkennen, was man durch das alte
Mysterien-Erkennen hatte ergreifen konnen; und zu diesem
hatten sie noch hinzuzufugen die Erkenntnis von dem
Wesen des Christusereignisses.
So entstand bei diesen neuen Eingeweihten eine Erkennt-
nis, welche alles dasjenige umfaBte, was Gegenstand der
alten Einweihung war; aber im Mittelpunkte dieser Er-
kenntnis strahlte das hohere Wissen von den Geheimnissen
des Christusereignisses. Solche Erkenntnis konnte nur in
einem geringen MaBe einflieBen in das allgemeine Leben,
wahrend die Menschenseelen im vierten Zeitraum die Ver-
standes- und Gefuhlsfahigkeiten festigen sollten. Es war
daher in diesem Zeitraum ein gar sehr «verborgenes Wis-
sen». Dann brach der neue Zeitraum an, der als der fiinfte
zu bezeichnen ist. Seine Wesenheit besteht darin, daB die
Entwicklung der Verstandesfahigkeiten fortschritt und zu
gewaltiger Bltite sich entfaltete und iiber die Gegenwart
in die Zukunft hinein sich entfalten wird. Langsam be-
reitete sich das vor von dem zwolften, dreizehnten Jahr-
hundert an, um immer schneller und schneller in dem Fort-
gange zu werden vom sechzehnten Jahrhundert an bis in
die gegenwartige Zeit Unter diesen Einflussen wurde die
Entwickelungszeit des funften Zeitraumes eine solche, welche
die Pflege der Verstandeskrafte immer mehr sich angelegen
sein lieB, wogegen das vertrauende Wissen von ehemals,
die uberlieferte Erkenntnis, immer mehr an Kraft iiber die
Menschenseele verlor. Aber es entwickelte sich dafiir auch
in dieser Zeit dasjenige, was ein immer starkeres EinflieBen
der Erkenntnis se neuzeitlichen iiber sinnlichen BewuBtseins
in die Menschenseelen genannt werden kann. Das «ver-
borgene Wissen» flieBt, wenn auch anfangs recht unmerklich,
in die Vorstellungsweisen der Menschen dieses Zeitraumes
ein. Es ist nur selbstverstandlich, daB sich, bis in die Gegen-
wart herein, die Verstandeskrafte ablehnend verhalten gegen
diese Erkenntnisse. Allein, was geschehen soil, wird ge-
schehen, trotz aller zeitweiligen Ablehnung. Man kann das
«verborgene Wissen», welches von dieser Seite die Mensch-
heit ergreift und immer mehr ergreifen wird, nach einem
Symbol die Erkenntnis vom «Gral» nennen. Wer dieses
Symbol, wie es in Erzahlung und Sage gegeben ist, seiner
tieferen Bedeutung nach verstehen lernt, wird namlich fin-
den, daB es bedeutungsvoll das Wesen dessen versinnlicht,
was oben die Erkenntnis der neuen Einweihung, mit dem
Christusgeheimnis in der Mitte, genannt worden ist. Die
neuzeidichen Eingeweihten konnen deshalb auch die «Ein-
geweihten des Grales» genannt werden. Zu der «Wissen-
schaft vom Gral» fuhrt der Weg in die tibersinnlichen Welten,
welcher in diesem Buche in seinen ersten Stufen beschrieben
worden ist Diese Erkenntnis hat die Eigentiimlichkeit, daB
man ihre Tatsachen nur erforschen kann, wenn man sich
die Mittel dazu erwirbt, wie sie in diesem Buche gekenn-
zeichnet worden sind. Sind sie aber erforscht, dann konnen
sie gerade durch die im funften Zeitraume zur Entwickelung
gekommenen Seelenkrafte verstanden werden. Ja, es wird
sich immer mehr herausstellen, daB diese Krafte in einem
immer hoheren Grade durch diese Erkenntnisse sich befrie-
digt finden werden. Wir leben in der Gegenwart in einer
Zeit, in welcher diese Erkenntnisse reichlicher in das all-
gemeine BewuBtsein aufgenommen werden sollen, als dies
vorher der Fall war. Und dieses Buch mochte seine Mittei-
lungen von diesem Gesichtspunkte aus geben. In dem MaBe,
als die Entwickelung der Menschheit die Erkenntnisse des
Grales aufsaugen wird, kann der Impuls, welcher durch das
Christusereignis gegeben ist, immer bedeutsamer werden.
An die auBere Seite der chrisdichen Entwickelung wird sich
immer mehr die innere anschlieBen. Was durch Imagination,
Inspiration, Intuition iiber die hoheren Welten in Verbin-
dung mit dem Christusgeheimnis erkannt werden kann, wird
das Vorstellungs-, Gefuhls- und Willensleben der Menschen
immer mehr durchdringen. Das «verborgene Wissen vom
Gral» wird offenbar werden; es wird als eine innere Kraft die
LebensauBerungen der Menschen immer mehr durchdringen.
Durch den fiinften Zeitraum hindurch werden die Er-
kenntnisse der ubersinnlichen Welten in das menschliche Be-
wuBtsein einflieBen; und wenn der sechste beginnen wird,
kann die Menschheit auf einer hoheren Stufe das wieder
erlangt haben, was sie in einer noch dammerhaften Art von
nicht sinnlichem Schauen in einem fruheren Zeitabschnitte
besessen hat. Doch wird der neue Besitz eine ganz andere
Form haben als der alte. Was die Seele in alten Zeiten von
hoheren Welten wuBte, war in ihr nicht durchdrimgen von
ihrer eigenen Verstandes- und Gefiihlskraft. Sie wuBte es
als Eingebung. In der Zukimft wird sie nicht bloB Einge-
bimgen haben, sondern diese begreifen und als dasjenige
empfinden, was Wesen von ihrem eigenen Wesen ist. Wenn
eine Erkenntnis ihr wird tiber dieses oder jenes Wesen oder
Ding, so wird der Verstand diese Erkenntnis auch durch
seine eigene Wesenheit gerechtfertigt finden; wenn eine an-
dere Erkenntnis tiber ein sittliches Gebot, tiber ein mensch-
liches Verhalten sich geltend machen wird, so wird die Seele
sich sagen: Mein Geftihl ist nur dann vor sich selber gerecht-
fertigt, wenn ich das auch ausfuhre, was im Sinne dieser Er-
kenntnis liegt. Eine solche Seelenverfassung soil bei einer
gentigend groBen Anzahl von Menschen des sechsten Zeit-
raumes ausgebildet werden. — Es wiederholt sich in einer
gewissen Art in dem funften Zeitraum dasjenige, was der
dritte, der agyptisch-chaldaische, der Menschheitsentwicke-
lung gebracht hat. Damals nahm die Seele gewisse Tatsachen
der ubersinnlichen Welt noch wahr. Die Wahrnehmung der-
selben war eben damals im Hinschwinden. Denn es berei-
teten sich die Verstandeskrafte fur ihre Entwickelung vor;
und diese sollten den Menschen von der hoheren Welt zu-
nachst ausschlieBen. Im funften Zeitraum werden die tiber-
sinnlichen Tatsachen, welche in dem dritten in dammerhaf-
tem BewuBtsein geschaut wurden, wieder offenbar, doch
nunmehr durchdrimgen mit den Verstandes- und person-
lichen Gefiihlskraften der Menschen. Sie werden durchdrun-
gen mit dem auch, was durch die Erkenntnis des Christus-
geheimnisses der Seele zuteil werden kann. Daher nehmen
sie eine ganz andere Form an, als sie ehemals hatten. Wah-
rend die Eindriicke aus den iibersinnlichen Welten in alten
Zeiten als Krafte empfimden wurden, welche den Menschen
aus einer geistigen AuBenWelt her trieben, in welcher er
nicht darinnen war, werden durch die Entwicklung der
neueren Zeit diese Eindriicke als die einer Welt empfunden
werden, in welche der Mensch hineinwachst, in welcher er
immer mehr und mehr darinnen steht. Niemand soil glau-
ben, daB die Wiederholung der agyptisch-chaldaischen Kul-
tur so erfolgen kann, daB etwa einfach das von der Seele
aufgenommen wiirde, was damals vorhanden war und aus
jener Zeit uberliefert ist. Der recht verstandene Christus-
impuls wirkt dahin, daB die Menschenseele, welche ihn auf-
genommen hat, sich als Glied einer geistigen Welt fiihlt und
als solches erkennt und verhalt, auBerhalb welcher sie vor-
her gestanden hat. — Wahrend in solcher Art im funften
Zeitraum der dritte wieder auflebt, um sich mit dem in den
Menschenseelen zu durchdringen, was der vierte als ein ganz
Neues gebracht hat, wird ein Ahnliches beim sechsten in be-
zug auf den zweiten und beim siebenten in bezug auf den
ersten, den altindischen, der Fall sein. All die wundervolle
Weisheit des alten Indiertums, welche die damaligen groBen
Lehrer verkundigen konnten, wird als Lebenswahrheit der
Menschenseelen im siebenten Zeitraum wieder da sein
konnen.
Nun gehen die Veranderungen in den Dingen der Erde,
welche auBerhalb des Menschen liegen, in einer Weise vor
sich, welche zu der eigenen Entwickelung der Menschheit
in einem gewissen Verhaltnisse steht Nach dem Ablauf des
siebenten Zeitraumes wird die Erde von einer Umwalzung
heimgesucht werden, welche mit jener sich vergleichen laBt,
welche zwischen der atlantischen und der nachadantischen
Zeit geschah. Und die nachher verwandelten Erdenzustande
werden wieder in sieben Zeitabschnitten sich weiter entwik-
keln. Auf einer hoheren Stufe werden die Menschenseelen,
welche sich dann verkorpern werden, diejenige Gemeinschaft
mit einer hoheren Welt erleben, welche die Atlantier auf
einer niedrigeren erlebt haben. Es werden sich aber nurjene
Menschen den neugestalteten Verhaltnissen der Erde gewach-
sen zeigen, welche in sich solche Seelen verkorpert haben,
wie sie werden konnen durch die Einfliisse des griechisch-
lateinischen, des darauffolgenden funften, sechsten und sie-
benten Zeitraumes der nachadantischen Entwickelung. Das
Innere solcher Seelen wird dem entsprechen, was aus der
Erde bis dahin geworden ist Die andern Seelen werden
dann zuruckbleiben milssen, wahrend es vorher in ihrer Wahl
gestanden hatte, sich die Bedingungen zum Mitkommen zu
schaffen. Reif fur die entsprechenden Verhaltnisse nach der
nachsten groBen Umwalzung werden diejenigen Seelen sein,
welche sich gerade beim Hinuberleben vom funften in den
sechsten nachadantischen Zeitraum die Moglichkeit geschaf-
fen haben werden, die iibersinnlichen Erkenntnisse mit den
Verstandes- und Gefiihlskraften zu durchdringen. Der flinfte
und der sechste Zeitraum sind gewissermaBen die entschei-
denden. In dem siebenten werden die Seelen, welche das
Ziel des sechsten erreicht haben, sich zwar entsprechend
weiter entwickeln; die anderen werden aber unter den ver-
anderten Verhaltnissen der Umgebung nur mehr wenig Ge-
legenheit finden, das Versaumte nachzuholen. Erst in einer
spateren Zukunft werden wieder Bedingungen eintreten,
welche dies gestatten. — So schreitet die Entwickelung von
Zeitraum zu Zeitraum fort Die ubersinnliche Erkenntnis
beobachtet nicht nur solche Veranderimgen in der Zukunft,
woran die Erde allein beteiligt ist, sondern auch solche,
welche sich im Zusammenwirken mit den Himmelskorpern
ihrer Umgebung abspielen. Es kommt eine Zeit, in welcher
die Erden- und Menschheitsentwickelung so weit fortge-
schritten sein wird, daB die Krafte und Wesenheiten, welche
sich wahrend der lemurischen Zeit von der Erde loslosen
muBten, um den weiteren Fortgang der Erdenwesen mog-
lich zu machen, sich wieder mit der Erde vereinigen konnen.
Der Mond wird sich dann wieder mit der Erde verbinden.
Es wird dies geschehen, weil dann eine genugend groBe
Anzahl von Menschenseelen so viel innere Kraft haben
wird, daB sie diese Mondenkrafte zur weiteren Entwicke-
lung fruchtbar machen wird. Das wird in einer Zeit sein, in
welcher neben der hohen Entwickelung, die eine entspre-
chende Anzahl von Menschenseelen erreicht haben wird,
eine andere einhergehen wird, welche die Richtung nach dem
Bosen genommen hat. Die zuruckgebliebenen Seelen wer-
den in ihrem Karma so viel Irrtum, HaBlichkeit und Boses
angehauft haben, daB sie zunachst eine besondere, der gu-
ten Gemeinschaft der Menschen scharf entgegenstrebende
Vereinigung der Bosen und Verirrten bilden werden.
Die gute Menschheit wird durch ihre Entwickelung den
Gebrauch der Mondenkrafte sich erwerben und dadurch
auch den bosen Teil so umgestalten, daB er als ein beson-
deres Erdenreich mit der weiteren Entwicklung mitgehen
kann. Durch diese Arbeit der guten Menschheit wird die
dann mit dem Monde vereinigte Erde fahig, nach einer ge-
wissen Entwickelungszeit auch wieder mit der Sonne (auch
mit den anderen Planeten) vereinigt zu werden. Und nach
einem Zwischenzustande, der wie ein Aufenthalt in einer
hoheren Welt sich darstellt, wird sich die Erde in den Ju-
piterzustand verwandeln. Innerhalb dieses Zustandes wird
es das nicht geben, was jetzt Mineralreich genannt wird; die
Krafte dieses Mineralreiches werden in pflanzliche umge-
wandelt sein. Das Pflanzenreich, welches aber gegeniiber
dem gegenwartigen eine ganz neue Form haben wird, er-
scheint wahrend des Jupiterzustandes als das niederste der
Reiche. Hoher hinauf gliedert sich das ebenfalls verwan-
delte Tierreich an; dann kommt ein Menschenreich, welches
als Nachkommenschaft der auf der Erde entstandenen bosen
Gemeinschaft sich erweist. Und dann die Nachkommen der
guten Erden-Menschengemeinschaft, als ein Menschenreich
auf einer hoheren Stufe. Ein groBer Teil der Arbeit dieses
letztern Menschenreiches besteht darin, die in die bose Ge-
meinschaft gefallenen Seelen so zu veredeln, daB sie den
Zugang in das eigentliche Menschenreich noch finden kon-
nen. Der Venuszustand wird ein solcher sein, daB auch das
Pflanzenreich verschwunden sein wird; das niederste Reich
wird das abermals verwandelte Tierreich sein; daran wer-
den sich nach oben gehend drei Menschenreiche von ver-
schiedenen Vollkommenheitsgraden finden. Wahrend dieses
Venuszustandes bleibt die Erde mit der Sonne verbunden;
die Entwicklung wahrend der Jupiterzeit geht dagegen so
vor sich, daB in einem gewissen Augenblick sich die Sonne
noch einmal loslost von dem Jupiter und dieser die Einwir-
kung derselben von auBen her empfangt. Dann findet wie-
der eine Verbindung von Sonne und Jupiter statt, und die
Verwandlung geht allmahlich in den Venuszustand hin-
liber. Wahrend desselben spaltet sich aus der Venus ein be-
sonderer Weltenkorper heraus, der alles an Wesen enthalt,
was der Entwickelung widerstrebt hat, gleichsam ein «un-
verbesserlicher Mond», der nun einer Entwickelung entge-
gengeht mit einem Charakter, wofur ein Ausdruck nicht
moglich ist, weil er zu unahnlich ist allem, was der Mensch
auf Erden erleben kann. Die entwickelte Menschheit aber
schreitet in einem vollig vergeistigten Dasein zur Vulkan-
entwickelung weiter, deren Schilderung auBerhalb des Rah-
mens dieses Buches liegt.
Man sieht, daB sich aus der «Erkenntnis des Grales» das
hochste Ideal menschlicher Entwickelung ergibt, welches fur
den Menschen denkbar ist: die Vergeistigung, welche der
Mensch durch seine eigene Arbeit erlangt. Denn diese Ver-
geistigung erscheint zuletzt als ein Ergebnis der Harmonie,
welche er im funften und sechsten Zeitraum der gegenwar-
tigen Entwickelung zwischen den erlangten Verstandes- und
Gefuhlskraften und den Erkenntnissen der ubersinnlichen
Welten herstellt. Was er da im Innern seiner Seele erarbeitet,
soil zuletzt selbst AuBenWelt werden. Des Menschen Geist
erhebt sich zu den gewaltigen Eindrucken seiner AuBenWelt
und ahnt zuerst, erkennt nachher geistige Wesenheiten hin-
ter diesen Eindrucken; des Menschen Herz empfindet die
unendliche Erhabenheit dieses Geistigen. Der Mensch kann
aber auch erkennen, daB die intellektuellen, gefuhlsmaBigen
und charaktermaBigen Erlebnisse seines Innern die Keime
werdender GeistesWelt sind.
Wer da meint, daB die menschliche Freiheit mit dem Vor-
auswissen und Vorausbestimmtsein der zukiinftigen Gestal-
tung der Dinge nicht vereinbar sei, der sollte bedenken, daB
des Menschen freies Handeln in der Zukunft ebensowenig
davon abhangt, wie die vorausbestimmten Dinge sein wer-
den, wie diese Freiheit davon abhangt, daB er sich vor-
nimmt, nach einem Jahr in einem Hause zu wohnen, des-
sen Plan er gegenwartig feststellt. Er wird in dem Grade
frei sein, als er es nach seiner inneren Wesenheit sein kann,
eben in dem Hause, das er sich gebaut hat; und er wird auf
dem Jupiter und der Venus so frei sein, wie es seinem In-
nern entspricht, eben innerhalb der Verhaltnisse, die dort
entstehen werden. Freiheit wird nicht abhangen von dem,
was durch die vorhergehenden Verhaltnisse vorausbestimmt
ist, sondern von dem, was die Seele aus sich gemacht hat.
In dem Erdenzustand ist dasjenige enthalten, was sich
innerhalb der vorangehenden Saturn-, Sonnen-, Monden-
zustande entwickelt hat. Der Erdenmensch findet «Weis-
heit» in den Vorgangen, welche sich um ihn herum abspie-
len. Diese Weisheit ist darinnen als das Ergebnis dessen, was
vorher geschehen war. Die Erde ist der Nachkomme des
«alten Mondes». Und dieser bildete sich mit dem, was zu
ihm gehorte, zum «Kosmos der Weisheit» aus. Die Erde ist
nun der Beginn einer Entwickelung, durch welche eine neue
Kraft in diese Weisheit eingefugt wird. Sie bringt den Men-
schen dahin, sich als ein selbstandiges Glied einer geistigen
Welt zu fiihlen. Es rlihrt dies davon her, daB sein «Ich»
in ihm von den «Geistern der Form» innerhalb der Erden-
zeit so gebildet wird, wie auf dem Saturn von den «Geistern
des Willens» sein physischer Leib, auf der Sonne von den
«Geistern der Weisheit» sein Lebensleib, auf dem Monde
von den «Geistern der Bewegung» sein Astralleib gebildet
worden ist. Durch das Zusammenwirken der «Geister des
Willens, der Weisheit und der Bewegung» entsteht, was sich
als Weisheit offenbart. In Weisheit zusammenstimmen mit
den andern Wesen ihrer Welt konnen die Erdenwesen und
Erdenvorgange durch die Arbeit dieser drei Klassen von
Geistern. Durch die «Geister der Form» erhalt der Mensch
sein selbstandiges «Ich». Dieses wird nun in der Zukunft
zusammenstimmen mit den Wesen der Erde, des Jupiter,
der Venus, des Vulkan durch die Kraft, welche sich durch
den Erdenzustand der Weisheit einfugt. Es ist dies die Kraft
der Liebe. Im Menschen der Erde muB diese Kraft der Liebe
ihren Anfang nehmen. Und der «Kosmos der Weisheit»
entwickelt sich in einen «Kosmos der Liebe» hinein. Aus
alledem, was das «Ich» in sich entfalten kann, soil Liebe
werden. Als das umfassende «Vorbild der Liebe» stellt sich
bei seiner Offenbarung das hohe Sonnenwesen dar, welches
bei Schilderung der Christusentwickelung gekennzeichnet
werden konnte. In das Innerste des menschlichen Wesens-
kernes ist damit der Keim der Liebe gesenkt Und von da
aus soli er in die ganze Entwickelung einstromen. Wie sich
die vorher gebildete Weisheit in den Kraften der sinnlichen
AuBenWelt der Erde, in den gegenwartigen «Naturkraften»
offenbart, so wird sich in Zukunft die Liebe selbst in alien
Erscheinungen als neue Naturkraft offenbaren. Das ist das
Geheimnis aller Entwickelung in die Zukunft hinein: daB
die Erkenntnis, daB auch alles, was der Mensch vollbringt
aus dem wahren Verstandnis der Entwickelung heraus, eine
Aussaat ist, die als Liebe reifen muB. Und so viel als Kraft
der Liebe entsteht, so viel Schopferisches wird fur die Zu-
kunft geleistet. In dem, was aus der Liebe geworden sein
wird, werden die starken Krafte liegen, welche zu dem oben
geschilderten Endergebnis der Vergeistigung fuhren. Und so
viel geistige Erkenntnis in die Menschheits- und Erdenent-
wickelung einflieBt, so viele lebensfahige Keime fur die Zu-
kunft werden vorhanden sein. Geistige Erkenntnis wandelt
sich durch das, was sie ist, in Liebe um. Der ganze Vorgang,
welcher geschildert worden ist, von der griechisch-lateini-
schen Zeit durch den gegenwartigen Zeitraum hindurch,
zeigt, wie diese Verwandlung vor sich gehen soil und wozu
der Anfang der Entwickelung in die Zukunft hinein gemacht
ist. Was sich durch Saturn, Sonne und Mond als Weisheit
vorbereitet hat, wirkt im physischen, atherischen, astrali-
schen Leib des Menschen; und es stellt sich dar als «Weisheit
der Welt»; im «Ich» aber verinnerlicht es sich. Die «Weis-
heit der AuBenWelt» wird, von dem Erdenzustande an,
innere Weisheit im Menschen. Und wenn sie da verinnerlicht
ist, wird sie Keim der Liebe. Weisheit ist die Vorbedingung
der Liebe; Liebe ist das Ergebnis der im «Ich» wiedergebo-
renen Weisheit
Wer durch die vorangehenden Ausfuhrungen zu der Mei-
nung verfuhrt werden konnte, die geschilderte Entwicke-
lung trage ein fatalistisches Geprage, der hatte sie miBver-
standen. Wer etwa glaubte, bei einer solchen Entwickelung
sei eine bestimmte Anzahl von Menschen dazu verurteilt,
dem Reiche der «bosen Menschheit» anzugehoren, der sieht
nicht, wie sich das gegenseitige Verhaltnis des Sinnenfalligen
zu dem Seelisch-Geistigen bei dieser Entwickelung gestaltet.
Beides, Sinnenfalliges und Seelisch-Geistiges, bilden inner-
halb gewisser Grenzen getrennte Entwickelungsstromungen.
Durch die der sinnenfalligen Stromung eigenen Krafte ent-
stehen die Formen des «bosen Menschentums». Eine Not-
wendigkeit fiir eine Menschenseele, sich in einer solchen
Form zu verkorpern, wird nur bestehen, wenn diese Men-
schenseele selbst die Bedingungen dazu geschaffen hat. Es
konnte auch der Fall eintreten, daB die aus den Kraften des
Sinnenfalligen heraus entstandenen Formen keine aus der
friiheren Zeit stammenden Menschenseelen fanden, weil
diese zu gut fiir derartige Korper waren. Dann muBten
diese Formen anders als durch fruhere Menschenseelen aus
dem Weltall heraus beseelt werden. Von Menschenseelen
werden die charakterisierten Formen nur dann beseelt sein,
wenn diese sich zu solcher Verkorperung bereit gemacht
haben. Die ubersinnliche Erkenntnis hat auf diesem Gebiete
eben zu sagen, was sie schaut. Das ist, daB in der angedeu -
teten Zukunft zwei Menschenreiche, ein gutes und ein boses,
vorhanden sein werden; nicht aber hat sie etwa verstandes-
maBig aus dem Zustand der gegenwartigen Menschenseelen
auf einen wie mit naturgemaBer Notwendigkeit eintreten-
den kunftigen zu schliefien. Entwickelung der Menschen-
formen und Entwickelung der Seelenschicksale muB uber-
sinnliche Erkenntnis auf zwei ganz getrennten Wegen su-
chen; und ein Durcheinanderwerfen der beiden in der
Weltanschauung ware ein Rest materialistischer Gesinnung,
der, wenn er vorhanden, in bedenklicher Art in die Wissen-
schaft des Ubersinnlichen hineinragen wiirde.
EINZELHEITEN AUS DEM GEBIETE DER
GEISTES WIS SENS CH AFT
DerAtherleib des Menschen
Wenn hohere Glieder des Menschen durch die ubersinnliche
Wahrnehmung beobachtet werden, dann ist diese Wahr-
nehmung niemals vollkommen gleich einer solchen, welche
durch die auBeren Sinne gemacht wird. Wenn der Mensch
einen Gegenstand beriihrt, und er hat eine Warmewahrneh-
mung, so muB man unterscheiden zwischen dem, was vom
Gegenstande kommt, von diesem gleichsam ausstromt, und
dem, was man in der Seele erlebt. Das innere Seelenerlebnis
der Warmeempfindung ist etwas anderes als die vom Ge-
genstande ausstromende Warme. Man denke sich nun dieses
Seelenerlebnis ganz allein, ohne den auBeren Gegenstand.
Man denke sich das Erlebnis — aber eben ein seelisches — ei-
ner Warmeempfindung in der Seele, ohne daB ein auBerer
physischer Gegenstand die Veranlassung dazu ist. Ware ein
solches nun einfach da ohne eine Veranlassung, so ware es
eine Einbildung. Der Geistesschuler erlebt solche innere
Wahrnehmungen ohne physische Veranlassung, vor allem
ohne Veranlassung seines eigenen Leibes. Sie stellen sich fur
eine gewisse Stufe der Entwickelung aber so dar, daB er
wissen kann (wie gezeigt worden ist, durch das Erlebnis
selbst wissen kann), daB die innere Wahrnehmung nicht
Einbildung ist, sondern daB sie ebenso bewirkt ist durch
eine geistig-seelische Wesenheit einer tibersinnlichen Au-
BenWelt, wie die gewohnliche Warmeempfindung z.B.
durch einen auBerlich physisch-sinnlichen Gegenstand. So
ist es auch, wenn man von einer Farbenwahrnehmung
spricht. Da muB unterschieden werden zwischen der Farbe,
die am auBeren Gegenstand ist, und dem innerlichen Emp-
finden der Farbe in der Seele. Man vergegenwartige sich die
innere Empfindung, welche die Seele hat, wenn sie einen
roten Gegenstand der physisch-sinnlichen AuBenWelt wahr-
nimmt. Man stelle sich vor, man behalte eine recht lebhafte
Erinnerung an den Eindruck; aber man wende das Auge ab
von dem Gegenstande. Was man da noch als Erinnerungs-
vorstellung von der Farbe hat, vergegenwartige man sich
als inneres Erlebnis. Man wird dann unterscheiden zwischen
dem, was inneres Erlebnis ist an der Farbe, und der auBeren
Farbe. Diese inneren Erlebnisse unterscheiden sich inhaltlich
durchaus von den auBeren Sinneseindriicken. Sie tragen viel
mehr das Geprage desjenigen, was als Schmerz und Freude
empfunden wird, als die normale Sinnesempfindung. Nun
denke man sich ein solches inneres Erlebnis in der Seele auf-
steigen, ohne daB die Veranlassung dazu durch einen auBe-
ren physisch-sinnlichen Gegenstand oder die Erinnerung an
einen solchen gegeben sei. Der ubersinnlich Erkennende
kann ein solches Erlebnis haben. Und er kann auch in dem
entsprechenden Falle wissen, daB es keine Einbildung, son-
dern der Ausdruck einer seelisch-geistigen Wesenheit ist.
Wenn nun diese seelisch-geistige Wesenheit denselben Ein-
druck hervorruft wie ein roter Gegenstand der sinnlich-
physischen Welt, dann mag sie rot genannt werden. Beim
sinnlich-physischen Gegenstand wird aber stets zuerst da
sein der auBere Eindruck und dann das innere Farbener-
lebnis; beim wahren ubersinnlichen Schauen des Menschen
unseres Zeitalters mufi es umgekehrt sein: zuerst das innere
Erlebnis, das schattenhaft ist wie eine bloBe Farbenerinne-
rung, und dann ein immer lebhafter werdendes Bild. Je
weniger man darauf achtet, daB der Vorgang so sein muB,
desto weniger kann man unterscheiden zwischen wirklicher
geistiger Wahrnehmung und eingebildeter Tauschung (Illu-
sion, Halluzination usw.). Wie lebhaft nun das Bild wird
bei einer solchen seelisch-geistigen Wahrnehmung, ob es
ganz schattenhaft bleibt, wie eine dunkle Vorstellung, ob es
intensiv wirkt, wie ein auBerer Gegenstand, das hangt ganz
davon ab, wie sich der ubersinnlich Erkennende entwickelt
hat. — Man kann nun den allgemeinen Eindruck, welchen
der Schauende von dem menschlichen Atherleib hat, so be-
schreiben, daB man sagt: wenn ein ubersinnlich Erkennen-
der es bis zu einer solchen Willensstarke gebracht hat, daB
er, trotzdem ein physischer Mensch vor ihm steht, die Auf-
merksamkeit von dem ablenken kann, was das physische
Auge sieht, so vermag er durch ubersinnliches BewuBtsein
in den Raum, welchen der physische Mensch einnimmt, zu
schauen. Es gehort selbstverstandlich eine starke Steigerung
des Willens dazu, um nicht nur seine Aufmerksamkeit von
etwas abzuwenden, woran man denkt, sondern von etwas,
das vor einem steht, so daB der physische Eindruck ganz
ausgeloscht wird. Aber diese Steigerung ist moglich, und sie
tritt durch die Ubungen zur ubersinnlichen Erkenntnis auf.
Der so Erkennende kann dann zunachst den allgemeinen
Eindruck des Atherleibes haben. In seiner Seele taucht auf
dieselbe innere Empfindung, welche er hat beim Anblick
etwa der Farbe einer Pfirsichblute; und diese wird dann
lebhaft, so daB er sagen kann: der Atherleib hat die Farbe
der Pfirsichblute. Dann nimmt er auch die einzelnen Organe
und Stromungen des Atherleibes wahr. Man kann aber den
Atherleib auch weiter beschreiben, indem man die Erlebnisse
der Seele angibt, welche Warmeempfindungen, Toneindruk-
ken usw. entsprechen. Denn er ist nicht etwa blofi eine
Farbenerscheinimg. In demselben Sinne konnen auch der
Astralleib und die andern Glieder der menschlichen Wesen-
heit beschrieben werden. Wer das in Betracht zieht, wird
einsehen, wie Beschreibimgen zu nehmen sind, welche im
Sinne der Geisteswissenschaft gemacht sind. (Vgl «Wesen
der Menschheit» S. 52 ff.)
Die astralische Welt
Solange man nur die physische Welt beobachtet, stellt sich
die Erde als Wohnplatz des Menschen wie ein gesonderter
Weltkorper dar. Wenn aber die iibersinnliche Erkenntnis zu
andern Welten aufsteigt, dann hort diese Sonderung auf.
Daher konnte gesagt werden, daB die Imagination mit der
Erde zugleich den bis in die Gegenwart herein entwickelten
Mondenzustand wahrnimmt. Diejenige Welt, welche man
in dieser Art betritt, ist nun eine solche, daB zu ihr nicht nur
das Ubersinnliche der Erde gehort, sondern daB auch noch
andere Weltenkorper in sie eingebettet sind, welche physisch
von der Erde abgesondert sind. Der Erkenner ubersinnlicher
Welten beobachtet dann nicht bloB das Ubersinnliche der
Erde, sondern zunachst auch das Ubersinnliche anderer
Weltkorper. (DaB es sich zunachst um eine Beobachtung des
Ubersinnlichen anderer Weltkorper handelt, moge derjenige
beachten, welcher zu der Frage gedrangt wird: warum denn
die ubersinnlich Schauenden nicht angeben, wie es auf dem
Mars usw. aussieht. Der Fragende hat dann die physisch-
sinnlichen Verhaltnisse im Auge.) Daher konnte in der Dar-
stellung dieses Buches auch gesprochen werden tiber gewisse
Beziehungen der Erdenentwickelung zu gleichzeitigen Sa-
turn-, Jupiter-, Marsentwickelungen usw. — Wenn des Men-
schen astralischer Leib nun vom Schlafe hingenommen wird,
so gehort er nicht nur den Erdenzustanden an, sondern
Welten, an denen noch andere Weltgebiete (SternenWelten)
beteiligt sind. Ja, diese Welten wirken auch im Wachzustande
in den astralischen Leib des Menschen herein. Daher kann
der Name «astralischer Leib» gerechtfertigt erscheinen.
Vom Leben des Menschen nach dem Tode
Es ist in den Ausfuhrungen dieses Buches gesprochen wor-
den von der Zeit, durch welche hindurch, nach dem Todesein-
tritt des Menschen, der Astralleib noch mit dem Atherleibe
vereinigt bleibt. Wahrend dieser Zeit ist eine allmahlich
verblassende Erinnerung an das ganze eben verflossene
Leben vorhanden (vgl. «Schlaf und Tod» S. 80 ff). Diese Zeit
ist fur verschiedene Menschen verschieden. Sie hangt davon
ab, wie stark die Kraft ist, mit welcher bei einem Menschen
der Astralleib den Atherleib an sich halt, welche Gewalt der
erste tiber den zweiten hat. Die ubersinnliche Erkenntnis
kann einen Eindruck von dieser Gewalt erhalten, wenn sie
einen Menschen beobachtet, der eigentlich nach dem Grade
seiner seelisch-leiblichen Verfassung schlafen muBte, der sich
aber durch innere Kraft wach erhalt. Und nun zeigt sich, daB
verschiedene Menschen sich verschieden lang wach erhalten
konnen, ohne zwischendurch von dem Schlafe uberwaltigt
zu werden. Ungefahr so lange als ein Mensch sich im auBer-
sten Falle, wenn es sein muB, wach erhalten kann, so lange
dauert nach dem Tode die Erinnerung an das eben verflossene
Leben, das heiBt der Zusammenhalt mit dem Atherleib.
Wenn der Atherleib nach dem Tode von dem Menschen
losgelost ist (vgl. «Schlaf und Tod»), so bleibt von ihm
doch fur alle spatere Entwicklung des Menschen noch etwas
zuriick, was man wie einen Extrakt oder eine Essenz dessel-
ben bezeichnen kann. Dieser Extrakt enthalt die Friichte des
verflossenen Lebens. Und er ist der Trager alles dessen, was
wahrend der geistigen Entwicklung des Menschen zwischen
dem Tode und einer neuen Geburt sich wie ein Keim zum
folgenden Leben entfaltet (Vgl. «Schlaf und Tod».)
Die Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt
(vgl. «Schlaf und Tod») ist in ihrer Dauer dadurch be-
stimmt, daB das «Ich» in der Regel erst dann wieder in die
physisch-sinnliche Welt zuruckkehrt, wenn diese sich inzwi-
schen so umgestaltet hat, daB Neues von dem «Ich» erlebt
werden kann. Wahrend dieses in den geistigen Gebieten ist,
andert sich der Erdenwohnplatz. Diese Anderung hangt nach
einer Richtung hin mit den groBen Veranderungen im Welt-
all zusammen; mit Veranderungen in der Stellung der Erde
zur Sonne usw. Das aber sind durchaus Veranderungen, in
denen gewisse Wiederholungen in Verbindung mit neuen
Verhaltnissen eintreten. Sie finden ihren auBeren Ausdruck
darin, daB z. B. der Punkt am Himmelsgewolbe, in
welchem die Sonne bei Fruhlingsanbeginn aufgeht, sich im
Laufe von etwa 26000 Jahren in einem vollstandigen
Kreise dreht. Dieser Fruhlingspunkt bewegte sich dadurch
im Laufe dieser Zeit von einem Himmelsgebiete zum an-
dern. Im Verlaufe des zwolften Teiles jener Zeit, das ist in
2100 Jahren ungefahr, haben sich die Verhaltnisse auf der
Erde so weit verandert, daB die Menschenseele auf derselben
Neues nach einer vorangegangenen Verkorperung erleben
kann. Da aber die Erlebnisse des Menschen verschieden sind,
je nachdem er sich als Frau oder als Mann verkorpert, so
finden innerhalb des charakterisierten Zeitraumes in der
Re gel zwei Verkorperungen, eine als Mann, eine als Frau,
statt Doch hangen diese Dinge auch davon ab, wie die
Krafte sind, welche sich der Mensch aus dem Erdendasein
durch den Tod hindurch mitnimmt. Daher sind alle solche
Angaben, wie die hier gegebenen, nur so aufzufassen, daB
sie im wesentlichen gelten, im einzelnen aber sich in der
mannigfaltigsten Weise abgeandert zeigen. Von den ange-
fiihrten Verhaltnissen im Weltenall hangt es eben nur in
einer Beziehung ab, wie lange das Menschen-Ich in der
geistigen Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt
verweilt. In einer andern Beziehung hangt dies ab von den
Entwickelungszustanden, welche der Mensch in dieser Zeit
durchmacht. Diese Zustande fuhren das «Ich» nach einem
gewissen Zeitablauf zu einer geistigen Verfassung, die in
ihrem inneren Geisterleben nicht mehr Befriedigung findet,
welche das Verlangen nach jener BewuBtseinsanderung ent-
wickelt, die in dem Sichspiegeln durch das physische Erleben
sich befriedigt. Aus dem Zusammenwirken dieses inneren
Durstes nach Verkorperung und der im Weltenall gegebe-
nen Moglichkeit, die entsprechende Leiblichkeit zu finden,
erfolgt der Eintritt des Menschen in das Erdenleben. Er er-
folgt — weil zweierlei zusammenwirken muB — das eine
Mai, auch wenn der «Durst» noch nicht seine Hohe erreicht
hat, weil eine annahernd angepaBte Verkorperung erreicht
werden kann; das andere Mai, auch wenn der «Durst» iiber
seine normale Hohe hinausgeschritten ist, weil zur entspre-
chenden Zeit noch keine Moglichkeit der Verkorperung da
war. Die allgemeine Lebensstimmung, in der sich ein Mensch
durch die Beschaffenheit seines korperlichen Wesens befin-
det, hangt mit diesen Verhaltnissen zusammen.
Der Lebenslaufdes Menschen
Das Leben des Menschen, wie es sich auBert in der Auf-
einanderfolge der Zustande zwischen Geburt und Tod, kann
nur dadurch vollstandig begriffen werden, daB man nicht
nur den sinnlich-physischen Leib in Betracht zieht, sondern
auch jene Veranderungen, welche sich mit den ubersinnlichen
Gliedern der Menschennatur vollziehen. — Man kann diese
Veranderungen in der folgenden Art ansehen. Die physische
Geburt stellt sich dar als eine Loslosung des Menschen von
der physischen Mutterhiille. Krafte, welche der Menschen-
keim vor der Geburt mit dem Leibe der Mutter gemeinsam
hatte, sind nach der Geburt nur noch als selbstandige in ihm
selbst vorhanden. Nun gehen aber im spateren Leben fur
die libersinnliche Wahrnehmung ahnliche ubersinnliche Er-
eignisse vor sich, wie die sinnlichen sind bei der physischen
Geburt. Der Mensch ist namlich ungefahr bis zum Zahn-
wechsel (im sechsten oder siebenten Jahre) in bezug auf
seinen Atherleib von einer atherischen Hiille umgeben. Diese
fallt in diesem Zeitabschnitte des Lebens ab. Es findet da
eine «Geburt» des Atherleibes statt. Noch immer bleibt aber
der Mensch von einer astralischen Hiille umgeben, welche
in der Zeit vom zwolften bis sechzehnten Jahre (zur Zeit
der Geschlechtsreife) abfallt Da findet die «Geburt» des
astralischen Leibes statt. Und noch spater wird das eigent-
liche «Ich» geboren. (Die fruchtbaren Gesichtspunkte, welche
sich aus diesen ubersinnlichen Tatsachen fur die Hand-
habung der Erziehung ergeben, sind in meiner kleinen
Schrift: «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der
Geisteswissenschaft» dargestellt. Dort findet man auch wei-
tere Ausfiihrungen liber dasjenige, was hier nur angedeutet
werden kann.) Der Mensch lebt nun nach der Geburt des
«Ich» so, daB er sich den Welt- und Lebensverhaltnissen ein-
gliedert und innerhalb ihrer sich betatigt, nach MaBgabe der
durch das «Ich» tatigen Glieder: Empfindungsseele, Ver-
standesseele und BewuBtseinsseele. Dann tritt eine Zeit ein,
in welcher der Atherleib sich wieder zuruckbildet, in welcher
er die umgekehrte Bildung seiner Entfaltung vom siebenten
Jahre an wieder durchmacht. Wahrend vorher der Astral-
leib sich so entwickelt hat, daB er in sich zuerst das entfaltet
hat, was in ihm als Anlage bei der Geburt vorhanden war,
und sich dann, nach der Geburt des «Ich», durch die Erleb-
nisse der AuBenWelt bereichert hat, beginnt er von einem
bestimmten Zeitpunkte an damit, sich von dem eigenen
Atherleibe aus geistig zu nahren. Er zehrt am Atherleibe.
Und im weiteren Verlaufe des Lebens beginnt dann auch
der Atherleib an dem physischen Leibe zu zehren. Damit
hangt des letzteren Verfall im Greisenalter zusammen. —
Nun zerfallt dadurch des Menschen Lebenslauf in drei
Teile, in eine Zeit, in welcher der physische Leib und Ather-
leib sich entfalten, dann in diejenige, in welcher der Astral-
leib und das «Ich» zur Entwickelung kommen, und endlich
diejenige, in welcher Atherleib und physischer Leib sich wie-
der zuruckverwandeln. Nun ist aber der astralische Leib bei
alien Vorgangen zwischen Geburt und Tod beteiligt. Da-
durch, daB er eigentlich aber erst mit dem zwolften bis sech-
zehnten Jahre geistig geboren ist und in der letzten Lebens-
epoche von den Kraften des Atherleibes und physischen
Leibes zehren muB, wird dasjenige, was er durch seine eige-
nen Krafte kann, sich langsamer entwickeln, als wenn es
nicht in einem physischen und Atherleibe ware. Nach dem
Tode, wenn physischer und Atherleib abgefallen sind, geht
die Entwickelung in der Lauterungszeit (vgl. «Schlaf und
Tod») deshalb ungefahr so vor sich, daB sie ein Drittel der-
jenigen Dauer betragt, die das Leben zwischen Geburt und
Tod in Anspruch nimmt.
Die hdheren Gebiete der geistigen Welt
Durch Imagination, Inspiration und Intuition steigt die
ubersinnliche Erkenntnis allmahlich in diejenigen Gebiete
der geistigen Welt hinauf, in welcher ihr erreichbar sind die
Wesen, welche an der Welt- und Menschheitsentwickelung
beteiligt sind. Und es wird ihr dadurch auch moglich, die
Entwickelung des Menschen zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt so zu verfolgen, daB diese verstandlich wird.
Nun gibt es noch hohere Gebiete des Daseins, auf welche
hier nur ganz kurz hingedeutet werden kann. Wenn sich die
ubersinnliche Erkenntnis bis zur Intuition erhoben hat, dann
lebt sie in einer Welt geistiger Wesen. Auch diese machen
Entwickelungen durch. Was Angelegenheit der gegenwar-
tigen Menschheit ist, das erstreckt sich gewissermaBen bis in
die Welt der Intuition hinauf. Allerdings empfangt der
Mensch auch Einfltisse aus noch hoheren Welten im Laufe
seiner Entwickelung zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt; aber diese Einfllisse erfahrt er nicht direkt; die
Wesen der geistigen Welt fiihren sie ihm zu. Und werden
diese betrachtet, so ergibt sich alles, was an dem Menschen
geschieht. Die eigenen Angelegenheiten aber dieser Wesen,
dasjenige, was sie fur sich brauchen, um die menschliche Ent-
wickelung zu fiihren, konnen nur durch eine Erkenntnis
beobachtet werden, welche iiber die Intuition hinaufgeht.
Es ergibt sich damit der Hinweis auf Welten, welche so vor-
zustellen sind, daB geistige Angelegenheiten, welche auf der
Erde die hochsten sind, dort zu den niedrigeren gehoren.
Verniinftige Entschliisse z.B. gehoren innerhalb des Erden-
gebietes zu dem hochsten; die Wirkungen des minerali-
schen Reiches zu dem niedrigsten. In jenen hoheren Regio-
nen sind verniinftige Entschliisse ungefahr das, was auf
Erden die mineralischen Wirkungen sind. Uber dem Gebie-
te der Intuition liegt die Region, in welcher aus geistigen
Ursachen heraus der Weltenplan gesponnen wird.
Die Wesensglieder des Menschen
Wenn gesagt worden ist (vgl. S. 69 und die folgen-
den), das «Ich» arbeite an den menschlichen Wesensglie-
dern, dem physischen Leib, dem Atherleib und dem astra-
lischen Leib, und gestalte diese in umgekehrter Folge um zu
Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch, so bezieht sich
dieses auf die Arbeit des Ich an der menschlichen Wesenheit
durch die hochsten Fahigkeiten, mit deren Entwickelung erst
im Laufe der Erdenzustande der Anfang gemacht worden
ist. Dieser Umgestaltung geht aber eine andere auf einer
niedrigeren Stufe voran, und durch diese entstehen Emp-
findungsseele, Verstandesseele und BewuBtseinsseele. Denn
wahrend sich im Laufe der Entwickelung des Menschen die
Empfindungsseele bildet, gehen Veranderungen im Astral-
leibe vor sich, die Bildung der Verstandesseele driickt sich
in Verwandlungen des Atherleibes, und jene der BewuBt-
seinsseele in solchen des physischen Leibes aus. Im Verlaufe
der Schilderung der Erdenentwickelung, welche in diesem
Buche gegeben worden ist, wurde dariiber das Nahere an-
gegeben. So kann man also in einer gewissen Beziehung
sagen: schon die Empfindungsseele beruhe auf einem ver-
wandelten Astralleib; die Verstandesseele auf einem ver-
wandelten Atherleib; die BewuBtseinsseele auf einem ver-
wandelten physischen Leib. Man kann aber auch sagen,
diese drei Seelenglieder seien Teile des astralischen Leibes,
denn nur dadurch ist z.B. die BewuBtseinsseele moglich,
daB sie eine astralische Wesenheit in einem ihr angepaBten
physischen Leib ist Sie lebt ein astralisches Leben in einem
zu ihrem Wohnplatz bearbeiteten physischen Leib.
Der Traumzustand
Der Traumzustand ist in einer gewissen Beziehung im
Kap. «Schlaf und Tod» dieser Schrift charakterisiert worden.
Er ist aufzufassen auf der einen Seite als ein Uberrest des
alten BilderbewuBtseins, wie es dem Menschen wahrend der
Mondenentwickelung und auch noch wahrend eines groBen
Teiles der Erdenentwickelung eigen war. Die Entwickelung
schreitet eben so vorwarts, daB fruhere Zustande in spatere
hineinspielen. Und so kommt wahrend des Traumens in dem
Menschen jetzt als Uberrest zum Vorschein, was friiher
normaler Zustand war. Zugleich aber ist dieser Zustand
nach einer anderen Seite doch wieder anders als das alte
BilderbewuBtsein. Denn seit der Ausbildung des Ich spielt
dasselbe auch in die Vorgange des astralischen Leibes hinein,
welche im Schlafe wahrend des Traumens sich vollziehen.
So stellt sich im Traume ein durch die Anwesenheit des Ich
verandertes BilderbewuBtsein dar. Weil aber das Ich nicht
bewuBt seine Tatigkeit auf den Astralleib wahrend des
Traumens ausiibt, so darf auch nichts, was in das Gebiet des
Traumlebens gehort, zu dem gerechnet werden, was in
Wahrheit zu einer Erkenntnis der iibersinnlichen Welten im
Sinne der Geisteswissenschaft ftihren kann. Ein Gleiches gilt
fur das, was man oft als Vision, Ahnung oder «zweites Ge-
sicht» (Deuteroskopie) bezeichnet. Diese kommen dadurch
zustande, daB sich das «Ich» ausschaltet und dadurch Uber-
reste alter BewuBtseinszustande entstehen. Sie haben in der
Geisteswissenschaft keine unmittelbare Verwendung; was
in ihnen beobachtet wird, kann nicht im echten Sinne als
Ergebnis derselben betrachtet werden.
Zur Elangung UbersinnlicherErkenntnisse
Der Weg zur Erlangung von Erkenntnis sen der iiber-
sinnlichen Welten, der in diesem Buche ausfiihrlicher be-
schrieben worden ist, kann auch der «unmittelbare Erkennt-
nisweg» genannt werden. Neben ihm gibt es noch einen sol-
chen, welchen man als «Gefuhlsweg» bezeichnen kann. Doch
ware es ganz unrichtig, etwa zu glauben, daB der erstere mit
der Ausbildung des Gefuhles nichts zu tun habe. Er fuhrt
vielmehr zur groBtmoglichen Vertiefung des Gefuhlslebens.
Doch wendet sich der «Gefiihlsweg» eben unmittelbar an
das bloBe Gefiihl und sucht von diesem aus zu den Erkennt-
nissen aufzusteigen. Er beruht darauf, daB ein Gefiihl, wenn
sich die Seele ganz ihm hingibt eine gewisse Zeit hindurch,
sich in eine Erkenntnis, in eine bildhafte Anschauung
verwandelt. Wenn z.B. die Seele sich ganz ausfullt
durch Wochen, Monate, ja langer, mit dem Gefuhle der
Demut, so verwandelt sich der Gefuhlsinhalt in eine An-
schauung. Man kann nun auch durch ein stufenweises Durch-
machen solcher Gefiihle einen Weg in die iibersinnlichen
Gebiete finden. Doch ist er fur den gegenwartigen Menschen
innerhalb der gewohnlichen Lebensbedingungen nicht leicht
durchzufuhren. Einsamkeit, Zuriickgezogenheit von dem
Leben der Gegenwart ist dabei fast unerlaBlich. Denn was
das alltagliche Leben bringt an Eindriicken, stort namentlich
im Anfange der Entwickelung dasjenige, was die Seele durch
Versenkung in bestimmte Gefiihle erreicht Dagegen ist der
in diesem Buche geschilderte Erkenntnisweg in jeder gegen-
wartigen Lebenslage durchzufuhren.
Beobachtung besonderer Ereignisse und Wiesen
der GeistesWelt
Es kann die Frage gestellt werden, ob die innere Versen-
kung und die andern geschilderten Mittel zur Erlangung von
iibersinnlichen Erkenntnissen nur die Beobachtung des Men-
schen zwischen Tod und neuer Geburt oder andere geistige
Vorgange im allgemeinen gestatten oder ob sie es auch
ermoglichen, ganz bestimmte Einzelvorgange und Wesen,
z. B. einen bestimmten Toten, zu beobachten. Darauf
muB geantwortet werden: Wer sich durch die geschilder-
ten Mittel die Fahigkeit erwirbt zur Beobachtung der geisti-
gen Welt, der kann auch dazu gelangen, Einzelheiten zu
beobachten, welche in derselben vor sich gehen. Er macht
sich fahig, sich mit Menschen, die in der geistigen Welt
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt leben, in Ver-
bindung zu setzen. Nur muB beachtet werden, daB dieses
im Sinne der Geisteswissenschaft nur geschehen soil, nach-
dem man die regelrechte Schulung fur die iibersinnlichen
Erkenntnisse durchgemacht hat. Denn erst dann kann man
in bezug auf besondere Ereignisse und Wesenheiten zwischen
Tauschung und Wirklichkeit unterscheiden. Wer einzelnes
beobachten will ohne richtige Schulung, der wird vielen
Tauschungen zum Opfer fallen konnen. Selbst das Anfang-
lichste: das Verstehen der Art, wie solche Eindriicke beson-
derer Tatsachen der tibersinnlichen Welt zu deuten sind, ist
nicht moglich ohne fortgeschrittene Geistesschulimg. Jene
Schulung, welche in die hoheren Welten zur Beobachtung
dessen fiihrt, was in diesem Buche geschildert ist, sie fuhrt
auch dazu, das Leben eines einzelnen Menschen nach dem
Tode verfolgen zu konnen; und nicht minder dazu, alle
geistig-seelischen besonderen Wesen zu beobachten und zu
verstehen, welche aus verborgenen Welten in die offenbaren
hereinwirken. Doch ist sicheres Beobachten gerade des Ein-
zelnen nur auf Grund der Erkenntnisse der allgemeinen,
groBen, jeden Menschen angehenden Welt- und Menschheits-
tatsachen der geistigen Welt moglich. Wer das eine begehrt,
ohne das andere haben zu wollen, geht in die Irre. Es gehort
nun einmal zu den Erfahrungen, die man in bezug auf das
Beobachten der geistigen Welt machen muB, daB der Ein-
tritt in diejenigen Gebiete des tibersinnlichen Daseins, nach
denen man zu allererst begehrt, einem erst dann beschert
wird, wenn man sich auf ernsten und schwierigen, nur den
allgemeinen Erkenntnisfragen zugeneigten Wegen um das
bemiiht hat, was AufschluB iiber den Sinn des Lebens gibt.
Ist man diese Wege in reinem, unegoistischem Erkenntnis-
drange gegangen, dann ist man erst reif, Einzelheiten zu
beobachten, deren Anschauung vorher doch nur die Befrie-
digung eines egoistischen Bedlirfnisses ware, auch wenn sich
der Verlangende einredete, daB er nur aus Liebe — z.B.
zu einem Toten — den Einblick in die geistige Welt er-
strebe. Der Einblick in das Besondere kann nur dem wer-
den, der sich durch ernstes Interesse fur geisteswissenschaft-
liche Allgemeinheiten die Moglichkeit gewonnen hat, auch
das Besondere ganz ohne egoistisches Begehren wie eine
objektive wissenschaftliche Wahrheit hinzunehmen.
BESONDERE BEMERKUNGEN
(Zu S. 61 ff.) Auseinandersetzungen wie diejenigen, wel-
che in diesem Buche gegeben werden iiber das Erinne-
rungsvermogen, konnen sehr leicht miBverstanden werden.
Denn wer nur die auBeren Vorgange betrachtet, dem wird
der Unterschied gar nicht ohne weiteres auffallen zwischen
dem, was am Tiere, ja selbst an der Pflanze geschieht, wenn
so etwas eintritt, was der Erinnerung gleicht, und dem, was
hier fur den Menschen als wirkliche Erinnerung gekenn-
zeichnet wird. GewiB, wenn ein Tier eine Handlung ein
drittes, viertes usw. Mai ausfuhrt, so mag es sie so ausfuh-
ren, daB sich der auBere Vorgang so darstellt, wie wenn
Erinnerung und das mit dieser verkniipfte Lernen vorhan-
den waren. Ja, man mag, wie es einzelne Naturforscher und
ihre Anhanger tun, sogar den Begriff der Erinnerung oder
des Gedachtnisses so ausdehnen, daB man sagt, wenn das
Kuchlein aus der Eischale kriecht, so pickt es nach den Kor-
nern, wisse sogar die Bewegungen des Kopfes und Korpers
so zu machen, daB es zum Ziele komme. Das konne es nicht
in der Eischale gelernt haben, sondern es sei gelernt durch
die tausend und aber tausend Wesen, von denen es ab-
stammt (so sagt z.B. Hering). Man kann die Erscheinung,
die hier vorliegt, als etwas bezeichnen, was wie Erinnerung
aussieht. Aber man wird nie zum wirklichen Begreifen der
menschlichen Wesenheit kommen, wenn man nicht das ganz
Besondere ins Auge faBt, was im Menschen als der Vorgang
des wirklichen Wahrnehmens friiherer Erlebnisse in spate-
ren Zeitpunkten auftritt, nicht bloB als ein Hineinwirken
friiherer Zustande in spatere. Hier in diesem Buche wird
Erinnerung dieses Wahrnehmen des Vergangenen genannt,
nicht bloB das — selbst veranderte — Wiederauftreten des
Friiheren in dem Spateren. Wollte man das Wort Erinne-
rung schon fur die entsprechenden Vorgange im Pflanzen-
und Tierreiche gebrauchen, so miiBte man ein anderes fiir
den Menschen haben. Es kommt bei der obigen Darstellung
dieses Buches gar nicht auf das Wort an, sondern darauf,
daB behufs Verstandnisses der menschlichen Wesenheit der
Unterschied erkannt werden mufi. Ebensowenig konnen
scheinbar sogar sehr hohe Intelligenzleistimgen von Tieren
mit dem zusammengebracht werden, was hier Erinnerung
genannt wird.
(Zu S. 71 ff.) Zwischen den Veranderungen, welche sich
durch die Tatigkeit des Ich im Astralleibe vollziehen, und
jenen, die im Atherleibe vorgehen, laBt sich eine feste Grenze
nicht ziehen. Es gehen die einen in die anderen iiber. Wenn
der Mensch etwas lernt und sich dadurch eine gewisse Fahig-
keit des Urteiles erwirbt, so ist eine Veranderung im Astral-
leibe eingetreten; wenn aber dieses Urteil seine Seelenver-
fassung andert, so daB er sich gewohnt, iiber eine Sache nach
dem Lernen anders zu empfinden als vorher, so liegt eine
Anderung im Atherleibe vor. Alles, was so menschliches
Eigentum wird, daB sich der Mensch immer wieder daran
erinnern kann, beruht auf einer Anderung des Atherleibes.
Was nach und nach ein fester Schatz des Gedachtnisses wird,
dem liegt zugrunde, daB sich die Arbeit am Astralleibe auf
den Atherleib libertragen hat.
(Zu S. 85 f.) Der Zusammenhang von Schlaf und Er-
mUdung wird zumeist nicht in einer durch die Tatsachen
geforderten Weise angesehen. Man denkt, der Schlaf trete
ein infolge der Ermiidung. DaB diese Vorstellung viel zu
einfach ist, kann jedes Einschlafen eines oft gar nicht er-
miideten Menschen beim Anhoren einer ihn nicht inter-
essierenden Rede oder bei ahnlicher Gelegenheit zeigen. Wer
behaupten will, bei solcher Veranlassung ermiide eben der
Mensch, der erklart doch nach einer Methode, welcher der
rechte Erkenntnisernst mangelt. Unbefangene Beobachtung
muB denn doch darauf kommen, daB Wachen und Schlafen
verschiedene Verhaltnisse der Seele zum Leibe darstellen,
die im regelmaBigen Lebensverlaufe in rhythmischer Folge
wie linker und rechter Pendelausschlag auftreten miissen.
Es ergibt sich bei solch imbefangener Beobachtung, daB das
Erfulltsein der Seele mit den Eindrucken der AuBenWelt in
dieser die Begierde erweckt, nach diesem Zustand in einen
andern einzutreten, indem sie im GenuB der eigenen Leib-
lichkeit aufgeht. Es wechseln zwei Seelenzustande: Hin-
gegebensein an die AuBeneindrucke und Hingegebensein an
die eigene Leiblichkeit. In dem ersten Zustande wird unbe-
wuBt die Begierde nach dem zweiten erzeugt, der selbst dann
im UnbewuBten verlauft. Der Ausdruck der Begierde nach
dem Genus se der eigenen Leiblichkeit ist die Ermiidung.
Man muB also eigendich sagen: man fiihle sich ermudet,
weil man schlafen will, nicht man wolle schlafen, weil man
sich ermudet fiihle. Da nun die Menschenseele durch Ge-
wohnung die im normalen Leben notwendig auftretenden
Zustande auch willkurlich in sich hervorrufen kann, so ist es
moglich, daB sie, wenn sie sich fur einen gegebenen auBeren
Eindruck abstumpft, in sich die Begierde hervorruft nach
dem GenuB der eigenen Leiblichkeit; das heiBt, daB sie ein-
schlaft, wenn durch die innere Verfassung des Menschen
keine Veranlassung dazu ist
(Zu S. 125 - 127) DaB die personlichen Gaben des Men-
schen, wenn sie dem Gesetz der bloBen «Vererbung» unterla-
gen, sich nicht am Ende, sondern am Anfange einer Blutsge-
nossenschaft zeigen miiBten, konnte als Ausspruch natiirlich
leicht miBverstanden werden. Man konnte sagen, ja, sie
konnen sich da doch nicht zeigen, denn sie miissen sich ja
eben erst entwickeln. Aber dies ist kein Einwand; denn
wenn man beweisen will, daB etwas von einem vorher-
gehenden vererbt ist, so muB man zeigen, wie sich an dem
Nachkommen das wiederfindet, was vorher schon da war.
Zeigte sich nun, daB etwas am Anfange einer Blutsgenossen-
schaft da ware, was im weiteren Verlaufe wiedergefimden
wiirde, so konnte man von Vererbung sprechen. Man kann
es aber nicht, wenn am Ende etwas auftritt, was vorher nicht
da war. Die Umkehrung des Satzes oben sollte nur zeigen,
daB der Vererbungsgedanke ein unmoglicher ist
(Zu Seite 148 f.) Es ist in einzelnen Kapiteln dieses Buches
dargestellt worden, wie die Welt des Menschen und er selbst
hindurchschreiten durch die Zustande, welche mit den Na-
men Saturn, Sonne, Mond, Erde, Jupiter, Venus, Vulkan
bezeichnet worden sind. Es ist auch angedeutet worden, in
welchem Verhaltnisse die menschliche Entwickelung zu
Himmelskorpern steht, welche neben der Erde vorhanden
sind und welche als Saturn, Jupiter, Mars usw. angegeben
worden sind. Diese letzteren Himmelskorper machen natur-
gemaB auch ihre Entwickelung durch. Im gegenwartigen
Zeitraum sind sie auf einer solchen Stufe angekommen, daB
sich ihre physischen Teile der Wahrnehmung als dasjenige
zeigen, was in der physischen Astronomie Saturn, Jupiter,
Mars usw. genannt wird. Wenn nun im geisteswissenschaft-
lichen Sinne der gegenwartige Saturn betrachtet wird, so ist
er gewissermaBen eine Wiederverkorperung dessen, was der
alte Saturn war. Er ist entstanden, weil vor der Trennung
der Sonne von der Erde gewisse Wesenheiten vorhanden
waren, welche die Trennung nicht mitmachen konnten, weil
sie sich so viel von jenen Eigenschaften eingegliedert hatten,
welche dem Saturndasein angemessen sind, daB ihr Platz
nicht da sein konnte, wo vorzuglich die Sonneneigenschaften
entfaltet werden. Der gegenwartige Jupiter ist aber dadurch
entstanden, daB Wesen vorhanden waren, welche Eigen-
schaften hatten, die erst auf dem kunftigen Jupiter der
Gesamtentwickelung sich entfalten konnen. Fur sie entstand
ein Wohnplatz, in dem sie diese spatere Entwickelung schon
vorausnehmen konnen. So ist der Mars ein Himmelskorper,
in dem Wesenheiten wohnen, welche die Mondenentwicke-
lung so durchgemacht haben, daB ihnen ein weiterer Fort-
schritt auf der Erde nichts geben konnte. Der Mars ist eine
Wiederverkorperung des alten Monde s auf einer hoheren
Stufe. Der gegenwartige Merkur ist ein Wohnplatz fur
Wesen, welche der Erdenentwickelung voraus sind, aber
gerade dadurch, daB sie gewisse Erdeneigenschaften in einer
hoheren Art ausgebildet haben, als dies auf der Erde ge-
schehen kann. Die gegenwartige Venus ist eine prophetische
Vorausnahme des kunftigen Venuszustandes in einer ahn-
lichen Art. Aus alledem rechtfertigt sich, wenn die Benen-
nungen der Zustande, welche der Erde vorausgegangen sind
und ihr nachfolgen, nach ihren gegenwartigen Reprasen-
tanten im Weltall gewahlt werden. Es ist ganz selbstver-
standlich, daB gegen das hier Vorgebrachte derjenige wird
viel einzuwenden haben, der die Parallelisierung der iiber-
sinnlich geschauten Saturn-, Sonnen- usw. Zustande mit den
gleichbenannten physischen Himmelskorpern dem Urteile
des an der auBern Naturbeobachtung herangezogenen Ver-
standes unterwerfen will. Aber wie es eine Moglichkeit gibt,
das Sonnensystem durch die Mittel der mathematischen Vor-
stellung als Bild des raumlich-zeitlichen Geschehens vor die
Seele zu stellen, so ist es der libersinnlichen Erkenntnis mog-
lich, das mathematische Bild mit seelischem Inhalte zu durch-
setzen. Dann aber gestaltet es sich so, daB die oben ange-
gebene Parallelisierung statthaft wird. Dieses Durchsetzen
mit seelischem Inhalte liegt aber auch durchaus in der weite-
ren Durchfiihrung der streng naturwissenschaftlichen Be-
trachtungsart. Diese Betrachtungsart beschrankt sich aller-
dings gegenwartig noch darauf, ein Wechselverhaltnis des
Sonnensystems und der Erde nach rein mathematisch-mecha-
nischen Begriffen zu suchen. Indem sie dieses tut, wird die
Naturwissenschaft der Zukunft durch sich selbst zu Vor-
stellungen getrieben werden, welche das Mechanische zum
Seelischen erweitern. Zu zeigen, was durchaus geschehen
konnte, daB solche Erweiterung schon auf der Grundlage
gegenwartiger, naturwissenschaftlicher Vorstellungen ge-
schehen sollte, dazu muBte ein eigenes Buch geschrieben
werden. Hier kann nur auf das in Betracht Kommende hin-
gedeutet werden, was allerdings zur Folge hat, daB das
Angedeutete manchem MiBverstandnis ausgesetzt werden
muB. Geisteswissenschaft stimmt eben oft nur scheinbar mit
der Naturwissenschaft nicht uberein, weil die letztere Wissen-
schaft gegenwartig noch durchaus nicht Vorstellungen bilden
will, die nicht nur von der ubersinnlichen Erkenntnis, son-
dern auch von derjenigen in Wahrheit gefordert werden, die
sich an das Sinnenfallige halt. Ein unbefangener Betrachter
kann in den naturwissenschaftlichen Beobachtungsergeb-
nissen der Gegenwart liberall Hinweise auf rein sinnenfalli-
ge andere Beobachtungsgebiete sehen, die in Zukunft rein
naturwissenschaftlich werden in Angriff zu nehmen sein
und die zeigen werden, daB, was iibersinnliches Schauen
offenbart, durch Naturbetrachtung voll bestatigt wird,
soweit diese iibersinnliche Erkenntnis auf solches iibersinn-
liches Weltgeschehen sich bezieht, dem eine sinnenfallige
Offenbarung entspricht.
Ende
HINWEISE DES HERAUSGEBERS
Zu dieser Ausgabe
Textgrundlage: 16.-20. Auflage, 1925 (Ausgabe letzter Hand)
Nachdem fur die 27. Auflage (1962) der Text mit den vorhandenen Manu-
skripten verglichen worden war, wurde fur die 30. Auflage (1989) auch ein
Vergleich mit der letzten von Rudolf Steiner besorgten Ausgabe (1925) vor-
genommen. Alle seit dieser Ausgabe von Herausgebern vorgenommenen
Anderungen wurden gepriift und entweder ruckgangig gemacht oder, wo
notwendig, so beibehalten und in nachfolgendem Verzeichnis nachgewie-
sen. Nicht besonders erwahnt sind Vereinheitlichungen in Orthographie
und Interpunktion. Ebenso wurden alle bisher von Lesern eingegangenen
Korrekturvorschlage nochmals gepriift. Die wenigen sich daraus ergeben-
den Textkorrekturen sind ebenfalls im untenstehenden Verzeichnis nach-
gewiesen. Bei Zweifelsfallen wurde auf die fruheren Auflagen und die vor-
handenen Manuskripte zuruckgegriffen.
Die 30. Auflage (1989) wurde auBerdem um zusatzliche Hinweise und
ein Namenregister erweitert.
David Hoffmann
Textkorrekturen:
Verzeichnis der Herausgeberkorrekturen gegeniiber dem Text der Ausgabe
letzter Hand (1925):
Seite Zeile
29 6 Seelenkrafte statt Lebenskrafte Korrektur nach Manuskript.
43 2 sinnenfalligen statt sinnfalligen Korrektur nach Manuskript
und Druck 1. Aufl.
60 25 Kalte des statt Kalte, des Korrektur nach Manuskript und
Druck 1. Aufl.
129 If. (Zu dieser schwer verstandlichen Stelle wurde von Leserseite
oft angeregt, nach dem Wort Gesinnung das Wort »/eeinzu-
fiigen. Von einer entsprechenden Anderung muBte jedoch
abgesehen werden, da die Stelle sowohl im Manuskript als
auch in alien von Rudolf Steiner besorgten Auflagen ohne
das Wort nicht vorkommt.)
187 9 Menschenwesen statt Menschenlehen Korrektur nach Manu-
skript und Druck 1.-15. Aufl.
201 2f. Es... Naturen: Dieser Satz ist im Druck7. -20. Aufl. wohl
versehentlich weggefallen.
204 3 Sonnensein statt Sonnenschein Korrektur nach Manuskript
und Druck 4.-15. Aufl.
205 29£ Bewufitseinszustand und diesem dumpferen wahrend der
Sonnenzeit kein statt Bewufitseinszustand wahrend der Sonnen-
zeit und diesem dumpferen kein SinngemaBe Umstellung des
Herausgebers.
206 27 nicht durch statt nicht nur durch Korrektur nach Manuskript
und Druck 1.-6. Aufl.
217 18-22 die ... Ruhepausen: Dieser Abschnitt ist im Druck 7.-20.
Aufl. wohl versehentlich weggefallen.
232 7 Leibe statt Lehen Korrektur nach Manuskript und Druck
1.-6. Aufl.
237 27 Lichtbilder statt Luftbilder Korrektur nach Manuskript zur 1.
Aufl.
241 28 Erde statt Seele Korrektur nach Manuskript zur 1. Aufl.
254 5-7 diese ... durch: Diese Stelle ist im Druck 7. -20. Aufl. wohl
versehentlich weggefallen.
262 4 der statt denen Korrektur des Herausgebers.
263 5-7 Bei... Sonnenmenschen: Dieser Satz ist im Druck 7. - 20. Aufl.
wohl versehentlich weggefallen.
266 lenken statt lenkten Korrektur des Herausgebers.
268 13 aus Erganzung des Herausgebers.
277 6 Zwischenzustanden statt Zwischenstanden Korrektur nach
Manuskript und Druck 1. Aufl.
278 25 Kunsten statt Kunstlern Korrektur nach Manuskript und
Druck 1.-6. Aufl.
284 6 ihm statt es Korrektur nach Manuskript und Druck 1.-6.
296 26 Empfindungszug statt Empfindungszucht Korrektur nach
Manuskript.
324 11 ihren statt seinen Korrektur des Herausgebers.
329 3 vorhalten statt vorbehalten Korrektur nach Manuskript und
Druck 1.-6. Aufl.
341 17 fur Erganzung des Herausgebers.
349 6 stumpft statt stumpfen Korrektur des Herausgebers.
378 25 es statt er Korrektur des Herausgebers.
432 It ist nicht moglich statt ist es nicht moglich Korrektur des Heraus-
gebers.
437 19 den statt dem Korrektur des Herausgebers.
Hinweise zum Text
Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den
Hinweisen mit der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die
Ubersicht am SchluB des Bandes.
Zu Seite
9 Julius Robert von Mayer, 1814 -1878, Arzt und Physiker, entdeckte das
Gesetz von der Erhaltung der Energie.
Hermann von Helmholtz, 1821-1894, bahnbrechender Mediziner,
Anatom, Physiologe und Physiker.
James Prescott Joule, 1818-1889, engl. Physiker, bestimmte u.a. die
Menge der durch mechanische Arbeit erzeugten Warme.
Rudolf EmanuelClausius, 1822 - 1 888, Physiker, Begrunder der mecha-
nischen Warme theorie.
11 Johann Friedrich Herbart, 1776-1841, Philosoph und einfluBreicher
Padagoge.
12 William James, 1842-1910, amer. Psychologe, Philosoph und Reli-
gionspsychologe, Begrunder des Pragmatismus.
Ferdinand Canning Scott Schiller, 1864-1937, engl. Philosoph, ver-
band den Pragmatismus mit dem Humanismus.
«Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goethe schen Weltanschauung »
(1886), GA2.
«Wahrheit und Wissenschaft. Vor spiel einer Philosophic der Freiheit»
(1892), GA 3.
«Die Philosophie der Freiheit» (1894), GA4.
«Goethes Weltanschauung » (1897), GA 6.
«Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert», 2 Bde.
1900/01 . Erweiterte Neuausgabe unter dem Titel «Die Rdtsel der Philo-
sophie in ihrer Geschichte als Umrifi dargestellt», 2 Bde. (1914), GA18.
«Haeckel und seine Gegner» (1900), wiederabgedruckt in den Gesam-
melten Aufsatzen «Methodische Grundlagen der Anthroposophie
1884-1901», GA30, S. 152-201.
«Theosophie. Einfiihrung in ubersinnliche Welterkenntnis undMenschen-
bestimmung» (1904), GA 9.
die Philosophie des «Als ob»: Siehe Hans Vaihinger ( 1 852-1933), «Die
Philosophie des Als Ob. System der theoretischen, praktischen und
religiosen Fiktionen der Menschheit auf Grund eines idealistischen
Positivismus. Mit einem Anhang iiber Kant und Nietzsche»,
Berlin 1911.
Bergsonismus: Philosophie Henri Bergsons (1859-1941) und seiner
Schule.
«Kritik der Spr ache »: Siehe Fritz Mauthners (1849-1923) Werke, v. a.
«Beitrage zu einer Kritik der Sprache», 3 Bde., Stuttgart 1901/02.
dafi er ihm sogar <Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhun-
dert> gewidmet hat: Die gedruckte Widmung Rudolf Steiners im ersten
Band dieses Werkes lautet: «Prof. Dr. Ernst Haeckel widmet dieses
Buch in herzlicher Hochschatzung der Verfasser.»
als letztes Kapitel meinem lange vorher erschienenen Buche « Theosophie» an-
zufiigen: Im Manuskript Plural: «als letzte Capitel». In Rudolf Stei-
ners NachlaB hat sich ein 62seitiges Manuskript gefunden, das vmtl.
auf diesen ursprunglichen Plan, die Kosmologie als letzte Kapitel
der «Theosophie» anzufiigen, zuriickgeht. — Auch nachdem dieser
Plan nicht so ausgefiihrt worden war und Steiner die «Geheimwissen-
schaft» als selbstandiges Buch ausgearbeitet hatte, verstand er dieses
Werk als Fortsetzung der «Theosophie»: In der von ihm begrundeten
und herausgegebenen Zeitschrift «Lucifer — Gnosis» (Nr. 33 [1907],
S. 671) wird nach einem Hinweis auf die vorbereitete zweite Auflage
der «Theosophie» die «Geheimwissenschaft» in diesem Sinne an-
gekiindigt: «Nunmehr wird auch in kurzester Zeit die Fortsetzung
dieses Buches unter dem Titel Geheimwissenschaft erscheinen.»
25 «Theosophie»: Siehe Hinweis zu S. 12.
26 «Wie erlangtman Erkenntnisse derhdheren Welten?» (1904/05), GA10.
28 «Theosophie»: Siehe Hinweis zu S. 12.
29 Von mancher Seite wurde gesagt, was «Wissenschaft» sein will, darf nicht
«geheim» sein: Vgl. die friihe Rezension von Wincenty Lutoslawski,
«Rudolf Steiners sogen. < Geheim Wissenschaft >» in der Zeitschrift
«Hochland», Jg. 1910/11, Heft 1, Miinchen Oktober 1910, S. 45-58,
deren erster Abschnitt gleich diesen Einwand vorbringt: «Der Aus-
druck < Geheim Wissenschaft > enthalt einen Widerspruch wie etwa
<trockene Nasse> oder «helle Dunkelheit». Wissenschaft und Ge-
heimniskramerei sind einander entgegengesetzt wie Tag und Nacht.»
34 was Goethe im Sinne hat, wenn er von den «offenbaren Geheimnissen» in den
Welter scheinungen spricht: «Es gibt so viel offenbare Geheimnisse, weil
das Gefiihl derselben bei wenigen ins BewuBtsein tritt und diese
denn, weil sie sich und andere zu beschadigen furchten, eine innere
Aufklarung nicht zum Worte kommen lassen.» Goethe an Ch. L. F.
Schultz, 28. November 1821, «Goethes Werke», Weimarer Ausgabe,
IV. Abt., 35. Bd. (1906), S. 192.
FuBnote: Es ist vorgekommen: Siehe Hinweis zu S. 29.
55 «Theosophie»: Siehe Hinweis zu S. 12.
57 Alle Organe werden in ihrer Form und Gestalt durch die Strdmungen und
Bewegungen des Atherleibes gehalten; Vgl. hierzu den vom 20. - 2 8 . Marz
1911 in Prag gehaltenen Vortragszyklus «Eine okkulte Physiologie»,
GA 128, besonders die Ausfuhrungen im 5. Vortrag.
68 Eduard von Hartmann, 1842-1906, «System der Philosophic im
GrundriB», Bd. Ill «GrundriB der Psychologies Bad Sachsa 1908,
S. 55f. Bei Hartmann wortlich: «kurzerer Ersatz» statt «kurzer Er-
satz».
81 «Die Natur hat den Tod erfunden, um viel Leben zu haben»: Wortlich:
«Leben ist ihre schonste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff,
viel Leben zu haben.» Goethe, «Die Natur», Aphoristisch, in «Natur-
wissenschaftliche Schriften», herausgegeben und kommentiert von
Rudolf Steiner in Kiirschners «Deutsche National-Litteratur», 5 Bde.
(1884-1897), NachdruckDornach 1975, GAla-e, Bd. 2, GAlb, S. 8.
97 Moritz Benedikt, 1835-1920, schildert in seiner Selbstbiographie
«Aus meinem Leben. Erinnerungen und Er6rterungen», Wien 1906,
S. 35, diesen Fall wie folgt: «Sehr liebte ich von Kindheit auf das Was-
ser, wobei ich manches erlebte, das mir im Gedachtnis blieb. Ich be-
miihte mich, Naturschwimmer zu sein, wobei es mir im offenen Do-
naubade passierte, daB ich unterging. Zum Gliicke fuhr ich an einen
Pfosten an, der als Marke fur Badende diente. Es war wohl kaum mehr
als eine halbe Minute, daB ich das BewuBtsein hatte, jetzt ertrinke
ich. Dabei machte ich die merkwurdige Selbstbeobachtung, daB in
dieser kurzen Zeit samtliche Erinnerungen meines Lebens vor mir in
rasender Eile vorubergingen. Diese Beobachtung ist in der Psycho-
logic bekannt; selbst erlebt haben es wenige. Ich war damals etwa 12
Jahre alt...»
124 Familie Bach: Deutsche Musikerfamilie des 17. und 18. Jahrhunderts,
aus deren Mitte iiber 50 z. T. sehr beriihmte Musiker hervorgegangen
sind.
Familie Bernoulli. . . Mathematiker, die zum Teil in ihrer Kindheit zu ganz
anderen Berufen bestimmt waren: Hervorragende Basler Mathematiker-
familie des 17. und 18. Jahrhunderts. Jacob I. (1654-1705) studierte
Theologie, Johann I. (1667-1748) studierte zunachst Medizin, Jacob
Hermann (1678-1733) studierte zuerst Theologie, Nicolaus I.
(1687-1759) studierte Jurisprudenz, Nicolaus IL (1695-1726) stu-
dierte Mathematik und Jurisprudenz, Daniel (1700-1782) studierte
Medizin.
134f. Immanuel Hermann Fichte, 1796-1879, Philosoph, Herausgeber der
Werke seines Vaters Johann Gottlieb Fichte. «Anthropologie», Leip-
zig 1860, S, 528 u. 532.
des grofien Fichte: Johann Gottlieb Fichte, 1762-1814, Philosoph.
166ff. Seraphime... Cherubime: Zur Schreibweise der Engelnamen: In vor-
liegendem Werk verwendet Rudolf Steiner die grammatikalisch zwar
falsche, aber spatestens seit dem 16. Jahrhundert im Deutschen einge-
biirgerte Pluralform Seraphime, Cherubime statt hebraisch korrekt
Seraphim, Cherubim (Singular: Seraph, Cherub). Bei anderen Gele-
genheiten schrieb er auch beide Pluralformen, so z.B. in «Aus der
Akasha-Chronik» (1904-1908), GA11, S. 167: «Seraphime (Sera-
phim) » oder auch nur die hebraisch korrekte Pluralform (a. a. O., S.
1680 f): «die Seraphim und Cherubim».
255 in meiner kleinen Schrift «Unsere atlantischen Vorfahren»: Zuersterschie-
nen als Kapitel von «Aus der Akasha-Chronik» in der von Rudolf
Steiner begrundeten und herausgegebenen Zeitschrift «Lucifer —
Gnosis»,Nr. 14-16 (Juli-September 1904). Als selbstandige Ausgabe
erstmals: «Unsere atlantischen Vorfahren», Berlin 1908. Jetztenthal-
ten in «Aus der Akasha-Chronik» (1904-1908), GA11, S. 21-56.
259 «Atlantis»: Vgl. Plato, «Timaios» 24 e - 25 e und «Kritias» 112 e -121 c.
288f. «Lieberein Bettler aufder Erde, als ein Konig imReich der Schatten» : Die
Seele des Achilles, durch Totenopfer aus dem Hades heraufbeschwo-
ren, spricht zu Odysseus:
«Du, verrede mir nicht den Tod, erlauchter Odysseus.
War' ich doch lieber ein Knecht und duldete Fron auf dem Acker,
Einem erbarmlichen Mann von karglicher Nahrung verdungen,
Als hier unten den Konig im Reich verstorbener Toten.»
(Homer, «Odyssee», XI. Gesang; iibers, von R. A. Schroder)
294 «Ich und der Voter sind Eins.»: Joh. 10, 30.
297 Die christliche Mystik Vgl. hierzu Rudolf Steiner, «Die Mystik im Auf-
gange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhaltnis zur moder-
nen Weltanschauung» (1901), GA7.
Meister Eckhart, 1260-1327, Mystiker, Dominikaner.
Johannes Tauter, 1300-1361, Mystiker, Dominikaner.
313 «Wie erlangt man Erkenntnisse der hdheren Welten?»: Siehe Hinweis zu
S. 26.
332 «Den lieh ' ich, der Unmogliches begehrt»: Goethe, «Faust» II, 2. Akt, Klas-
sische Walpurgisnacht, Am untern Peneios, Vers 7488.
«In der Idee leben ...»: Goethe, «Spriiche in Prosa», in «Naturwissen-
schaftliche Schriften» (siehe Hinweis zu S. 81), Bd. 5, GAld, S. 457.
Auch in Goethe, «Maximen und Reflexionen».
334 eine schdne Legende: Ein Gedicht des persischen Dichters Nisami (Ne-
zamii) (1141-1209). In deutscher Ubersetzung: «Herr Jesus, der die
Welt durchwandert'...», u. a. mitgeteilt in Goethe s «Notenund Ab-
handlungen zu besserem Verstandnis des West-ostlichen Divans»,
Abschnitt «Allgemeines».
337 «Wie erlangt man Erkenntnisse der hdheren Welten?»: Siehe Hinweis zu
S. 26.
343 «Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung »: «Grundlinien
einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung»,
siehe Hinweis zu S. 12.
«Die Philosophie der Freiheit»: Siehe Hinweis zu S. 12.
346 «Wie erlangt man Erkenntnisse der hdheren Welten?»: Siehe Hinweis zu
S. 26.
426 «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft»:
Zuerst erschienen als Beitrag in der von Rudolf Steiner begrundeten
und herausgegebenen Zeitschrift «Lucifer — Gnosis», Nr. 33 [1907].
Als selbstandige Ausgabe unter demselben Titel erstmals: Berlin
1907. Jetzt enthalten in «Lucifer-Gnosis», GA 34, S. 309-346. Auch
als Einzelausgabe.
434 so sagtz. B. Hering: Ewald Hering (1834 -1918), «t)ber das Gedachtnis
als eine allgemeine Funktion der organisierten Materie», Wien 1870.
NAMENREGISTER
Ahriman 256, 281, 287, 289,
290, 292,295,358,390
Ahura Mazdao 281
Angeloi 31, 166, 183
Angra mainju 281
Archai 163
Archangeloi 31, 165, 181
Bach (Familie) 124
Benedikt, Moritz 97
Bernoulli (Familie) 124
Cherubime 167, 183
Christus 258, 261-264,
270-275,281,291-295,
334, 394f, 404f., 407, 409,
415
Clausius, Rudolf Emanuel 9
Darwin, Charles 134
Dynameis 162
Eckhart, Meister 297
Exusiai 162
Fichte, Immanuel Hermann
134
Fichte, Johann Gottlieb 134
Goethe, Johann Wolfgang von
12,34,81,256,332, 343
Haeckel, Ernst 12 f.
Hartmann, Eduard von 68
Heimholte, Hermann von 9
Herbart, Johann Friedrich 11
Hering, Ewald 434
Hermes 283 f, 286 f.
James, William 12
Joule, James Prescott 9
Jupiter 285
Kant, Immanuel 11
Kyriotetes 161
Luzifer 249-251,255-261,
263, 270, 278, 280, 289f,
295,358,380, 390
Manto 332
Mayer, Julius Robert von 9
Mephistopheles 256, 270
Moses 291
Ormuzd 281
Osiris 284
Pythagoras 286
Raffael 356
Schiller, Ferdinand Canning
Scott 12
Seraphime 166, 182
Steiner, Rudolf 15, 23, 24, 32
Werke: Grundlinien einer Er-
kenntnistheorie . . . (GA2)
12, 343
Wahrheit und Wissenschaft
(GA3) 12
Die Philosophic der Freiheit
(GA4) 12, 343
Goethes Weltanschauung
(GA6)12
Das Christentum als mystische
Tatsache... (GA8) 286
Theosophie (GA9) 12, 25, 28,
55
Wie erlangt man Erkenntnisse
...(GA10)26,313,337,346
Unsere atlantischen Vorfahren
(in GA1 1)255
Welt- und Lebensanschauun-
gen ... ([GA18]) 12f.
Die Ratsel der Philosophic . . .
(GA18)12
Haeckel und seine Gegner
(inGA30)12£
Die Erziehung des Kindes ...
(in GA 34) 426
«andere Schriften» 288
Tauler, Johannes 297
Throne 162, 168, 191£, 253
Zarathustra 279-281, 283, 286£
Zeus 285
Zoroaster s. Zarathustra